NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Ein Sofa voller Stammhalter

© Heinz Unger
Ein brav aufgeräumtes Kinderzimmer – hier lebt eine Familie mit Ordnungssinn. Linktext
Eine unzwinglianische Grossfamilie? Dienstleister aus dem Mittelmeerraum? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Mutig – so völlig ungestylt und unprätentiös kommt diese Familienwohnung daher. Ja, hier wohnt zweifellos eine Familie mit Kindern, und den Stammhaltern wird auch viel Platz und Bedeutung eingeräumt, stolz schmücken die zahlreichen Föteli der Buben die Wände.

Eine Familie mit Ordnungssinn, ein schon fast beunruhigend brav aufgeräumtes Bubenzimmer, das gute Kaffeeservice aufgedeckt für den Besuch – sie sind rechtschaffen und gut eingebettet im Dorf, irgendwo im Oberland.

Einblick in die offiziellen Räume ist uns gestattet, Persönliches zeigt sich gefasst im Rahmen, sprich: in den Bildern an den Wänden. Man lebt hier eher bescheiden für und unter sich.

Die Hausfrau hält die Küche in Schuss, und mit Kalendern im Doppelpack behält sie die Übersicht im Familienbetrieb. Die Buben machen ihre Schul- und Musikhausaufgaben, der Vater ruht feier­abends – hat er eine Stelle in der Industrie oder im Dienstleistungssektor? – mit der Fernbedienung auf dem Sofa. Mehr als solch Allgemeines ist nicht zu erahnen.

Stammt die Familie aus dem Mittelmeerraum? Ein eher unzwingliani­scher Ein­richtungsstil dominiert die Wohnung, Kristalllampe und Messing sollen vielleicht heimatlichen, südlichen Glanz ins Wohnreich bringen, eine Polstergruppe ohne Ende bietet Platz für den Verwandtschaftsclan zum Sonntagsschwatz, ein Perserteppich findet sich sogar im Kinderzimmer – vielleicht auch weil er pflegeleicht und fleckenimmun ist.

Trotz alldem bleibt diese Wohnung etwas spröd, wie wenn die Bewohner irgendwann mal zusammenpacken und in ihre mediterrane Traumheimat ziehen möchten…

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Vermutlich handelt es sich hier um eine Genossenschaftswohnung, die an der Peripherie einer Grossstadt liegt. Das Klötzliparkett im Wohnzimmer und der Novilonbelag in der Küche erinnern sehr an den sozialen Wohnungsbau aus den 1960er Jahren.

Der sparsame Umgang mit Details – es fehlen die Fensterlaibungen und die Fensterbretter – lässt die Räume platt ­wirken. Vielleicht wurden in jüngster Zeit bei einer Renovation die Fensterläden durch Rollläden ersetzt, die jetzt die Proportion der ehemals grösseren Fenster stören. Ein Vorhang könnte da Abhilfe schaffen.

Abgesehen von einigen Ausnahmen ist die Einrichtung einfach und funktional. Ideal für eine kinderreiche Familie. Könnte sie aus dem südlichen Teil Europas kommen? Dafür sprechen die Polstergruppe und die zahlreichen Sitzgelegenheiten – man empfängt viele Freunde und Verwandte.

Akzente werden mit dem Kronleuchter und den Bildern gesetzt – Relikte aus der früheren Heimat? Interessant ist die Art der Aufhängung: Die Portraitbilder der Kinder füllen unregelmässig die ganze Wand, was an die sogenannte russische Hängung erinnert. Stammt die Familie vielleicht eher aus diesem Erdteil?

Die Küche mit dem grossen Esstisch wirkt einladend – hier verwöhnt die Hausfrau Mann und Kinder –, wobei der vorgelagerte Balkon zu einer wichtigen Vorzone wird, gleich einer kleinen Laube.

Das Kinderzimmer ist pragmatisch eingerichtet: Gedacht zum Schlafen und Lernen, gespielt wird im Freien – oder auf dem Bett? Das würde erklären, weshalb die Abendmahlszene so hoch gehängt wurde, dass sie nur beim Herumtoben zu betrachten ist.

Stefan Zwicky


David Jakob, Schuhmacher

«Es stört Sie doch nicht, wenn ich meine Cornflakes zu Ende esse? Ich komme abends um halb neun von der Arbeit nach Hause, meine Frau und die Söhne haben dann bereits gegessen. Viviane hat mich eben vom Bahnhof abgeholt. Ich arbeite in Zürich als Schuhmacher und Schuhverkäufer. Mit dem Zug brauche ich vom Laden in Wiedikon bis nach Ibach im Kanton Schwyz anderthalb Stunden. Täglich bin ich drei Stunden unterwegs.

Ich esse mittags warm. Im Laden habe ich eine Küche, wo ich das Essen, das mir meine Frau gekocht hat, aufwärmen kann. Heute war ein ausgefüllter Tag. Ich verkaufte ein paar Schuhe und war zwischendurch in der Werkstatt, um Sohlen und Absätze zu reparieren.

Greifen Sie zu, Viviane hat Kuchen ­gebacken, deshalb duftet es so gut im ganzen Haus. Das ist ein Genossenschaftsblock. Wir leben seit 21 Jahren in dieser 4½-Zimmer-Wohnung. Umgeräumt haben wir nie etwas, höchstens eine Lampe verschoben. Vorhänge brauchen wir hier nicht, da uns keine Nachbarn hineinschauen können, stattdessen sehen wir ins Grüne und auf die schönen Mythen. Das ist unsere Heimat. Auf dem Grossen Mythen war ich mit Markus und Matay. Die Berge würden wir sehr vermissen. Wegen meines langen Arbeitswegs haben wir etliche Male überlegt, in die Nähe von Zürich zu ziehen, aber es ist schwierig, etwas Bezahlbares zu finden. Zudem gehen unsere Kinder hier ans Kollegium – bis auf Markus, der studiert in Zürich Wirtschaft.

Als wir aus Midyat in Nordmesopotamien – das liegt in der Südosttürkei – hierherzogen, fand ich Arbeit in einer Metallbaufirma. Der Chef unterstützte mich sehr, indem er mir die Lehrmittel der Berufsschule besorgte und mich privat unterrichtete. 13 Jahre war ich dort angestellt, zum Schluss als Vorarbeiter. Leider ging die Firma in Konkurs.

Nach wenigen Wochen fand ich in Zürich eine Anstellung als Schuhmacher, den Beruf hatte ich in Midyat gelernt. Acht Jahre mache ich das nun. Wir Schuhmacher verdienen schlecht – da geht es uns wie den Schneidern. Was an meiner Arbeit Freude macht? Vor Jahren brachte mir ein Mann seine total zerschlissenen Schuhe. Alles kaputt, innen und aussen. Ich riet ihm, sie zu entsorgen. Natürlich könne ich die reparieren, sagte ich, aber das koste 170 Franken. ‹Gut›, sagte er, ‹reparieren Sie sie.› Als die Schuhe fertig waren, war ich glücklich zu sehen, wie sie so gepflegt im Regal standen und auf ihren Besitzer warteten. Das ist der schönste Moment. Als der Mann zurückkam, erkannte er seine Lieblingsschuhe kaum wieder. Ich bekam 30 Franken Trinkgeld. Das kommt selten vor. Weil er so zufrieden war, kaufte er auch gleich noch ein Paar Schuhe.

Ich weiss schon, wie ein richtiger Schuh passen muss. Ich schaue die Füsse an, vermesse sie, dann suche ich die richtige Schuhbreite. Der Schuh muss den Fuss halten, nicht drücken. Leider nehmen die meisten Menschen den Fuss erst im Alter ernst, wenn er an Muskelkraft verliert und zu schmerzen beginnt.

Möchten Sie einen Schwarztee? Tijo bei uns im Aramäischen. Dann können Sie nicht mehr schlafen? Doch, doch, trinken Sie. Zu Hause sprechen wir Aramäisch. Sprache und Schrift sind für Aussenstehende kompliziert, wir lesen von rechts nach links. Wir haben ein aramäisches Kloster in Arth, Mor Augin, früher war es ein Kapuzinerkloster.

Das Bild über dem Sofa zeigt das berühmte Kloster Mor Gabriel in der Nähe Midyats aus dem Jahr 397. Viviane und ich haben unweit davon gewohnt. Die Fotos der Söhne in den Taufkleidern habe ich gemacht, ich fotografiere gerne. Unsere Söhne sind in Schwyz zur Welt gekommen. Eigentlich hätten wir auch gern ein Mädchen gehabt. Sicher, dann hätten wir nicht die Evangelisten daheim. Bei uns ist es üblich, in die Bibel zu schauen und dort einen Namen auszusuchen. Wir sind gläubig, nicht streng, aber wir beten vor dem Essen das Vaterunser.

Die Jüngsten, Lukas und Johannes, gehen um halb neun ins Bett. Johannes hat morgen einen Fussballmatch – Ibach gegen Brunnen. Wir Ältere unterhalten uns dann noch etwas oder schauen fern. Morgen muss ich wieder früh raus. Der Laden hat ja auch samstags geöffnet. Der Zug fährt um halb sieben, Viviane bringt mich wie immer zum Bahnhof. Natürlich wäre es gesünder, zu Fuss zu gehen, aber ich bewege mich ja auch bei der Arbeit, Schuhe binden und Schachteln herunterholen, da sind alle wichtigen Bewegungen dabei.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.




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