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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn Bill Clinton abgesetzt worden wäre
Von Hansrudolf Kamer
Am 12. Februar 1999 stimmt der Senat in Washington über die Amtsenthebung Bill Clintons ab. Er hatte eine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. In diesem Zusammenhang werden ihm nun Meineid und Behinderung der Justiz vorgeworfen. Der Vorsitzende des Senats, Vizepräsident Gore von Amtes wegen, räuspert sich und erklärt mit sonorer Stimme: Erster Anklagepunkt: Meineid – 50 zu 50 Stimmen. Zweiter Anklagepunkt: Behinderung der Justiz – 68 zu 32! Die Zweidrittelmehrheit ist erreicht, Clinton verurteilt und damit seines Amtes enthoben.
Im Vorfeld des Amtsenthebungsverfahrens gegen den Präsidenten war zwar oft darauf hingewiesen worden, dass nach der Anklageerhebung durch das Repräsentantenhaus eine Verurteilung durch den Senat nicht zu erwarten wäre. Doch in den letzten Tagen vor der entscheidenden Sitzung in der kleinen Kammer brach die Verteidigung Clintons zusammen. Vermutlich sahen einige Demokraten längerfristig bessere Chancen mit Al Gore im Weissen Haus als mit einem lädierten Bill Clinton für den Rest der Amtszeit.
Noch am Abend von Clintons Niederlage wird Al Gore als 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im East Room des Weissen Hauses vereidigt. Normalerweise findet die feierliche Inauguration nach den Wahlen auf den Stufen des Capitols statt, doch diesmal ist Eile geboten – genau wie nach der Ermordung Kennedys, als Lyndon B. Johnson an Bord des Präsidentenflugzeugs «Air Force One» den Eid ablegte. In den folgenden Tagen und Wochen ersetzt die Regierung Gore die Regierung Clinton.
Sehr viele Beamte wechseln nicht, schliesslich sind es nur noch 20 Monate bis zu den Wahlen. Die Republikaner haben auf einen Freispruch für Clinton gehofft, denn nur so glauben sie, eine Chance zu haben, ins Weisse Haus zurückzukehren. Nun müssen sie gegen einen Präsidenten antreten, dessen Eheleben makellos und dessen Skandalanfälligkeit gering ist. Im Vergleich zu Clinton ist Gore geradezu langweilig.
Die Suche nach einem Kandidaten gestaltet sich schwierig. Schliesslich stossen die Republikaner im Gouverneur von Texas, George W. Bush, auf einen Mann, dem sie zumindest einen Achtungserfolg zutrauen. Und so kommt es auch. Gore gewinnt mit dem designierten Vizepräsidenten Joe Lieberman als Partner 53,4 Prozent der Stimmen, Bush wählen 45,6 Prozent. Die Wähler haben Gores Leistung in der Restamtszeit Clintons honoriert. Er hat sich als ehrlicher Makler profiliert.
Doch Gore hat keine Zeit, sich im Erfolg zu sonnen. Es kommt der Tag, der alles verändert. Der Einsturz der Wolkenkratzer des World Trade Center in New York und der Angriff auf das Pentagon in Washington am 11. September 2001 lassen Al Gore von einem vorsichtigen Verwalter zu einem Kriegsfalken werden. Er entschliesst sich, die Terroristencamps am Hindukusch endgültig zu vernichten und das verhasste Regime der Taliban zu stürzen. Das gelingt nach sechs Monaten; Ende April 2002 sind die Taliban auf der Flucht. Usama bin Ladin wird gefasst und von unzimperlichen Paschtunen umgebracht.
Die Amerikaner ziehen zufrieden ab. Die Afghanen widmen sich erneut ungestört ihren alten Stammesrivalitäten. Im November des gleichen Jahres können die Demokraten ihre Mehrheit bei den Zwischenwahlen im Kongress deutlich ausbauen.
Nach dem Tiefschlag von 9/11 nimmt Al Gore an einer Konfettiparade durch die Schluchten Manhattans die Huldigungen der Nation entgegen. Er hat sich in der Zwischenzeit entschlossen, bei den Wahlen 2004 erneut zu kandidieren. Dazu hat er das Recht, denn der 22. Verfassungszusatz hält fest, dass eine Kandidatur nur ausgeschlossen wäre, wenn er mehr als zwei Jahre von Clintons zweiter Amtszeit geerbt hätte. Das ist aber nicht der Fall. Gore verfehlt die Marge knapp um 23 Tage. Hätten die Republikaner das Amtsenthebungsverfahren etwas früher angesetzt, wäre Gore 2004 nicht mehr im Rennen gewesen.
Gore sieht sich als «transformational president» in einer historischen Rolle. Er hat sich eingehend mit der Rettung des Planeten Erde beschäftigt. Nun will er die Amerikaner zu einer Nation von Radfahrern machen und dadurch den Ausstoss von Treibhausgasen in den Vereinigten Staaten drastisch senken. Geplant ist, mit einem Gesetz auf Bundesebene die Betriebsbewilligungen für Tankstellen so zu verschärfen, dass die Produktionskosten traditionelles Wirtschaften nicht mehr zulassen und die alten Benzinoasen nur noch für den Verkauf von klarem Rocky-Mountains-Mineralwasser und das Aufpumpen der Radreifen benutzt werden.
Mit dem Verkauf von Zertifikaten an andere Länder, die ihren Ausstoss an den Treibhausgasen nicht genug reduzieren können, will Gore die amerikanischen Staatsfinanzen sanieren. Die Einnahmen fliessen in die militärische Aufrüstung: Die blutleere Wirtschaft braucht neue Impulse, denn Gores grünes Programm hat ihr viel Kraft entzogen. Es ist aber auch sonst höchste Zeit, dem Militär grössere Aufmerksamkeit zu schenken, hat doch der Irak inzwischen mit nordkoreanischer Hilfe Atomwaffen entwickelt, sie getestet und eine Al-Husseini-Rakete über die Wüste hinweg ins Mittelmeer geschickt. Irakische Truppen stossen nach Iran vor. Gore verlegt Kontingente der amerikanischen Streitkräfte an den Persischen Golf, bringt den verdatterten Uno-Sicherheitsrat auf seine Seite und droht Saddam Hussein mit Krieg.
Doch dann zögert er. Er ist ein besonnener Mann, der es gewohnt ist, alle Aspekte eines Problems zu betrachten, die Vorteile und Nachteile intellektuell vollständig zu durchdringen. Erst wenn sein Geist genügend feste Nahrung hat, fällt er seine Entscheide. In diesem Fall wartet er ab.
Mitte 2008 rätselt die Welt, wohin Gores Nachfolger im Weissen Haus Amerika führen wird. Die Republikaner haben mit ihrem Kandidaten John McCain genau den richtigen Mann für diese kriegerischen Zeiten gefunden. Sie haben gute Chancen, nach 16 Jahren wieder an die Pfründe der Macht zurückzukehren. Alles deutet darauf hin, dass die Amerikaner etwas Neues wollen.
Hansrudolf Kamer ist Leiter der Auslandredaktion und stellvertretender Chefredaktor der NZZ.
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