NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Vom Weggehen

Von Lilli Binzegger

Grenzen sind in einem kleinen Land an jedem Punkt nah. Weit mehr als ein grosses Land empfindet sich ein kleines, wie die Schweiz von anderen Ländern umgebenes Land wohl als die Mitte seiner Umgebung. Wer in einem grossen Land lebt, verlässt es vielleicht zeitlebens nie (und mag es daher vielleicht als die Mitte der Welt oder als die Welt selbst empfinden), während im kleinen Land Grenzübertritte alltäglich oder sogar Alltag sind. Aus der Schweiz geht man leicht und oft weg, mit dem Wegbleiben tut man sich aber nicht weniger schwer als der, der einem grossen Land mit dem ersten Grenzübertritt für immer den Rücken kehrt.

Wo und was Mitte ist, ist subjektiv, eine Empfindung. Man kann sie in sich tragen oder ein Leben lang nach ihr suchen. Sie kann anziehen, festhalten, wegtreiben. Unglücklich die, die den Kräften nicht nachgeben dürfen oder ihnen nachgeben müssen. Glücklich, wer bleiben, weggehen, sich an einem neuen Ort niederlassen kann, wenn er das will.

Dableiben, weggehen ? nur selten wegbleiben. Einer geht für eine Zeitlang weg aus der Schweiz, weil ihn die Grenzen beengen; ein anderer geht, weil der von inneren und äusseren Grenzen zusammengehaltene Sonderweg Schweiz, der Sonderfall Schweiz, ihm missfällt; ein dritter, weil der das Abenteuer sucht im noch Abenteuer versprechenden anderen Land. Er geht nicht mehr ? wie um die Jahrhundertwende Tausende von Schweizern ? weg aus einem Land, das keine Lebensgrundlage mehr böte, sondern aus einem satten und sicheren Land. Er geht weg aus dem Land, das anderen als Ausweg erscheint, und macht ihnen dennoch nicht Platz ? mindestens nicht allen, so dass der Ausweg für viele zum blossen Umweg wird.

Ein Land, in dem man mit der einen Hand sich an der Mitte festhalten und mit der anderen die Grenzen abtasten kann, ist ein kleines Land. Ein wirklich nicht weites Land ist es dann, wenn sich zu viele mit beiden Händen festkrallen.


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