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Editorial -- Gern ganz Ohr
© www.radiomuseum.org
Von Daniel Weber
Jedem Medium wird der Untergang prophezeit, wenn ein neues auftaucht. Das war beim Radio nicht anders: Das Fernsehen, meinten die Experten in den 1950er Jahren, werde den Rundfunk überflüssig machen. Aber das Radio überlebte. Obwohl die Zeiten längst vorbei sind, da die ganze Familie vor dem Röhrenempfänger sass und konzentriert dem Hörspiel lauschte, ist das Radio doch für viele ein treuer Begleiter durch den Tag – und die Nacht – geblieben: Zum Zähneputzen läuft die muntere Morgenshow, am Mittag gibt’s die ausführlichen Nachrichten, abends die vertiefenden Hintergrundberichte.
Überflüssig ist das Radio nicht geworden. Wenn ihm heute eine Gefahr droht, ist es paradoxerweise die, dass es Radio im Überfluss gibt. Denn die Digitalisierung, die alle Medien erfasst hat, ist auch dabei, die Radiolandschaft umzupflügen. Für die Hörerinnen und Hörer ist das eine gute Nachricht. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, alles zu jeder beliebigen Zeit zu hören: Aus dem Internet kann man sich Hörbücher, Magazinartikel (zum Beispiel aus dem NZZ Folio), Radiosendungen aus aller Welt als Podcast auf den Computer herunterladen und nach Lust und Laune auf dem MP3-Player anhören – das Web macht dem starren Programmraster den Garaus.
Für das traditionelle Radio ist das keine gute Nachricht. Denn die Digitalisierung ermöglicht nicht nur neue Formen des Radiohörens, sie revolutioniert auch das Radiomachen: Ein Mikrophon, ein Laptop und ein Breitbandanschluss – mehr braucht es nicht für einen Radiosender. So ist in kurzer Zeit eine Fülle von Internetradios entstanden, die dem Radio Konkurrenz machen. Das gilt vor allem für die Musik, die das Rückgrat fast aller Radiostationen bildet. Irgendwo gibt es für jeden Musikgeschmack einen eigenen Sender, und wer sich sein individuelles Programm mixen lassen will, kann auch das.
Wollen sie unter diesen neuen Bedingungen bestehen, müssen sich die herkömmlichen Radiosender einiges einfallen lassen. Aber eines ist gewiss: Radio, in welcher Form immer, wird auch diesen technischen Umbruch überleben. Wir sind einfach gern ganz Ohr – gerade weil Radio in unserer bilderversessenen Zeit keine Bilder zeigen kann, beflügelt es die Einbildungskraft. Und vor allem wird Radio ein faszinierendes Medium bleiben, weil es ihm wie keinem anderen gelingt, Intimität zu schaffen.
Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Geschichte der Radioempfänger Die meisten Bilder der Schautafeln sind aus dem virtuellen Radiomuseum http://www.radiomuseum.org von Ernst Erb, der die Redaktion beraten hat. Die Texte zu den Radios stammen von Claude Settele, Redaktor für Medien und Informatik bei der NZZ, der die Geräte auch ausgewählt hat.
Leserbriefe:
Zu Editorial -- Gern ganz Ohr - NZZ-Folio Radio (03/07)
Die Digitalisierung schafft Platz für mehr TV-Kanäle und Radiosender, bietet also ein bedeutend grösseres Angebot, und das weltweit. Ich frage mich jedoch immer wieder, wer überhaupt über 100 TV- und Radiosender wünscht. Trotz rasant fortschreitender Technik wird auch in Zukunft ein Tag 24 Stunden zählen und werden wir zwischen sechs bis acht Stunden Schlaf brauchen. Wir müssen unseren Lebensunterhalt verdienen. Hie und da möchten wir vielleicht sogar lesen! Mit meinen bald 70 Jahren gehöre ich zu den Seniorinnen und verfüge als Pensionierte über mehr Freizeit. Zwar besitze ich ein Notebook mit Internetanschluss. Ich verspüre aber überhaupt kein Bedürfnis, auf diese Weise Sendungen anzuhören oder Musik herunterzuladen. Mein Lieblingssender ist DRS2, den ich via UKW-Kabel in Stereo empfange. Sagt mir eine dort gesendete, mir bisher unbekannte Musik zu, suche ich im Internet nach CDs dieses Komponisten und bestelle sie per E-Mail. Mehr neue Technik brauche ich nun wirklich nicht. Der rasanten technischen Entwicklung sind viele Ältere nicht (mehr) gewachsen. Sie möchten einfach einige Radio- und Fernsehprogramme in guter Qualität empfangen, nicht Hunderte! Dass Digitalisierung für sie ein Fremdwort ist, dürften auch junge und jüngere Technik-Freaks zur Kenntnis nehmen, wenigstens hie und da. Edith Nussbaum, Olten
Zu Editorial -- Gern ganz Ohr - NZZ-Folio Radio (03/07)
Die Hintergrundinformationen, die man sonst immer freitags in "Medien und Informatik" dargereicht bekommt, gab es jetzt in einem ganzen Folio. Vor allem die Beiträge "Radio aktiv" und "Unerhört", mit einer Zeitreise von der ersten Rundfunksendung bis zu Webradio und dem flachen Zeitgenossen iPod, waren hervorragend. Und auch den Austausch in der Gesprächsrunde in "Revolution im Äther" zu verfolgen, machte Vergnügen. Aber warum hat man dem iRadio von TerraTec kein Plätzchen in der Antennenparade gegönnt? Klasse "Programmvielfalt" auf 74 Seiten, und der Notenschlüssel war auch noch zügig auffindbar. Deshalb: Ein prächtig dicker Strauss Bits und Bytes an die Redaktion für ein - weiteres - rundum gelungenes Folio, bei dem alle Funken übersprangen. Dies gilt im übrigen auch für die stets einfallsreichen Titelbilder, welche die Zeitschrift zieren. Chapeau! Christian Noe, Gelsenkirchen D
Zu Editorial -- Gern ganz Ohr - NZZ-Folio Radio (03/07)
Eine Entwicklung in der Radiowelt wurde - soweit ich sehen kann - in Ihrer letzten Ausgabe gar nicht erwaehnt: das PC-unabhaengige Internetradio. In der Schweiz kaum zu bekommen, hat die auf der Reciva-Plattform (www.reciva.com) basierende Technologie mein Radioerlebnis revolutioniert. Ueber 2000 Stationen auf Knopfdruck - das schafft kein DAB Radio. Frank Jordans, Genf
Zu Editorial -- Gern ganz Ohr - NZZ-Folio Radio (03/07)
Gratulation dem NZZ Folio zum Schritt in die Podcast-Zeit! Die Einschätzung, ob eine mp3-Ausgabe wirklich die geforderten Euros wert ist, müsste das heftig umworbene Podcast-Publikum aber mindestens in der Einführungsphase über eine kostenlose Probe etwas einfacher gemacht werden. Zudem lässt der Vertrieb über das deutsche Audio-Portal audible.de, welche die NZZ ungeschickt als "Züricher Zeitung" ausspricht, doch eine gewisse swissness vermissen. Alain Roserens, Zürich
Zu Editorial -- Gern ganz Ohr - NZZ-Folio Radio (03/07)
Ihr Radio-Folio hat Erinnerungen geweckt. Denn ich erlebte Grossteile des Zweiten Weltkriegs aus den Kopfhörern eines Detektorradios, der auf einer kleinen Zigarren-Holzschachtel aufgebaut war. Jede Stunde wurde mit der Metallspitze auf dem Kristall London (Bum, bum, bum, bum) gesucht und dann sämtliche Fronten in Europa auf drei grossen Landkarten an den Wänden meines Dachzimmers mit Nadeln nachgesteckt. Der Schlaf kam oft zu kurz, derweil sich der Lehrer immer wieder über meine unerschöpflichen Geografiekenntnisse wunderte. Und dann kam der 6. Juni 1944, der D-Day mit Start der Operation Overlord, einige Monate später die Zweitfront an der Côte d’Azur. Die Stecknadeln hatten Hochbetrieb. Jetzt sass oft die ganze Familie um den Radioapparat in der Stube. Jedenfalls weckte NZZ-Folio 2007 Nostalgie in Detektor-Moll und -Dur. Walter Wehrle, Wallisellen
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