Es gibt heutzutage in fast jeder Grossstadt in Westeuropa einen oder mehrere Futon-Läden, in deren Schaufenstern man den «japanischen» Wohnstil betrachten kann. Die dort gezeigte Ästhetik der erhabenen Schlichtheit spielt zwar auch in Japan eine wichtige Rolle, aber sie ist nur eines von vielen Gesichtern, die das Wohnen in Japan von sich zeigt.
Es gibt ein ähnliches Phänomen im Bereich der Esskultur: Das japanische Fischgericht Sushi, das Leichtigkeit, luxuriöse Schlichtheit, Klarheit und Gesundheit verkörpern soll, gilt in den USA und in Europa als Repräsentant der japanischen Küche. Diese Art des Essens ist zwar auch in Japan beliebt, aber sie zeigt nur eine Seite der vielfältigen Esskultur, und es ist leicht, ein japanisches Gericht zu finden, das der Ästhetik von Sushi geradezu widerspricht, wie zum Beispiel den «Katsu-Karee» (Wiener Schnitzel auf Reis, dazu Currysauce), den «Pizza-Man(ju)» (chinesischer Dampfknödel, gefüllt mit allem möglichen, was normalerweise auf einer Pizza liegt) oder den Pfannkuchen «Okonomiyaki», in den man im Prinzip alles hineintun darf. Mayonnaise, braune Sauce und Pulver aus Seetang verschmelzen darin miteinander, sowohl Tintenfisch als auch Rinderfilet befinden sich darin. Dieser Pfannkuchen schmeckt viel besser, als man es sich anhand meiner Beschreibung vorstellt, und er wird in Japan viel öfter gegessen als Sushi.
Es ist auch nicht etwa so, dass Sushi von reicheren Menschen, von kritischen Intellektuellen oder von jungen, alternativen Leuten gegessen wird, der Pfannkuchen hingegen das Essen der «einfachen» Leute ist. Ebenso wenig kann man behaupten, dass Sushi zu der guten alten Tradition gehört, während die anderen Gerichte unter einem bösen ausländischen Einfluss entstanden sind. Der Anthropologe Kunio Yanagita schreibt, dass die heutige Form von Sushi - wie auch viele andere japanische Gerichte - keine besonders lange Tradition hat. Was das Essen betrifft, gab es in Tokio in den letzten hundert Jahren sehr schnelle Veränderungen. Die Bewohner der Stadt interessierten sich dafür, stets neue Geschmacksrichtungen auszuprobieren und in die eigene Küche einzuführen.
Ähnlich verhält es sich mit den Wohnungen. Die elegante Klarheit im Schaufenster eines Futon-Ladens entspricht den Sushis, die meisten Wohnungen in Tokio ähneln aber eher dem Okonomiyaki. Den reinen Tatami-Boden findet man nicht mehr immer. Wo es ihn noch gibt, ist er meistens halb mit einem pseudopersischen Teppich bedeckt, und veraltete und neue Walkmänner, Gameboys und Tamagochis liegen zwischen den verschiedensten Sitzgelegenheiten herum. Ein Esstisch im europäischen Stil steht neben dem niedrigen japanischen Wintertisch, dem Kotatsu. Neben dem Hausaltar steht ein Fernseher, darüber hängt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. In jeder Ecke stapeln sich halbdurchsichtige Plastic-Kästen, in denen Kleider, Handtaschen, Bücher, Spielzeug und andere Dinge aufbewahrt werden. Vor dem Wohnungseingang stehen mindestens fünfzehn Regenschirme, weil man sich oft unterwegs einen sogenannten Einweg-Regenschirm kauft, den man dann aber doch nicht wegwirft.
Der Kapitalismus zwingt die Menschen, schnell und viel zu konsumieren, aber man kommt mit dem Wegwerfen nicht schnell genug hinterher. Selbst für diejenigen, die nicht umweltbewusst sind, ist es unangenehm, zu oft Dinge wegzuschmeissen. Es gibt sehr wenige Secondhandläden in Japan, man kauft lieber neue Produkte, selbst wenn sie von schlechterer Qualität sind. Eine enge Wohnung ist also bald erfüllt von den Gespenstern vergangenen Kaufrausches.
In Deutschland oder in der Schweiz wird der Kaufrausch auf verschiedene Weisen gebremst. Man schätzt etwa die Haltbarkeit eines Produktes. Man kauft sich lieber teurere Produkte, wenn es heisst, sie seien haltbar. Und wenn diese Produkte trotzdem schnell kaputtgehen, kauft man nie wieder etwas Ähnliches. Auch oder gerade die Menschen, die sich stets nach einer gesellschaftlichen Veränderung sehnen, hassen technische Entwicklungen und behalten gerne alte Häuser und Möbel. Für die Umwelt ist diese Haltung sicher besser.
In Japan sind gesellschaftliche Reformen zumindest für die Mehrheit kein erstrebenswertes Ziel, während der schnelle Wechsel aller Dinge, die man um sich hat, sehr begehrt ist. Nicht der Besitz eines Gegenstandes, sondern der Akt des Kaufens gibt Befriedigung. Werbung kitzelt ununterbrochen die Kauflust der Passanten.
Auch die Tradition des Schenkens ist für die Enge in den Wohnungen verantwortlich. Im Herbst und im Frühling werden offizielle Geschenke ausgetauscht, und bei Hochzeiten, Beerdigungen oder Todestagen werden an alle Besucher Geschenke verteilt. Das sind oft sperrige Kästen mit Geschirr, Vasen und anderem, das man nicht gebrauchen kann. Die Kästen werden oft in einer Ecke oder in den Wandschränken gestapelt.
Einmal fragte ich eine meiner Freundinnen in Tokio, warum sie diese Geschenke, die ihr Platz wegnehmen, nicht wegwerfe. Das Geschirr zum Beispiel benutze sie niemals, und von den meisten Geschenken wusste sie nicht einmal, bei welcher Gelegenheit sie sie bekommen hatte. Sie war aber trotzdem über meine Frage etwas entsetzt und antwortete, sie wolle diese Dinge nicht aussortieren, weil sonst eine unangenehme Reinheit ihre Wohnung beherrschen würde. Es sei für sie schon schrecklich genug, dass die Gesellschaft die Menschen aussortiere, die unnütz oder unschön erscheinen. Bei ihr dagegen dürfe auch hässliches, unpraktisches und kaputtes Geschirr bleiben, ohne Angst haben zu müssen, je aussortiert zu werden. Es sei Schicksal, wenn ein Ding in eine Wohnung hineinkäme. Deshalb solle man es nicht mit Gewalt vernichten. Wer ihr etwas geschenkt hat, spielt für sie keine Rolle. Ebenso unwichtig ist, ob sie ein Geschenk je gebrauchen kann.
Vor ein paar Jahren stand in Japan ein Buch mit dem schlichten Titel «Suteru» (Wegwerfen) auf der Bestsellerliste. In dem Buch wird erklärt, wie man sich leichter von den Dingen trennen kann. Kurz danach fand man auf der Bestsellerliste ein Buch mit dem Titel «Sutenai» (Nicht wegwerfen). Wegwerfen oder nicht wegwerfen: Das scheint im Hinblick auf das Wohnen in Tokio die wichtigste Frage zu sein.
Die bewohnbare Fläche von Japan ist zwar im Verhältnis zur Einwohnerzahl nicht besonders gross, aber wenn alle Orte ungefähr gleichmässig bewohnt wären, gäbe es keinen Platzmangel. Trotz den schwierigen Naturbedingungen in vielen Gebieten wäre es theoretisch möglich, viel mehr Wohnraum für den Einzelnen zur Verfügung zu stellen.
Die Bevölkerungskonzentration in Tokio und in Osaka/Kyoto ist aber nicht nur das Ergebnis einer falschen Politik. Schon in der Steinzeit war das Gebiet, das dem heutigen Tokio entspricht, relativ dicht bewohnt. Es ist, als gäbe es dort eine magische Anziehungskraft. Für die Menschen, die in Tokio geboren und aufgewachsen sind wie ich, ist die belebende Konzentration dieser Grossstadt trotz allen Schwierigkeiten attraktiver als das ruhige Leben in einem grossen Haus auf dem Lande. Sie klagen und stöhnen zwar immer wieder, wie eng und chaotisch ihre Wohnungen seien, man hört aber in der Klage oft einen kleinen Genuss am vollgestopften Nest.
Ab und zu hatte ich Gelegenheit, zwei, drei Monate in einer Wohnung in einem anderen Land zu verbringen, die viel grösser war als meine eigene. Diese Wohnungen waren hell und geräumig, vor allem aber waren sie wunderbar leer, da ich meine Bücher und andere Dinge nicht dabeihatte. Ich fühlte mich sehr wohl in diesen Wohnungen und empfand es als schön, so viel Raum für mich zu haben. Gleichzeitig bemerkte ich, dass die Grösse des Zimmers für das Schreiben keine Rolle spielt. Es kann ein vollgestopftes, kleines Zimmer sein oder ein trostloses Hotelzimmer, es kann sogar auch ein Zugabteil oder der Wartesaal eines Bahnhofs sein: Egal, wo ich bin, um zu schreiben, muss ich die Energie in einer kugelförmigen Sphäre sammeln, die sich um meinen Körper bildet, und diese Sphäre ist nie gross, selbst wenn das Schreibzimmer riesig ist.
Und wie ist es mit dem Wohnungsraum als Ort für Freundschaft? In Tokio lädt man selten Freunde zu sich nach Hause ein. Das hat mehrere Gründe. Viele Japaner sitzen gerne in einer grösseren Gruppe zusammen, und die Wohnungen sind dafür meistens zu eng. Ausserdem sind die Privathäuser von der Stadtmitte aus in alle Himmelsrichtungen verstreut. Wenn ich meine Kommilitonen zu mir nach Hause einlud, was selten passierte, mussten sie abends noch 30 bis 40 Kilometer mit der S-Bahn nach Hause fahren.
Die Wohnung hat in Japan auch nicht die Funktion, das Privatleben der Menschen darzustellen. In der Schweiz oder in Deutschland ist die Wohnung eine Art Installation. Man sieht, was für Bücher ihr Bewohner liest, was für Reisen er gemacht hat, wie er mit Geld umgeht usw. Früher dachte ich, es sei ungemütlich, in einer Installation zu wohnen. Der Raum, den ich gerne anschaue oder den ich anderen gerne zeige, ist ein anderer als der Raum, in dem ich mich gerne befinde. In Ersterem spielt die optische Schönheit eine grosse Rolle, in Letzterem eine Art Körpergefühl.
Es ist wohl ähnlich wie mit der Kleidung: Eigentlich finde ich es schwierig, ein für mich bequemes und erfreuliches Kleidungsstück zu finden, das gleichzeitig in der Öffentlichkeit meinen Lebensstil darstellt. Aber im Laufe des Lebens findet man irgendeinen Mittelweg. Auch eine Wohnung, die man den anderen zeigt und in der man gleichzeitig wohnt, ist ein Kompromiss zwischen einer Installation und einem privaten Raum.
Als der Walkman auf den Markt kam, las ich einen Artikel in einer Zeitschrift, der erklärte, warum dieses Produkt eine Marktlücke fülle: Ein junger Angestellter in Japan besass neben vielen Schallplatten auch noch über hundert Musikkassetten, aber er verbrachte durchschnittlich nur acht Stunden pro Tag zu Hause. Das heisst, er hatte dort nur Zeit zum Schlafen. Er brauchte also eine Möglichkeit, auf dem Weg zur Arbeit seine Kassetten zu hören. Da es in Tokio kaum möglich ist, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, hat man ein Gerät entwickelt, mit dem man in der S-Bahn Musik hören kann. Dadurch wurde die S-Bahn ein Stück Wohnraum.
In der Tat kann man sich die Frage stellen: Wo wohnt in Wirklichkeit ein Mensch, der um 7 Uhr aus dem Haus geht, von 9 Uhr bis 20 Uhr im Büro sitzt, bis 22 Uhr mit Kollegen oder Freunden zusammen in einer Kneipe sitzt und erst um 0 Uhr wieder zu Hause ist? Ich würde sagen, er wohnt in den eigenen vier Wänden, die aber unsichtbar sind. In seiner Wohnung wohnt er nicht. Wer in Tokio schon einmal morgens in einer vollen S-Bahn gefahren ist, kennt die eigenartige Stille und «Menschenlosigkeit» im überfüllten Waggon. Jeder zieht sich zurück in die eigene Haut und liest in winzigen Taschenbüchern, hört Musik, träumt oder schläft. Die Menschen befinden sich in einem imaginären Privatraum, der die Erweiterung ihrer Haut ist.
Yoko Tawada ist Schriftstellerin, sie lebt in Hamburg.