NZZ Folio 01/02 - Thema: Im Spital   Inhaltsverzeichnis

Wie geht es Ihnen heute?

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Arztvisite. Linktext
Herr Blum möchte gern etwas sagen, kann es aber nicht. Herr Fuhrer hat Schmerzen. Frau Illi realisierte erst gar nicht, dass ihre rechte Brust weg war. Frau Huber hat in der Psychotherapie ein Bild gemalt, es geht ihr jetzt besser. Elena schläft. - Auf Arztvisite im Spital Affoltern.

Von Lilli Binzegger

Herr Schatzmann kann heute nach Hause. Zuletzt ist er vier Wochen am Stück hier im Spital Affoltern gewesen, alles in allem waren es drei Monate. Er sitzt angekleidet im Rollstuhl im Zimmer mit den vier Betten, von denen eines unbenutzt ist.

Ein leeres Spitalbett. - Es kann einem schon das Herz stillstehen, wenn man im Spital jemanden besucht, der einem nahesteht, den alten Vater etwa, und man klopft an die dicke Tür, geht hinein, und der Blick fällt als erstes auf ein leeres Bett. Und er dann zum Glück aber nur auf dem Gang oder in ein besseres Bett umgebettet worden ist, in das am Fenster. Man kann sich in Spitalzimmern sozusagen emporarbeiten, wenn einem daran liegt.

Für Herrn Schatzmann ist heute Austrittsvisite, die Spitalcrew verabschiedet sich mit Handschlag von ihm wie von einem Freund. Erst geht man mit ihm aber die Medikamentenliste noch einmal durch. Das Prednison und die Magensäurehemmer kann man ihm von hier mitgeben, das Durogesic-Pflaster muss er sich in der Apotheke beschaffen. Sie dürfen es ihm nicht mitgeben, das Schmerzmittel untersteht dem Betäubungsmittelgesetz.

Herr Steiner im Bett nebenan ist 88 und fast blind. Er ist vor drei Tagen mit entgleisten Blutzuckerwerten eingeliefert worden. Jetzt sitzt er am Bettrand, er kann heute auch heim. Man hat sichergestellt, dass zu Hause jemand zu ihm schauen wird, der Hausarzt weiss über seine Verhältnisse Bescheid. Die Spitex wird ihm jeden Tag eine Insulinspritze setzen. Streng genommen brauchte er zwei, aber man urteilt hier nicht allein nach medizinischen Kriterien. Die Spitex zweimal am Tag würde Herrn Steiner und seine Tochter, die selbst auch nicht mehr ganz gesund ist, belasten, und mit einer erzielt man annähernd dasselbe Resultat.

Herr Schatzmann ist 45 und hat einen metastasierenden Krebs. Eine Metastase hat sich am Rückenmark festgesetzt und ihn teilquerschnittgelähmt. Man entdeckte die Metastase, als man mit einem Computertomogramm ein Schleudertrauma abklären wollte, das er bei einem Autounfall erlitt. Den Primärtumor fand man nicht.

Das Zimmer ist ein Allerweltsspitalzimmer, mit glänzendem Linoleumboden, vier Schränken, einem Tisch für vier, einem Lavabo für vier, einem Schwenktischchen neben jedem Bett. Darauf das typische Stillleben: Thermoskrug, Kleenex, Banane, «Anzeiger», Frigor, Asternsträusschen, mit Variante Mandarine, Petunie, «Blick». Das Spital ist aber kein Allerweltsspital und Herr Schatzmann kein Allerweltspatient, die beiden haben sich nicht gesucht, aber gefunden. Das Spital lebt ohne Pomp dem Grundsatz nach, den Menschen mit Leib und Seele wahrzunehmen, und ein Krebs wie der von Herrn Schatzmann nagt nicht nur am Leib.

Herr Blum im dritten Bett hatte vor einer Woche einen Schlaganfall, dann kam noch eine Lungenentzündung dazu. Der Mann muss sich fühlen wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Ihn würden die Leute, die jetzt um sein Bett herumstehen und über ihn reden, wohl auch einschüchtern, wenn er nicht mit einer Sonde in der Nase, einer Injektionsnadel im Arm und einem Blasenkatheter daläge und sich weder richtig bewegen noch richtig verständlich machen könnte.

Aber der Helfende ist dem Hilfebedürfigen naturgemäss überlegen, das Gefälle lässt sich nicht beseitigen, nur überspielen, so gut es geht. Der Arzt, der heute die Visite leitet, lässt sich von den Schwestern ins Bild setzen, weil Herr Blum selbst ja nicht reden kann. Isst er? Ja, gestern Abend hat er einen Pudding gegessen. Trinkt er genug? Nein. Vermutlich, weil er noch an den Tropf angehängt ist. Weiss er, dass er morgen zur Rehabilitation nach Wald könnte? Ist es ihm recht?

«Ist es Ihnen recht?»

Der Arzt beugt sich zu ihm hinab und legt ihm behutsam die Hand auf den Arm. Herr Blum verzieht das Gesicht. Der Arzt sagt zu ihm: «Probieren Sie, den Arm zu heben.»

Geht.

«Probieren Sie, mit der Hand die Nase zu berühren.»

Geht!

Der Arzt und die Schwestern freuen sich. Herr Blum weint, versucht die Tränen abzuwischen und schafft es nicht ganz. Man nennt das Affekt-Labilität, das Weinen ist pathologisches Weinen. Er hat schon beim ersten Ja, das er nach dem anfänglichen Totalverlust der Sprache herausbrachte, geweint. Man sagt Herrn Blum, damit er sich nicht auch noch wegen der Tränen geniert, dass das zu seiner Krankheit oder besser, zur Genesung gehöre: dass alle in seiner Lage weinen.

Schwester darf man eigentlich nicht mehr sagen. Man muss sagen: Frau Keller, Frau Hugentobler, Frau Meier. Was schade ist, denn mit «Schwester» wäre das Gefälle geringer, beziehungsweise: es gäbe gar keins. Schwester ist auf gleicher Ebene. Frau kann alles sein: unterlegen, gleich, überlegen. Und dann muss man sich zu allem Unglück, das einen ins Spital verschlagen hat, auch noch die Namen merken. «Schwester!» rufen ging gut, «Frau!» rufen geht nicht. Aber natürlich lieber eine liebe Frau als ein Drachen von Schwester.

Herrn Schatzmanns Zimmergenossen kamen und gingen, er selbst blieb. Er war hier während der Zeit der Bestrahlung im Stadtspital Triemli. Weil der Erstaufenthalt in Affoltern war, musste er nicht ins Triemli umziehen, man fuhr ihn jeweils hin. Sein Tumor am Rückenmark hat auf die Bestrahlung so gut angesprochen, dass er jetzt wieder etwas gehen kann. Darum will er auch heim.

Herr Schatzmann war gern hier, den «Fabrikbetrieb» eines Grossspitals «müsste er nicht haben». Hier seien sie kompetent und freundlich, man merke das auch den anderen Patienten an. Man könne jederzeit den Arzt anhauen, und der sage einem die Wahrheit. Herr Schatzmann hat sich auch die Psychotherapie angeschaut, die hier eine kunst- und ausdrucksorientierte ist. Das war nichts für ihn. Und er hat viele Gespräche mit dem Philosophen geführt, der jeweils im Herbst nach Affoltern kommt. Die waren etwas für ihn.

Herr Schatzmann hat auf seinen nächtlichen Ausflügen durch die Spitalgänge einen Securitaswächter auf dessen Rundgang kennengelernt. Der baut in seiner Freizeit Helikoptermodelle, und das will er jetzt auch lernen. Er hat sich hier auch mit einem Harleyfahrer befreundet, Harleyfahren war seine Leidenschaft. Herr Schatzmann ist nach menschlichem Ermessen unheilbar krank. Auf die Frage, was für eine Prognose er habe, antwortet er: «Für mich ist sie gut.»

Wie geht’s Ihnen heute?», fragt auf der Chefvisite der Chefchirurg donnernd. Gleich wird er den armen Mann so auf die Schultern klopfen, dass der ein paar Zentimeter tiefer in der Matratze steckt. Aber er fragt bloss: «Zum Bäumeausreissen?» Der Mann, nun doch nicht so arm, sagt tapfer: «Einen Bonsai vielleicht.» Dem Mann in den sogenannt besten Jahren ist die Gallenblase herausoperiert worden, sein Bauch, in den man gestern an drei Stellen hineingefahren ist, ist noch ganz orange vom Jod. Die Gallensteine ruhen als Trophäen in einem Plasticbehälter auf dem Nachttisch: drei vogeleiergrosse und ein paar zerquetschte.

Chirurgen können sich eine zu zarte Besaitung nicht leisten, auch wenn ein Teil ihrer Arbeit Feinstarbeit ist. Sie sind die Handgreiflichsten unter den Ärzten, sie schneiden, sägen, wühlen, hämmern, und zugleich die Göttergleichsten, der Grad des Ausgeliefertseins und der physischen Verwundbarkeit ist kaum je grösser, als wenn man in tiefer Bewusstlosigkeit unter dem Messer liegt. Und wenn der, der einem in die Gedärme geblickt, das Sprunggelenk neu zusammengesetzt, die Gallenblase herausgeschält hat, einem dann solche Herzhaftigkeit zu überstehen zutraut, so kann die Botschaft nur heissen: Alles gutgegangen, we shall overcome.

Frau Illi stellte vor fünf Wochen in ihrer Brust eine Verhärtung fest und hoffte, es sei nichts Schlimmes. Die Ultraschalluntersuchung ergab nichts Auffälliges, aber man verwies sie sicherheitshalber ans Limmattalspital für eine Mammographie. Die Ärztin dort klatschte das Röntgenbild an die Leuchtwand, liess Frau Illi ohne Umschweife wissen, dass es ein bösartiger Tumor sei, und liess sie allein. Frau Illi fühlte sich, als hätte man sie geschlagen. Ein wenig fühlt sie sich immer noch so. Vor fünf Tagen hat man ihr hier die rechte Brust wegoperiert. Eine Biopsie hatte die ihr so herzlos vor die Füsse geworfene Diagnose bestätigt.

Frau Huber hat ihre Zimmergenossin Rastalöckchen genannt und jene sie Gurkenrädli. Die andere machte sich immer darüber lustig, dass Frau Huber sich so herrichtete und schminkte. Die andere war eher der Typ Hippie. Sie waren das Gegenteil voneinander und haben Nächte über Gott und die Welt redend und rauchend in der Spitalcafeteria verbracht. Rastalöckchen ist letzte Woche gegangen. Frau Huber zeigt auf einem Bild, das sie in der Therapie gemalt hat, was sie hergebracht hat: unten ein dicker, einengender Rahmen, darüber ein gewaltiger Vulkanausbruch. Sie ist zur Krisenintervention hier. Der strenge schwarze Rahmen ist das, was sie an ihrer Entfaltung gehindert hat, den Vulkanausbruch wertet sie als Krise und Befreiung zugleich.

Herrn Fuhrer fragen sie auf der Visite, ob es okay sei, wenn man bei ihm nochmals einen Versuch mache mit Infiltrieren. Der Spezialarzt habe angerufen, er hätte nächste Woche Zeit. Herr Fuhrer sagt, er habe nächste Woche lediglich eine Bergtour und ein Eishockeyturnier vor, ansonsten sei er hier. Der Arzt rät ihm, die Vilan-Spritzen abzusetzen, weil er schon so viele gesehen habe, die von dem intravenös verabreichten Schmerzmittel nur schwer wieder wegkamen. Er solle lieber die Tramal-Dosis erhöhen.

Als Frau Huber sich vor drei Wochen nach dem Eintritt in einem Viererzimmer wiederfand, ging ihr vollends der Laden herunter. Sie hatte sich sowieso gefragt, was sie in einem Spital zu suchen habe, als ihr der Arzt zu einem stationären Aufenthalt riet. Im Spital lagen doch nur Leute mit operiertem Blinddarm oder mit Lungenentzündung. Im Bett nebenan war eine, die ihr Nachtessen schmatzte und schlürfte, im Bett gegenüber eine, die hyperventilierte und schrie. Sie selbst war von einem Assistenzarzt ausgefragt worden und dann nochmals von einer Oberärztin und einem Pfleger. Sie kam sich angestarrt und ausgesetzt vor, wusste nicht, wie ihr geschah. Am andern Morgen stellte Frau Huber fest, dass die Hyperventilierende und die Schnarcherin Frauen waren wie sie und die Ärzte und Pfleger menschliche Menschen.

Vier im Zimmer sind meistens viel weniger schlimm als zwei. Bei vieren kann man sich aus den Gesprächen notfalls heraushalten. Zu zweit ist man in jedem Fall der oder die Angesprochene, wenn der oder die andere etwas sagt. Am einfachsten ist es allein, und auch am wenigsten fremd. Ausser im Schlafwagen auf der Zugsfahrt nach Rom oder Berlin, wo man aber wenigstens eine Vorstellung davon hat, wohin einen die Reise führt, teilt man ja kaum je schlafend mit Fremden den Raum. Der erste Morgen ist ein Schritt hinein in eine neue Normalität, in die des Spitals, in die man sich nach dem ersten Aufbegehren notgedrungen schickt.

Ins Spital zu müssen, ist auch im besten Fall immer mit der Angst vor dem Ungewissen verbunden. Im Spital zu sein, ist meistens von abnehmender Schlimmheit. Im Spital gewesen zu sein, war oft noch ganz schön.

Frau R. und Frau K. finden es im Zweierzimmer aber schöner als allein. Bei beiden hat man gestern Eileiter und Gebärmutter entfernt. Frau K. ist 62, Frau R. ist 57 und war von Pontius bis Pilatus gelaufen, ohne dass man herausfand, was mit ihrem Unterleib nicht in Ordnung war. Bei der Operation zeigte sich, dass sie eine Endometriose hatte. Frau R. hatte diesmal merkwürdig Angst vor der Vollnarkose, bei früheren Operationen hatte sie die Narkose jeweils als besonders schönen Schlaf empfunden. Frau K. wurde in einer Teilnarkose operiert, aber sie hatte ohnehin keine Angst. Sie denkt, der Zeitpunkt des Todes sei sowieso vorbestimmt. Und wenn es hier hätte sein müssen, dann wäre es halt hier gewesen.

Aber für den Moment sind die beiden Frauen noch überaus munter.

Frau R. hat viel Besuch, manchen davon kennt Frau K. auch, sie wohnen beide in Affoltern und hätten einander gut selbst auch kennen können. Ihren eigenen Leuten hat Frau K. gesagt, sie sollten sie lieber dann zu Hause besuchen als hier im Spital.

Es ist ein nicht aus der Welt zu schaffender Irrtum, dass ein Spitalbesuch dem im Spital Liegenden in jedem Fall Freude macht. Dass er ihm Freude machen sollte, verschärft das Problem. Schon die Lieben sind nicht immer leicht zu ertragen, wenn sie in Hut und Mantel am Bett stehen, in dem man im Nachthemd liegt. Hier können die Patienten Besuch abweisen lassen. Aber ob sie sich es auch getrauen?

Frau Huber hatte es eines Morgens nicht mehr zur Arbeit geschafft, sie zitterte vor Angst. Der Arzt gab ihr Medikamente, mit denen ging es wieder ein paar Tage. Die junge Frau hatte sich ein Leben lang in der Kunst der Anpassung und Verstellung geübt und darin eine hohe Fertigkeit erlangt: es merkte ihr keiner was an. Ihr war ohne ersichtlichen Grund elend, das hatte sich in den letzten viereinhalb Jahren ständig verstärkt. Und vor drei Wochen ging schliesslich gar nichts mehr.

Frau Illi hatte wahnsinnig Angst vor der Operation, vor den Spritzen, vor dem ganzen Spital. Sie war ausser für die Geburt ihrer zwei Kinder nie im Spital gewesen, das jüngere, das sie vor drei Monaten zur Grossmutter gemacht hat, hatte sie vor 26 Jahren hier zur Welt gebracht. Man hatte ihr am Abend vor der Operation nochmals die Brust untersucht, Blut genommen, der Narkosearzt war da, die anderen beteiligten Ärztinnen und Ärzte waren da. Man hat viel geredet, ihr auf alle Fragen Antwort gegeben, von denen sie nicht gedacht hätte, dass sie sie einmal haben würde.

Herr Fuhrer ist noch nicht so lange im Spital, wie er noch bleiben wird. Er ist hier zur Schmerztherapie. Und dann würde er gern so weit kommen, nicht mehr nur mit Sarkasmus über die Bergtouren zu reden, die ihm nicht mehr möglich sind, sondern es als Glück zu empfinden, wenn er wieder ein paar Meter gehen kann. Wenn einem der Feind derart am Leib klebt wie der Schmerz an Herrn Fuhrer, dann hat man wohl keine andere Wahl. Er hat in der Psychotherapie seine Wirbelsäule gemalt - sein Rückgrat, das ihn im Stich gelassen hat - und sie mit einem Herzen verziert.

Elena ist vor zehn Stunden zur Welt gekommen und liegt wie ein Fröschchen auf dem Bauch der Mutter. Vielleicht sehnt sie sich in diesen zurück. Bäuchlein auf Bauch liegen sie da, Elena schläft tief und erschöpft, Elenas Mutter geniesst in der Stille des Nachmittags ihr neues Kind, das sie neun Monate im Leib getragen und am frühen Morgen geboren hat. Sicher ist das Gefühl von Zweisamkeit und Zusammengehörigkeit nie grösser als wenn in physischem Sinn durch die Geburt beides gerade aufgehoben worden ist.

Da glaubst du, du seist am Sterben, sagt Elenas Mutter. Und dann ist das Kind da, und du hast es in den Armen, und alles andere ist weg.

Der Spitalgynäkologe mag das Wort «Notwendigkeit». Eine Geburt ist nichts an sich Pathologisches, man greift an diesem Spital ein, wenn es Not abzuwenden gilt. Ist ein Schreien nun eine individuelle oder kulturelle Eigenheit oder eben Ausdruck von Not? Beruht Angst vor der Geburt auf Unwissenheit oder auf einer traumatischen ersten Geburt? Oder auf einem traumatischen früheren Erlebnis? Man macht hier ohne Not keinen Kaiserschnitt, aber ein Trauma wäre dann ein gleich guter Grund wie ein medizinisches Problem. Der Schmerz entblösst eine Frau bei der Geburt auch im übertragenen Sinn.

Die Hebamme sagt, der Schmerz äussere sich nicht in allen Kulturen gleich. Frauen aus Osteuropa und aus dem Süden würden leichter schreien als einheimische, aber durch alle Kulturen nehme die Schmerzbereitschaft ab. Die Hebamme erzählt, wie eine Frau bei jeder Wehe geschrien habe und sie das für Panik hielt, und dann stellte sich heraus, dass die Frau das für sich als Methode entwickelt hatte, sie war eine Theaterpädagogin. Und wie sie letzthin einen Mann aus dem Kosovo fast genötigt hat, bei der Geburt seines Kindes dabei zu sein, und wie glücklich er darüber hinterher war.

Erst realisierte Frau Illi gar nicht richtig, dass ihre rechte Brust weg war, als sie um halb drei in ihrem Zimmer erwachte, an Schläuche für alle möglichen Zufuhren und Ableitungen angehängt. Um fünf hatte sie Hunger und bekam ein Joghurt. Um sechs gab es Nachtessen, Café complet. Jetzt sah sie die beiden anderen Frauen vom Morgen wieder. Die eine war an der Hüfte operiert, die andere hatte psychische Probleme. Frau Illis Mann hatte sie um viertel nach zehn hergebracht, um viertel vor zwölf brachte man sie in den OP.

Es ging alles so schnell, sagt sie, man kann das gar nicht so schnell verschaffen. Sie hat im Spital, sie weiss nicht, wieso, die Kinderbücher ihrer Kinder wiedergelesen, Globi im Schlaraffenland.

Frau Huber bekam nach zwei Tagen ein schlechtes Gewissen, als sie das Personal herumrennen und sich selbst untätig herumsitzen sah. Sie fürchtete, sie nehme jemandem das Bett weg, der es nötiger habe als sie.

Dass sie malen und nicht Musik machen oder modellieren würde, um zu ergründen, was ihr nicht zugänglich war, und um auszudrücken, was sie nicht aussprechen konnte, wurde ihr im ersten Gespräch mit der Therapeutin klar. Frau Huber hat nach dem beklemmenden ersten Bild noch andere Bilder gemalt, sie malte bald auch im Zimmer und erinnerte sich plötzlich, dass sie als Kind immer gern gemalt hatte, und merkte, dass sie es immer noch gut konnte. In der Therapie nahm man bei jedem weiteren Bild das Ausgangsbild zum Massstab für ihre Entwicklung. Es geht ihr jetzt sehr viel besser. Die Aussicht, nach Hause zurückzukehren und später auch wieder arbeiten zu gehen, lässt ihr aber noch das Herz schneller schlagen.

Zwischen heute und dem Tag, als Herr Fuhrer, der durchtrainierte 46-jährige Mann, nach einer Sonntagswanderung im Gebiet um den Ägerisee heftigen Muskelkater hatte, liegen 15 Monate und vier Rückenoperationen. In der ersten Operation kürzte man ihm Wirbeldorne, mit der zweiten behob man eine Wundkomplikation, in der dritten wurde der dritte Lendenwirbel mit dem vierten verschraubt und in der vierten der vierte mit dem fünften.

Herr Fuhrer kam vor einer Woche in einer tiefen Krise hierher. Es war alles immer nur schlimmer geworden. Erst hatte er vor Schmerz nicht mehr gehen, dann nicht mehr sitzen und schliesslich auch nicht mehr liegen können; es gab keine Position mehr ohne Schmerz. Infiltriert hatte man ihn schon mehrmals: Injektionen direkt an die Nerven zwischen Steissbein und fünften Lendenwirbel gesetzt. Für kurze Zeit ging es besser, danach sind die Schmerzen ins Unermessliche gestiegen.

Elenas Mutter bleibt gern die vier, fünf Tage, die die Krankenkasse bei einer Geburt übernimmt, im Spital. Sie geniesst es, alles tun zu können und nichts tun zu müssen. Zu Hause schauen ihr Mann und eine Tagesmutter zu den beiden grösseren Kindern. Sie war nachts um zwei mit ihrem Mann hergekommen, um vier war Elena da.

Einen Bubennamen hatten die beiden nicht auf sicher, Carlo vielleicht. Einen Bub hätten sie sich erst noch genau angucken und dann schauen müssen, was passt. Elena hatte sofort gepasst.

Lilli Binzegger ist Redaktorin bei NZZ Folio.

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