Das Thema ist heikel, das Bedürfnis gross, darüber zu sprechen. Auf der Redaktion meldeten sich spontan Studenten mit Geschichten über seltsame Prüfungsverfahren und ungerechte Noten. Bevor sie redeten, erkundigten sie sich, ob der Artikel noch vor ihren Prüfungen erscheine. Ihre Namen dürften auf keinen Fall darin auftauchen.
Auch von den rund 50 angefragten Assistenten und Professoren der Universitäten Freiburg, Bern, Basel, Zürich und St. Gallen gaben viele nur Auskunft, nachdem ihnen Anonymität zugesichert worden war. Assistenten befürchteten, ihre Aussagen könnten ihre Karriere an der Uni gefährden. Und Professoren scheuen den Konflikt mit Kollegen und der Unileitung.
Früher wurde über Noten nicht diskutiert, sie wurden akzeptiert. Die Beurteilung durch den Professor galt als sakrosankt. Heute ist das anders. Noten dienen längst nicht mehr nur der Leistungsbeurteilung. Sie sind zum Spielball unterschiedlicher, teilweise gegensätzlicher Interessen von Studenten, Professoren, Fakultäten, Rektoren geworden.
Am einfachsten lässt sich das Interesse der Studenten bestimmen: Sie wollen eine gute Note. Die bringt sie durch die Zwischenprüfung, sie ist gut fürs Selbstwertgefühl, und sie steht später auf der Urkunde, die man der Bewerbung beilegt. Eine Untersuchung des Berner Volkswirtschafters Jürg Schweri hat einen Einfluss der Note auf den Lohn festgestellt: Ein Ökonom der Universität Zürich mit der Abschlussnote 6 verdient im ersten Berufsjahr in der Regel zehn Prozent mehr als sein Kommilitone mit der Note 4; vier Jahre später ist der Unterschied noch grösser.
«Studenten sind heute nicht mehr bereit, Noten als Gottesurteil hinzunehmen», sagt Ulrich Zimmerli, Professor für öffentliches Recht an der Universität Bern. Während die Generation der Achtundsechziger die Autoritäten kritisierte, um die Gesellschaft zu verändern, fordern Studenten die Professoren heute bloss aus Eigeninteresse heraus. Der Kampf um gute Noten ist keine koordinierte Aktion, er wird individuell geführt.
Das gewachsene Bewusstsein, wie subjektiv Noten letztlich sind, spielt dabei ebenso eine Rolle wie die schwindende Autorität der Herren Professoren. Darüber hinaus bietet das Internet einen zwar risikoreichen, aber bequemen Weg, durch Kopieren zu einer guten Note zu kommen. Besonders in Deutschland und den USA bieten Firmen von der Seminararbeit bis zur Habilitation alles übers Web an. In der Schweiz melden sämtliche Universitäten eine Zunahme von Plagiaten.
Schon 1977 gab der Schriftsteller und Professor Umberto Eco in seinem Buch «Wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt» den ironischen Tip, beim Plagiieren intelligent vorzugehen. Wer als Student in Mailand eine Arbeit aus Catania abschreibe, solle abklären, ob der Mailänder Dozent nicht vorher in Catania gelehrt habe. Im elektronischen Zeitalter müsste Eco Schweizer Studenten vor allem den Tip geben, «ß» durch «ss» zu ersetzen, bevor sie eine aus Deutschland kopierte Arbeit abgeben. Das in der Schweiz ungebräuchliche «ß» hat schon manch einen Betrüger entlarvt.
Immer mehr Professoren verlangen wissenschaftliche Arbeiten auch als elektronische Versionen und überprüfen mit einer speziellen Software, ob Textpassagen darin aus dem Internet stammen. In St. Gallen konnte auf diese Weise kürzlich einem Absolventen nachgewiesen werden, dass seine Abschlussarbeit teilweise identisch war mit einer älteren aus Zürich. Er wurde für ein Semester von der Universität gewiesen. Wer in St. Gallen eine Seminararbeit plagiiert, muss sie nicht nur neu schreiben, sondern nimmt in Kauf, die Ausbildung bis zu drei Jahren unterbrechen zu müssen. Das ist besonders schmerzhaft für jene, die kurz vor dem Abschluss stehen. Andere Hochschulen sind weniger streng. Oft sind die Reglemente lückenhaft, was die Sanktionen betrifft, so dass die Strafe im Ermessen des Professors liegt, und der verlangt oft nur, dass die Arbeit nochmals geschrieben wird.
Professoren klagen darüber, dass an den Universitäten Zustände wie an den Mittelschulen Einzug halten, wo mit dem Lehrer um jeden Punkt und jede Viertelnote gefeilscht wird. «Studenten wollen immer wieder verhandeln», sagt ein Wirtschaftsprofessor der Universität Basel. Die Zürcher Germanistin Angelika Linke erlebt immer wieder, dass sich Studenten nach der Prüfung in E-Mails beklagen: sie hätten doch eigentlich bessere Noten verdient.
Zu den bekanntesten Massnahmen, etwas gegen eine schlechte Note zu tun, gehören Rekurse. Ob ihre Häufigkeit zugenommen hat, ist schwer zu sagen, denn es liegen keine Erhebungen vor. Doch sowohl Ulrich Zimmerli, der auch Präsident der Rekurskommission der Universität Bern ist, als auch Rudolf Hoffmann, Chef der für die Hochschulen im Kanton Zürich zuständigen zentralen Rekurskommission, glauben in den letzten zehn bis zwanzig Jahren eine Häufung beobachtet zu haben. Die überwiegende Mehrzahl der Rekurse wird abgelehnt, oder man einigt sich, bevor das Verfahren eröffnet wird.
Das ändert nichts daran, dass Studenten teilweise zu Recht gegen Noten und Prüfungsentscheide rekurrieren. Viele Noten sind extrem subjektiv. Das wird in den pädagogischen Fächern der Hochschulen sogar so gelehrt. In der Sekundarlehrerausbildung an der Universität Zürich erzählt man den Studenten von einer Studie, bei der fünfzehn Lehrer denselben Aufsatz bewerteten: Vier benoteten ihn mit sehr gut, vier mit gut, einer mit genügend, drei mit mangelhaft und drei mit ungenügend. Kein Wunder, beginnen die Studenten an der Note ihrer eigenen Seminararbeit zu zweifeln. Der Nach weis einer Ungerechtigkeit fällt allerdings schwer. Nur selten kommt es zu einem Fall wie jenem an der Universität Zürich, wo dieselbe juristische Arbeit einmal mit 5,5, ein Jahr später vom gleichen Professor mit 4,5 bewertet wurde. Er hatte das Plagiat nicht bemerkt.
Um die Bewertung zu objektivieren, setzen die Universitäten immer häufiger Multiple-Choice-Tests ein. Die lassen sich zwar einfach korrigieren, engen aber die Möglichkeit ein, nach Zusammenhängen und nicht nur nach Fakten zu fragen.
Am häufigsten sind Rekurse bei nichtbestandenen Wiederholungsprüfungen, nach denen das Studium im betreffenden Fach an keiner Schweizer Universität fortgesetzt werden kann. Wer durch eine solche Prüfung saust, hat nichts mehr zu verlieren und engagiert heute häufig einen Anwalt, der erst einmal einen Formfehler im Prüfungsablauf sucht.
Die Professoren reagieren unterschiedlich auf die zunehmende Rekursfreudigkeit. Manche achten peinlich genau darauf, keinen Fehler zu begehen und das auch beweisen zu können. Ein Berner Wirtschaftsprofessor lässt die Prüfungsaufgaben auf Kommando allen Kandidaten gleichzeitig verteilen, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Mündliche Prüfungen nimmt er auf Tonband auf. Diese Praxis kennen auch die Juristen der Universität Bern. Laut Ulrich Zimmerli mussten in den letzten Jahren drei Bänder abgeschrieben werden; die Rekurrenten blitzten jedesmal ab. Zimmerli ist überzeugt, dass sich die Massnahme bewährt hat: «Studenten können nicht aus dem Bauch heraus Vorwürfe erheben. Und Professoren können sich die Fragen nicht erst beim Betreten des Zimmers überlegen.»
Universitäten, die als Eliteschulen angesehen werden, machen ihren Dozenten klare und strenge Vorgaben bei der Leistungsbeurteilung. Dementsprechend hart ist die Selektion. An der Universität St. Gallen, der Schweizer Kaderschmiede des Kapitals, überstehen zum Beispiel bis zu ein Drittel der Studenten das Assessmentjahr nicht.
Andernorts wird offenbar ein betont lascher Umgang mit Prüfungen und Noten gepflegt. Studenten der Universität Freiburg wissen zu berichten, dass bei den Gesellschaftswissenschaften schon Prüfungen ohne Ausweiskontrolle abgehalten worden seien. Problemlos hätte ein Fremder für einen Studenten einspringen können. Bei Einzelprüfungen habe man die Studenten auch schon unbeaufsichtigt mit dem Prüfungsblatt in die Cafeteria geschickt.
Eine Sekundarlehrerin erinnert sich, dass ein Zürcher Pädagogikprofessor an der mündlichen Prüfung jahrelang dieselben Fragen stellte. Die Antworten lagen in einem Ordner in der Bibliothek. Als der Professor drei Wochen vor dem Prüfungstermin starb, wurden die Studenten nervös. Zu ihrer Erleichterung führte sein Assistent die Prüfung aber nach bekanntem Muster durch. Er machte die Studenten sogar darauf aufmerksam, dass eine Frage von allen falsch beantwortet wurde. Man möge das doch im Ordner korrigieren.
Nicht nur die Angst vor Rekursen verleitet einen Teil der Professoren zu einer gleichgültigen Notengebung. Unter Geistes- und Sozialwissenschaftern gehört es zum guten Ton, Noten als unwichtig abzutun. Ein Mensch müsse ganzheitlich beurteilt werden, heisst es. Praxiserfahrung sei im Hinblick auf den Beruf ohnehin wichtiger. Zudem lockt ein höherer Notendurchschnitt in einem Fach mehr Studenten an. Wer will schon beim scharfen Hund studieren, der alle durchfallen lässt, wenn es eine einfachere Alternative gibt?
Da die Mittel für ein Fach abhängig von der Studentenzahl verteilt werden, sind Fächer mit mehr Studenten besser ausgestattet. Ein Professor erzählt, dass an der Basler Wirtschaftsfakultät er und seine Kollegen informell aufgefordert würden, weniger streng zu benoten, weil sonst in den ersten Jahren zu viele Studenten verloren gingen. «Professoren werden immer stärker danach beurteilt, wie viele Studenten sie gewinnen und zum Abschluss führen», sagt ein Professor aus Freiburg. Sie müssten sich darauf einstellen, in Zukunft vermehrt nach ökonomischen Kriterien gemessen zu werden. «Alles, was sich nicht zählen lässt, zählt dann nichts», sagt sein Basler Kollege.
Ein vieldiskutiertes Thema ist die Inflation guter Noten derzeit in den USA. Einige Universitäten haben aus Angst um ihren Ruf Massnahmen ergriffen, um die über Jahre gestiegenen Notendurchschnitte wieder zu senken. Im Internet unter www.gradeinflation.com wird diese Entwicklung dokumentiert. Mit Hilfe von Tabellen lässt sich dort sogar umrechnen, wie viel eine vor zwanzig Jahren erreichte Abschlussnote in der Zwischenzeit zugelegt hätte.
In einem Wettbewerb mit falschen Anreizen bestünde die Gefahr eines «race to the bottom» auch in der Schweiz, befürchtet ein Basler Wirtschaftsprofessor. Das Deutsche Seminar der Universität Zürich hat vor ein paar Jahren schon Gegenmassnahmen ergriffen: Eine Inflation an Dissertationen, die mit «summa cum laude» ausgezeichnet wurden, minderte die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Zürcher Germanisten. Daraufhin wurde nebst dem Doktorvater ein zweiter Gutachter eingeführt, und die Zahl der Summa-Arbeiten sank.
Die Entwicklung hin zu guten Noten ist ungerecht gegenüber Studenten, die viel leisten, aber dennoch nur eine halbe Note besser bewertet werden als solche, die sich mit einem Minimalaufwand begnügen. Doch darüber beklagt sich niemand. Denn mit einer sehr guten Note ziemt es sich nicht, über andere zu klagen. Und wer mit wenig Aufwand eine gute Note erreicht, beklagt sich erst recht nicht.
Auf diese Weise erlangte Noten lassen sich kaum mehr vergleichen. Deshalb gibt es informelle Ranglisten der Universitäten, bei denen die Durchschnittsnoten und das Niveau der Ausbildung mit berücksichtigt werden. Ein Berner Wirtschaftsprofessor erwartet, dass nicht mehr die Note der massgebliche Code für das Leistungsvermögen eines Studenten sein wird, sondern, wie in den USA, der Name der Universität. Wenn er Studenten an amerikanische Universitäten empfiehlt, wollen seine dortigen Kollegen denn auch nicht unbedingt die Noten wissen. Sondern ob jemand zu den 15 Prozent, 10 Prozent oder zu den 2 Prozent Besten eines Jahrgangs gehört.
Dario Venutti ist freier Journalist; er lebt in Rapperswil.