Damit war nicht zu rechnen. Im Gäste-WC stehen Parfumflaschen: «Sun» von Jil Sander und «Dune» von Christian Dior. Benutzt sie die Düfte denn noch? Natascha Thümmler ist eine zierliche Frau von 36 Jahren. Sie hat sich gleich auf den roten Sessel in ihrem Wohnzimmer gesetzt. Später im Gespräch wird sie sagen, dass sie die Farbflecke in ihrem Haus vielleicht unbewusst einsetzt. Als Ausgleich sozusagen für eine ärmer gewordene Welt.
Es ist ein Tag im März, und hier draussen, eine halbe Autostunde von Berlin entfernt, wärmt die Sonne schon, aber das Land verströmt noch kein Aroma.
Thümmler erzählt schnell und direkt, sie ist geborene Berlinerin, niemand, der sich wegen ein paar Anekdoten genieren würde. Einmal zum Beispiel – damals arbeitete sie in einer Esprit-Boutique als Verkäuferin – kam eine Kollegin zu ihr und fragte: «Natascha, willst du nicht die Kundin da drüben bedienen? Die hat so furchtbare Käsefüsse.» Klar wollte Natascha. Warum auch nicht.
Und neulich erst, da hat sie in der Berliner S-Bahn einem Obdachlosen gegenübergesessen und gemerkt, dass sich alle anderen Fahrgäste möglichst weit von ihm wegsetzten. Plötzlich schoss ihr durch den Kopf, dass der Mann ziemlich stinken müsse und sich nun wohl alle fragten, wie «die Alte da» das denn aushalten könne. Aber für «die Alte» gab es nichts auszuhalten. Natascha Thümmler riecht andere Menschen nicht. Sie riecht sich selbst nicht. Sie riecht gar nichts.
Das seit acht oder neun Jahren. Ganz genau kann sie es nicht sagen, denn es begann schleichend. Thümmler arbeitete an einem Parfumeriestand in einem Kaufhaus und fächelte anderen Menschen teure Düfte zu. Sie selbst hatte dabei nur einen fauligen Geruch in der Nase. Die Schuld gab sie zunächst den ständigen Erkältungen, die ihr Sohn aus dem Kindergarten mitbrachte. Doch das normale Riechen kam nicht wieder. Der faulige Geruch blieb. Dann verschwand auch er.
Anosmie, die Unfähigkeit zu riechen: Viele Ursachen können sich dahinter verbergen. Kopfverletzungen zum Beispiel, bei denen der Riechnerv geschädigt wird, der von der Riechschleimhaut im Dach der Nase direkt ins Schädelinnere zieht. Es gibt die Geschichte von dem Küchenchef, der ein Tablett voll knuspriger Hähnchen einen Gang hinunter balancierte, sich den Kopf an der Decke stiess und am Ende des Ganges verwundert feststellte, dass er die Hähnchen nicht mehr roch. Anosmie kann aber auch angeboren sein. Viel häufiger jedoch stecken hinter einem Verlust des Geruchssinns Nasenpolypen, degenerative Hirnleiden wie Alzheimer oder Parkinson – und vor allem Infektionen. Auch bei Natascha Thümmler vermuteten die Ärzte, dass die Riechzellen durch einen Virusinfekt geschädigt worden waren. Typisch dafür war der faulige Geruch, den sie wahrnahm. Dagegen sprach jedoch, dass Infekte vor allem bei Menschen über sechzig eine Anosmie verursachen. Mindestens einer von hundert Menschen leidet unter Anosmie, vielleicht sogar einer von dreissig, meinen manche Forscher. Die Dunkelziffer ist hoch.
Es ist ja kein sichtbares Gebrechen», sagt Thümmler. Man behalte die Sache eben für sich. «Irgendwann kriegen es die Leute freilich mit und fangen an zu fragen.» Wie man denn kochen könne, oder ob es gefährlich sei, und ob sich nicht auch der Sex und die Liebe änderten? Das mit der Gefährdung liegt noch auf der Hand. «Was glauben Sie, wie viel ich aus Unsicherheit wegschmeisse», sagt Thümmler. Die Wurst zum Beispiel, der man noch nicht ansieht, ob sie schon verdorben ist. Einmal ging sogar fast das Haus in Flammen auf. Weil Thümmler die falsche Herdplatte angemacht hatte, löste sich ein Einkaufskorb allmählich in stinkende Russschwaden auf. «Was ist denn das so diesig?», wunderte sie sich, als sie aus dem oberen Stock hinunter in die Küche kam. Da standen die Nachbarn schon an den Fenstern, und einen Moment später heulten die Rauchmelder los.
Doch solche spektakulären Zwischenfälle sind nur der äussere Spiegel des Sinnesverlusts. Was er subjektiv bedeutet, bleibt anderen oft verborgen – und wird auch von vielen Ärzten nicht ernst genommen. Die amerikanische Psychiaterin Susan Schiffman hat einmal gesagt, dass Störungen des Geruchssinns unter Medizinern deshalb so wenig Beachtung fänden, weil das Riechen als «niederer» Sinn gelte, der mit dem emotionalen Erleben zu tun habe, aber nicht mit den geistigen Fähigkeiten.
Thomas Hummel hat noch eine weitere Erklärung. Wer den Geruchsforscher in seinem Riechlabor an der Hals-Nasen-Ohren-Universitätsklinik Dresden besuchen will, muss ins Souterrain eines der historischen Campusgebäude hinabsteigen. In kleinen Zimmern stehen hier Apparate mit langen Schläuchen, über die Geruchsstoffe, teils rechnergesteuert, den Nasenlöchern zugeleitet werden können.
«Die Medizin wird immer noch von Männern dominiert», sagt Hummel, «und weil Männer schlechter riechen können als Frauen, ist es ihnen eben auch nicht so wichtig.» Der Grund, warum Frauen die besseren Nasen hätten als Männer, bleibe indes immer noch rätselhaft, sagt Hummel. Möglicherweise hänge die Geruchserkennung eng mit der Fähigkeit zusammen, Düfte mit Worten zu beschreiben – und dabei seien Frauen den Männern ganz offensichtlich überlegen. Auch genetische Faktoren vermutet Hummel.
Andererseits sei das Riechen ein trainierbarer Sinn. «Alle meine Doktoranden riechen im Laufe der Zeit Dinge, die sie früher nie wahrgenommen hätten.» Hummel will jedenfalls die Behauptung nicht gelten lassen, der Mensch sei per se ein Mikrosmat – ein Nasenzwerg.
Jene freilich, die einen besonders feinen Geruchssinn besässen, litten auch am meisten unter seinem Verlust, fügt Hummel hinzu. Während manche Menschen selbst eine vollständige Anosmie gar nicht zu bemerken scheinen, bedeutet sie gerade für jüngere Frauen oft einen tiefen Einschnitt.
Es ist ein Versuch», sagte Hummel zu Natascha Thümmler, als sie in die Dresdener Klinik kam. Man weiss, dass die neuronalen Riechzellen der Nase nachwachsen können. Eine Anosmie kann heilen. Mitunter hilft es, wuchernde Nasenpolypen chirurgisch zu entfernen oder chronische Nebenhöhleninfekte mit Antibiotika zu behandeln. In der Dresdener Studie, an der Thümmler nun teilnimmt, soll die Substanz Alpha-Liponsäure geprüft werden. Man nimmt an, dass sie das Neuronenwachstum fördert. Ob sich diese Effekte jedoch in der Untersuchung bewahrheiten werden, lasse sich bisher nicht sagen, schränkt Hummel ein.
In Dresden habe man sie auch gefragt, wie sie mit dem Riechverlust zurechtkomme, erzählt Thümmler. «So ein paar Psychofragen eben.» Wenn sie an ihrer Marlboro light zieht, spürt sie lediglich den Rauch. «Ist eigentlich nur ’ne Gewohnheit.» Sie schaut ein wenig zur Seite aus dem Fenster. Es stimmt ja auch, gibt sie zu. «Ein bisschen depressiv wirst du schon.»
Es ist nicht nur der Genuss beim Essen, der fehlt. Manche Anosmiepatienten sagen, das Essen werde zur Pflichtübung. Einfache Geschmacksempfindungen wie süss und sauer, salzig und bitter sind zwar unabhängig vom Geruchssinn möglich, da sie über eigene Nervenbahnen von der Zunge aus vermittelt werden. Aber das eigentliche Aroma, das als komplexes Reizmuster gar nicht im Mund, sondern vor allem in der Nase entsteht, büssen die Speisen ein. «Es wird belanglos, ob der Gänsebraten duftet oder nicht», sagt Thümmler, die ohnehin nie mehr als gut 50 Kilo auf die Waage brachte. Jetzt sind es noch 48 Kilo.
Was für sie aber schlimmer ist: Der Rhythmus des Jahres verschwindet, wenn man den Duft der Baumblüte und das Gras im Sommer nicht riecht. «Sogar die Erinnerungen gehen verloren.» Denn denke man beim harzigen Duft des Weihnachtsbaums nicht immer an die Kindheit?
Der britische Psychologe John Downes glaubt, dass Gerüche mehr als alle anderen Sinnesreize Lebenserinnerungen hervorrufen können. «Von der Nase zum Hippocampus, wo Gedächtnisinhalte verarbeitet werden, ist es ja nur zwei Synapsen weit», verdeutlicht Hummel die enge Beziehung zwischen Gerüchen und Erinnerungen. Downes nennt diese Verbindung das Proust-Phänomen. Im Buch «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» beschreibt Marcel Proust, wie er durch ein in Tee getauchtes Stückchen Kuchen – eine Petite Madeleine – in seine Kindheit zurückversetzt wird: «Alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen auf der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg auf aus meiner Tasse Tee.»
Vielleicht werden die Brücken in die Vergangenheit wirklich schmaler, wenn man nichts mehr riecht. Der Duft des Jasmins zum Beispiel hatte Natascha Thümmler immer an die Tage in Tunesien erinnert, wo sie als Mädchen mit ihrer Mutter hingefahren war und mit einem Jasminstrauss hinterm Ohr zum ersten Mal in die «Kinderdisco» ging. Sie war damals zwölf und begann, nach jungen Männern zu schauen.
Später genoss sie es, die Männer auch zu riechen, «mit einem Mann im Bett zu liegen, der gutes Aftershave benutzt hat». Es sei eigenartig, jetzt nicht einmal mehr den Körpergeruch des Ehemanns zu spüren. Der Sex? Na ja, sagt Thümmler. Man könne das kaum trennen, «ob es am Riechen liegt oder daran, dass wir schon lange verheiratet sind».
«Du riechst gut», sagt ihr Mann immer zu ihr. Er mag die Düfte, die im Gäste-WC stehen. Wie sie die dosiert? Aus Erfahrung, antwortet Thümmler. So wie sie sich auch beim Kochen auf die Erfahrung verlässt. Gewissermassen hantiert sie mit den Düften wie ein taub gewordener Komponist mit den Tönen. «Das riecht gut, das riecht nach Mama», sagt auch ihr Sohn Simon, wenn er sich bei ihr im Bett vergräbt.
Die Sache ist nur: Sie selbst kann das nicht mehr beurteilen. «Man versucht einfach, noch sauberer zu sein», beschreibt Thümmler die ständige Unsicherheit, ob sie nicht doch verschwitzt ist oder einen schlechten Atem verströmt. Wenn sie raucht, dann traut sie sich nicht, andern im Gespräch noch nahe zu kommen.
Es sei eigenartig, aber durch die Unfähigkeit, sich selber zu riechen, gehe auch ein Teil ihres Selbstbewusstseins verloren. «Wenn jemand in einem Raum ist und dann wieder geht, bleibt doch sein Körpergeruch, und irgendwie ist er noch da.» Ihr komme es manchmal so vor, als sei es egal, ob sie da sei oder nicht.
Thümmler drückt die Zigarette aus, schliesst die Augen und zieht langsam die Luft in die Nase. Nein, da ist nichts. Wenn die Alpha-Liponsäure helfen würde? Natürlich hofft sie darauf, auch wenn sie es sich kaum noch vorstellen kann. Alles auf einmal wieder zu riechen, «das wäre ein Schock».
Martin Lindner ist Arzt und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.