NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

Mr. Smith spielt 007

Überwachungs-High-Tech für den Hausgebrauch.

Von Constantin Seibt

MR. BONDS NEUER KOLLEGE ist irgend jemand, vielleicht Mr. Smith. Die Mikroelektronik macht aus dem Mann von der Strasse einen Ein-Mann-Geheimdienst. Die Voraussetzungen dafür sind ein paar hundert Dollar, die Bereitschaft, notfalls ein paar Gesetze zu brechen, und last, not least die psychische Verfassung aller Geheimdienstleute: jene nüchternen Albträume, in denen sich Phantasie und Misstrauen verbünden. Sitzt ein Verräter in der Zentrale? Plant der KGB die Vernichtung Londons? Die Verschwörungstheorien im Grossen spielen auch im Privaten: Meutern, fragt sich Mr. Smith, seine Untergebenen, wenn er ihnen den Rücken kehrt? Was führt der Geschäftspartner Dr. No im Schilde? Stiehlt Rosa Klebb, die Putzfrau? Ist Mrs. Smith so treu wie ihr Augenaufschlag?

Die Antwort findet sich hinter den Schaufenstern der Nummer 444, Madison Avenue, New York. Auf den ersten Blick sind es die Auslagen eines teuren Optikgeschäfts: ein paar silberne High-Tech-Geräte auf dunklen Tropenhölzern. Dazu kommen harmlose Plakate: «Vögel beobachten - auch bei stockfinsterer Nacht!» oder «Lauschen Sie den wundervollen Geräuschen der Natur!» Es sind Vorschläge für Kunden wie Mr. Smith: Vorschläge für ein paar kleine Lügen, das legale Eintrittsticket ins Paradies der privaten Spionage.

Dieses öffnet sich weit, nachdem man im vornehmen Vorraum mit einer Mischung aus Argwohn und Diskretion begrüsst worden ist, der perfekten Simulation von Höflichkeit. Danach wartet im schmucklosen Hinterzimmer eine phantastische Fülle von elektronischen Gadgets: Geldkoffer, die bei Diebstahl vier Stunden lang Alarm schlagen und einem beim unbefugten Öffnen Farbe ins Gesicht spritzen. Billige Elektroschockgeräte, die 150 000 Volt in den Körper des Bösewichts jagen (Werbeslogan: «Einen Schocker ins Auto, einen in die Jackettasche, einen für Ihre Mutter - oder wer immer Schutz nötig hat»). Dann Fernrohre und «Vogelbeobachtungs»-Nachtsichtgeräte von 500 bis 5000 Dollar - das Topmodell ist ein aufschnallbares Einauge «für Jäger, damit sie beide Hände an der Waffe behalten können». Des weiteren: Bombendetektoren - vom mobilen Briefbombenwarner im Attachékoffer bis zur fest installierten Anti-Terroristen-Schleuse, die Plastic-Schusswaffen, wenige Mikrogramm Sprengstoff und versteckte Tape-Recorder entdeckt. («Anti-Terror-Schleusen auch für zu Hause?» fragt eine Broschüre und antwortet: «Ja, zum Beispiel wenn Sie Firmenboss sind und 10 000 Angestellte nach Ihrem Blut dürsten!»)

Für Nicht-Firmenbosse interessanter sind Lügendetektortelefone für 2500 bis 6000 Dollar (unhörbare Stresssymptome erkennend, geliefert mit sechs Videos, drei zur Bedienungsanleitung, drei zu Verhörtechniken) und Miniaturkameras, klein wie eine neugeborene Maus, mit stecknadelgrossem Mausaugen-Objektiv. Sie lassen sich auf Wunsch überall einbauen, werden aber standardisiert für 700 Dollar geliefert in Büchern, Radioweckern («Betrügt Sie Ihre Frau?»), Bilderrahmen, Bürouhren («Diese Uhr schützt Sie vor Ihren Partnern, Angestellten, Verwandten, die Sie und Ihr Geschäft bestehlen könnten»), Feuerlöschern, Registrierkassen, «Exit»-Schildern, Sonnenbrillen («Empfehlenswert für Journalisten»), Aktenkoffern oder als Auge eines ausgestopften Teddybären («Ist Ihr Babysitter zu perfekt, um echt zu sein?»). Ebenso aufregend sind Mikrophone und Wanzen. Es gibt sie in allen Preislagen und Qualitäten, von der raumgreifenden Parabolantenne bis zum eleganten Wolfsohr-Richtmikrophon, das in einer eingerollten Zeitung zwei flüsternde Personen fünfzig Meter entfernt in einem vollbesetzten Restaurant abhören kann («Lauschen Sie den wundervollen Geräuschen von Vögeln, Insekten und anderen Tieren!»), von der plumpen, verdrahteten Telefonwanze bis zu Anlagen, die ein ganzes Bürohaus überwachen, von der simplen Saugnapfwanze, die eine bis zu 50 Zentimeter dicke Wand durchdringt, bis zur Infrarotlinse, die das minime Zittern der Fensterscheibe bei einem Gespräch in Schallwellen zurückübersetzt. Dazu kommen die erfreulichsten Tarnungen - je diskreter, desto besser: als Krawattennadel, Kugelschreiber, Manschettenknopf, Feuerzeug oder als Spirale im Ringblock.

Der Mann, dem Mr. Smith in dem schmucklosen Hinterzimmer des Counter Spy Shops bei seinen Überlegungen («Das Mikrophon in den Montblanc oder in die Manschettenknöpfe?») gegenübersitzen würde, ist Frank Coasano, ein Ex-Bodyguard. Er hat vorhangartig hängende Lider, die zwei Drittel seiner dunklen Augen bedecken - ungeheuer wache und schläfrige Augen, die schon Tausende von Auftraggebern, Lügnern und Kunden namens Jones oder Smith überprüft haben.

«Counter Spy ist hundert Prozent legal», wiederholt Coasano zum x-tenmal in seinem Leben und zerdrückt melancholisch eine Zigarette in einem melancholischen Plastic-Kaffeebecher, «aber jemanden abzuhören ist illegal. Sie bekommen ein bis fünf Jahre Gefängnis. Video ist eine Grauzone: Solange Sie jemanden ohne Ton filmen, werden Sie freigesprochen. Wir verkaufen nur die Technik - und diese ist weder gut noch schlecht. Gut ist, wenn durch einen versteckten Recorder eine sexuelle Belästigung bewiesen werden kann. Schlecht, wenn jemand mit dem Recorder Industriespionage betreibt - was leider fünfzig Prozent aller Unternehmen tun. Was wir bieten, ist Schutz. Unsere Bestseller für Firmen sind Anti-Abhör-Installationen wie Telefon-Scrambler. Okay, der Schlager für die Laufkundschaft sind Wanzen. Machen wir uns nichts vor: Die Welt ist ein zunehmend widerlicher Ort. Fünfzehnjährige schiessen aus dem Auto auf dich - wir verkaufen kugelsichere Westen. Deine Frau lügt dich an - wir verkaufen Lügendetektortelefone, ein weiterer Hotseller. Deine Partner betrügen dich  -wir verkaufen Mikrophone, damit du es beweisen kannst. Deine Verwandten gehen an deine Brieftasche - wir verkaufen Überwachungskameras. So ist das Leben.»

«Und Sie persönlich, würden Sie es wissen wollen, wenn Ihre Verwandten Sie bestehlen?» Frank Coasano grinst ein lethargisches Grinsen. «Wenn ich das Büro verlasse, bin ich nicht mehr im Job. Ich liebe meine Verwandten. Also möchte ich es nicht wissen.»

Das Geschäft mit der Spionage- und Antispionagetechnik boomt. Die Firma, der die Counter-Spy-Kette gehört, Communication Control Systems (CCS), macht fast eine Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr - zum Business gehören auch Trainings, Verkaufsshows, Kryptographie, Datenschutz und Globallösungen für Grossorganisationen: CCS verkauft Elektronik an FBI, Autobahnpolizei und CIA, unterstützte die Franzosen beim Papstbesuch mit Know-how, rüstete den iranischen Schah, mehrere Dutzend Botschaften und mehrere Staaten in Südamerika und im Nahen Osten aus, führt auf seiner Kundenliste Konzerne wie Du Pont, Gulf, Fiat, General Foods, Mobil, Renault, Philip Morris und Texaco, versorgte die Jury der Filmfestspiele von Cannes mit Anti-Wanzen-Detektoren und pflegt auch Details: Im Pressequartier hängt ein handschriftliches Dankesschreiben von Ronald Reagan, in dem der Präsident sich für die Leihgabe einer kugelsicheren Bluse an Nancy bedankt. Sie trug sie beim Fototermin an der Berliner Mauer aus Angst vor kommunistischen Scharfschützen. (Ronald schützte sich mit seinem kugelsicheren Regenmantel.)

Die besten Kunden sind die Reichen, Mächtigen und Berühmten. («Wir sind das Richtige für den Mann, der alles hat - und es behalten möchte.») Das ultimative Statussymbol, der James Bond Car, kostet rund 350 000 Dollar. Die Extras treiben den Preis hoch: Der Wagen ist rundherum gegen Beschuss durch ein schweres Maschinengewehr oder einen kleinen Granatwerfer gepanzert, die stahlgefütterten Reifen fahren selbst durchschossen noch fünf Kilometer, der Unterboden soll die Explosion einer konventionellen Landmine überstehen, es gibt Satellitenverbindung, fünf für Kalaschnikows geeignete Schiessscharten, einen Fernanlasser (gegen versteckte Bomben), gegen Verfolger Tränengasdüsen und einen Zusatztank für 135 Liter auf die Fahrbahn spritzbaren Diesel (der noch glitschiger als Öl ist), Blendscheinwerfer (in Bug und Heck), ein kleines Kofferraum-Motorrad zur Flucht im schlimmsten Fall, eine auf 60 000 Volt aufladbare Aussenkarrosserie und drei in den Beifahrersitz eingebaute, nach oben gerichtete Gewehrläufe, mit denen der Kidnapper per Fernsteuerung ins Jenseits geschickt werden kann. (Die Ingenieure entwarfen ursprünglich einen nach oben schnellenden Sitz, mit dem der Verbrecher an der Wagendecke zerquetscht worden wäre, hielten das Resultat aber für zu unappetitlich.)

Ein guter Teil der Käufer dieser Limousinen, von denen pro Jahr rund zwei Dutzend weggehen, wird vom zweiten, kleineren Shop in der Lobby des Hotels Waldorf Astoria in New York angelockt, wo auch ein Video über ein ebenfalls käufliches, ferngesteuertes Spionage-U-Boot läuft. Hier bedecken knöchelhohe Teppiche den Boden, schimmern Brillanten in Vitrinen, Mozart rieselt von der Decke, während die Klimaanlage kleine Wölkchen von Parfum vor sich her treibt: Es riecht nach Geld.

Bob Rogers, farbig und Jahrzehnte im Polizeidienst, könnte von der Onkel-Ben's-Werbung heruntergestiegen sein. Bei der Begrüssung war er strahlend und warmherzig wie ein Weihnachtsmann, aber als er herausfand, dass ich von der Presse war, legte er seine Freundlichkeit ab wie einen falschen Bart. Er rief Mr. Coasano an: «Hast du dieses Individuum überprüft? Hast du es überprüft? Wer ist das? Shit, Frank! Der Kerl hier ist von der Presse! Hast du ihn überprüft?» Er legte den Hörer nieder, verärgert, und starrte mich an wie ein Insekt. «Okay», sagte er, «du hast eine Frage - eine einzige.»

«Warum gibt es einen zweiten Counter Spy Shop im <Waldorf Astoria>?»

«Hör zu», sagte er, «ich sag's dir ganz langsam, damit du es verstehst. Wir haben hier die reichsten Männer der Welt, die Männer, die ganze Länder regieren, die Männer, die die mächtigsten Konzerne führen, wir haben berühmte Schauspieler, die grössten Stars aus Sport und Unterhaltung, die schönsten, reichsten, bestangezogenen und mächtigsten Leute der Welt, Prinzessinnen und Prinzen, Könige und Botschafter, Leute, die die Welt regieren - und sie alle steigen im <Waldorf Astoria> ab, und dann kommen sie zu uns, in den Counter Spy Shop, um sich das kostbarste Gut von allen zu kaufen: Sicherheit.»

Ich bewunderte ihn: «Sie reden wie die Bibel.» Bob Rogers' Miene hellte sich auf. Er stand auf und sah auf mich herunter. «Okay, drei weitere Fragen», sagte er.

«Wird Ihr Material zur Spionage benutzt?»

«Falsch. Wir sind nicht der Spy Shop, sondern der Counter Spy Shop. Zwei Fragen.»

«Aber Sie persönlich, würden Sie wissen wollen, wenn Sie von Ihren Söhnen bestohlen werden oder von Ihrer Frau betrogen?»

«Gott sagte: Die Wahrheit wird dich befreien. Bestiehlt mich jemand, sei es mein engster Freund, so möchte ich das Gesicht des Hundesohnes, der es getan hat, auf Video sehen. Da draussen regieren die Versuchung, die Gier und das Böse. Aber Gott sei Dank gibt es hier den Counter Spy Shop - und mich, zu dem die Menschen kommen und sagen: Hilf mir! Meine Kunden sind die mächtigsten Leute der Welt. Aber hier bin ich der Doktor, sie sind die Patienten. Und was immer sie für ein Problem haben - welche Sorgen und Ängste auch immer -, ich bin da, ihnen zu helfen, mit der besten Elektronik der Welt.»

«Frank sagt, viele seiner Kunden seien Lügner.»

«Das gilt für Frank. Meine Kunden, mein Sohn, tragen Schuhe für 10 000 Dollar, Anzüge für 200 000 Dollar, Uhren für eine halbe Million und Krawatten, so teuer wie ein kleines Haus. Solche Menschen lügen nicht. Nie. Letzte Frage.»

«Und wie kommen Sie mit so reichen Leuten aus?»

«Ich, ich bin wie sie geboren, ein freier Amerikaner. Dass ich mit ihnen auskomme, dass ich sie beschütze, ist ein Geschenk und eine Gnade.»

«Wow!» sagte ich.

«Weisst du, wie man mich nennt?» fragte Bob Rogers zum Abschied. «Man nennt mich den Heiligen.»

Amen. Danke, Bob Rogers, Heiliger im Tempel der Wanzen. Aber was wird aus dem Abteilungsleiter Mr. Smith, der sich Bond-mässig mit Manschettenknopfmikrophon, Videouhr und Wahrheitstelefon ausgerüstet hat? Was, wenn er seine Gattin auf einem Video in den Armen des Nachbarn Mr. Blofeld entdeckt? Oder wenn er hört, wie sie bei Freundinnen über seine Langweiligkeit klagt? Was, wenn das Wahrheitstelefon bei seinem Partner Mr. No konstant ausschlägt? Was, wenn er seine Untergebenen über den Boss Mr. Smith reden hört? Angestellte können sehr grob sein. Was wird er tun? Weinen? Heulen? Toben? Alle feuern? Antidepressiva? 357er-Magnum? Den Scheidungsanwalt anrufen?

Ein Bekannter von mir machte das Experiment. Er polte die Lautsprecher seiner Küchenboxen zu Mikrophonen um, lud zu einem Abendessen ein, stellte sich betrunken, ging nach oben und hörte, was über ihn gesprochen wurde. Er hielt es eine Stunde aus, bevor er wieder herunterkam. In dem Streit danach verlor er die Hälfte seiner besten Freunde.

Die Spionage-Elektronik ist vorhanden. Die Wahrheit (welche?) lässt sich - um den Preis von ein paar Gesetzesbrüchen - herausfinden. Fraglich ist nur, ob es ein Glück wäre, das zu tun. Mr. Bond hat ein kaltes Herz - und seine Lösung, betrügerische Individuen über den Haufen zu schiessen, ist vielleicht nicht die perfekte für Mr. Smith. Nicht zuletzt ist die Lüge das Fundament der Höflichkeit, der Liebe und der Freundschaft.

Counter Spy Shops finden sich in London, Mailand, New York, Washington und Los Angeles.

Constantin Seibt, Zürich, ist Journalist.


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