NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Wie ist all das möglich?

Die Ursachen von ethnischer Gewalt.

Von Dubravka Ugresic

In der Toilette einer Zagreber Grundschule fand die Putzfrau einen halb bewusstlosen Zehnjährigen. Sein Körper wies zahlreiche blutende Stichwunden auf. Die Täter waren seine Mitschüler. Als die Eltern des Knaben bei der Lehrerin und dem Schuldirektor vorsprachen, wurde ihnen gesagt, da könne man nichts tun und am besten sollten sie ihren Sohn in einer anderen Schule anmelden. Der Knabe war serbischer Nationalität. Der Vorfall ereignete sich 1992 und wurde in der Presse natürlich nicht erwähnt. Niemand kommentierte ihn, weder die Lehrerin noch der Direktor, noch die Mitschüler. Auch ich wüsste nichts davon, hätte ich nicht Gelegenheit gehabt, den an das Zagreber Helsinki-Komitee gerichteten Brief der unglücklichen Eltern zu lesen. Es gab viele solcher Vorfälle, überall.

Ethnische Gewalt wurde während der letzten zehn Jahre in Serbien, in Kroatien, in Bosnien, in Kosovo ausgeübt. Ihre Opfer waren Kroaten, Serben, Bosnjaken, Albaner, Zigeuner. Die grausamste Form ethnischer Gewalt in Ex-Jugoslawien fand in den letzten Wochen in Kosovo statt. Hunderttausende von Albanern wurden vertrieben. Die Fernsehbilder erschütterten die Welt, aber nicht die Bewohner Ex-Jugoslawiens. Sie sind daran gewöhnt, die ethnische Gewalt ist normal geworden, zur Norm ihres Alltagslebens.

Da sie wissen, dass ich aus dieser «problematischen europäischen Region» komme, stellen mir meine europäischen und amerikanischen Bekannten immer wieder die Frage: Wie ist all das möglich? Das menschliche Gedächtnis ist kurz, zum Glück - oder leider. Dieselbe Frage stellen sich die Vertreter der westlichen Zivilisation schon seit einem Jahrhundert. In diesem Jahrhundert nahmen sie viele unüberwindlich scheinende Hürden, erfanden das Penicillin und landeten auf dem Mond, aber auf die Frage «Wie ist all das möglich?» haben sie bis heute keine Antwort.

Vielleicht ist die Frage irreführend. Das menschliche Böse ist banal und einfach, aber das Gewicht der Frage erlaubt keine leichte Antwort. Die «Transparenz des Bösen» weckt Misstrauen, die Menschen sind geneigt, nach verborgenen, komplizierten Ursachen zu suchen. Erschreckend nämlich ist die Tatsache, dass das Böse wuchert wie Unkraut und dass der Boden für dieses Unkraut überall gleichermassen fruchtbar ist. Wie ist all das möglich? Milosevic hat wie Hitler von vornherein gesagt, was er zu unternehmen gedenkt. Die Massenvertreibung der Kosovo-Albaner ist nur die «Krönung» seiner zehnjährigen Bemühungen, der Abschluss einer zehnjährigen Obsession. Über alles, was in Kroatien geschehen würde, konnten sich lesekundige Kroaten in Tudjmans Büchern informieren (wo der «ethnischen Säuberung» viele Worte gewidmet sind), und die Analphabeten konnten alles in seinen Wahlreden hören. Was die populistischen Führer, Diktatoren und Henker auszeichnet, ist die Klarheit ihrer Reden, die Einfachheit ihrer Ideen und Absichten. Darum sind sie auch so beliebt, sie sprechen zum grossen und stumpfsinnigen Herzen ihrer Völker. Wie soll man glauben, dass die Mehrheit, die sie wählte, nicht gelesen, nicht gehört, nicht erkannt, nicht richtig verstanden hat?

Die Ursache des Krieges in Ex-Jugoslawien liegt nicht in der Künstlichkeit des ehemaligen Staates (denn jeder Staat ist künstlich); nicht im repressiven kommunistischen System, das angeblich nationale und ethnische Gefühle unterdrückte (die einstigen kommunistischen Volkszählungen zeigen, dass die Mehrheit sich frei zu ihrer Ethnizität bekannte); nicht in historischer Vorzeit (wäre es so, hätten die Kriege nie aufgehört); nicht in unbeglichenen Rechnungen aus dem Zweiten Weltkrieg (wäre es so, würde der Zweite Weltkrieg noch andauern). Die Ursache liegt nicht im Zerfall Jugoslawiens, sondern in den Konzepten, die hinter den neuen Staaten stehen. Mit der These, dass «Serbien überall ist, wo Serben leben», und dass «niemand mehr die Serben schlagen darf», eröffnete Milosevic die Jagd auf Nichtserben. Mit der These, dass «Kroatien der Staat der Kroaten» ist und dass «jeder Staat in Blut geboren wird», eröffnete Tudjman die Jagd auf Nichtkroaten. Die «ethnische Säuberung» ist eine politische Grundvoraussetzung der aus Ex-Jugoslawien hervorgegangenen Staaten: Serbien und Montenegro, Kroatien und Bosnien. Wie können jetzt die Zeugen der zehnjährigen ethnischen Terrorpraxis sagen, sie hätten nichts gewusst?

Von aussen betrachtet, erscheint das Böse immer unbegreiflich. In ihrem Bemühen zu begreifen versuchen die Menschen, das Böse zu kategorisieren in «grösseres Übel», «kleineres Übel», «vernachlässigbares Übel». In ihrem Bemühen zu verstehen suchen die Menschen weiterhin nach dem «grösseren Schuldigen», «kleineren Schuldigen», «vernachlässigbaren Schuldigen». In ihrem Bemühen errichten die Menschen weiterhin Skalen des Bösen und sprechen von «einem Fall von ethnischer Gewalt» oder von «ethnischer Säuberung».

Die Nato-Bomben und die Verurteilung Milosevics als Kriegsverbrecher, was er zweifellos ist, scheinen dem zehnjährigen, erschöpfenden «jugoslawischen Fall» die langersehnte, heilende Katharsis zu bringen: Endlich haben die Serben bekommen, was sie verdienten, jetzt können wir aufatmen, das Leben kann neu beginnen. Die bosnischen Muslime können auch aufatmen: ihre Henker, die Serben, werden endlich zur Verantwortung gezogen für die dreihunderttausend getöteten Bosnier, für Sarajewo, für Srebrenica, für das zerstörte Bosnien. Auch die Kroaten können aufatmen: Endlich begreift die Welt, wer an allem schuld ist, wer Vukovar vernichtet hat, wer Dubrovnik mit Granaten beschoss und dass die kroatische Aktion der «humanitären Vertreibung» von vierhunderttausend Serben nur ein Beitrag zur gerechten Sache war.

Die Nato-Bomben haben das Böse verklärt. Die serbischen Täter sind auf einmal zweifache Opfer geworden: zuerst hat sie der Blutsauger Milosevic jahrelang manipuliert, und dann haben die Nato-Bomben sie in die Keller geschickt, wie die Bewohner Sarajewos, und in die Welt verstreut wie die Bosnier und Kosovo-Albaner. Die «humanitären» Nato-Bomben und, wenn es dazu kommt, Milosevics Gang vor das Haager Tribunal werden Vergebung der Sünden und heilendes Vergessen bringen und das Böse nach dem schon bekannten Modell verklären. Der wirkliche und zugleich symbolische Schuldige Milosevic (ein gelernter Banker!) wird zur Bank, die das schmutzige und ethnisch differenzierte kollektive Gewissen wäscht. Dieser wirkliche und symbolische Schuldige wird eine tiefere und weit trostlosere Wahrheit verdecken.

Die «ethnische Säuberung» hat nämlich viele verborgene Gesichter, sie ist ein Prozess, keine grausame militärische Aktion - die kommt immer zum Schluss. Eine wirkungsvolle «ethnische Säuberung» ist nur dort möglich, wo das Terrain vorbereitet ist, wo ein stillschweigendes Einverständnis besteht, wo es keinen oder fast keinen Widerstand gibt, wo anonyme Säuberer schon einen guten Teil der Arbeit geleistet haben. Denn Tausende anonymer ethnischer Säuberer sind, ohne dass sie jemand gezwungen oder organisiert hat, aus ihren Löchern gekrochen, angelockt vom unausgesprochenen Jagdruf, und vor zehn Jahren zu ihrer «hygienischen» Mission aufgebrochen. Die Vergebung der Sünden war a priori gesichert: Die Heimat hatte sie gerufen, ihre ethnische Gemeinschaft, ihr Staat, ihr Gerechtigkeitsgefühl, die Geschichte, der Auftrag zur Verteidigung der Wiege der tausendjährigen Zivilisation, der Kampf um Unabhängigkeit und so weiter und so fort.

Die kleinen anonymen «Hygieniker» waren eine schlagkräftige und unsichtbare Armee, jeder tat, was er konnte, und viele profitierten davon. Der erste verprügelte seinen Nachbarn (ob nun Muslim, Kroate, Serbe, Albaner oder Zigeuner), der zweite belästigte diesen Nachbarn mit Drohanrufen, der dritte warf ihn aus der Arbeit, der vierte schlug seine Kinder, der fünfte okkupierte seine Datscha, der sechste sprengte sein Haus in die Luft, der siebte vergewaltigte seine Frau, der achte verweigerte der schwerverletzten Frau die Aufnahme ins Krankenhaus, der neunte jagte seinen Sohn aus der Schule, der zehnte schrieb anonyme Drohbriefe . . .

Die Kroaten hätten die kroatischen Serben schützen können, hätten sie nur gewollt. Die Serben hätten die Kroaten, bosnischen Muslime und Albaner schützen können, hätten sie nur gewollt. Die Kroaten und Serben in Bosnien hätten die Muslime schützen können, hätten sie nur gewollt. Denn sie kennen doch die Strategien des Widerstands: Hunderttausende Serben demonstrierten im April dieses Jahres tapfer zur Verteidigung ihrer Brücken. Aber niemand trat den Panzern in den Weg, als sie vor einigen Jahren nach Slowenien, Kroatien und schliesslich nach Bosnien rollten. So wie niemand den Horden in den Weg trat, die zur «Säuberung» von Kosovo loszogen. Hunderttausend Kroaten versammelten sich zum Protest gegen die Abschaltung eines lokalen Rundfunksenders. Dennoch begleitete die vierhunderttausend aus der Krajina vertriebenen Serben aus Protest gegen die «ethnische Säuberung» nur ein einziger Mensch: der damalige US-Botschafter in Kroatien.

Wie ist also all das möglich? Anscheinend ist «das» möglich in einem Augenblick, da eine ganze Gemeinschaft so weit kriminalisiert ist, dass sie ihre eigenen Normen aufstellt, in einem Augenblick, da Kriegsverbrecher und Mörder zu Nationalhelden gemacht werden, da jeder jedem die Vergebung der Sünden garantiert, da der Mord als heroische Tat legalisiert wird. Und die Vergebung der Sünden sichern nach wie vor die Führer, Präsidenten, Regierungen, Medien, Journalisten, Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler, Pop-Sänger, Regisseure, Richter, Polizisten, Bürokraten, viele.

Bleibt die Frage, warum gerade der Hass die Gemeinschaften so effizient mobilisiert. Weil das Phantasma vom Anderen noch immer eines der stärksten und stabilsten kollektiven Phantasmen ist - es ist der immer bereite Finger am Abzug. Selbst die schlimme Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg hat offenbar nicht ausgereicht, um das Phantasma vom Anderen aus den Köpfen zu treiben. Er kann je nachdem Jude, Zigeuner, Schwarzer, Weisser, Chinese, Japaner, Katholik, Muslim, Orthodoxer, Atheist, Barbar, Eindringling, Zugereister, Ausländer sein. Dennoch sind normale Gesellschaften und Staaten so eingerichtet, dass es kaum jemandem einfällt, den Abzug zu betätigen. Falls es geschieht, gibt es dafür gesetzliche Strafen.

Treten im Krieg um Kosovo nun die Nato-Bomben an die Stelle dieser gesetzlichen Strafen? Können Bomben eine zutiefst kranke Gesellschaft entnazifizieren und entkriminalisieren? Und wenn wir schon bei den kollektiven Phantasmen sind: Sind nicht die Nato-Bomben das europäisch-amerikanische Phantasma vom endgültigen Sieg über den Faschismus, vom grossen moralischen Reinemachen vor dem Ende des Jahrhunderts, von der Sühne der historischen Schuld («Nie wieder Holocaust!»), vom sauberen und optimistischen Eintritt ins neue Jahrtausend? Ich vermute, dass sich alle Beteiligten mit der Antwort auf diese Fragen noch sehr lange beschäftigen werden.

Dubravka Ugresic, in Zagreb geboren, lebt in Amsterdam und den USA. Für ihre Essays über den Zerfall Jugoslawiens, «Die Kultur der Lüge» (Suhrkamp 1995), wurde sie mehrfach ausgezeichnet.


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