Thomas», sagt Rico, «es ist eine Frage des Prinzips. Es geht einfach nicht, dass sich der CEO derart einmischt.» Die Runde bestellt vier neue Millers Draft, in der Flasche selbstverständlich, so wie sich das für einen trendigen Ort wie diesen gehört. Die Herren, wir kennen sie leider nur per Vornamen, haben ihre Krawatten, nach anfänglicher Lockerung, ganz entfernt. Die Hemdkragen stehen offen. Auf zwei Kissen liegen Vestons und Aktenköfferchen der feierabendlich gelösten Männerrunde. Die Handys sind ausgeschaltet. Entspannt lehnen sich Rico, Thomas, Marc und Christoph in die weichen Sofas zurück. Man nennt diese Stätten des schmiegsamen Absackens, eine Mischung aus Polstermöbelausstellung und Völkerkundemuseum, Lounge.
Die vier haben ihren CEO ausdiskutiert, sind dann zum Thema Auto abgedriftet, haben sich kurz mit dem Nahkampf als möglicherweise bereits veralteter Trendsportart beschäftigt und halten sich nun schon seit geraumer Weile bei einer fundierten Analyse des anwesenden weiblichen Publikums auf.
Nach vollendetem Tagwerk darf der angestellte Mensch ein freier Mensch sein. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen ein paar hinter die Binde giessen, den Tag Revue passieren lassen, wiederkäuen, verdauen, abschalten, nachbearbeiten, loswerden. Das entspricht einem Grundbedürfnis. Lehrt uns die eigene Erfahrung – und die Soziologin Daniela Gloor, die in der «Handelszeitung» die Arbeit als nach wie vor wichtigen «Definitions- und Identifikationsfaktor in unserer Gesellschaft» bezeichnet. Ob Feierabendbier am Stamm tisch, ob Lounging oder Afterwork-Party: Nach der Arbeit kommt das Vergnügen am Wasserloch.
Ein Lokal weiter: Nadine und Renie nehmen die Damentoilette in Beschlag. Es ist kurz nach sechs, die beiden sind äusserst konzentriert damit beschäftigt, ihren Tageslook in eine Dancefloor-kompatible Kluft zu verwandeln. Die Anwesenheit anderer stört sie dabei nicht. Und so darf man ungeniert zusehen und zuhören, wie ein sehr knappes Top ein etwas weniger knappes ersetzt, wie die Haare zur Löwenmähne werden, warum Chris nicht angerufen wird, und was für ein ausserirdisches SMS Tina geschickt hat. Nach einem letzten gewaltigen Schub aus der Haarspraydose ist endlich alles am richtigen Platz, und es kann losgehen: die sogenannte Afterwork-Party, ein Import, der vor etwa zwei Jahren aus den üblichen Zentralen des globalisierten Vergnügens, aus New York, London und Paris, zu uns nach Zürich, Bern, Luzern und Obererlinsbach gekommen ist.
Die Idee der Afterwork-Party ist einfach und gerissen, weil sie zwei Tätigkeiten zusammenbringt, ohne die das stromlinienförmige Trendvölklein nicht mehr existieren könnte: Networking und Fitnesstraining. Das Afterwork ist die Fortsetzung des Arbeitstages mit andern Mitteln und der grösstmöglichen Kalorien- und Bewegungsfreiheit. Es wird geredet, getrunken und getanzt. Anstatt sich am Stammtisch einen Bierbauch anzutrinken oder sich im Fitnessclub abzustrampeln, geht die junge urbane Bürolistenliga mit Aktenkoffer an die Party nach Büroschluss, nimmt an der Bar ein, zwei Drinks, redet, knüpft Kontakte, flirtet und stürzt sich immer wieder mal auf den Dancefloor, um bei House, Funk and Soul den Tagesfrust abzutanzen. Essen kann gestrichen werden, was die Trägerinnen der knappen Tops sehr erleichtert.
Es geht jetzt gegen 22 Uhr. Der DJ legt auf, die Beats werden pumpiger, der Lärmpegel steigt. Wer jetzt noch kommunizieren will, braucht eine kräftige Stimme und ein gutes Ohr. Drei junge Frauen behandeln den Seitensprung ihres Chefs, scharf beobachtet von vier Jungbankern, die sich ab und zu konzentriert anbrüllen. Es geht, so viel lässt sich aufschnappen, um den Bonus des Chefs und um die Börse: «Das war ein Tag zum Heldenzeugen.» Pünktlich um Mitternacht geht die Party zu Ende. Schliesslich soll man am nächsten Tag wieder einigermassen fit im Büro erscheinen.
Der Direktor des «Carlton» in Zürich, Markus Segmüller, ist mit dem Erfolg der Afterwork-Party, hier «5 nach 6» geheissen, sehr zufrieden. Obwohl die erste grosse Welle bereits wieder vorbei zu sein scheint, wie er vermutet. Hatte er früher noch zweitausend Leute im Verlauf eines Abends, so sind es heute ein paar hundert. Im «Carlton» ist am Dienstagabend Afterwork-Party-Time. Dienstag, sagt Segmüller, sei der beliebteste Abend für den Ausgang mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen. Am Montag gehe man nicht aus, am Mittwoch sei Fussball angesagt, am Donnerstag Ausgang mit Freunden, am Freitag und am Samstag mehr die privaten Einladungen, am Sonntag die Familie.
Das gilt auch für Basel und Bern, wo ebenfalls am Dienstag Afterwork-Parties steigen, in Basel im «Des Art’s», in Bern im «Du Théâtre». «Bis anhin», sagt Remo Neuhaus, Mitinhaber des «Du Théâtre» und des «Lorenzini», «war in Bern am Dienstagabend einfach gar nichts los, jetzt läuft’s an den Afterwork-Parties kontinuierlich gut.» Vielleicht sei es ein bisschen ruhiger als in den Anfängen vor zweieinhalb Jahren, sagt Neuhaus. Aber so sei das eben mit den Events: «Die Gäste wollen Abwechslung, wollen immer wieder etwas Neues. Ein Bier öffnen können sie auch zu Hause.»
Was in Zürich, Bern und Basel der Dienstag, ist in Luzern der Donnerstag. Seit zwei Jahren organisiert Urs Karli, Besitzer mehrerer Hotels in Luzern, zusammen mit Radio Pilatus Afterwork-Parties, und er stellt ungebrochenes Interesse fest. Möglicherweise sind die Luzerner einfach treuer als die Zürcher und Berner.
Doch nicht nur in Zürich und Bern scheint’s an den Events nach Büroschluss ruhiger zu werden, auch in andern Weltstädten sind die Teilnehmerzahlen an den Afterwork-Parties rückläufig. Diese wahrlich beunruhigende Entwicklung hat zu einer europaweiten Online-Umfrage eines Karrierenetzwerkes geführt, das nach den Gründen für die abflauende Lust gesucht und sie auch gefunden hat: Die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer beispielsweise hat nämlich ganz einfach kein grosses Interesse an ausserdienstlichen Kontakten mit Kollegen. Ob das auch für den weiblichen Teil der arbeitenden Bevölkerung gilt, war aus den Ergebnissen der Online-Umfrage nicht zu ersehen.
Vielleicht haben die Bedürfnisse, die in immer schnellerer Kadenz geschaffen werden, auch ganz einfach eine immer kürzere Lebensdauer. Noch vor drei, vier Jahren hat sich Karli nicht vorstellen können, dass man Hunderte von Menschen finden könnte, die nach Feierabend zu den Klängen eines DJ begeistert lostanzen würden. In den letzten zehn Jahren, sagt er, habe sich das Angebot in den Städten enorm gewandelt. Die guten alten Beizen seien verdrängt und neue Bars und Lounges eröffnet worden. Und auch die Hotelbar werde neuerdings immer mehr zu einem Treffpunkt nach der Arbeit.
Probe aufs Exempel: Besuch in einer Bar, «diesem flaschenreichen, entspannten Ort der Kommunikation – anfangs meist im Stehen, gegen das es anzutrinken gilt», wie Udo Pini die Bar in seinem Gourmet-Handbuch definiert. Es herrscht angenehme Ruhe, keine Musik, dafür gedämpftes Stimmengemurmel. Ganz im Sinn von Luis Buñuel, einem begnadeten Barbesucher, dessen ideale Bar «eine Schule der Einsamkeit» sein sollte: «Sie muss vor allem ruhig sein, möglichst düster und sehr bequem. Jede Musik, auch noch die entfernteste, ist verpönt – ganz entgegen dem üblen Brauch, der sich heute in aller Welt breitmacht. Höchstens ein Dutzend Tische, möglichst nur Stammgäste, und zwar wenig gesprächige.»
Noch ist die männliche Kundschaft in dieser heure bleue, der Stunde der Dämmerung, in der Überzahl – das wird sich im Verlauf des Abends ändern. Krawatte und Veston sind de rigueur . Zwei Barstühle weiter ist die Unterhaltung bei der Safari angelangt. Anschliessend wird Prinz Williams Erlegung einer Baby-Antilope nach alter Massai-Technik per Speer unter die Lupe genommen. Dazu bestellen die Herren Bier, einen Apéritif auf Ginbasis – «ich lasse mich überraschen» – und eine Bloody Mary. Gut gewürzter Tomatensaft mit Wodka.
«Wodka ist wieder eine der beliebtesten Spirituosen im offenbar stattfindenden Revival der Bar- und Cocktailkultur», sagt Peter Roth. Der Chef de bar der «Kronenhalle»-Bar in Zürich, einer der berühmtesten Bars in der Schweiz, hat den Eindruck, dass noch nie so viele Bars eröffnet wurden wie in diesem Jahr.
Der «Hemingway of life» ist in vollem Gang. Die Bar hat sich gefüllt, Gesprächsfetzen schwirren durch die Luft. Die Runde aus dem oberen Kader ist mittlerweile bei der Tötung einer Riesenschlange per Handkantenschlag angelangt. Der Smalltalk im Grossstadtdschungel hat seine eigenen Regeln. Warum eigentlich Kollege Gerhard nicht mitgekommen sei, will einer wissen. «Ach», sagt der andere, «du weisst ja, was der jeden Abend macht: Kind, Kind, Bussi, Bussi.»
Einvernehmliches Schmunzeln. Man bestellt eine neue Runde. Die Konversation mäandert weiter. «Kennt ihr den vom Golfer, der sich von seiner Frau scheiden lassen will?» Kurz vor der Pointe kommt der Kellner. Wir werden sie nie mehr erfahren. Kellner kommen immer im falschen Moment, Chefs auch. «Das war Bad Timing von Tobler, heute Morgen im Sales Meeting. Um nicht zu sagen Bad Taste.» – «Jeder Stift hätte das besser gemacht.» Allgemeines Nicken. «Nehmt ihr noch one for the road?» – «Sorry, nein, Claudia hat Thai-Curry gemacht. Und ich muss noch Svens Deutscharbeit gegenchecken, seine Performance im Gymi ist suboptimal.»
Tja, da hatte es Papa Hemingway noch leichter, immerhin soll er es einmal auf 16 doppelte Daiquiris gebracht haben. Eine optimale Performance auf dem Barstuhl.
Es gibt offenbar auch ganz praktische Gründe, weshalb nicht jeder mit seinen Kollegen auf den Feierabendschoppen gehen kann oder will. Trendforscher behaupten neuerdings, vor allem Frauen würden ihren Arbeitstag gern vor dem Fernseher bei einer Soap ausklingen lassen. So endet, nach der Arbeit Müh und Lasten, der Tag geruhsam vor dem Flimmerkasten.
Das Bier dazu kommt aus dem Kühlschrank. Und direkt aus der Flasche, selbstverständlich. Prost!
Gaby Labhart ist Mitarbeiterin der NZZ am Sonntag.