NZZ Folio 07/01 - Thema: Käfer und Co   Inhaltsverzeichnis

Insekten fürs Guinessbuch

Am schnellsten, am längsten, am zähsten: Höchstleistungen auf sechs Beinen.

Von Alexandra Rigos

CHEMIERESISTENT. Sie ist der Schrecken der Gemüsegärten: Myzus persicae, die Grüne Pfirsichblattlaus. Anders, als ihr Name nahelegt, befällt sie keineswegs nur Pfirsichbäume. Vielmehr verschmäht sie weder Tomaten und Auberginen unter Glas noch deftige Kost wie Rüben, Kohl und Raps auf dem Acker. Und sie vermehrt sich rasant, mal geschlechtlich, mal durch Jungfernzeugung. Nur einmal im Jahr, im Herbst, paaren sich die Schädlinge, ihre Eier überdauern den Winter. Rechtzeitig im April schlüpfen daraus lauter Weibchen, die dann ohne männliches Zutun am laufenden Band Töchter produzieren. Das Schlimmste jedoch ist: Die zartgrünen Biester überleben fast alle Giftattacken. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) treten bei Myzus persicae Resistenzen gegen 71 synthetische Pflanzenschutzmittel auf - mehr als bei jedem anderen Insekt. Obwohl die Konkurrenz hart ist: Die Kohlschabe Plutella xylostella trotzt 51 Insektiziden, der Kartoffelkäfer Leptinotarsa decem-lineata schafft 37. Zwar pflegt die Pfirsichblattlaus nicht ganze Felder kahl zu fressen wie diese beiden, doch schlägt sie gleich doppelt zu: Zum einen saugt sie an den Pflanzensäften und schwächt so ihren Wirt. Zum anderen infiziert sie die Wirtspflanze mit allerlei schädlichen Viren. Gärtner müssen trotzdem nicht verzweifeln - gegen die Larven des Marienkäfers hat die robuste Laus keine Chance.

HANG ZUR VIELMÄNNEREI. Hoch in den Baumkronen kurz nach Sonnenuntergang sucht sich die Königin der südasiatischen Riesenhonigbiene ihre Bräutigame. Und zwar viele. Genanalysen bei einem Volk der hornissengrossen Honigsammler ergaben, dass sich die Königin mit nicht weniger als 53 verschiedenen Drohnen gepaart hatte. Damit gilt Apis dorsata als polygamstes Insektenweibchen, dessen Treiben die Wissenschaft dokumentiert hat. Die Vielmännerei sorgt offenbar für genetische Vielfalt im Bienenstock und scheint die Nachkommenschaft weniger anfällig gegen Parasiten und Krankheiten zu machen. Versuche mit künstlicher Besamung von Königinnen zeigten, dass die Arbeiterinnen fleissiger waren, wenn sie von unterschiedlichen Vätern abstammten - sie schafften mehr Honig heran und bauten grössere Waben. Oft hängen Dutzende von Kolonien der Riesenhonigbiene wie überdimensionale Fussbälle in einem einzigen Baum. Warum die Bienen ihr Domizil nur in solchen ausgewählten Bäumen aufschlagen, ist unbekannt. Ebensowenig erklären können Insektenforscher bisher, wie Völker von den Hängen des Himalaja nach der alljährlichen Rückkehr aus dem Winterquartier ihren angestammten Hausbaum wiederfinden können. Denn nur die Königinnen leben lange genug, die Reise mehrmals anzutreten. Zum Hochzeitsflug steigen sie allerdings kein zweites Mal mehr auf.

AM SCHNELLSTEN. Es empfiehlt sich nicht, zwischen ein Männchen der Bremsenart Hybomitra hinei und seine Auserwählte zu kommen. Denn sobald ein passendes Weibchen in Sicht ist, schiesst das Insekt raketengleich auf das Objekt seiner Begierde zu. Im nächsten Moment fällt das Paar kopulierend zu Boden. US-Entomologen brachten eine Hybomitra dazu, vor laufender Kamera eine aus dem Luftgewehr abgefeuerte Plastic-Kugel zu jagen - und zu fangen. Die Auswertung des Filmmaterials ergab, dass die Bremse mit einem Tempo von mindestens 145 Kilometern pro Stunde losgesaust war. Damit dürfte Hybomitra hinei der schnellste Flieger unter den Insekten sein. Unumstritten ist dieser Rekord nicht, denn die Fluggeschwindigkeit eines Insekts lässt sich kaum genau messen. Unrund laufende Kameras und Kurswechsel des Kerbtiers können zu den erstaunlichsten Resultaten führen. So soll im Jahr 1927 eine Dasselfliege der Art Cephenemyia pratti eine Geschwindigkeit von 1317 Kilometern pro Stunde erreicht haben. Wahrscheinlich ein Messfehler, denn um genug Energie dafür aufzubringen, hätte sie pro Sekunde das anderthalbfache ihres Körpergewichts fressen müssen. Eine männliche Hybomitra hinei indes begnügt sich mit etwas Blütennektar dann und wann; das Weibchen zapft gelegentlich einen Warmblüter an. Das merkt das Opfer erst, wenn es weh tut. Bremsen fliegen nämlich nicht nur schnell, sondern auch ausserordentlich leise.

GUT GETARNT. Auch unter den Schmetterlingen sind es die Damen, die sich eine abwechslungsreiche Garderobe zulegen. Männliche Ritterfalter der in weiten Teilen Afrikas heimischen Art Papilio dardanus sehen alle gleich aus; sie ähneln grob ihrem Verwandten, dem europäischen Schwalbenschwanz. Die Weibchen hingegen kommen mal schwarz-weiss gestreift, mal rot getüpfelt, mal gelb gezeichnet daher. Insgesamt treten sie in mehr als 30 verschiedenen Kostümen auf. Damit liegen sie ungeschlagen vorn in der Disziplin der Bates'schen Mimikry, bei der eine wehrlose Art das Aussehen einer giftigen oder sonst gefährlichen Spezies nachahmt. Der Ritterfalter sucht seine Vorbilder in der nahen Verwandtschaft: Raupen der Gattungen Danaus und Amauris ernähren sich von den Blättern giftiger Gewächse. Die Inhaltsstoffe der Pflanzen lagern sie in ihren Körper ein und schmecken deshalb möglichen Fressfeinden selbst später im Erwachsenenstadium nicht. Vögel spucken die ungeniessbare Beute wieder aus - und vermeiden fortan die Biester mit ihrer charakteristischen Zeichnung. Einen solchen Schutzmantel werfen sich die Verwandlungskünstlerinnen der Art Papilio dardanus über. Indem sie viele verschiedene Arten imitieren, erhöhen die Weibchen die Wahrscheinlichkeit, dass der Schwindel den Verfolgern nicht auffällt. Die Männchen jedoch dürfen nach erfolgter Paarung ruhig im Vogelmagen landen.

AM LÄNGSTEN. Stab- und Gespensterschrecken zählen nicht nur zu den wenigen Insekten, die als Haustiere beliebt sind, unter ihnen sind zudem die längsten Geschöpfe im Kerbtierreich. Nicht weniger als 55,5 Zentimeter mass ein Weibchen der Art Pharnacia serratipes, Beine inbegriffen. Damit übertraf das 1995 in Westmalaysia entdeckte Insekt ein Exemplar der Art Pharnacia kirbyi um neun Millimeter, das 99 Jahre lang den Rekord gehalten hatte. Zur Ordnung der Phasmiden gehören etwa 2700 Arten, die meisten leben gut getarnt als Zweige, Blätter oder flechtenbehangene Rindenstücke in tropischen Wäldern. Fast immer sind die Weibchen grösser als die männlichen Tiere, da ihr Hinterleib Platz für Eier bieten muss. Während manche ihrer Verwandten durch ein bizarres Outfit bestechen, handelt es sich bei der Rekordschrecke Pharnacia um eine eher minimalistische Kreatur. Ausser einem langen, dünnen Körper und sechs ebenfalls langen, dünnen Beinen ist an ihr wenig dran. Männchen besitzen immerhin Flügel, fliegen können sie trotzdem nicht. Irgendwie magersüchtig wirkt Pharnacia, und es verwundert nicht, dass sie nur Grünzeug frisst. Ausser wenn sie hin und wieder aus Versehen einen ihrer Vettern anknabbert, der sich als grünes Blatt verkleidet hat.

Alexandra Rigos ist Wissenschaftsjournalistin. Sie lebt in Berlin.


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