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NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter Inhaltsverzeichnis
Zerlegt -- Erotische Ingenieurskunst
© Patrick Rohner
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| Unterhöschen M-02, Tactel und Lycra, Beldona, 25 Franken. |
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Von Jeroen van Rooijen
Ihre Ware ist vielleicht nicht gerade weltbewegend originell, sondern eher solider Durchschnitt. Aber eines muss man der Firma Beldona lassen: In Sachen Beratung nimmt das im aargauischen Baden ansässige und von einem holländischen Investor kontrollierte Unternehmen seine Sache sehr ernst. Wenn man als Mann eine Beldona-Filiale betritt, etwa die im Glattzentrum bei Wallisellen, wird man nicht argwöhnisch inspiziert, sondern zügig und sehr freundlich bedient.
Die Frage nach dem meistverkauften Unterhöschen der Schweiz bereitet der Verkäuferin kein Kopfzerbrechen: Sie weist rasch den Weg zu einem Gestell an der Rückwand, zu den nahtlosen, fleischfarbenen Null-Sex-Schlüpfern. Aha. Und was gäbe es sonst noch? «Vielleicht gefällt Ihnen unser NOS-Programm besser?» fragt die Angestellte höflich. NOS steht für «never out of stock», also für Lagerware, die immer vorrätig ist. Etwa das weisse, vorne dezent mit elastischen Spitzen besetzte String-Höschen.
Das gute Stück, aus Tactel (Nylon) und Lycra (Stretchfaser) gefertigt, darf ausgiebig befingert und inspiziert werden, ohne dass der Verkäuferin dabei ihr beruhigendes Lächeln vergeht. Und die Modeberaterin verliert auch dann nicht die Contenance, wenn man ihr eröffnet, dass man das Höschen nicht etwa verschenken, sondern mit dem Skalpell zerschnippeln will. «Ganz, wie sie möchten, der Herr», sagt die Dame und weist dennoch auf die hervorragenden Trageeigenschaften des in zwei Richtungen dehnbaren Materials mit dem hauchfeinen Rautenmuster hin. Also dann: Zwei Stück bitte, in Grösse M.
Unter dem Messer zeigt sich das delikate Stück Leibwäsche von seiner zähen Seite: Die Nähte sind robust gefertigt und mehrfach abgesteppt. Ein solches Stück dürfte trotz seiner fragilen Optik auch gröberen Alltagsbelastungen problemlos standhalten, und das ist ja die grosse Herausforderung der Wäscheherstellung.
Die innenliegenden Overlocknähte sind mit einem sich aufbauschenden Puffgarn versäubert, das die Nahtstellen weicher macht. Der Schritt ist mit hautfreundlicher Baumwolle gedoppelt. Vorne, etwas unter dem Bauchnabel, und hinten, auf Höhe des Steissbeins, sorgt eine dekorative Masche aus Satinband für eine verspielte Note. Die seitlichen Beinabschlüsse sowie der Bund sind mit einem Gummiband verstärkt, das mit einer weit dehnbaren Zickzacknaht am Stoff befestigt ist. Wo genau dies alles geschieht, ist für den Endverbraucher nicht ersichtlich: Das eingenähte Etikett gibt lediglich Pflegehinweise, aber keinen Aufschluss über den Produktionsort.
25 Franken kostet dieses dezent erotische Exempel textiler Ingenieurskunst mit dem technoiden Namen M-02 – gemessen an den Budgetangeboten von Discountern eher viel, aber verglichen mit Markenwäsche durchaus fair. Zum Höschen bekommt man an der Kasse auf Wunsch ausserdem eine sogenannte «B-loved Card», auf der alle Kundendaten und -grössen gespeichert sind, so dass der nächste Einkauf noch zielgerichteter vonstatten gehen kann. Den Service nimmt man bei Beldona wirklich ernst. Auch bei ausgefallenen Wünschen.
Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.
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