NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Abgesang

Von Manfred Papst

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

NACHT. Zwei alte, heruntergekommene Männer sitzen an einem Kanal und schauen ins trübe Wasser. Die beiden wissen, dass ihre Zeit um ist - wie übrigens auch jene der «Wer und wer?»-Rätsel, in denen nunmehr fünf Jahre lang literarische Figuren wie Polyphem und Heidis Alpöhi oder Werther und die Marquise von Merteuil miteinander ins Gespräch gekommen sind.

 A:      Ihr seht mich hier, als armen greisen Mann, gebeugt durch Gram und Alter, zwiefach elend; und gradheraus, ich fürchte fast, ich bin nicht recht bei Sinnen.  

B:      Ein Ort zum Sterben mehr, als um zu leben! Die mir am nächsten, haben mich verraten; die ich gehoben, haben mich gestürzt.  

A:      Wohl hab ich Grund zu weinen; doch dies Herz sollt eh in hunderttausend Scherben splittern, bevor ich weine. Freund, ich werde rasend!  

B:      Verachtet von dem letzten meiner Diener, verhöhnt von meinem Weib, mit Recht verhöhnt; wie Wild gehetzt, von Haus und Bett vertrieben! Ein Dienstmann dessen, der mir sonst ein Spott; und ungestraft, mein lachend ziehn die Frechen. War's besser nicht, zu fallen in der Schlacht?  

A:      Ganz recht, mein Freund; der Wuchrer hängt den Gauner; zerlumptes Kleid bringt kleinen Fehl ans Licht, Talar und Pelz birgt alles. Hüll in Gold die Sünde, der starke Speer des Rechts bricht harmlos ab; in Lumpen - des Pygmäen Halm durchbohrt sie. Kein Mensch ist sündig, keiner, sag ich, keiner, wenn er des Klägers Mund versiegeln kann.  

B:      's ist kalt! Hat niemand einen Mantel? Vor Sonnenaufgang weht die Luft am schärfsten. Ist da 'ne Sommernacht? Noch stehn die Stoppeln, und schon so kalt! Sonst war der Sommer warm, der Winter Frost; jetzt tauschen sie das Amt. Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen!  

A:      Mich selber friert. Wo ist die Streu, Kamrad? Die Kunst der Not macht Schlechtes köstlich.  

B:      Gekauert sitzen in verjährtem Wust, wo kaum das Licht durch trübe Scheiben dringt; verzehren, was der vor'ge Tag gebracht, und ernten, was der nächste soll verzehren. Ich hab nicht gut in dieser Welt gehaust, du grosser Gott! Kein Königsschloss mag sich vergleichen mit dem Menschenleib; ich aber hab sie hin zu Tausenden geworfen, um einer Torheit, eines Einfalls willen, wie man den Kehricht schüttet vor die Tür.  

A:      Blast, Wind', und sprengt die Backen! Wütet! Blast! Ihr Katarakt und Wolkenbrüche, speit, bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt! Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze, Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet, versengt mein weisses Haupt! Du Donner, schmetternd, schlage flach das mächt'ge Rund der Welt, zerbrich die Formen der Natur, vernicht auf eins den Schöpfungskreis des undankbaren Menschen!  

B:      Was ich gesammelt, ist im Wind zerstoben; der Segen fort, der fruchtend kommt von oben; und einsam steh ich da, von Leid gebeugt. Lösch aus, Erinnerung, in meinem Haupt; senk, Wahnsinn, dich herab auf meine Stirn und hüll in deine Wogen, was geschehn. Ich fühle, dass sich mir die Sehkraft schwächt; das ist ein Zeichen, dass es Zeit zu gehen.  

A:      Fürwahr, 's ist schon die allerhöchste Zeit! Komm fort, mein Freund! Zum Kerker, fort; da lass uns singen wie die Vögel in dem Käfig. Wir hören armes Volk vom Hofe plaudern und schwatzen mit; wer da gewinnt, verliert; geheimnisvoll, als wären wir Propheten der Gottheit: und so überdauern wir im Kerker Ränk und Spaltungen der Grossen, die ebben mit dem Mond und fluten. Manfred Papst

Wer und Wer? A ist die Titelfigur aus William Shakespeares Drama «King Lear» (1605); B diejenige aus Franz Grillparzers Drama «König Ottokars Glück und Ende» (1825).


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