NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

Rodrigo Fresán: Argentinien wird Weltmeister

© Reuters, Eduardo Munoz
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Lionel Messi, Argentinien. Linktext

Eines ist offensichtlich: in Argentinien setzt der Fussball die Realität vorübergehend ausser Kraft. Er ist wie eine Atempause in der von dauernden Kämpfen und ungestümen Kräften bestimmten Geschichte des Landes, so etwas wie das Auge des Hurrikans. Besonders deutlich wird dies jedes Mal, wenn eine WM naht. Vor einigen Jahren - anlässlich der WM 2002 - sah ich im spanischen Fernsehen einen argentinischen Werbespot, der dies perfekt illustrierte, und zwar mit der bei diesem Thema anscheinend unvermeidlichen, zwischen Heldengesang und Weinerlichkeit schwankenden Ästhetik. (Im argentinischen Fussball ist Weinen Männersache.) In diesem Spot ist gerade ein WM-Final zwischen Brasilien (der Lebensfreude) und Argentinien (der Traurigkeit) im Gang. Beim Spielstand von 0 : 0 (dauernde Ungewissheit) wird Argentinien ein Penalty zugesprochen (das Wunder). Die Zeit vor dem Fernseher scheint einzufrieren (Möglichkeit des endgültigen Fehlschlags). In diesem Moment fällt der Strom aus (die Krise), und nur ein Greis (die Weisheit), der auf der Strasse sein Transistorradio ans Ohr gepresst hält - nie konnte ich übrigens begreifen, wie man Fussballübertragungen am Radio verfolgen und ein figuratives Spiel auf diese abstrakte Weise entziffern kann -, vernimmt das Ergebnis und krächzt das Wort «gol», worauf junge Leute (die Zukunft) auf die Balkons strömen und Fahnen entrollen. Und alsbald verbreitet sich der Schrei («Argentina!», «Argentina!») von Mund zu Mund, schwillt zum Gesang von Millionen an.

Die Botschaft ist klar: Nur der Fussball kann das Land aus der Finsternis reissen. Dieses Land, das einst Rindfleisch exportierte und heute Fussballerfleisch. Es erübrigt sich hinzuzufügen, dass Argentinien die WM 2002 nicht gewann. Aber da es 1978 und 1986 Weltmeister wurde und 1990 beinahe, gibt man sich auch für 2006 wieder den grössten Hoffnungen hin. Eines ist gewiss: Falls Argentinien diese WM gewinnt, dann nur, um die tragische Gelegenheit zu haben, die nächste zu verlieren.

Bekanntlich hat jedes Land die Regierung und die Fussballauswahl, die es verdient. Die Mannschaft Argentiniens - eines schon krankhaft psychoanalytischen Landes - wird wieder zwischen Depression und Nervenzusammenbruch fluktuieren. Ein unberechenbares Team, das bald vor Trübsinn vergeht, bald überschäumt, immer dem Toben der Elemente ausgesetzt und existentialistischen Katastrophen geweiht.

Die Auswahl repräsentiert die Gesamtheit der Argentinier mit ihren extremen historischen Zyklen, ihren Auf- und Niedergängen, ihren Triumphen und Schändlichkeiten. Mehr noch: Sie verkörpert die pawlowsche Lust der Argentinier, unentwegt «Argentina!, Argentina!» zu schreien (den Heilsruf, auf den unsere Nationalhymne anspielt), ohne so recht zu wissen, ob es die Liebe oder der Schrecken ist, weswegen sie dem Fussball und diesem Land so heillos verfallen sind. Kurz: Dieser Mannschaft ist alles zuzutrauen.

Rodrigo Fresán, 1963 in Buenos Aires geboren, lebt als Schriftsteller in Barcelona. Auf deutsch erschienen ist «Kensington Gardens», ein Roman über J. L. Barrie, den Schöpfer von Peter Pan. 


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