NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Vorbote der ewigen Nacht

Am 11.8.99 verschlingt ein Drache die Sonne.

Von Arnold von Rotz

Sie sind seit Jahrmillionen sekundengenau programmiert, sie laufen gemäss Drehbuch und ohne Verspätung ab. Vielen Astronomen und Sternfreunden ist kein Weg zu weit und keine Strapaze zu gross - ausgerüstet mit Fotoapparaten, Fernrohren, Mess- und Registrierinstrumenten -, das faszinierende Schauspiel zu beobachten. Die Rede ist von totalen Sonnenfinsternissen.

Finsternisse können sich nur ereignen, wenn Sonne und Mond zur Zeit von Vollmond oder Neumond nahe den beiden Knotenpunkten von Ekliptik und Mondbahn stehen. Diese Punkte werden auch Drachenpunkte genannt, weil man im Altertum glaubte, bei Finsternissen werde dort die Sonne beziehungsweise der Mond von einem Drachen verschlungen. Durch lautes Schreien, Trommeln und anderen Lärm konnte der Drache veranlasst werden, die Sonne oder den Mond wieder freizugeben. Es war wichtig, solche Ereignisse vorherzusehen, damit man die Rettung der Himmelsgestirne vorbereiten konnte.

Bereits den Chaldäern im alten Babylon war bekannt, dass Finsternisse einem bestimmten Zyklus folgen, der rund 1200 Jahre dauert. Im alten China waren die Astronomen hohe Beamte am kaiserlichen Hof. Sie hatten den Auftrag, den Himmel in alle Richtungen zu beobachten und dem Kaiser Unregelmässigkeiten unverzüglich zu melden. Wie so oft an kaiserlichen Höfen nahmen es die hohen Beamten mit ihren Aufgaben nicht immer so genau. In der Morgenfrühe des 22. Oktober 2137 v. Chr., so wird berichtet, ereignete sich über China eine totale Sonnenfinsternis, die von den Astronomen Hsi und Ho nicht vorausgesagt worden war, ja nicht einmal beobachtet wurde, weil sie sich am Abend zuvor berauscht ins Bett gelegt hatten. Sie wurden wegen dieser Unterlassung zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Am 11. August 1999 ist es wieder soweit: Um die Mittagszeit wird über Mitteleuropa die Sonne total verdunkelt. Die Sonnenfinsternis beginnt um 11.31 Uhr mitteleuropäische Sommerzeit im Nordatlantik. Der Mondschatten rast mit etwa 3300 Kilometern pro Stunde über den Atlantik und erreicht nach 40 Minuten die Südwestspitze von England, überquert Nordfrankreich, Belgien, Luxemburg und erfasst um 12.34 Uhr die Stadt Stuttgart, die genau auf der Zentrallinie liegt. Er zieht weiter über Österreich und Ungarn. Westlich von Bukarest - um 13.03 Uhr - dauert die Sonnenfinsternis am längsten, nämlich 2 Minuten 23 Sekunden. Nun wandert der Mondschatten nach Indien, wo er um 14.38 Uhr im Golf von Bengalen mit über 7000 Kilometern pro Stunde die Erde verlässt.

Die astronomischen Daten lassen wenig von den dramatischen Eindrücken erahnen, die man als Augenzeuge hat, wenn es am helllichten Tag plötzlich Nacht wird. Es gibt kein langsames Dämmern wie bei einem Sonnenuntergang. Vor der völligen Bedeckung wird die Landschaft in ein eigenartig aschfahles Licht getaucht. Die Tiere werden unruhig und flüchten in ihre Schlafstellen, Blumen schliessen ihre Kelche, Wind kommt auf, und es wird merklich kühler. Ein auf einem Berg stehender Beobachter sieht den Mondschatten von Westen mit grosser Geschwindigkeit auf sich zu eilen.

Kurz vor der Totalität huschen Licht- und Schattenphänomene umher, die durch Schlieren in der Erdatmosphäre verursacht werden. Wenn die letzten Sonnenstrahlen zwischen den Mondbergen hervorblitzen, tritt der sogenannte Diamantring in Erscheinung, und das Unglaubliche geschieht: Schlagartig leuchtet um die Sonne herum die in zarten Grün-, Rot- und Blautönen strahlende Korona auf, und Protuberanzen werden sichtbar; man hat den Eindruck, es würden tausend feine Blitze aus der schwarzen Sonne hervorschiessen. In der Totalitätszone ist es jetzt Nacht. Hellere Sterne, Planeten und in seltenen Fällen Kometen werden sichtbar. Menschen, die von einem solchen Ereignis überrascht werden, brechen in Tränen aus, starren angsterfüllt zum Himmel, zittern am ganzen Körper, stossen unartikulierte Laute aus, rennen in Panik in ihre Häuser oder suchen Schutz bei Mitmenschen.

Im Nahbereich der Totalitätszone der Finsternis vom 11. August 1999 leben weit über hundert Millionen Menschen. Die partielle Verfinsterung überstreicht ein Gebiet, in dem etwa drei Milliarden Menschen leben. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Vorbereitungen auf diese Finsternis seit über zwei Jahren im Gange sind. In Mitteleuropa werden unzählige Finsternisreisende aus aller Welt erwartet. Vielerorts sind die Hotels seit langem ausgebucht.

Die Sonne wurde von allen alten Kulturen verehrt und in ungezählten Lobgesängen gepriesen. Für den ägyptischen König Echnaton etwa gab es nur einen Gott, Aton, den Herrn über Tag und Nacht, dem er mit seinem Sonnengesang innige Verehrung entgegenbrachte. Sonnenfinsternisse waren für die Menschen früherer Zeiten existentielle Ausnahmeerfahrungen.

Die Sonne, das Wunder am Himmel, ist die Königin unter den Sternen und das Geheimnis des Lebens auf der Erde. Ohne sie gäbe es weder Tag noch Nacht, weder Licht noch Schatten, nicht Wind und nicht Wetter, kein Wasser, kein Atmen, keine Jahreszeiten, kein Frühlingserwachen. Unser Zentralgestirn ist im Durchmesser 109mal grösser als die Erde und steht in der sicheren Entfernung von rund 150 000 000 Kilometern, das sind rund 20 Flugjahre für einen Jet. Auf den ersten Blick strahlt die Sonne als ruhiger Feuerball ihre Energie in alle Richtungen. Aber auf ihrer Oberfläche herrschen enorme Turbulenzen: gewaltige Eruptionen schleudern riesige Materiemengen in den interplanetaren Raum. Nur etwa zweihundert Milliardstel der Sonnenenergie werden von der Erde eingefangen.

Im Universum leuchten ausser unserer Sonne noch Milliarden anderer Sonnen. Das Licht dieser glitzernden Königinnen der Nacht war zum Teil jahrtausendelang zu uns unterwegs. Niemand weiss, ob diese Sterne noch existieren. Vielleicht haben sie sich bereits in gigantischen Explosionen aufgelöst, oder sie sind aus Mangel an eigener Energie erloschen und haben sich zur Ruhe gelegt. Ihre Asche dient der Bildung neuer Sterne und Planeten, die in den riesigen Gas- und Staubwolken unserer Milchstrasse entstehen.

Was wäre zu berichten, wenn eines Tages unsere Sonne verlöschte? Etwa folgendes: Lautlos hatte die Sonne am Vorabend mit ihrem letzten Licht die Erde von Ost nach West vergoldet, war im Rausch des Abendrots hinter dem Horizont versunken und hatte die Erde der Poesie einer Sternennacht überlassen. Wie ein Schleier legte sich der Sternenhimmel über die Erde. Am nächsten Morgen, der Sternenhimmel wölbte sich immer noch in verklärendem Glanz über die Erde, blieb jedes Anzeichen für eine Dämmerung aus. Vom Glanz des Morgensterns und vom Mond, der als schmale Sichel hätte aufgehen sollen, war nichts zu sehen. Besorgt schauten die Menschen auf ihre Uhren, blickten zum Osthimmel und suchten am Horizont einen Schein von Helligkeit. Statt der Morgendämmerung zogen Sternbilder auf, die man um diese Jahreszeit noch nie gesehen hatte.

Die Lufttemperatur lag an diesem Morgen wenige Grad über Null, gegen Mittag sank sie auf den Gefrierpunkt, und wenige Tage später lagen eisiger Frost und eine dichte Wolkendecke über der ganzen Erde. Lebensmittel, warme Kleider und Brennstoffe waren innert Kürze ausverkauft, Versorgungssysteme brachen zusammen. Verzweifelt versuchten die Menschen, ihre Wohnungen warm zu halten. Feuersbrünste brachen aus, die wegen der zugefrorenen Leitungen nicht gelöscht werden konnten. Flüsse und Seen waren zu Eis erstarrt. Nach wenigen Wochen glich die Erde einer Eiswüste. Ewige Nacht herrschte nun auf dem ehemals blauen Planeten, der noch vor kurzem als wunderbare Insel des Lebens um die Sonne gekreist war und nun für alle Zukunft ohne Aussicht auf neues Licht und Leben durch die unendlichen Weiten des Universums wanderte.

So schnell wird die Sonne zum Glück nicht erlöschen, auch wenn ihre Tage gezählt sind. Erst in einigen Milliarden Jahren, wenn der Wasserstoff, den sie für ihre Energieproduktion benötigt, aufgebraucht ist, wird sie sich zu einem roten Riesen aufbäumen. Sie wird die inneren Planeten Merkur und Venus, möglicherweise sogar die Erde verschlucken oder diese mindestens so aufkochen, dass die Meere verdampfen und unser blauer Planet als verbrannter Körper um den roten Riesen Sonne kreisen wird.

Einige weitere Millionen Jahre später wird die Sonne zu einem weissen Zwerg schrumpfen und schliesslich gar kein Licht mehr aussenden. Sie wird als schwarzer Zwerg von der Erde aus nicht mehr zu sehen sein. Einzig das Licht der Milliarden Sonnen, die unsere Galaxis bilden, wird die ewige Nacht des einst so strahlenden Planetensystems spärlich erhellen.

Arnold von Rotz, Zürich, betreut für die NZZ die Monatsübersicht über den Sternenhimmel.


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