JEDER EINIGERMASSEN symmetrische Körper, der leicht genug ist, kann als Drachen fliegen, wenn der Wind kräftig genug bläst. Wegen ihres kurzen Flügels sind Drachen allerdings miserable Flieger, verglichen mit den schlanken Segelflugzeugen. Es ist paradox: Der Drachen wird von der Drachenschnur nach unten gezogen, damit er oben am Himmel bleibt. «Weil Hände mich an die Erde fesseln, kann ich die Himmelstreppe erklimmen...», beschrieb der japanische Dichter Makoto Ooka das Drachensteigen aus der Sicht des Drachens.
Früh wurden Drachen für wissenschaftliche Experimente und die Fotografie aus der Luft genutzt. Schon 1752 wagte Benjamin Franklin einen Drachenaufstieg im Gewitter zur Erforschung der Luftelektrizität, dem noch im gleichen Jahr die Erfindung des Blitzableiters folgte. Der Ausbau der Drachentechnik erreichte einen Höhepunkt Ende des 19. Jahrhunderts durch die Arbeit der Meteorologen. Mit Motorwinden starteten sie mächtige Kastendrachen, die gewichtige Messinstrumente in grosse Höhen trugen. Der bis heute gültige Höhenrekord von 9740 Metern mit einem Gespann aus acht Drachen von insgesamt 63 Quadratmetern Fläche wurde 1919 vom meteorologischen Observatorium Lindenberg bei Berlin aufgestellt. Das drehbare Windenhaus ist noch erhalten. Leider wird dieses einmalige technische Denkmal bald der Rationalisierung zum Opfer fallen.
Heute, im Zeitalter der alternativen Energien, wird über grosse Drachenwindkraftanlagen spekuliert. Darin sollen, vom Wind angetrieben, an Stahlseile gefesselte Drachen in der Höhe Kreise von mehreren hundert Metern Durchmesser beschreiben. Der Vorteil solcher Segelwindräder gegenüber konventionellen Windturbinen wäre ihre sehr einfache Statik mit entsprechend geringen Investitionskosten. Das Starten der Anlage und das Wiedereinholen der Drachen beim Einschlafen des Windes ist ein besonderes Problem. Es lässt sich aber lösen, indem man die Anlage vorübergehend durch einen Motor antreibt. Vom Spieldrachen zur Drachenenergie - wäre das keine Alternative?