Skispringen: nach der Fuchsjagd die zweite Extremsportart der Menschheitsgeschichte. Ziel: schnell starten, weit springen, schön landen (für hohe Stilnoten). Technik: früher parallel geführte Ski, heute krasse V-Stellung. Material: lange Kunststoffski (maximal 146% der eigenen Körperlänge). Teilnehmer: meist knabenhafte, häufig androgyn wirkende, möglichst leichte Männer; kaum Frauen. Regelwerk: «Ballonanzüge» förderten mit ihrem Auftrieb die im Teilnehmerfeld latente Magersucht; vorgeschrieben sind neu hautenge Tricots. Weltrekorde: von 23 m (1879, ein Norweger) bis heute 231 m (Hautamäki, Finnland).
ZU WETTKAMPFBEGINN erscheint der Skispringer noch im Holozän; gleich einem Menschenaffen kauert er in einer postglazial vereisten Anlaufspur. Doch nur Sekunden später folgt bei Tempo 100 der alles entscheidende Evolutionsschub: Auf dem sogenannten Schanzentisch richtet sich der gerade noch Gekrümmte auf wie ein Befreiter, schiesst in voller Grösse in die Vertikale – jedenfalls scheinbar. Denn genaugenommen wird der «Weitenjäger» nun zu seinem eigenen Geschoss, sein Flugkörper folgt einer beinahe ballistischen Kurve.
Diese eigentliche Flugphase wird von den besten Skifliegern bis ins Atemberaubende ausgedehnt. So weit, bis zwischen ihrer Physis und der Physik eine Pattsituation eintritt. Kopf voran schwebt der Athlet haarscharf über der jäh unter ihm abfallenden Landebahn; nicht nur das Publikum, auch die Gravitation scheint instinktiv die Luft, die Zeit anzuhalten, bis sich dieser Mensch endlich doch auf der Erde zurückmeldet: mit einem artigen «Telemark»-Knicks und unter dem Applaus von Mitmenschen, die ihm die Wiedereingliederung in die herrschende Ordnung vielleicht mit guten Stilnoten vergelten.
Der Skisprung wurde (wohl mangels anständiger Abfahrtspisten) in Skandinavien erfunden, und selbst der erste Schweizer Rekord wird einem Norweger zugeschrieben. Ein Herr Heyerdahl dominierte im Januar 1903 unser erstes Skispringen auf dem Sackberg bei Glarus mit einer Bestweite von 24 Metern. Initiant jener Meisterschaft war Generalstabshauptmann Christof Iselin, dem so viel Pioniergeist den Ehrentitel «Skivater» eintrug. Noch in den 1890er Jahren hatten ihn seine Mitbürger an der Fasnacht als Spinner verulkt.
Allerdings gelten Skispringer im Volksmund bis heute als leicht wahnsinnig; entsprechend ist das Skispringen etwas für besondere Anlässe. Seit 1905 wird im Engadin am Stephanstag ein Weihnachtsspringen abgehalten. In Garmisch-Partenkirchen wird seit 1921 ein Neujahrsspringen durchgeführt. 1936 sahen dort 130 000 Menschen, wie der legendäre Birger Ruud Olympiasieger wurde; 1943 kam der Norweger wegen Nichtbetätigung für die Nazis in ein KZ bei Oslo.
Bisher hat nur ein einziger Schweizer an Neujahr gewonnen, der Wildhauser Walter Steiner am 1. Januar 1974, als Ernst Brugger Bundespräsident wurde. Steiner wurde wegen seiner gewaltigen Flugeigenschaften und seiner krummen Nase «Vogelmensch» genannt. Dieser Mann sei, sagte der deutsche Regisseur Werner Herzog seinerzeit, jedes Mal in vollkommener Ekstase eigentlich fast in den Tod gese gelt. – Wie ein Ikarus, der die Rückkehr zur Erde bis zum Absturz verweigert.
«The Eagle» wurde hingegen Eddie Edwards gerufen. Dieser kurzsichtige Brite gilt seit seinem Olympia-Auftritt 1988 als schlechtester Skispringer aller Zeiten. An jenen Winterspielen gewann der bleiche finnische Überflieger Nykänen drei Titel, versackte dann aber im Wodka. Demgegenüber geriet die Nase des kleinen Österreichers Goldberger unter dem Gewicht der Medaillen in den Kokainschnee. Der Toggenburger Gymnasiast Simon Ammann immerhin schaffte, nachdem er 2002 in Amerika Doppel-Olympiasieger geworden und von den TV-Stationen «the flying Harry Potter» getauft worden war, noch die Matura.