BERTHOLD ROTHSCHILD, PSYCHOLOGE UND PSYCHIATER:
Hoch über dem Zürichsee wird hier grosse, weite Welt (mit mediterran orientalischem Aufguss) gespielt. Obwohl das Penthouse riesengross und geräumig wirkt, könnte es sich bei diesem Hausherrn um einen Single handeln. Möglicherweise mit wechselnden Partnerschaften. Er ist irgendwie mit Tüchtigkeit und grossem Einsatz in relativ kurzer Halbwertszeit zu ansehnlichem Wohlstand gelangt. Ein Yuppie? Ein Modedesigner oder Elitecoiffeur? Der Innenarchitekt durfte mit voller Pulle zuschlagen. Stehen die Barstühle wirklich auf einem Glastisch über dem Indoor-Pool? Kein Wunder, wirkt alles etwas aufgesetzt.
Dennoch könnte man vermuten, der Hausherr fühle sich - mindestens zurzeit - in seinem gegenwärtigen Biotop wohler als in seiner eigenen Haut. Ob das von Dauer ist? Enthält solch aufwendige Perfektion nicht stets auch bereits den Kern ihrer Dekadenz? Heute jedenfalls gibt es ein reges Ein und Aus - mit sorgfältig gefilterten Gästen und zunächst gesitteter Konversation. Der Gastgeber wird einmal mehr in aller Grosszügigkeit das unvermeidliche Mass an Neid zu erzeugen wissen. Gefahr besteht allerdings, dass sich die Sitte im Laufe des Abends verflüchtigt, Herr W. sich gegen Mitternacht über die Schösse der Person T. hermachen wird, deren Lebenspartner sich zunächst an der immensen Bar ablenken, dann aber im neuen Boss-Anzug im Indoor-Swimmingpool landen wird. Am anderen Morgen allerdings wird man wieder emsig und tüchtig der nicht wenig fordernden Berufspflicht ihren Tribut zollen.
JEAN-PIERRE DOVAT, DESIGNER UND INNENARCHITEKT:
Der erhöhte Barbereich gefällt mir in dieser Wohnung am besten. Während man sich in aller Ruhe betrinkt, gleitet der verschwommene Blick durch den Glasboden in den türkisblauen Swimmingpool: eine köstliche Idee. Der Bewohner ist wahrscheinlich nicht frei von Humor. Ich tippe auf einen jovialen, gastfreundlichen Patriarchen, wie auch die schön gedeckte Tafel vermuten lässt. Hier wird mit Stolz gezeigt, was man hat, und der Einrichtungsstil darf - ob er nun gefällt oder nicht - als eigenwillig und kreativ bezeichnet werden. Der Bau selbst scheint modern zu sein, das lassen zumindest die ansprechenden Räume mit den riesigen Fensterfronten vermuten.
Wirklich grauenvoll ist das Versace-Sofa. Das ist nouveau riche, weg damit. Eine adäquate Möblierung des Wohnzimmers wäre sowieso fällig, was kann man dort machen ausser herumsitzen und Daumen drehen? Über die hochlehnigen Stühle in einem Zimmer, dessen Funktion mir schleierhaft ist, kann man sich ebenfalls unterhalten.
Was mir bei Schweizer Wohnungen ganz allgemein auffällt, bestätigt sich auch hier: Man richtet sich zwar bewusst und mit relativ viel Geld ein, das Wichtigste jedoch, nämlich ein gekonnter Stilmix, der nichts mit der Dicke des Geldbeutels zu tun hat, fehlt. Betrachtet man diese Wohnung, könnte man ausserdem meinen, das Leben des Besitzers bestehe aus Cocktailempfängen und Grosseinladungen. Rückzugsmöglichkeiten scheint es keine zu geben. Die wunderbare, ebenfalls unbenutzt aussehende Terrasse mit den asiatischen Elementen ist gut gelungen: Man hat die unterschwellig mediterrane Stimmung erkannt, aufgenommen und mit dem Kiesboden und den Holzmöbeln auf die Spitze getrieben. Eine richtige Lösung. Aber was sollen diese Amphoren auf dem Boden? Zurück ins Meer damit.
Alles in allem: Dieser speziellen Wohnung fehlt es leider an Behaglichkeit. Ob sich der Bewohner oft hier aufhält? Wenn nicht, hat er sicher ein paar plausible Erklärungen auf Lager. In Wirklichkeit fühlt er sich in diesem Ambiente vielleicht aber einfach nur wenig heimisch.
. . . und wer wirklich darin wohnt
VALENTINO, PROMICOIFFEUR, LEDIG
Als Besitzer von elf Coiffeurgeschäften und als Eventveranstalter bin ich natürlich andauernd unterwegs. Dieses Haus in Erlenbach habe ich ursprünglich für mich und meine Eltern gebaut. Als der Vater starb, war meiner Mutter die für sie vorgesehene Wohnung zu gross. Jetzt hause ich allein auf 400 Quadratmetern und zwei Stockwerken.
Diese Wohnoase ist ein idealer Ort für Rückzüge, und die brauche ich hin und wieder - wenn auch nicht allzu oft. Ich geb's zu: Am liebsten halte ich mich in den etwas versteckten, gemütlicheren Ecken auf. Das Wichtigste am Wohnen ist mir die Sauberkeit. Ohne das Lineare, Geordnete fühle ich mich ebenfalls unwohl.
Andererseits bin ich Italiener und wollte in meinem Zuhause ein mediterranes, offenes, lockeres Ambiente erzeugen. Eingerichtet habe ich alles nach eigenen Ideen, einen Teil der Möbel habe ich selbst entworfen und zusammen mit meinem Vater gebaut. Marmor und Holz bearbeiten, das kann ich jetzt alles. Mit diesen selbstgemachten Stücken verbinde ich sentimentale Erinnerungen. Nie würde ich etwas von dem weggeben, auch wenn sich die Wohnmoden ändern sollten. Alles ist durchdacht, auch wenn der bunte Mix aus Modernem und Altem das nicht immer vermuten liesse.
So habe ich die Stuhllehnen im Sitzungszimmer extra hoch gestaltet, nicht aus Jux, sondern damit die Teilnehmer konzentriert und mit geradem Rücken dasitzen müssen. In dieser Wohnung vermischt sich die Arbeit mit dem Vergnügen. Der repräsentierende Charakter ist - oberflächlich betrachtet - natürlich gegeben: Nicht um meinen beruflichen Erfolg zu demonstrieren, sondern um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich liebe es zu kochen, und dabei mag ich grosse Gesellschaften.
La famiglia! Dazu habe ich mir extra eine professionelle Industrieküche angeschafft. Im kleinen Kücheli unten bin ich weniger - ich esse zweimal pro Tag bei Mama. In den Genuss meiner kosmopolitischen World-Cuisine kommen jeweils zwischen 20 und 40 Personen, Prominente, Geschäftsfreunde, aber auch völlig unbekannte Personen. Meine Gäste bekommen alles von mir, wenn es sein muss, sogar meine Pantöffeli. So wird der Reichtum mit einer gewissen Menschlichkeit verbunden.
Irgendetwas muss meine Wohnsituation an sich haben. Die Gäste fühlen sich immer pudelwohl und komplett frei. So kommt es zu ausschweifenden Parties, bei denen schon mal einer im Whirlpool landet. Sexorgien? Eher Spassorgien.