NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Der alte Mann und Ecstasy

Sascha Shulgin gab der Technogeneration ihre Droge.

Von Stefan Klein

Alexander Shulgin war sieben, da erprobte er zum ersten Mal kuriose Substanzen. Jemand hatte ihm einen Laborkasten geschenkt, mit Schwefelsäure und Natriumbikarbonat darin. Schon bald begann sich Sascha, wie sie ihn nannten, mit dem Kinderspielzeug zu langweilen. So fing er an, beim Krämer und in Garagen verschiedene Pulver zusammenzuklauben und auch mit diesen zu kochen. Es zischte und stank, Flammen änderten ihre Farbe. «Und die Reagenzien verwandelten sich in wunderbare neue Produkte.»

Heute ist er 74, und sein Labor sieht noch immer aus, als wäre ein Alchimist hier zugange. Es ist in einem Wellblechschuppen auf seiner Farm untergebracht; dass die Winter hier auf den Hügeln über San Francisco eiskalt werden, ist ihm gerade recht. «Die Chemikalien halten so länger», sagt Shulgin, der mit wildem weissem Haar, Bart und Hawaiihemd auftritt wie eine Mischung aus Späthippie, Zauberer und genialem Forscher.

Wenn er friert, zündet er sich in einer Ecke des Schuppens ein Feuer an. Die Flammen werfen dann ihren Schein auf das Durcheinander von Leitungen, Destillationsspiralen und Erlenmeyerkolben, die an rostigen Stangen hängen. Es gibt ein paar tausend Glasfläschchen mit Reagenzien darin, Feinwaagen, Vakuumpumpen, Spinnweben und eine Voodoo-Puppe. «Jedes gute Labor sollte eine haben», sagt Shulgin.

Kein heutiger Chemiker brachte in einer so primitiven Umgebung auch nur annähernd so viel zuwege wie er. In 150 Veröffentlichungen, 20 Patenten und drei Büchern hat er seine Synthesen beschrieben. Die bekannteste heisst 3,4-Methylendioxy-N-methlyamphetamin, MDMA oder Ecstasy - die Partydroge einer ganzen Generation.

Ecstasy ist Shulgins Lieblingsdroge - und steht im Verdacht, auf Dauer die Gehirne seiner Benutzer zu zerstören. Doch Shulgin glaubt unbeirrt, dass Ecstasy für die Menschheit ein Segen sein kann. So ist seine Geschichte auch die eines Mannes, der versucht, den Ruf seines schwierigen Kindes zu retten.

Ecstasy allerdings ist nur eines von vielen bewusstseinsverändernden Mitteln aus seinem Schuppen: Shulgin gilt als eine Kapazität auf dem Gebiet der künstlichen Psychedelika. Er hat fast die Hälfte aller heute bekannten Designerdrogen erfunden - weit über hundert verschiedene Stoffe.

Seine Virtuosität im Labor verdankt er einer seltenen Gabe: Shulgin kann vor seinem inneren Auge chemische Strukturen heraufbeschwören, sie von allen Seiten betrachten und mit ihnen jonglieren wie ein guter Artist mit seinen Keulen. Er berechnet nicht, sondern er sieht, wie sich komplizierte Moleküle verwandeln, wie Reaktionspartner zueinander passen, als wären sie Schlüssel und Schloss. «Chemie bereitet mir so viel Vergnügen wie anderen Menschen Sex oder Musik.»

Schon 1960 begann Shulgin, Sohn russischer Einwanderer, mit Drogen zu experimentieren: Er synthetisierte Meskalin, ein altes Rauschmittel der Indianer, das Halluzinationen hervorruft. Damals hatte er gerade an der Universität Berkeley in Chemie promoviert, war in einem Chemiekonzern angestellt und hatte in den Labors freie Hand, weil er soeben ein profitables Insektenvernichtungsmittel erfunden hatte.

Das räumliche Vorstellungsvermögen, dem Shulgin seine Narrenfreiheit verdankte, mag ausserordentlich sein; doch wer ein besonderes Talent hat, bezahlt oft dafür. Nur mit Mühe kann Shulgin Gesichter wiedererkennen oder Gelb und Blau auseinanderhalten. Selbst seine Träume erlebt er in Schwarzweiss.

«Erst Meskalin hat mich Sehen gelehrt», sagt er. «Plötzlich erkannte ich die Dinge mit einer nie dagewesenen Schärfe. Ich nahm eine ganze Welt im Kopf einer Biene wahr! Vor allem aber hat mir die Droge die Welt der Farben eröffnet - als hätte sie ein Tor zu verschütteten Fähigkeiten meines Gehirns aufgerissen. Wo vorher nur ein paar Schattierungen waren, sah ich nun Spektren aus tausend verschiedenen Tönen.»

Chemisch gehört Meskalin wie Ecstasy zu den Phenethylaminen. Die andere grosse Familie der psychedelischen Stoffe sind die Tryptamine wie LSD. Shulgin nahm sich die damals bekannten Vertreter dieser beiden Klassen vor und wandelte sie ab zu immer neuen chemischen Formen. So hangelte er sich in einen ganzen Kosmos neuer Drogen vor. Er fand Mittel, die den wahrgenommenen Klang von Tönen verändern, und solche, die die Zeit scheinbar stillstehen lassen. Andere seiner Kreationen wirbeln den Strom der Gedanken durcheinander oder verschaffen dem, der sie nimmt, Orgasmen von geradezu furchterregender Intensität.

Drogen sind für ihn Fenster zum menschlichen Geist. Er hofft, Forscher würden die natürliche Biochemie im Kopf besser verstehen lernen, wenn sie sehen, wie der Organismus auf die fremden Substanzen reagiert. Obendrein könne der Benutzer unter Psychedelika seine eigene Seele durchwandern. «Wer auf dem Trip ist, sieht Engel und Teufel», sagt er. «In Wahrheit aber begegnet er nur immer wieder sich selbst.»

Was immer Shulgin schuf, schluckte er selber als Erster. Viele der neuen Stoffe wirkten gar nicht oder machten ihn einfach nur schläfrig. Manche waren beunruhigend: «Die Tapeten kamen mir entgegen und schüttelten mir die Hände.» Und ein paar Mal brachte er sich mit seinen Experimenten an den Rand eines epileptischen Anfalls. «Aber die widerwärtigsten Trips können die wertvollsten sein», sagt Shulgin. «man lernt am meisten aus ihnen.»

Nachdem er ein neues Mittel an sich ausprobiert hat, lädt er einen Kreis von zwölf Freunden auf die Farm ein, um zu sehen, wie es auf andere wirkt. Er gibt seinen Gästen eine winzige Dosis, und wenn sie gut darauf reagieren, immer mehr. «Wie wenn eine Kompanie Soldaten in einem fremden Land zum ersten Mal eine Brücke betritt», sagt Shulgin. «Sobald einer ungute Schwingungen spürt, macht der ganze Trupp Halt.» Einmal gab er eine komplette Gruppe neuer Drogen auf, weil die Freunde zu unterschiedlich darauf reagierten.

Die Psychedelika, die Shulgin entwickelt, haben eines gemeinsam: Sie machen körperlich gar nicht und seelisch kaum süchtig. Zwar hat er auch Heroin und Kokain ausprobiert, doch diese Mittel widern ihn an. «Das sind Drogen, die nur der Flucht aus der Wirklichkeit dienen», sagt er. «Sie erlauben keine Einsicht. Kokain bringt einen nur in einen seltsam verlogenen Machtrausch.»

Der Grund dafür ist, dass Psychedelika anders wirken als die Rauschmittel Alkohol, Nikotin, Heroin und Kokain. Die gewohnten Drogen verändern vor allem die Menge freien Dopamins im Gehirn, eines körpereigenen Botenstoffs, der Lustgefühle auslöst und das Selbstvertrauen steigert, vor allem aber Verlangen nach immer mehr von der Droge weckt. Psychedelika hingegen beeinflussen vor allem den Kreislauf des Hormons Serotonin, welches Stimmungen, Angst, Sexualität, Aggression und auch die Körpertemperatur regelt. Wenn der Serotoninspiegel steigt, kann sich dies angenehm anfühlen. Aber genauso, wie ein heisses Bad angenehm ist, ohne süchtig zu machen, erzeugen Psychedelika keine unüberwindliche Gier nach der Droge.

Solch feine Unterschiede macht die Polizei in Amerika nicht, denn die Regierung hat den Drogen ausnahmslos den Krieg erklärt. Aber Shulgin hat sich mit den Behörden längst arrangiert. Seit er im Jahr 1966 seinen Job kündigte, sein Labor ganz in den Wellblechschuppen verlegte und sein Geld fortan mit Beraterverträgen verdiente, lebt er mit der Washingtoner Drug Enforcement Administration (DEA) in Symbiose: Er braucht sie, damit sie sein Tun tolerieren. Und sie brauchen ihn, weil er mehr über synthetische Drogen weiss als irgendwer sonst. In seinem Schuppen macht Shulgin für die DEA Analysen. Vor Gericht tritt er als Gutachter auf. Ein von ihm verfasstes Fachbuch über die amerikanischen Drogengesetze liegt als Klassiker auf den Schreibtischen der Beamten. Als Shulgin in den achtziger Jahren seine heutige Frau Ann heiratete, flog sogar ein bei der DEA angestellter Laienprediger ein, um die Ehe zu schliessen. Heute ist Ann, Psychotherapeutin und Schriftstellerin, Shulgins engste Kollegin bei seinen Drogenerkundungen.

Nur alle paar Jahre geraten das Paar und die Obrigkeit aneinander - wenn unten im Tal ein neuer Sheriff eingesetzt wird, der noch nicht vom Pakt mit der DEA weiss. Dann umstellen Beamte die Farm, setzen den 74-Jährigen und seine Frau fest und drohen, mit einem Bulldozer das Labor niederzuwalzen. Damit sich die Besucher in Uniform das gut überlegen, hat Shulgin an der Tür seiner Baracke ein gelbes Schild angeschraubt: «Radioaktiv».

Einmal aber hätte der alte Rebell doch fast den Mut verloren - als die DEA im Jahr 1986 das bis dahin legale MDMA alias Ecstasy verbot. Damals traten die ersten Wissenschafter an die Öffentlichkeit mit der Behauptung, dass MDMA schwere und nicht reparable Schäden im Nervensystem anrichten könne. Shulgin selbst ist vom Verbot nicht betroffen, er darf nach wie vor tun, was er will. Aber seine Enttäuschung daüber war gross.

Dabei hat Shulgin Ecstasy genaugenommen gar nicht erfunden, sondern nur wiederentdeckt: Schon 1912 hatte der deutsche Pharmakonzern Merck MDMA als Appetitzügler entwickelt, die Droge aber wegen «eigenartiger Nebenwirkungen» nie in die Apotheken gebracht. So begann der Siegeszug der Substanz erst, als Shulgin bei seinen Forschungen 1963 die alten Rezepte ausgrub.

«Erst kam es mir vor, als sei nichts geschehen», beschreibt er eine seiner ersten Erfahrungen mit dieser Substanz. «Ich hatte keine Halluzinationen, nur etwas Unruhe in den Fingern, sonst nichts. Aber etwas hatte sich doch verändert. Ich fühlte mich leicht, glücklich, und von unglaublicher Stärke beflügelt - wie in einer besseren Existenz. Mir war, als sei ich nicht nur ein Bürger der Erde, sondern im ganzen Universum zu Hause.»

Weil MDMA ausserdem die Angst vor unangenehmen Wahrheiten mildert, hält Shulgin diese Pille wie gemacht für die Unterstützung einer Psychotherapie: «Ein Penicillin für die Seele.» In der Schweiz wurde MDMA von 1988 bis 1993 als Medikament für psychisch Kranke erprobt; die Versuche wurden beendet, weil das Risiko nach Meinung der Ärzte in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen stand. Nur an zwei Kliniken in Madrid und Los Angeles bekommen derzeit noch einige wenige Patienten dieses Mittel.

Statt die Welt von Neurosen zu heilen, wurde MDMA zum Aufputschmittel der Raver - und von einem klugen Dealer in Ecstasy umbenannt. Shulgin findet das in Ordnung. «Ich sehe junge Leute lieber Ecstasy schlucken als Alkohol», sagt er. Denn seine Droge mache weder abhängig noch aggressiv, sondern einfach nur glücklich. «Sie erzeugt ein warmes Gefühl der Gemeinschaft unter Tanzenden, die sich nie vorher gesehen haben.»

Fragwürdig ist für ihn nicht, wer auf Partys Pillen schluckt, sondern wer sich über solchen Konsum wundert. Schliesslich bilden Tanz und Drogen die ältesten Rituale der Menschheit. «Die Gesellschaft stört sich daran, weil Glückseligkeit ihr ein unheimlicher Zustand geworden ist.»

Inzwischen haben sich knapp zwei Handvoll Halbwüchsige unter Ecstasy zu Tode getanzt. In wilder Bewegung haben sie ihre Körper auf 42 Grad und mehr überhitzt, bis ihre Herzen versagten - MDMA beeinträchtigt die Regelung der Körpertemperatur. Aber solche Tragödien sprechen für Shulgin nicht gegen den Gebrauch der Droge an sich: «Wer bewusstseinsverändernde Mittel einnimmt, muss auch damit umzugehen wissen.» Auch sei das auf der Strasse verkaufte Ecstasy häufig unrein.

Schwer allerdings wiegt die Befürchtung, dass MDMA die Neuronen im Gehirn angreifen kann. Zielgenau wie kaum eine andere Substanz setzt diese Droge den Botenstoff Serotonin frei und überschwemmt das Hirn förmlich damit: daher die guten Gefühle. Doch offenbar werden beim wiederholten Gebrauch genau jene Ausläufer der Nervenzellen beschädigt, über die Serotonin natürlicherweise den Informationsfluss im Kopf steuert. Wenn diese Theorie zutrifft, würden die heute fröhlichen Raver Jahre später in Depressionen verfallen.

Nachgewiesen sind diese Schäden nur an Ratten und Affen; in menschlichen Hirnen fanden die Forscher bislang nur Indizien. Doch dieser Verdacht liefert nach Shulgins Ansicht noch keinen Grund, von Ecstasy-Pillen die Finger zu lassen. Für ihn ist der Angeklagte bis zum endgültigen Beweis des Gegenteils unschuldig. «Zeigt mir die Daten!», sagt er.

Im Übrigen findet er, es gehöre nicht zu den Aufgaben des Staates, die Bürger vor Drogen zu schützen. Die Behörden müssten über die möglichen Folgen zwar aufklären; die Entscheidung aber treffe dann jeder selbst. «Was ich mit meinem Körper mache, geht niemanden etwas an», findet er. «Bei Zigaretten fragt doch auch keiner danach.» Nur Drogenverkauf an Kinder sei zu verbieten.

Sich dem Rausch hingeben zu dürfen, ist für Shulgin ein Menschenrecht. Psychedelika bereichern nach seiner Ansicht das Leben - selbst wenn viele der Geisteszustände, die er beschreibt, sich auf anderen Wegen ebenso erreichen lassen. «Natürlich können auch Meditation oder Hypnose grosse Wachheit und überscharfe Wahrnehmung bewirken», sagt er. «Aber weil ich singen kann, höre ich doch nicht auf, Schallplatten zu hören.»

Seinen Kreuzzug für Ecstasy hat Shulgin verloren. Doch damit keine Behörde der Welt mehr das Wissen auslöschen kann, das er sich in vierzig Jahren Laborarbeit erwarb, hat er all seine Rezepte öffentlich gemacht. Zum Entsetzen der Washingtoner Drogenaufsicht hat er auf seiner Farm einen kleinen Verlag gegründet und Bücher herausgebracht, die in der Szene Bestseller sind. Bislang sind zwei Bände bei ihm zu bestellen, so mächtig wie Telefonbücher. «Eine chemische Liebesgeschichte» heisst dieses Werk von insgesamt fast zweitausend Seiten, in dem nicht nur Alexander Shulgin sein Leben, seine Synthesen und seine Liebe zu den Drogen beschreibt, sondern obendrein Ann von ihrer Liebe zu Alexander erzählt.

Der dritte Band ist gerade in Arbeit. Die beiden grossen chemischen Stoffklassen der Designerdrogen, die Phenethylamine und die Tryptamine, mit denen er bisher arbeitete, hat Shulgin zwar abgegrast und ihre Wirkstoffe ausführlich beschrieben. Er glaubt, nur noch Detailarbeit sei hier zu leisten, und Kleinkram ist nicht sein Fall. Aber er hat sich einer neuen Betätigung zugewandt: Kakteen. Unter den Pinien und Kirschbäumen seiner Farm gedeihen Hunderte der dornigen Pflanzen. Einige erinnern an blassgrüne Säulen, Schwämme oder Maiskolben. Andere sehen einander so ähnlich, dass Shulgin sie nur an der Form ihre Stacheln unterscheiden kann. Aus all diesen Gewächsen haben die Indianer Nord- und Südamerikas seit alters Drogen gewonnen. Vielen seiner Kakteen hat Shulgin die Köpfe gekappt, denn er braucht mehrere Kilo Pflanzengewebe, um es zu pulverisieren und daraus ein paar Gramm Wirkstoff zu extrahieren.

Auf diese Weise, so hofft er, wird er noch einmal ein ganz neues Reich von psychedelischen Wirkstoffen erobern. Auf 500 Seiten ist sein Katalog von Inhaltsstoffen, die er in Kakteen gefunden hat, schon gewachsen. Zahllose dieser Substanzen könnten der Ausgangspunkt für neue Psychedelika sein.

«So viele Drogen», seufzt der alternde Forscher, «und so wenig Zeit.»

Stefan Klein ist Wissenschaftsjournalist in Hamburg.


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