KREATIVER TATENDRANG und Phantasie beflügeln die jungen Architekten in Australien. Ihre Themen sind die Neuinterpretation der Moderne aus dem Geist des Landes, die Auseinandersetzung mit dem Kontext und das Streben nach harmonischem Ausgleich von Natur und Technik. Wenn gegenwärtig auch vor allem zwei klingende Architektennamen, Harry Seidler und Glenn Murcutt, Australien international repräsentieren, so war es doch ein Haus des heute 38jährigen James Grose, das auf der letzten Architekturbiennale in Venedig zum Synonym der neuen Architektur des fünften Kontinents wurde.
Trotz seinem suggestiven Äusseren, das an eine Heuschrecke im Busch denken lässt, ist das eigenwillige Gebäude nicht auf Effekt bedacht. Vielmehr will es mit seiner zoomorphen Form demonstrieren, was heute fernab aller High-Tech-Spielereien mit Stahl und Blech geschaffen werden kann. Denn ähnlich wie Frank Gehry bei seinem eigenen Haus in Santa Monica sucht hier Grose nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten alltäglicher Materialien. Von Süden her gesehen, erinnert das an einer sanften Böschung im Schatten eines grossen Eukalyptus stehende Gebäude an eine Farm. Allein: die Vorstellung wird irritiert durch bizarre Stahlträger, die sich wie die Fresswerkzeuge einer Gottesanbeterin biegen.
Dem Einheimischen und allenfalls auch dem Besucher vertraut ist einzig die bald stromlinienförmig gekurvte, bald kantige Wellblechhaut. Denn Blech und Stahl werden in Australien schon seit langem in der ruralen Baukunst, aber auch für die schon im vorigen Jahrhundert in Sydney und in Melbourne errichteten Fertighäuser gebraucht.
Kosmische Aspekte sowie die Lage am Fusse des von Regenwald überwachsenen Gebirges formten die Erscheinung dieses Gebäudes. Im expressiven Einsatz der Metallkonstruktion verdichtet sich aber auch symbolhaft das auf Stahl gegründete Selbstverständnis der Küstenstadt Wollongong, die zusammen mit dem Hafen Port Kembla das Zentrum von Australiens Schwerindustrie bildet. Wenn der Wellblechverkleidung dieses Hauses also noch der Geruch des Walzwerkes anhaftet, so ist dies ganz im Sinne der Besitzer, des Metallindustriellen Paul Newman und seiner Frau Janet, die sich nach dem Auszug ihrer Kinder an der Peripherie von Wollongong ein neues Heim wünschten, das den innovativen Geist der heimischen Architektur mit der eigenartigen Romantik der Werkhallen vereint.
Auf Stelzen erhebt sich das Haus, einer gigantischen Eisenplastik gleich über einem Meer von Schlacke. Dieses Abfallprodukt der Stahlgewinnung verkündet im Idyll Suburbias, worauf der Wohlstand dieser Gegend gründet. Die Abhebung des Gebäudes vom Grund besitzt zudem in Mies van der Rohes Farnsworth House ein berühmtes Vorbild. Sie erinnert aber auch an die traditionellen Wohnbauten von Queensland, der Heimat des heute in Sydney tätigen Grose, wo aufgestelzte Häuser im subtropisch feuchten Klima ebenso erprobt sind wie die zur kühlenden Brise hin offenen Veranden.
Eine Brücke, die - ähnlich wie die Passerelle des von Groses Freund und Mentor Murcutt in Glenorie erbauten Hauses - den Weg architektonisch thematisiert, führt von der Strasse zum formellen Eingang. Das Hausinnere wirkt im Gegensatz zur eigenwilligen Aussenansicht sanft und wohnlich, löst sich hier doch die visuelle Komplexität in bestechende Einfachheit auf: Die selbstbescheidene Raumlogik spiegelt sich in einem Grundriss, der mit intellektuellem Abstraktionsvermögen und mit Phantasie aus dem Rechteck entwickelt wurde. Auf ähnlich additive Weise, wie Wollongongs Fabrikhallen von Büros, Dienst- und Hygieneräumen umgeben sind, wurden dem Wohnzimmer Nebenräume beigeordnet. Zwei Apsiden bieten einem Schlaf- und einem Arbeitszimmer Platz.
Die im südlichen Annexbau linear angeordneten Serviceräume, die Kochnische und das Gästezimmer sind vom hohen, lichtdurchfluteten Wohnraum aus, den sie wie ein Wärmepuffer vor den winterlichen Winden aus der Antarktis schützen, direkt zugänglich. Typologisch gehorcht dieser geradezu japanisch transparente Raum mit seinem Lichtgaden dem basilikalen Schema. Ein filigranes Skelett von vier tragenden Stahlpfeilern teilt ihn in drei Bereiche, die sich zur Veranda und zur Wintersonne, den beiden natürlichen Klimaregulatoren, hin orientieren.
Der erhöhte, überdeckte Aussenraum vermittelt zwischen dem Wohnzimmer und dem tiefer liegenden Garten. Von hier aus erst wird die Komplexität der Aufrisse und der Fassaden verständlich. So schmiegt sich dem langen, an den Enden abgerundeten Mittelteil seitlich in leicht gebrochener Symmetrie je ein Anbau mit flügelartig aufgeschlagenem Dach an: die weite, überdachte Plattform und ihr Pendant, der von einer grauen, fein gerippten Wellblechfassade mit bildartigen Fensteröffnungen umschlossene Servicetrakt.
Damit interpretiert dieses ganz im Sinne Alvar Aaltos die Poesie des Ortes reflektierende Haus gleichsam seine Lage auf der riesigen natürlichen «Veranda Australiens» zwischen schützendem Vorgebirge und endlosem Pazifik.