ARBEIT? Da denke ich erst einmal an Beschäftigung; ob man will oder nicht, sie gehört zum Leben. Damit man leben kann, muss man arbeiten und Geld verdienen. Für mich ist Arbeit nicht etwas, bei dem ich am Morgen sage: es stinkt mir. Aber so lange bin ich ja auch noch nicht im Arbeitsprozess. Das Geldverdienen hat für mich nicht Priorität. Wichtiger ist, dass man durch Arbeit etwas lernt. Nach der Schule hatte ich das Gefühl, ich weiss gar nichts. Erst mit der Arbeit gewinnt man an Selbstsicherheit.
Ich bin 27 Jahre alt und Wertschriftenhändler an der Zürcher Börse. In der Bankbranche bin ich durch Zufall gelandet. Eigentlich wollte ich Koch werden, aber ich konnte mich einfach nicht für eine Lehre entscheiden. Da dachte ich, ich mache erst einmal etwas Büromässiges. Nach der Handelsschule stellte ich mich auf der Bank vor und kam gleich in die Börsenabteilung. Und ich war auf Anhieb fasziniert von der Hektik des Börsenbetriebs. Manchmal diskutiere ich mit Gleichaltrigen und merke, dass bei ihnen oft das Geldverdienen im Vordergrund steht und die Freizeit immer mehr Bedeutung bekommt; dafür gehen sie arbeiten. Arbeit ist für sie mehr ein notwendiges Übel. Viele haben auch nicht mehr die Sparmentalität wie früher, als man sich auf ein konkretes Ziel konzentrierte. Heute geniessen sie lieber den Augenblick und geben ihr Geld dafür aus. Ich habe von Anfang an realisiert, welchen Stress die Börse bedeutet, aber das hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil, ich könnte nie einen typischen Bürojob machen. Aber ich sehe bei älteren Kollegen auch, wohin der ständige Druck mit den Jahren führen kann. Nicht alle halten das ohne Schaden zu nehmen aus.
Was mir etwas Mühe macht, ist das frühe Aufstehen. Lieber würde ich abends eine Stunde länger arbeiten. Ich stehe gegen sieben Uhr auf und schaue als erstes auf dem Teletext, was Japan gemacht hat. Die Schlusskurse höre ich um acht in den Nachrichten. Im Büro informiere ich mich über die Zinsbewegungen und lese Zeitung bis etwa neun Uhr, denn Informationen sind in unserem Beruf sehr wichtig. Um viertel nach neun fängt die Vorbörse an, und um zehn öffnet der Ring. Dann geht es manchmal ohne Pause durch bis etwa nachmittags um zwei. Vier Stunden lang steht man nun unter voller Konzentration. Ich habe nicht permanent Aufträge, muss also nicht am Stück brüllen. Für die Stimme ist es eigentlich kein Problem. Aber es reicht manchmal nicht einmal für einen Gang zur Toilette, zum richtig Essen schon gar nicht, im besten Fall für ein schnelles Sandwich. Wenn man Hunger hat, lässt die Konzentration nach. Körperlich hält man es am besten durch, wenn man sich gerade hält, sonst bekommt man es im Rücken zu spüren.
Nach dem Ring muss ich im Büro dann noch die Aufträge verarbeiten, und so gegen halb drei gehe ich mittagessen. Schwierig ist es, sich bei solchen Arbeitszeiten mit Freunden zu verabreden, und das bedaure ich schon. Zu Hause höre ich dann noch mehrmals Nachrichten oder sehe Teletext. Dass ich niemals richtig abschalten kann, nervt mich weniger als meine Freundin. Nur in den Ferien will ich es dann ruhiger haben. Aussenstehende meinen immer, wir seien alle reich, aber das stimmt nicht. Sicher kann man gut Geld verdienen, aber man muss gewisse Fertigkeiten haben. Ich habe ein fixes Salär, dazu kommen noch ein leistungsabhängiger Bonus und der allfällige Gewinn aus den eigenen Börsengeschäften. Mit denen kann man, wenn man Glück hat, am meisten verdienen, aber das kann eben enorm schwanken. Im Vergleich mit meinen Alterskollegen stehe ich wahrscheinlich schon besser da. Natürlich bin ich jetzt, noch ohne Familie, noch risikofreudiger. Aber ein Kamikaze bin ich nicht. Dass Wertschriftenhändler nun mein Traumberuf wäre, würde ich aber nicht sagen. Vielleicht wäre ich auch gerne Popsänger geworden, denn ich bin ein totaler Musikfan. Ich höre alles, auch Klassik oder Gospels. Unternommen habe ich in der Richtung aber nie etwas.