NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Der Held, der Helfer und der Hasardeur

Sie fordern das Leben heraus, nicht den Tod. Warum Menschen Berufe wählen, in denen sie Kopf und Kragen riskieren.

Von Harald Willenbrock

DER HELD. Später dann: das Schulterklopfen, die Dankesreden, das Bundesverdienstkreuz. Später wird der Bundeskanzler sagen, dass er, wenn die Sache schiefgelaufen wäre, selbstverständlich sofort seinen Rücktritt erklärt hätte. Später wird man vom «Wunder» sprechen und von ihm als dem «Helden von Mogadischu» – ein Beiname, der sich an ihn hängt wie an Alexander das Grosse und das Schreckliche an Iwan. Später wird man erkennen, dass diese sieben Minuten jener Moment seines Lebens waren, auf den alles zulief – und von dem aus sich alles, was danach folgte, ableitete, als liesse sich ein Leben auf ein paar Augenblicke reduzieren.

In dieser Nacht des 17. Oktober 1977 aber ist für Ulrich Wegener noch alles offen. Vor ihm, auf der Landebahn des Flughafens von Mogadischu (Somalia), hockt wie eine flügellahme Drossel die entführte «Landshut» der Lufthansa. Drinnen zittern 90 übernächtigte Geiseln und 4 mit Sprengstoff, Handgranaten und Revolvern bewaffnete Palästinenser, die den Piloten der Maschine erschossen haben und drohen, Maschine und Passagiere in die Luft zu sprengen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

5000 Flugkilometer entfernt schlafen derweil in einem Einfamilienhaus bei Bonn Wegeners Frau und seine zwei kleinen Töchter, die – wie es die Dienstvorschrift verlangt – nicht wissen dürfen, wo ihr Mann und Vater gerade sein Leben riskiert. Im Bonner Bundeskanzleramt tagt ununterbrochen ein Krisenstab der Bundesregierung, der von Angehörigen der Geiseln bestürmt wird, den Forderungen nachzugeben, und sich doch längst entschlossen hat, es nicht zu tun. Mit ihnen bangt in diesen Stunden eine ganze Nation: Es geht um die Frage, ob ein Land sich Terroristen beugt, die eine Maschine voller Urlauber als Pfand einsetzen. Es geht um die Integrität des Rechtsstaats. Es geht um sehr viel.

All das lastet auf dem drahtigen, schlanken Mann, der mit dem Fernglas über eine Sanddüne hinweg die Boeing beobachtet. Drei Tage lang hat der Kommandeur der Grenzschutzgruppe 9 nicht mehr geschlafen, wenig getrunken, nichts gegessen. In diesen Tagen, sagt er, habe er unglaublich viel zu bedenken und zu tun gehabt und darüber hinaus «schlicht nichts gefühlt». Keinen Hunger, keinen Durst, keine Müdigkeit. Alles wie weggeblasen. Für eine knappe halbe Woche hört der Körper von Ulrich Wegener auf zu existieren.

Angst? Habe er nicht gehabt, meint der heute 73-Jährige, nicht haben dürfen. «Lage beurteilen! Lage beurteilen!, habe ich mir immer wieder gesagt. Das hilft, die aufsteigende Erregung zu bekämpfen.» Was in dieser Nacht in Polizeidirektor Wegener vorgeht, kann man Verdrängung nennen oder Professionalität – was auf das Gleiche hinausläuft, weil ihm ohne die Kraft, die fürchterlichen Konsequenzen eines Fehlschlags zu verdrängen, keine Luft für ein professionelles Ausführen seines Auftrags mehr bleiben würde.

Zigmal setzt er in dieser Nacht das Mosaik seiner geplanten Operation erneut zusammen. Noch heute, wenn er als selbständiger Sicherheitsberater vor Unternehmern referiert, rät er ihnen: «Konzentrieren Sie sich in brenzligen Situationen ganz auf die Aufgabe, die vor Ihnen liegt! Gehen Sie nüchtern alle Möglichkeiten durch, die Ihnen bleiben, um sich aus der Situation zu befreien. Es hilft gar nichts, wenn Sie den Kopf verlieren.» Diese Haltung, sagt er, habe er seinem Vater, einem Wehrmachtsoffizier, abgeschaut. «Angst kannste ruhig haben», hiess es daheim immer, «aber du musst mit ihr fertig werden.»

Kurz vor Mitternacht holt Wegener seine Leute noch einmal zusammen. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren, einige von ihnen haben bereits Familie. Wegener hat sie während ihrer Ausbildung mit den härtesten Übungen traktiert, darunter auch solchen, die sie unmöglich bewältigen konnten. «Auf die Weise habe ich getestet, wie stressresistent jeder Einzelne ist. Und meine Männer, da war ich mir sicher, hielten eine ganze Menge aus.»

Seine Botschaft an sie ist denn auch denkbar einfach: «Wir können das. Wir schaffen das. Wir werden siegen.» Einen jungen Leutnant, der danach immer noch etwas aufgeregt ist, lässt er den geplanten Ablauf der Operation in allen Details wiederholen. Damit, erinnert sich Wegener, sei auch der beruhigt gewesen.

Gegen 1.15 Uhr schleichen sich die Elitesoldaten aus einem toten Winkel an die wartende Maschine heran. Elektronikexperten bringen Lauschgeräte an, die jede Bewegung im Inneren des Flugzeugs registrieren, Pyrotechniker installieren leise rund um das Flugzeug Blendgranaten. Wegener selbst will eines der Teams, die die «Landshut» in einem Überraschungsangriff entern sollen, anführen. «Wir kannten ja jeden Zentimeter des Flugzeugs aus dem Effeff, wir wussten, wo wir hinschiessen durften und wo nicht. Eigentlich konnte nichts schiefgehen», sagt er. Eigentlich. Die Chance, lebend wieder herauszukommen, beurteilt der 48-Jährige dennoch ganz nüchtern mit «etwa 70 zu 30».

Und tatsächlich beginnt der Einsatz mit einer Panne. Ausgerechnet in dem Moment, als Wegener den Angriffsbefehl für die «Operation Feuerzauber» geben will, versagen die für das Tropenklima ungeeigneten Funkgeräte. Ein Truppführer schlägt notgedrungen auf eigene Faust los, kann aber die Flugzeugtür nicht aufreissen, weil sie von innen durch einen Müllsack blockiert wird. Durch den Türspalt feuert einer der Kidnapper nach draussen, durchschiesst einem GSG-9-Beamten den Hals. Gleichzeitig explodieren die Blendgranaten, durch alle vier Türen, vorn und hinten, stürmen Antiterrorkämpfer, brüllen «Köpfe runter!» und bahnen sich schiessend ihren Weg durch das Flugzeug. Vorne in der 1. Klasse trifft Wegener auf einen Terroristen, feuert, im Fallen zündet der Mann noch zwei Handgranaten, die aber unter einen Sitz kullern und keinen grösseren Schaden anrichten.

Sieben Minuten später, um 2.12 Uhr, ist die «Operation Feuerzauber» beendet. Drei Terroristen sind tot, alle Geiseln und GSG-9-Beamten am Leben. Das ist das «Wunder von Mogadischu».

Noch in der gleichen Nacht steigen die GSG-9-Männer in eine Maschine zurück nach Deutschland. Als Wegener sich in seinen Sessel sinken lässt, überfällt ihn plötzlich «ein unglaublicher Durst und ein Mordskohldampf»: Der Körper des Kommandeurs meldet sich zurück. Wenig später fällt er in tiefen Schlaf, den ersten seit fast 90 Stunden. Als er aufwacht, blinkt unter ihm Europa in der Morgensonne. «In Mogadischu», erklärt er zufrieden, «hat keiner meiner Männer versagt. Weder technisch noch emotional.»

DER HELFER. Bernd Willkomms Aufgabe ist es, solche Männer zu finden. Der Oberregierungsrat, ein bedächtiger Mittfünfziger mit grauen Schläfen und sanftem Bauchansatz, sitzt im 3. Stock eines dottergelben Klotzes auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, raucht «R 1» und blickt aus dem Fenster. Alle paar Minuten landen dort Nato-Jets auf dem Weg zu Einsatz- oder Übungsflügen. Aus den Cockpits steigen Männer, die mit Geschwindigkeiten von mehr als 1000 Kilometern pro Stunde übers Land jagen, wobei auf ihren Körpern ein Druck vom Siebenfachen ihres Körpergewicht lastet. Jedes Mal, wenn sie ein Rädchen in die falsche Richtung bewegen oder ein Kontrolllicht übersehen, riskieren sie nicht nur eine Präzisionsmaschine im Wert von 35 Millionen Euro, sondern auch ihr Leben.

Bernd Willkomm, seit 1978 Psychologe am Flugmedizinischen Institut der Bundeswehr, betreut diese Männer. Deshalb hat er eigentlich fast jeden Tag mit Stress zu tun. Und mit Angst – was, wie er sagt, nichts anderes sei als eine Art Überstress. «Solange Angst kontrollierbar bleibt, ist sie für uns positiv.» Eine mässige Dosis fördere bekanntlich die Durchblutung, führe den Muskeln Energie zu und mache den Körper bereit für das uralte Muster des fight or flight – Kampf oder Flucht. «Angst», sagt Willkomm, «ist ein nützlicher Scharfmacher für Körper und Gehirn.»

Dummerweise ist es mit ihr aber ähnlich wie mit Alkohol: Ein bisschen davon ist ganz gesund, zu viel wirkt tödlich. Gefährlich wird Angst zum Beispiel, wenn das Bewusstsein so schnell mit so vielen unbekannten Eindrücken beschossen wird, dass es abstürzt wie eine überlastete Festplatte. «Überschiessende Alarmreaktion» nennt der Psychologe einen solchen Grossalarm des Gehirns, der in seiner Höchstform zu Panik, heilloser Flucht oder völliger Handlungsunfähigkeit führt.

Bevor die Luftwaffe daher einen Pilotenschüler ins Cockpit lässt, spielen Willkomm und Kollegen mit ihm ausgiebig Luftkampf. In einem Flugsimulator muss der Kandidat zunächst einfache, später immer komplexere Aufträge fliegen, und je länger er fliegt, umso heftiger wird er mit blinkenden Warnlämpchen, ausfallenden Bordgeräten und plötzlich auftauchenden Feindmaschinen traktiert. Eine Infrarotkamera registriert jedes Zucken und Zögern des Bewerbers, erfahrene Fluglehrer und ein Psychologe beobachten ihn. «Wer mit Stress gut umgehen kann, wird in der Regel auch mit Angst besser fertig», weiss Willkomm, «auf diese Weise können wir jene rausfiltern, die echtem Druck nicht gewachsen wären.» Und das ist erfahrungsgemäss jeder Dritte, mit dem Willkomm in den Simulator steigt.

Alle anderen werden während ihrer Pilotenausbildung so lange im Simulator und in Übungsmaschinen mit gespieltem Triebwerksausfall, angenommenem Trieb werksbrand und echten Angreifern in Form ausgemusterter russischer Kampfjets konfrontiert, bis sie zumindest theoretisch jede denkbare Krisensituation im Schlaf meistern. Mit anderen Worten: Sie werden abgehärtet.

Eine solche «Automatisierung von Handlungssequenzen», erklärt der Psychologe, sei vergleichbar mit dem Schalten beim Autofahren: Was dem Fahrschüler Schweissausbrüche verursacht, erledigt er später, als erfahrener Fahrer, ganz nebenbei. Dadurch bleibt seinem Gehirn mehr freie Kapazität, um sich auf das wirklich Neue, Ungewohnte, Überraschende einer Situation zu konzentrieren. Ergebnis: Man fühlt sich sicher.

Als es für die Tornadopiloten der Bundeswehr im März 1999 wirklich ernst wird, lassen sie ihren Psychologen deshalb erst einmal zu Hause. Im Luftkrieg über dem Kosovo sollen sie mit ihren hochgerüsteten Tornados die serbische Luftabwehr ausschalten, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie selbst ernsthaft Gefahr laufen, ausgeschaltet zu werden, denn die serbischen Flakgeschütze und MIG-Jäger attackieren jeden Angreifer. Nach der ersten Bombennacht bleibt dennoch alles ruhig. Nach der zweiten aber klingelt bei Bernd Willkomm zu Hause das Telefon, es ist der Kommandeur der deutschen Einheit: Der Psychologe soll sofort nachkommen, er werde gebraucht.

«Typisch für Einsatzkräfte jeder Art ist ein starkes Wir-Gefühl, das über Angstsituationen hinwegträgt», sagt Willkomm, drückt seine Zigarette aus und zögert eine Weile, bevor er weitererzählt. «Typisch ist aber auch ein falsches Berufsverständnis, nach dem es sich nicht gehört, Angst zu haben. Beziehungsweise, sie nicht zu zeigen.» In Piacenza, der Basis des deutschen Geschwaders, hält sich der hinterhergereiste Psychologe daher leise im Hintergrund. Er nimmt die zurückkehrenden Besatzungen in Empfang, begleitet sie in die Kantine und wartet ab, bis jemand von sich aus das Gespräch sucht. Einige Piloten tun es; manchen, die den Tod in ihrer Nähe gespürt haben, kann er helfen.

Die meisten aber agieren selbst in höchster Lebensgefahr genauso routiniert, wie sie es im Training gelernt haben. Erst Wochen, manchmal Monate später melden sich bei ihnen typische Nachwirkungen: Einige werden von Albträumen und Flashbacks geweckt, manche kommen mit der Rückkehr in die heile deutsche Normalität nicht zurecht. «Wir sagen ihnen dann deutlich: Das ist die ganz normale Reaktion eines normalen Menschen auf eine nichtnormale Situation», erzählt Willkomm. «Und: dass es wichtig ist, darüber zu reden. Das hilft. Bisher haben wir jedenfalls noch fast jeden Piloten wieder ins Cockpit bewegen können.»

Warum aber, mag man sich fragen, warum tut sich jemand so etwas überhaupt an? Warum wählen Menschen Berufe, in denen sie routinemässig ihr Leben aufs Spiel setzen? Für den Amerikaner Sebastian Junger, der selbst als Kriegsreporter Kopf und Kragen riskiert, ergibt die Frage wenig Sinn. «Diese Menschen fordern nicht den Tod, sondern das Leben heraus», schreibt er in seinem Reportageband «Feuer», in dem er Walfänger, die Feuerspringer des amerikanischen National Interagency Fire Center und andere Menschen mit riskanten Berufen porträtiert, «das ist ein zwar feiner, aber entscheidender Unterschied.» Motto: Nur wer sein Leben wagt, hat es auch erlebt.

Glaubt man Junger, dann geht es diesen professionellen Draufgängern wie einem Surfer, der eine gigantische Welle bezwungen hat und es plötzlich völlig langweilig findet, wie früher sein Brett an einem beschaulichen Baggersee auszupacken. Ab diesem Moment erscheint ihm der Brandgeruch der Gefahr reizvoll, «weil sie die alltäglichen Belange unserer kümmerlichen menschlichen Existenz klein erscheinen lässt», wie Junger schreibt. Ab diesem Moment gibt es kein Zurück mehr. Es ist wie eine Grenze, die sich Stück für Stück verschiebt und einen unmerklich hinter sich herzieht.

Und weil das so ist, gibt es immer einige, die beständig auf der Suche nach der ganz grossen Welle sind.

DER HASARDEUR. Eine alte Mühle vor den Toren Hamburgs. Im weiten, wilden Garten thront ein hölzernes Klettergerüst, auf dem Forellenteich dümpeln Schlauchboote, der 20 Meter hohe, rotbacksteinige Mühlenturm ist gesprenkelt mit bunten Freeclimbergriffen. Drinnen, unter den Balken einer niedrigen Holzdecke, baumeln Blasrohre, Grabstöcke, ein paar Krummsäbel, Schlangenhäute, das Gebiss eines Haies. In einem Glas auf dem Kaminsims schwimmen, sorgfältig in Formalin konserviert, drei abgehackte menschliche Fingerkuppen.

«Da haben sich zwei Äthiopier gestritten», sagt Rüdiger Nehberg mit Blick auf den erstaunten Gesichtsausdruck des Besuchers. Nehbergs Leben steckt voller solcher Merkwürdigkeiten. Der Mann, den sie Rudi Kamikaze und Sir Vival nennen, hat das nackte Überleben zur Kunstform geadelt, er hat menschenfeindliche Wüsten durchquert, drei Mal in Gefährten, mit denen andere sich nicht einmal auf einen Gartenteich wagen würden, den Atlantik überwunden, er hat sich durch Urwälder geschlagen und sich unterwegs von Schlangen, Insekten und Fröschen ernährt. 22-mal ist er dabei überfallen worden.

Als in Äthiopien vor seinen Augen ein Reisegefährte erschossen wird, macht Nehberg vor Angst in die Hose. «Plapp-plapp-plapp, das geht ganz schnell», erzählt er und macht eine fixe Handbewegung vom Schritt abwärts. «Am deutlichsten aber spürt man die Angst im Mund: Der ist plötzlich unglaublich trocken, so schnell kann man gar nicht trinken. Unter Todesangst verwandelt sich die Zunge in Sandpapier.»

All das ist schon ein paar Jahre her, doch für Nehberg, den notorischen Alleinreisenden, ist die Angst ein ständiger Begleiter geblieben. Sein simples Gegenrezept: «Immer ein Ass im Ärmel. Sich nicht unvorbereitet erwischen lassen.» Deshalb ist der sehnige, zähe 67-Jährige selbst zu Hause immer bewaffnet; auf seinen Reisen trägt er unter anderem eine Flinte gegen Piraten, Medikamente gegen Schlangenbisse, Bücher gegen die Einsamkeit und für den Fall, dass alles andere nicht mehr hilft, eine Zyankalikapsel mit sich.

Seine grösste Angst aber, die vor tiefem Wasser, kann keines dieser Mittel besänftigen. Bevor sich Sir Vival deshalb 1987 an eine Atlantiküberquerung wagt, meldet er sich zu einem Probetraining bei den Kampfschwimmern der Bundeswehr – «professionellen Sadisten mit dem Auftrag, Menschen in Fische zu verwandeln», wie Nehberg weiss. Er dachte: «Wenn mich jemand von meiner Wasserphobie kurieren kann, dann die.»

Und die Froschmenschen enttäuschen ihn nicht. In ihrem Ausbildungszentrum an der Ostsee lassen sie den wasserscheuen Überlebenskünstler unter Betondecken hindurchschwimmen, schicken ihn mit umgeschnalltem Bleigürtel und ohne Atemgerät auf dem Boden eines Schwimmbeckens spazieren, sperren ihn in enge Torpedorohre, die Zentimeter für Zentimeter geflutet werden, bis keine Luft mehr zum Atmen bleibt. «Es war der reinste Horror», stöhnt Nehberg, aber je vertrauter ihm der Horror wird, umso mehr schwindet seine Angst.

Das ändert sich erst bei der letzten, härtesten Prüfung: Die Wassermänner fesseln ihn an Füssen und Händen und werfen ihn in ein fünf Meter tiefes Becken. Nehberg versinkt wie ein Ziegel, zappelt um sein Leben, reisst an den Fesseln, japst nach Luft, schluckt Wasser, verliert das Bewusstsein.

Erst als er sich nicht mehr regt, zerren ihn Taucher aus dem Becken, beatmen ihn, bringen ihn zurück ins Leben. «Ich hatte Wasser im Kopf, in der Lunge, überall», erinnert er sich. «Ich war fertig, auch seelisch.»

Am nächsten Tag geht die Tortur von vorne los. Dieses Mal bereiten ihn seine Ausbilder jedoch sorgfältig vor; zeigen ihm, wie er sich, indem er ruhig bleibt, selbst aus dieser schier mörderischen Situation noch befreien kann. Dieses Mal lässt sich Nehberg widerstandslos zu Boden sinken, bis er nach zehn, elf Sekunden wie ein vollgesogenes Stück Holz langsam wieder zur Oberfläche treibt. Dort dreht er sich unter grösster Kraftanstrengung auf den Rücken, rudert wie eine Kaulquappe mit den Unterschenkeln ins flache Wasser, richtet sich langsam auf, holt Luft. Die Ausbilder applaudieren.

«Wenn du weisst, dass du es schaffen kannst, solange du ruhig bleibst – dann bleibst du auch ruhig», sagt der Kamikazekünstler. «Und wenn du ruhig bleibst, schaffst du es auch. Das ist der ganze Trick. Letztlich ist es ganz einfach. Als ich das kapiert hatte, war auch die Angst weg.»

Vier Monate später setzt sich Nehberg in ein selbstgebautes Tretboot und nimmt Kurs auf Amerika.

Harald Willenbrock ist freier Reporter und Autor in Hamburg.


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