NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Nekrologe -- Knacks und Sprung, Knacks und Sprung

Von Ulrich Holbein

NIRGENDWO EINE LP, die nicht von einer Compact Disc überrollt wurde. Das entstaubende Läppchen, die geisterhafte Aktion des Abspielarms, das Aufsetzen der Nadel, das raumschaffend knisternde Kontinuum, der ungeheure Moment der Erwartung der beiden ersten Takte der g-Moll-Symphonie, in summa eine ganze Kultur - alles dahin. Und damit Knacks und Plattensprung.

Ohne Knacks und ohne Sprung bleibt jede Klassik unvollständig. Über den Knacks kann sie noch hinwegtanzen, ihn links liegenlassen, überhören. Am Sprung kommt sie nicht vorbei. Existentiell fällt Wolfgang Amadeus Mozart in den Abgrund des Auf-der-Stelle-Tretens: Aus dieser Kerbe kommt keiner mehr heraus ohne den göttlich muskulären Eingriff von ganz oben und aussen. Der Knacks pocht (während die Fünfte nur so tut, als ob) als Schicksal an die Pforten, als steinerner Gast aus Kunststoff alias Schelllack; der Sprung hebelt das Leben von seiner Schiene herunter. Knacks und Sprung wurden chirurgisch entfernt. Die Aura des Leerlaufs ist verblasst.

Und schon wird ein Schlager der zwanziger Jahre unverständlich, auf den wir am Schluss ein kleines Requiem singen wollen: «Ich wünscht mir schon lange allein für mich grad eine solche kuh-, solche kuh-, solche kuh, solche ku-raschierte, nette Kleine, solches schaf-, solches schaf-, solches schaf-, solches schaf-fensfreud'ges Ding wie dich!»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.