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Editorial -- An einem Sommertag in Zürich
© Brian David Stevens/Corbis
Von Anja Jardine
Eine junge Frau geht zum Joggen ins Stadion. Als sie das Gelände betritt, stellt sich ihr unvermittelt ein Mann in den Weg, fragt in anzüglichem Ton: «Aber hallo! Was trainierst du denn?» – «Das geht dich gar nichts an», entfährt es der Frau schroff, sie hat sich erschrocken. «Oh, da hält sich jemand für was Besseres!» ruft der Mann, nun unverhohlen aggressiv. Es ist fünf Uhr nachmittags, nur ein paar Jugendliche spielen Basketball. Als sie die Sportschuhe schnürt, hört sie: «O ja, diesen Arsch will ich laufen sehen!» Der Mann lehnt in etwa 20 Metern Entfernung am Zaun und grölt Obszönitäten: «Was bildet ihr euch ein!», «Scheissarrogante Ziegen!» Meint er die Frauen an sich? Oder die Frauen hier im Westen? Jedenfalls stammt der Mann aus einem anderen Kulturkreis, und unüberhörbar klingt eine Kränkung aus seinen Schmähungen heraus.
Der Himmel hat sich mittlerweile verdunkelt, kündigt ein Gewitter an; die Basketballspieler sind verschwunden, niemand mehr zu sehen. Nur er. Und plötzlich ist sie da, die Angst. – Was tun? Die Polizei rufen? Ist das nicht übertrieben? Abhauen? Und wenn er ihr folgt? Ausserdem: Sie meidet schon den Wald, Bahnhöfe zu später Stunde, dunkle Plätze – nun auch noch das Stadion?
Gefahren einzuschätzen, auf Ängste angemessen zu reagieren, ist ein Balanceakt. Im Einzelfall genauso wie bei kollektiven Ängsten. Seit in London mehrere Jugendliche ermordet wurden, schicken einige Eltern ihre Kinder in kiloschweren Sicherheitswesten zur Schule. Als sich im Mai in Heiligendamm die G-8-Regierungschefs trafen, waren 16 000 Polizisten im Einsatz.
Nach der nächsten Runde steht eine Frau neben dem Mann – die zwei scheinen sich zu kennen, die Läuferin ist erleichtert; sie überlegt, diese Frau anzusprechen, sie um den Namen des Mannes zu bitten, ihn herauszulösen aus der Anonymität. Nichts anderes, so sagen die Politiker der inneren Sicherheit, ist die Funktion der überall aus Gebäudeecken spriessenden Viedeokameras, der entstehenden Rundum-Überwachung. Identifikation als Abschreckung?
Einige Minuten später sind der Mann und die Frau gegangen, die Läuferin ist allein im Stadion. Vielleicht, denkt sie, hätte es gar nicht viel gebraucht, und die Begegnung wäre anders verlaufen. Nur ein bisschen mehr Respekt.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
Leserbriefe:
Zu Editorial -- An einem Sommertag in Zürich - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Und was sagte der Philosoph zum Thema „Sicherheit“? Auf die Frage, wohin er jetzt denn umziehe, antwortet er: „ In ein 1000 m tiefes Bergewerk.“ „Ja aber warum denn das, das ist ja unheimlich?“ „Schon - aber sicher!“ „Vor wem?“ „Vor Meteorsteinen.“ „ Aber die sind doch ganz selten.“ „Schon, aber mir geht die Sicherheit über die Seltenheit.“ Der genaue Text ist zu finden bei Karl Valentin: Hausverkauf. Andreas Loebner, Herrenschwanden
Zu Editorial -- An einem Sommertag in Zürich - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Das NZZ Folio, das ich seit dessen Bestehen lese, ist zumeist sehr gut bis ausgezeichnet. Komplimente. Die letzte Ausgabe hat mich aber doch etwas enttäuscht. Das Thema Sicherheit wurde allzu einseitig aus der Optik angeblich rechtsstaatsfeindlicher staatlicher Sicherheitsmassnahmen abgehandelt. Zu stark empfand ich die thematische Ausrichtung auf deutsche Verhältnisse. Das schwerische NZZ Folio darf sich doch nicht auf das Niveau deutscher Skandal-Illustrierten hinunterbegeben. R. Burkhard, Bern
Zu Editorial -- An einem Sommertag in Zürich - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Schon immer ein interessiertes leser des folios, ist es mir nach dieser neuesten nummer ein grosses bedürfnis, ihnen für dieses grossartige heft zum schwierigen thema "sicherheit" zu gratulieren. Eine wie immer gut gelungene auswahl an blickwinkeln relativiert und erklärt doch so manches - scheinbar - unerklärliche. Ihre unaufgeregte haltung zum thema hat mir auch viel bestätigung (und somit sicherheit...) geliefert, die in diesen zeiten der omnipräsenten "sicherheitsdiskussion" nur noch schwer aufrecht zu halten ist. Danke! Dominik Siegmann, Winterthur
Zu Editorial -- An einem Sommertag in Zürich - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Fein, wie selbst hier beim "Weiterempfehlen" eines Artikels der Absender und der Empfänger erfasst werden .... Ist hier auch schon die "Gesinnungsüberwachung" am Werk? Florian Krekel, per E-Mail
Zu Editorial -- An einem Sommertag in Zürich - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Tolles Heft über die Sicherheit! Breit gefächert, wie es das Folio so überzeugend versteht. Da ist der Beitrag über die innere Sicherheit ebenso anregend wie die Statements der verschiedensten Menschen über ihr Sicherheitsbedürfnis. Und den Beitrag über den Verkehrsplaner, der die Verbotsschilder abmontiert, sollte man sich auch in der Schweiz hinter die Ohren schreiben! Peter Neuhaus, per Email
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