DIE TAGE WERDEN KÜRZER und die Briefkästen voller: Weihnachten ist im Anmarsch. Obwohl seit Jahrzehnten darüber lamentiert wird, dass der sogenannte Weihnachtsrummel jedes Jahr früher einsetze, trifft dies natürlich nicht zu. Sonst würden unsere amerikanisierten Weihnachtsmänner längst schon im August ihr «Ho! Ho! Ho!» durch die Strandbäder rufen, aber das tun sie nachweislich nicht. Vielmehr haben die Läden schon von jeher viel zu früh damit begonnen, mit dem Christkind zu drohen und uns die Hölle heiss zu machen. Schon immer wurde man vom Detailhandel dazu gezwungen, sich bereits im Herbst zu überlegen, was man denn all den Lieben bloss zu Weihnachten schenken könnte.
Wo’s um Kinder geht, geht’s meistens um Spielwaren, und deren ganze Vielfalt wird Gebern und Empfängern traditionellerweise in dicken Katalogen in den Briefkasten und näher gebracht. Festzustellen ist seit längerem ein anhaltender Trend zum Holzspielzeug. War solches früher vor allem in anthroposophisch angehauchten Vertriebskanälen und Behindertenwerkstätten zu finden, hat es heute selbst der Grossverteiler im Sortiment.
Denn kurz nachdem die Schweizer die pauschale Behauptung «Holz isch heimelig» verinnerlicht hatten, hat sich das Volksempfinden stillschweigend darauf geeinigt, dass Holzspielzeug schön sei. Doch das Gegenteil trifft zu, meistens ist es schlicht eine Beleidigung fürs Auge. Gewiss gibt es darunter auch einige hübsche Dinge, in aller Regel jedoch sind Holzspielsachen von geradezu stupender Hässlichkeit. Vor allem Mensch- und Tierfiguren zeichnen sich aus durch plumpe Abstraktion und eine Grobschlächtigkeit, wie sie sonst höchstens noch in der faschistischen oder sakralen Kunst des 20. Jahrhunderts anzutreffen ist. Nichts für Ästheten also und eigentlich auch nichts für Kinder.
Neben dem Vorurteil, dass Holzspielzeug schön sei, hat sich das ebenso seltsame durchgesetzt, es sei «pädagogisch wertvoll». Was dieses schulmeisterlich säuerliche Prädikat genau bedeuten soll, weiss man zwar nicht so recht, es tönt jedenfalls eher nach verkappten Hausaufgaben als nach Spass und Freude, die das Spielen doch machen sollte.
Aber trotz alledem gibt es einen guten Grund, der nicht zuletzt an Weihnachten für Spielsachen aus Holz spricht: Immerhin werden sie weitaus seltener als ein Grossteil der übrigen Spielwaren in China von 16-jährigen Mädchen produziert, die an sieben Tagen pro Woche 16 Stunden pro Tag unter verheerenden Bedingungen für einen Stundenlohn von 25 Rappen am Fliessband stehen.