NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Was den Menschen zum Tier macht

Von Ursula von Arx

ALEX RÜBEL wurde 1955 in Zürich geboren. Er ist Direktor des Zürcher Zoos und seit letztem Jahr auch weltweit der oberste Botschafter der Tiere: Die World Association of Zoos and Aquariums (Waza) wählte ihn zu ihrem Präsidenten. Rübel freute sich: «Diese Anerkennung ist die Auszeichnung für die hohe Qualität unseres Tiergartens.» Tatsächlich gilt der Zürcher Zoo als Musterbeispiel dafür, wie man aus einem alten Zoo mit engen Käfigen einen grosszügigen Naturschutzraum macht.

Alex Rübel, wann haben Sie das erste Mal Ihre Arbeit als Zoodirektor verwünscht?

Eigentlich noch nie. Allerdings ist das, was mir gefällt an meinem Beruf, auch das Schwierige. Ich studierte ja Tiermedizin und arbeitete danach zehn Jahre am Tierspital. Das war spannend, aber es fehlte mir der Kontakt mit den Menschen. Den hat man als Zoodirektor. Aber wie das so ist: Es sind nicht die Tiere, die einem Kummer bereiten. Schwierige Situationen ergeben sich da, wo es menschelt, und das tut es auch in einem Zoo.

Und was heisst das in Ihrem Fall?

Das Übliche. Zwischenmenschliche Probleme, Verständigungs- probleme.

Also Mobbing, Missverständnisse, Eifersucht, Feindschaften und all die anderen Gemeinheiten? Sind Tiere die besseren Menschen?

Sagen wir es mal so: Es gibt eine Naturethik, und es gibt eine menschliche Ethik. Die menschliche Ethik, mindestens bei uns hier im Westen, ist auf das Individuum ausgerichtet. Menschenrechte sind Individualrechte. Die Natur hingegen schützt keine Individuen. Sie versucht, sich im Gleichgewicht zu halten. Wenn sie überhaupt etwas schützt, dann die Art. Sie opfert Individuen, um die eigene Art zu erhalten. Dazu kommt, dass wir Menschen dazu neigen, einige Tiere höher einzuschätzen als andere. Wir rennen mit dem Igel zum Tierarzt und bitten ihn, den Kränkelnden von seinen Würmern zu befreien. Die Natur würde den Igel sterben lassen. Denn aus ihrer Sicht haben Würmer genauso viel Lebensberechtigung wie ein Igel. Oder: Wir schicken Kuhfleisch nach Afrika, damit die Leute dort keine Elefanten töten. Einfach, weil wir Elefanten so beeindruckende Tiere finden.

Sind Elefanten denn nicht als Art bedroht?

Dort, wo die Elefanten noch einen Lebensraum haben, geht es ihnen gut. Da wäre es auch kein Problem, wenn mal einer abgeschossen würde, weil die Menschen das Fleisch als Nahrung brauchen. Natürlich ist die Zahl der Elefanten als Ganzes radikal zurückgegangen. Das hängt aber weniger mit dem Abschuss der Elefanten zusammen als mit der rasanten Ausbreitung der Menschen auf dieser Erde. Und das Problem ist nicht, dass wir die Erde nutzen, wir müssen ja auch leben, sondern dass wir sie so ungleichmässig nutzen. Das gilt nicht nur bezüglich der Tiere, sondern auch bezüglich der Pflanzen.

In Ihrem Zoo bedienen Sie sehr die menschliche Sichtweise. Da liest man von der Elefantenkuh Indi, die ein Junges bekommen soll, oder von der Amurtigerin Kora, die ihres frass.

Der Zoo ist eine Kulturinstitution, gebaut von und für Menschen. Und uns liegt nun mal diese Individualisierung. Sie ist wie ein Sesam-öffne-dich. Wir versuchen, die Menschen für die Tierwelt zu faszinieren und dann einen Schritt weiter zu gehen.

In Ihrem Zoo gibt es ein Restaurant. Dort gibt es auch Fleisch zu essen. Stammt es aus artgerechter Haltung?

Dort haben wir bis jetzt noch keinen Schwerpunkt gelegt. Man kann nicht alles machen. Unser primäres Ziel ist der Artenschutz. Aber mit dem Masoala-Regenwald versuchen wir in diese Richtung zu gehen. Stichwort Kaffee. Was kaufen wir für Kaffee? Kaufen wir Max-Havelaar-Kaffee oder vielleicht sogar madagassischen Kaffee, den wir direkt von den Produzenten beziehen? Da werden unsere Handlungsmöglichkeiten thematisiert.

Sind Sie Vegetarier?

Nein, ich esse Fleisch, aber ich versuche, es nicht im Übermass zu tun. Meine Philosophie ist Nachhaltigkeit: Man sollte die Natur so nutzen, dass sie die Chance hat, immer wieder nachzuwachsen, und man sollte primär von dem leben, was um einen herum ist. Natürlich ist Fleisch bei uns eher ein Luxus als eine Notwendigkeit. Bei den Eskimos zum Beispiel ist das anders, ohne tierische Nahrung würden sie verhungern. Und wenn man sich überlegt, dass Tiere oft zu einem elenden Leben in irgendwelchen Tierfarmen gezwungen werden, damit wir wenig bezahlen müssen, ist das natürlich sehr unerfreulich. Und man kann auch sagen, dass Fleischproduktion keine besonders effiziente Nutzung der Natur ist, denn die meisten Tiere, die wir hier essen, wurden vorher mit Getreide und anderem gemästet, und das hätten wir auch direkt zu uns nehmen können. Andererseits: Wenn man Fleisch allein mit Soja substituiert, dann ist das auch nicht ideal. Diese Soja-Monokulturen, die jetzt überall entstehen, sind etwas vom Schlimmsten für die Umwelt. Monokulturen sind immer ein Problem.

Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier?

Ich glaube, der Unterschied ist eher graduell als prinzipiell. Ich glaube nicht, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier viel grösser ist als der zwischen einer Mücke und einem Elefanten. Alle schauen zuerst für sich, das haben sie schon mal gemeinsam. Abgesehen davon hat der Mensch Reflexionsvermögen, Tiere haben das nicht. Der Mensch hat einen Begriff von sich selbst, von Vergangenheit und Zukunft. Er hat Phantasie.

Haben wir deswegen mehr Rechte oder weniger? Sind wir die Krone der Schöpfung?

Aus der Sicht der Natur ist die Frage: Macht uns unser Reflexionsvermögen im Überlebenskampf überlegen? Vielleicht ist die Strategie der Ameise eine viel bessere, langfristig gesehen.

Welches Zootier wären Sie gerne?

Kein Raubtier, das passt nicht zu mir. Aber ein Tier aus der wilden Natur müsste es schon sein. Denn der Umgang mit uns verändert Tiere. Und wenn ich schon wählen kann, möchte ich lieber ein Original sein.

Haben Sie Humor?

Ich bin kein sehr spontaner Mensch. Aber über mich selber lachen kann ich gut.

Sind Sie schon einmal von einem Tier ausgelacht worden?

Das könnte schon sein. Etwa in meiner Zeit als Tierarzt, als ich eine Krähe einfangen wollte. Sie flog davon, auf das nächsthöhere Stängelchen, und schaute ganz frech auf mich herunter. Und das mehrere Male. Ich denke, die spielte ganz schön mit mir und hatte es dabei lustig.

«Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, dass er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.»

Die erste Strophe von Rilkes «Der Panther». Wenn man Literatur und Zoo sagt, dann kommt immer dieses Gedicht. Ich finde es ziemlich traurig.

Ist Rilkes Panther depressiv?

Er leidet eher unter Stereotypie, würde ich sagen, unter dem Zwang, dieselbe Bewegung immerzu zu wiederholen. So wie damals könnten wir unsere Tiere gar nicht mehr halten. Wir versuchen, auf wissenschaftliche Art das Tier zu verstehen, ihm zu geben, was es braucht, und zwar aus seiner Sicht. Der Mensch kann für ein Tier ein Partner werden. Ein Wal wie Keiko etwa ist an Menschen gewöhnt, man wird ihm nicht gerecht, wenn man ihn wieder in die Wildnis entlässt.

Was kann man von Tieren lernen?

Wir führen ab und zu Kurse für Manager durch. Da zeigen wir anhand von tierischem Demutsverhalten, dass man nicht immer auf Angriff setzen muss. Konflikte kann man auch lösen, indem man sich zurückzieht.


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