NZZ Folio 06/96 - Thema: Vom Reisen   Inhaltsverzeichnis

Zu Gast im Hotel Armut

Unterwegs in Afrika - ein Reporterleben.

Von Ryszard Kapuscinski

EIN REPORTER, der über andere Menschen schreiben will, muss zu diesen gehen, unter ihnen leben, ihre Freuden und Sorgen teilen. Seine Reisen sind anders als die Expeditionen von Wissenschaftern. Diese reisen in grossen Gruppen, in denen sie geschlossen leben, mit eigenen Transportmitteln, eigenen Zelten, eigener Küche, eigenen Ärzten und Führern. Auch sie treffen mit fremden Menschen zusammen, erforschen deren Sitten und Kulturen, aber gleichzeitig stehen sie mit dem anderen Bein in der Welt ihrer Karawane, mit der sie die Reise unternehmen und die sie nie wirklich verlassen. Die Arbeit des Reporters ist anders. Er muss - zumindest für einige Zeit - die Verbindung zu der Welt abbrechen, aus der er kommt, um besser in die Realität, die ihm begegnet, eintauchen und tiefer und gründlicher ihre Rätsel und Geheimnisse, Labyrinthe und Winkel entdecken zu können. Der Reporter ist ein Einzelgänger, er reist allein, angewiesen auf die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft von Menschen, denen er zufällig unterwegs begegnet. Doch wenn sie ihn einladen, unter ihrem Dach zu wohnen oder sich mit ihnen zur gemeinsamen Schüssel zu setzen, fällt es ihm um so leichter, etwas über ihr tägliches Leben zu erfahren, über ihre Freuden und Sorgen.

DAS WICHTIGSTE ist also zunächst - das Haus. In Afrika ist es, ähnlich wie in der übrigen Welt, der zentrale Punkt der menschlichen Existenz; ein Mensch ohne Haus ist degradiert, lebt ausserhalb der Gesellschaft. Sogar Obdachlose sind bemüht, sich ein Ersatzhaus zu schaffen - am Bahnhof, in leeren Schachteln, in einem alten Autowrack. In jeder afrikanischen Stadt gibt es ganze Viertel solcher Pseudohäuser, in denen Millionen von Menschen wohnen. Die Dauerhaftigkeit dieser seltsamen, elenden Behausungen ist unterschiedlich. Am schlimmsten ist es während der Regenzeit. Ein mächtiger, plötzlicher tropischer Regenguss ist imstande, unter Donnerschlägen und dem Getöse herabstürzender Wassermassen ganze Strassen, ganze Slumsiedlungen zu zerstören und wegzuschwemmen. Wenn der Regen aufhört und das Wasser im Boden versickert, beginnen die Menschen langsam und mühselig wieder damit, ihre erbärmlichen Hütten aufzubauen aus den Materialien, die ihnen geblieben sind - Abfälle von Sperrholz und Blech, Pappschachteln, Fetzen von Plasticplanen.

Das provisorischste und baufälligste Viertel habe ich in Dakar gesehen, im Ostteil der Stadt. Dort läuft die Bahnlinie durch, die Dakar mit der Hauptstadt von Mali, Bamako, verbindet. Auf beiden Seiten dieser Strecke liegt das Viertel aus Hütten und Buden, in denen Tausende von Menschen wohnen, die Trockenheit und Hunger aus den umliegenden Gebieten hierher getrieben haben. Wenn der Zug in unbeschreiblichen Wolken von Staub und Dreck (ringsum ist Sandwüste) vorbeibraust, fegt sein Fahrtwind die ganze aus Hütten und Buden bestehende Siedlung nieder. Der Zug verschwindet, der Staub legt sich, und das Viertel wird wieder aufgebaut, für einen Tag, und wird gleich wieder zerstört, und wächst neuerlich aus dem Staub, nach Durchfahrt des nächsten Zuges, nach einigen Stunden - nur für den kommenden Tag.

Obwohl man meinen könnte, diese Hütten seien so ärmlich und billig, dass jeder ohne Mühe zahllose davon hinstellen könnte, ist das Gegenteil wahr. Für die Menschen in diesen Vierteln stellt sogar die erbärmlichste Slumbude ein Vermögen dar, und ausserdem mangelt es an Boden, auf dem man sie bauen könnte, weil die lokalen Behörden meist nur wenig Platz dafür zuteilen. Vor kurzem erzählte mir ein Professor der Universität Witwatersrand in Südafrika, er habe festgestellt, dass seine Studenten aus den ärmeren Vierteln von Pretoria während der Seminare regelmässig einnickten. Er fand bald heraus, warum: In ihren Hütten ist so wenig Platz, dass die Bewohner in Schichten schlafen müssen. Ein Teil der Familie schläft am Abend, dann machen sie jenen Platz, die in der ersten Hälfte der Nacht schlafen, und die wiederum überlassen ihren Platz jenen, die in der zweiten Nachthälfte an der Reihe sind. Ich schreibe nicht, dass sie ihnen ihre Betten überlassen, weil es dort keine Betten gibt. Am Ende sind alle unausgeschlafen, übermüdet, abgestumpft.

DIE NOMADEN transportieren ihre Häuser auf Kamelen. So machen sie sich auf die Suche nach Weidegründen. Vor allem zur Zeit der Trockenheit sind die Wanderungen lang und beschwerlich - es gibt nur wenige Weiden, die Brunnen sind ausgetrocknet, es mangelt an Wasser. Wenn sie einen Weideplatz finden, lagern sie. Sie schlagen ihre Hauszelte auf, die sie auf dem Rücken der Tragtiere mitgeführt haben. Das Haus wird von den Frauen aufgebaut, während die Männer in der Zwischenzeit die Rinder weiden oder auf die Jagd gehen. Diese Häuser sind solide Konstruktionen von halbkugelförmiger Gestalt, mit dicken Filzwänden, die vor der Mittagshitze und den Staubwolken schützen, die die Wüstenstürme mit sich bringen.

Die Nomaden schleppen ihre Häuser nicht nur auf der Suche nach neuen Weidegründen von Ort zu Ort, manchmal suchen sie einfach Sicherheit. Um die Städte und Städtchen in Somalia leuchten am Abend Kränze von Lichtern auf. Das sind Nomaden, die sich in der Dämmerung unter die Schwingen der Städte flüchten, in der Hoffnung, dort Schutz vor den Überfällen der Räuberbanden zu finden, die sich in den weiten Steppen herumtreiben, im tiefen Inneren des Landes. Die Nomaden suchen daher in der Nacht die Nähe der Städte, entzünden dort ihre Feuer, machen mit Kienspänen oder Öllampen Licht.

EIN HAUS IM DORF, das ist für gewöhnlich eine Lehmhütte. Zuerst wird eine einfache Konstruktion aus Stangen errichtet, und diese Konstruktion wird dann mit Lehm, vermischt mit Kuhdung, verkleidet - der Kuhdung ist klebrig und fett, ohne ihn würde der Lehm rasch Risse bekommen und in Stücke zerfallen. Ein gewöhnliches Haus besitzt keine Türe und keine Fenster, nur Öffnungen, die so angelegt sind, dass sie möglichst viel Zugluft einlassen.

Es gibt keine Fussböden und nur ganz selten Betten. Der Boden besteht aus steinhart gestampftem Lehm, und als Bett dient meist eine geflochtene Matte. Für jemanden, der es nicht gewohnt ist, unter solchen Bedingungen zu schlafen, ist das eine Tortur. In der Kammer schlafen alle nebeneinander, oft dicht aneinandergedrängt, weil die Nächte kalt sind. Man schläft in den Kleidern, die man tagsüber trägt - für gewöhnlich nennt jeder nur ein einziges Hemd sein eigen. Weil der Boden hart und uneben ist, schmerzen alle Knochen, der ganze Körper. Zu allem Überfluss wird man noch von Moskitos geplagt und von Durst, aber es gibt nichts zu trinken. Man kann sich nicht umdrehen, so eng ist es. Man wird von Eidechsen gekitzelt, die einem über den Körper laufen. Manchmal schreit einer auf - der wurde von einem giftigen Skorpion gestochen.

In so einem Haus findet sich eigentlich nichts. Manchmal hängt an der Wand ein kitschiges Bild, aus einer Zeitung ausgeschnitten, manchmal steht in der Ecke ein zerbrochenes Tischchen. Die ganze Wirtschaft, das ganze Alltagsleben spielt sich ausserhalb des Hauses ab, im Freien. Im Freien wird das Feuer entzündet, auf dem gekocht wird (wenn es etwas gibt, das man kochen kann). Im Freien essen die Menschen. Auch das gesellschaftliche Leben findet im Freien statt. In den meisten Fällen gibt es keine Elektrizität, nur ganz selten ein Radio, Fernsehen ist völlig unbekannt. Wenn um sechs Uhr nachmittags die Dämmerung einbricht, versammeln sich die Menschen vor den Häusern, sitzen und tratschen. Das ist die Zeit, von den Dingen zu erzählen, die am Tag vorgefallen sind, zu Hause, im Dorf, in der Nachbarschaft. Wenn die Nacht finster ist, sieht man nichts, hört nur die Stimmen. Nach diesen Stimmen orientieren sich die Menschen, wo sie sind, mit wem sie sprechen. Da sie sich meist in örtlichen Stammesdialekten unterhielten, die ich nicht verstand, lag ich schweigend auf dem auskühlenden Boden und schaute in die Sterne.

DIE STÄDTE in Afrika sind arm, schmutzig, überfüllt. Wer aus einem Luxus dorthin kommt, wie er in Zürich oder Köln herrscht, der wird sich über die Menschen wundern, die um jeden Preis in diese Städte streben, sich dort niederlassen, irgendeinen Winkel für sich finden wollen. Früher konnte ich das auch nicht begreifen. Aber als ich einmal durch den Sudan zog, durch seine wilden, menschenleeren Weiten, in denen nur hier und da arme Dinkas hausen, kam ich in eine kleine Stadt - Juba. Am Abend, als die Hitze des tropischen Tages sich etwas gelegt hatte, ging ich durch die einzige Strasse dieses bettelarmen Städtchens. Und obwohl der Ort so erbärmlich arm war, war ich doch wie verzaubert! Ich sah elektrische Lampen (ein paar Laternen erleuchteten die Finsternis). Ich hörte Musik (die aus einigen Bars drang). Ein paar farbige Neonlichter glänzten. Ich glaubte, in Las Vegas zu sein, in Soho, auf dem Boulevard St-Denis, in der grossen Welt! Ein Dutzend Lampen, auf denen Wolken von Fliegen und Faltern sassen, waren hier auf eine Entfernung von Hunderten von Kilometern das einzige Zeichen der modernen Zeit. Die Menschen zogen also in die Stadt, wo sie kostenlos Licht und Musik geniessen und wenigstens die vielen Waren bewundern konnten, die in Mengen in den Strassenbuden auslagen.

DER GRÖSSTE WERT des Hauses besteht darin, dass es Schutz bietet gegen die mittägliche Hitze. Denn letztlich schlafen viele Menschen im Freien, arbeiten im Freien, kochen und essen im Freien, doch in der Zeit, in der die mittägliche Hitze über das Land hereinbricht, fliehen alle ins Haus, suchen Schutz in seinen Mauern. Ja, diese Hitze bricht herein - so gewaltsam ist der tägliche Ansturm der mittäglichen Glut. Er beginnt um etwa elf Uhr vormittags und dauert bis drei Uhr nachmittags. Das sind vier Stunden, die man im Verborgenen zubringen muss, um sich zu schützen vor dem Angriff der Sonne, dieser brennenden, quälenden Feuerkugel. Ein Haus, selbst die ärmlichste Lehmhütte, Slumbude, wird in diesen Stunden zu einem märchenhaften Traumpalast. Es spendet Kühle, liefert Schatten, und das bedeutet in diesen Stunden tropischer Hölle, dass es einen leben lässt. Die ganze Familie geht für diese Zeit ins Haus. Was die Menschen dann machen, ist schwer zu sagen. Eigentlich tun sie nichts. Die Mittagszeit ist eine Zeit der Untätigkeit. Alles Leben erstirbt. Die Vögel in den Bäumen verstummen, die Tiere erstarren. Die Menschen sitzen in den Häusern, liegen auf dem Fussboden. Es herrscht Schweigen, Stille. Sogar Gespräche sind eine zu grosse Anstrengung. Geplagt von Krankheiten, unterernährt und geschwächt, müssen die Menschen jeden Funken Energie sparen, damit diese für die zweite Hälfte des Tages reicht, für die Stunden nach der mittäglichen Hitze.

TÜREN, in Europa ein Symbol der Grenze zwischen dem Haus (der Wohnung) und dem Rest der Welt, sind im afrikanischen Dorf eine Seltenheit. Viele Leute haben nicht genug Geld, um sich eine Tür zu kaufen, viele meinen, eine solche sei überflüssig. Türen sollen vor Dieben schützen. Aber das Haus ist doch völlig leer. Dazu kommt, dass eine Tür das Haus eines grossen Vorteils beraubt - der kühlenden Zugluft. Und trotzdem, obwohl es keine Türen gibt, wird die Grenze zwischen dem privaten und dem öffentlichen Leben auch in Afrika streng beachtet. Ein Fremder tritt nicht einfach so, direkt, rücksichtslos in jemandes Haus ein. Er kommt näher, bleibt in einer gewissen Entfernung vor dem Eingang stehen und stellt sich laut vor, nennt das Ziel seines Besuches, sagt, wen er sucht. Nach dieser Höflichkeitsfloskel bleibt er stehen und wartet auf Antwort: Entweder ersucht ihn jemand, einzutreten, oder er kommt zu ihm hinaus.

MUSS MAN für den europäischen Leser hinzufügen, dass die meisten dieser Häuser über kein fliessendes Wasser verfügen, keine Kanalisation, keine Toiletten und keine Badezimmer? Dass die Einhaltung der primitivsten Reinlichkeit von Körper und Haus unter diesen Bedingungen einer heroischen Tat gleicht, einem imponierenden Unterfangen, das unser Erstaunen und unsere Bewunderung erregt? Ein Kübel Wasser muss schliesslich oft kilometerweit geschleppt werden! Wasser in diesem Klima - was für eine Kostbarkeit, was für ein Schatz! In weiten Teilen Afrikas sind Kinder dafür verantwortlich, das Haus mit Wasser zu versorgen. Wenn alle noch schlafen, reissen sich die kleinen Jungen aus ihren Träumen und laufen zu den Quellen, Teichen, Flüssen, um Wasser zu holen. Die neuzeitliche Technologie hat sich als mildtätiger Helfer für die Kleinen erwiesen, indem sie ihnen den billigen, leichten Plastic-Kanister schenkte. Vor über zehn Jahren revolutionierte dieser Kanister das Leben in Afrika.

Wasser ist eine Grundbedingung für das Überleben in diesen Breitengraden. Weil es hier in der Regel keine Wasserleitungen und immer wenig Wasser gibt, muss man es über weite Entfernungen heranschleppen - oft ein Dutzend Kilometer und mehr. Jahrhunderte hindurch wurde das mit schweren tönernen oder steinernen Krügen besorgt. Die afrikanische Kultur kennt keinen Transport auf Rädern, alles trägt der Mensch selber, meist auf dem Kopf. In diesen Krügen schleppten die Frauen das Wasser, denn das entsprach der häuslichen Arbeitsteilung. Ein Kind hätte so einen Krug gar nicht tragen können.

Und dann tauchte der Plastic-Kanister auf. Ein Wunder! Eine Revolution! Erstens ist er verhältnismässig billig (er kostet ungefähr zwei Dollar). Aber am wichtigsten ist, dass er leicht ist. Wichtig ist auch, dass es ihn in verschiedenen Grössen gibt, sogar ein kleines Kind kann daher ein paar Liter Wasser holen.

Alle Kinder tragen Wasser! Und so sehen wir ganze Scharen ausgelassener Kinder, die spielend und einander neckend zu den entfernten Quellen um Wasser laufen. Was für eine Erleichterung für die bis an den Rand ihrer Kräfte erschöpfte afrikanische Frau! Was für eine Veränderung in ihrem Leben! Wieviel mehr Zeit hat sie nun für sich selber, für den Haushalt.

Überhaupt hat ein Plastic-Kanister zahllose Vorteile. Zu den wichtigsten zählt, dass er den Menschen in der Schlange vertreten kann. Denn in dieser Schlange um Wasser musste man sich in Wüstengebieten, wo Wasser mit Tankwagen hingebracht wurde, oft tagelang anstellen. Das Warten in der Glut der tropischen Sonne ist eine Qual. Früher konnte man den Krug nicht einfach hinstellen und den Schatten aufsuchen, denn der Krug konnte gestohlen werden - und so ein Krug war teuer. Jetzt stellen die Menschen Plastic-Kanister an ihrer Stelle in die Reihe, selber aber flüchten sie in den Schatten, gehen auf den Markt oder besuchen Bekannte.

HAT DIE FRAU Wasser, macht sie sich daran, das Essen zu bereiten. Essen zu bereiten - das ist die optimistische Variante. In Wirklichkeit gibt es oft nichts zu essen. Der Hunger ist ein ständiger Bewohner Afrikas. Vor allem in den Dürrezeiten, vor allem dort, wo die Sonne die Felder und Ernten verbrennt, wo Maniok, Hirse und Erdnüsse vertrocknen.

Wenn ich mich in den Dörfern aufhielt, teilte ich das Los ihrer Bewohner. Der Morgen bricht an. Die Sonne geht auf (diese Sonne ist sofort heiss, brennt und ermüdet). Die Menschen wachen auf. Im europäischen Dorf ist das eine Stunde des Schwatzens und Lärmens. Überall herrscht Regsamkeit. Die Frauen machen Feuer, die Kinder kleiden sich für die Schule an, die Bauern richten ihre Geräte, um aufs Feld zu gehen. Hier, im afrikanischen Dorf, herrscht überall Stille. Es gibt nichts, wozu die Menschen sich beeilen könnten, es gibt nichts zu tun. Alle sind niedergedrückt von Traurigkeit, vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit: Längst sind die letzten Vorräte verzehrt - die Reste von Kukuruz, von Gerste. Das letzte Huhn ist aufgegessen - im Dorf gibt es keine Hühner, keine Rinder mehr. Man kann einen Becher Wasser trinken oder eine Banane pflücken. Der ständige Hunger löst in den Menschen einen Zustand der Betäubung und Depression aus. Sie schleichen ziellos durchs Dorf, geschwächt und apathisch. Umgeben von Armut, wissen sie, dass es keinen Ausweg gibt aus diesem Kreislauf des Mangels und der Verzweiflung.

AM SCHLIMMSTEN ist das Los jener, die in den Flüchtlingslagern dahinvegetieren, vertrieben aus ihren Dörfern durch Stammeskonflikte, Bürgerkriege oder ständige Dürre. Manchmal verbringen sie lange Jahre in den Lagern, oft ihr ganzes Leben - hier werden sie geboren, leben und sterben sie. Ich habe in vielen Ländern solche Lager gesehen - im Sudan, in Somalia, in Tschad, in Moçambique. Die Menschen leben von dem, was sie von caritativen Organisationen bekommen. Die Rationen: drei Liter Wasser täglich (zum Trinken, Kochen, Wäsche machen und für die Körperwäsche) und ein halbes Kilo Körner (Mais, Reis, Getreide, Hirse usw.). Kein Gemüse und kein Obst, faktisch nie Fleisch. Und so geht das Monate, Jahre.

ABER NATÜRLICH hungert nicht ganz Afrika ohne Unterlass, in den meisten Fällen sichert der Boden den Menschen ein Existenzminimum. Dieses mag erbärmlich sein und eintönig, aber sie haben es. Meist essen sie eine grössere Mahlzeit pro Tag - nach Sonnenuntergang.

Grundlage einer solchen Mahlzeit ist eine Portion Reis oder Maniok. Das Kochen besorgen die Frauen, die Kinder helfen dabei. Der Topf wird aufs Feuer gestellt, das sich immer ausserhalb des Hauses befindet, im Hof. Da die Toten oft beim Haus begraben werden, befindet sich die Feuerstelle (die Küche) gegenüber dem Familienfriedhof. In einem ugandischen Dorf, in dem ich längere Zeit lebte (in der Nähe von Nansagazi, am Victoriasee), bestand die Kochstelle aus drei Steinen, die so im Dreieck ausgelegt waren, dass man einen grossen Stein drüberlegen konnte. Irgend etwas an dieser Kochstelle weckte meine Erinnerung. Ich griff zu einem Handbuch der afrikanischen Archäologie. Dort gab es Zeichnungen von fünftausend Jahre alten Stätten. Ich suchte die Zeichnung einer Feuerstelle: Sie war identisch mit der, wie sie immer noch in diesem Dorf zu finden war. Über fünftausend Jahre hatte sich in diesem Dorf nichts verändert, hat es keinerlei materiellen Fortschritt gegeben.

ZUM ESSEN bildet sich gewöhnlich eine Gruppe von Menschen. Wir fahren etwa mit einem lokalen Autobus durch Afrika. Der Autobus hält unterwegs am Marktplatz eines Städtchens, damit die Passagiere etwas essen können. Auf dem Tisch steht eine Schüssel mit Reis, über den eine scharfe Sauce gegossen wird. Darum herum sitzen sechs bis acht Personen. Die Gäste greifen der Reihe nach mit der Hand in die Schüssel (man isst mit den Händen), nehmen eine Portion Reis und essen. Alle essen schweigend, rasch, aber sie achten sorgfältig auf die Reihenfolge, in der sie die Hände in die Schüssel tauchen (es ist eine Schüssel, wie sie in Europa früher zum Waschen verwendet wurde). Alles wird in wenigen Augenblicken aufgegessen. Dann trinken die um den Tisch Versammelten einen Becher Wasser, waschen ihre Hände und gehen - wortlos - auseinander.

Oft kennen sich die Leute, die zusammen essen, gar nicht, aber damit der Kellner eine Schüssel servieren kann, braucht er dieses Komplett von sechs bis acht Personen. Man kann daher in Restaurants und Bars Menschen beobachten, die darauf warten, dass eine Gruppe zusammenkommt, damit sie gemeinsam essen können.

DIESE SCHÜSSELN sind weit verbreitete Gefässe in Afrika, weil sie billig sind, gross und dauerhaft. Eine solche Schüssel erweist sich auch dann als praktisch, wenn ein Krieg ausbricht und man flüchten muss. Dann dient sie als Reisegepäck, in das die Frauen ihre ganze Habe laden. Sie setzen die Schüssel auf den Kopf, nehmen die kleinen Kinder an die Hand und machen sich auf die Suche nach einem sicheren Ort. Der Hauptlieferant solcher Schüsseln ist China. Mit ihrem Verkauf verdient Peking ein Vermögen.

DIE SPEISEN sind in der Regel das ganze Leben hindurch dieselben, die Küche ist ungemein monoton. Reis und Reis, jahrein, jahraus, oder Maniok und Maniok, jahrein, jahraus. Sonst nichts. In einem europäischen Restaurant bekommt der Gast zuerst die Speisekarte, von der er ein Gericht wählt. Dieser Luxus ist im ländlichen Afrika unbekannt. Die Gäste setzen sich an den Tisch. Das Essen wird hingestellt. Sie essen, bezahlen und gehen. Das alles geschieht, ohne dass ein Wort gesprochen wird.

In Afrika kann man nur selten davon sprechen, dass sich jemand «zu Tisch setzt», weil man traditionell auf den Boden ein Stück Tuch oder eine Strohmatte breitet, auf die das Essen gestellt wird. Alle hocken oder knien sich hin. Wodurch unterscheidet sich das Mahl armer Menschen von dem, was die Reichen essen? Es unterscheidet sich in der Menge: Die Reichen essen mehr. Nicht besser, nicht anders, sondern einfach mehr. Wenn eine arme Familie (so eine Familie besteht meist aus mehr als einem Dutzend Personen) zum Abendessen eine Schüssel Reis hat, dann hat eine reiche Familie drei, eine sehr reiche fünf.

Aber es ist derselbe Reis, mit derselben scharfen, aus Wurzeln gekochten Sauce. Ich habe den Eindruck (und dieser ist Ergebnis langjähriger Beobachtungen), dass meine afrikanischen Gastgeber, die mich auf meinen zahlreichen Reisen durch den Kontinent aufnahmen, Mägen haben, in denen immer eine bodenlose, monströse Leere herrscht, so dass sie zu jeder Zeit imstande wären, ungeheure Mengen von Nahrung zu verschlingen. Doch die glücklichen Momente der Sattheit sind selten, sind stets grosse Feste.

MIT DEM ESSEN sind immer viele Verbote, Aberglauben, Tabus verbunden. Was man essen darf und was nicht. Die Regeln sind verschieden je nach Stammeszugehörigkeit. Es gibt Regionen, in denen die Sitten verbieten, Fisch zu essen. Die Menschen leben an einem Fluss, in dem es von Fischen wimmelt, sie verhungern, aber sie rühren die Fische nicht an. Die Verbote sind meist stärker als der Selbsterhaltungstrieb.

Ich erinnere mich, wie ich Mitte der siebziger Jahre, zur Zeit der grossen Dürre, durch die Wüste Ogaden (im Grenzland Äthiopiens und Somalias) mit einer Gruppe von Leuten fuhr, die nach hungernden Nomaden suchten, um diese an Orte zu bringen, wo sie Essen bekamen (sonst wären sie umgekommen, denn sie hatten keine Transportmittel, um dorthin zu gelangen, wo es Nahrung gab). Auch wir selber hungerten in der Wüste, doch wir besassen Waffen, mit denen wir Tiere schiessen konnten.

Die Gruppe hatte einen einzigen grossen Kochtopf, und sie bestand aus Anhängern von zwei Religionen - Christen und Muslimen. Eines Tages schoss einer ein Wildschwein. Die Christen kochten sein Fleisch und assen es. Am nächsten Tag schoss einer eine Antilope, doch nun entstand das Problem, worin man diese kochen sollte: Die Muslime weigerten sich, den Kessel zu benutzen, in dem am Vortag das Schwein gekocht worden war. Sie hungerten lieber weiter, als gegen das Verbot zu verstossen.

DIE NOMADEN leben viel schlechter als die Menschen in den Dörfern. Sie haben wenig Nahrungsmittel, stets fehlt es ihnen an Wasser. Wann immer ich mit Nomaden durch die Sahara zog, litt ich Hunger. Während jeder Dürre, und dazu kommt es oft in Afrika, verhungern Tausende von Nomaden. Sie kommen namenlos um, in der Weite der Wüste. Vor dem Verdursten rettet den Nomaden die Milch der Kamele (sie schmeckt sauer, anders als Kuhmilch). Manchmal müssen die Nomaden tagelang in der Wüste nach einem Wasserloch suchen. In der Regel enthält so ein Wasserloch nur wenig Wasser, daher gilt beim Trinken eine genaue Ordnung, eine streng eingehaltene Reihenfolge: Zuerst trinken die Kamele, und wenn der Brunnen dann noch etwas Wasser hergibt, trinken die Menschen; zuerst die Männer, dann die Frauen, am Schluss die Kinder.

Ausser, wenn die Nomaden einen Gast haben. Der trinkt als erster, sogar vor den Kamelen. Denn ein Gast ist den Nomaden der Sahara eine heilige Person, jemand, den ihnen Allah gesandt hat.

Ryszard Kapuscinski ist Journalist und Schriftsteller; er lebt in Warschau. Zuletzt auf deutsch ist von ihm erschienen «Wieder ein Tag Leben. Innenansichten eines Bürgerkrieges».


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