NZZ Folio 05/01 - Thema: Transatlantik   Inhaltsverzeichnis

Richtig leben mit Geri Weibel -- Geri after work

Von Martin Suter

DAS LIMBO BEFINDET SICH an der äussersten Peripherie von Geris Szene. Geographisch und akzeptanzmässig. Es liegt zu weit weg vom Industriequartier und zu nahe am Zentrum, um noch richtig zur neuen Clubszene zu zählen. Und es spielt zu viel House, Funk und Soul, um noch voll angesagt zu sein.

Aber gut: Im Limbo erwischt zu werden, gehört noch zu den lässlichen Sünden im Codex von Geris Szene. Ist schon fast jedem einmal passiert.

So ist er auch ziemlich entspannt, als er sich an einem Freitagabend nach dem Steel im Limbo wiederfindet. Der Laden ist voll und die Musik laut. Man kann sich im Gedränge treiben lassen, muss mit niemandem reden und wirkt doch nicht allein. Das ist wichtig. Denn im Limbo erwischt zu werden, ist zwar eine lässliche Sünde. Aber im Limbo auszusehen, als sei man erfolglos auf dem Aufriss, das wäre verheerend.

Geri lässt sich an die Bar schwemmen und konzentriert sich darauf, nicht auszusehen, als wäre er gerade bei jemandem abgeblitzt.

Der Typ neben ihm hat das gleiche Problem, aber eine andere Technik. Er spricht Geri an. «Schon mal after work hier gewesen?», fragt er.

Der Mann ist in Geris Alter. Er ist ähnlich gestylt und trägt auch eine Brille. Bevor Geri Zeit hat, sich zu entscheiden, ob er sich von einem offensichtlich Abgeblitzten als Alibi benützen lassen will, hat er schon geantwortet. «Bin eigentlich nie hier.»

«Dann musst du mal after work kommen. Jeden Montag ab sechs. Direkt nach dem Job. In den Arbeitsklamotten. Total relaxed. Nicht so laute Musik. Kontaktfreundlicher.» Bevor Geri antworten kann, hat der andere einen Bekannten entdeckt und ist im Gedränge verschwunden. Geri steht abgeblitzt an der Bar, schaut auf die Uhr, spielt die Charade «Was, schon halb zwei und morgen mit der ersten Maschine nach New York!» und geht.

Aber die Bemerkung des Typen geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Vor allem die Stelle mit «kontaktfreundlicher». Am nächsten Montag macht er früher Schluss, damit es ihm noch zum Umziehen reicht. Er ist am Morgen zwar schon früher aufgestanden, um in Ruhe entscheiden zu können, was an einer After-Work-Party als total relaxte Arbeitsklamotten gilt. Er hat das nebelgraue Stretch-Popeline-Hemd mit der Stretch-Cotton-Hose (Farbe: coal) und der schwarzen Nylon-Dreivierteljacke gewählt. Aber im Laufe des Tages sind ihm Zweifel gekommen, das Outfit könnte vielleicht etwas zurechtgemacht wirken. Nicht direkt ab Job.

Vor dem Schrank probiert er ein paar Varianten durch und entscheidet sich für die ursprüngliche. Das kostet ihn zwar Zeit, aber dafür ist er jetzt sicher, richtig angezogen zu sein. Und er sagt sich, After-Work-Parties werden auch nicht pünktlicher beginnen als andere.

Beides stellt sich als Irrtum heraus: Als er mit einer halben Stunde Verspätung das Limbo betritt, ist die Party in vollem Gange. Und er der einzige Mann ohne Anzug und Krawatte.

Es stimmt, was der Typ gesagt hat: Die Musik ist viel leiser als sonst. Geri hat sogar den Eindruck, dass es still wird, als er das Lokal betritt. Aber vielleicht meint er das nur, weil sich alle Köpfe in seine Richtung drehen. Das allerdings nur kurz.

Geri stiehlt sich an die Bar. Ob das mit «kontaktfreundlicher» stimmt, kann er noch nicht beurteilen. Aber er bezweifelt es. Für zufällige Begegnungen ist der Anlass zu wenig gut besucht. Und für geplante ist das Terrain zu übersichtlich. Jeder von Geris Ausfällen und Rückzügen würde von jedem Einzelnen der Anwesenden genau registriert.

Aus einer Gruppe Leute winkt ihm einer zu. Geri winkt aufgeräumt zurück und überlegt sich, wer das sein könnte. Erst als der Winker sich wieder der Gruppe zuwendet und offensichtlich über Geri spricht, fällt es ihm ein: der Typ von Freitagabend. Im blauen Zweireiher mit rotweisser Krawatte. Am Freitag, als er wie Geri angezogen war, war er zum Ausgehen gekleidet. Geri spürt, wie ihn alle spöttisch mustern. Den einzigen, der sich für eine After-Work-Party herausgeputzt hat.

Er winkt den Barman heran und bestellt den teuersten Single Malt auf der Karte. Er tut es laut, um der Brünetten im Businessanzug neben ihm zu signalisieren, dass er wenn schon nicht im Styling, so doch im Lebensstandard einer von ihnen ist.

Er hört sie zu ihrer Freundin sagen: «Nicht einmal in Technologiewerte investiert.» Sie kichern und trinken einen Schluck aus ihrem gemeinsamen, warm gewordenen Bier.

So fehl am Platz hat sich Geri schon lange nicht mehr gefühlt: keine Krawatte und nicht pleite.


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