NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Glossar

Von Daniel Weber

Der Begriff Mafia ist erstmals 1585 schriftlich dokumentiert, und zwar als Spitzname einer Hexe; er bedeutete soviel wie Kühnheit, Herrschsucht und Anmassung. Auf einen Mann bezogen, ist das Wort Synonym für Mut, Tüchtigkeit und Selbstsicherheit. Es stammt mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Arabischen: mahias heisst dort Prahlhans, ma afir war der Name des sarazenischen Stamms, der Palermo beherrschte, und maha hiessen die Steinhöhlen in der Gegend von Marsala, in denen sich verfolgte Sarazenen versteckten. In seiner heutigen Bedeutung gebräuchlich wird das Wort im 19. Jahrhundert, verbreitet unter anderem durch eine im Gefängnis von Palermo spielende Komödie, «I mafiusi di la Vicaria». Ab 1865 wird der Begriff Mafia in der Amtssprache benützt. Weniger plausible Erklärungen verbinden ihn mit der Entstehung sizilianischer Geheimgesellschaften; nach einer von ihnen ist Mafia ein aus der Parole eines Geheimbunds um Mazzini gebildetes Akrostichon: Mazzini Autorizza Furti, Incendi, Avvelenamenti (Mazzini autorisiert Diebstähle, Brandstiftungen, Vergiftungen). Antimafia-Kommission. 1962 eingesetzte parlamentarische Kommission, die die politischen Verstrickungen des organisierten Verbrechens untersucht. Antimafia-Pool. Anfang der achtziger Jahre in Palermo unter der Leitung von Giovanni Falcone gebildete Arbeitsgruppe von Richtern und Polizisten in Sizilien. appalti. Aufträge der öffentlichen Hand. Camorra. Die Entsprechung der sizilianischen Mafia in Neapel und der Region Campania. capo. Der Chef eines lokalen Mafiaclans. capo-decina. Chef einer zehnköpfigen Untergruppe des Clans. capo di tutti capi. Boss der Bosse, der Vorsitzende der cupola. Clientelismus. Informelle soziale Organisationsform, in der ein «Pate» seiner Clientel Schutz gewährt und dafür ihre Gefolgschaft fordert. In Süditalien und auf Sizilien sind so regelrechte Netzwerke der Freundschaften entstanden. Corleonesi. Die Mitglieder des Mafiaclans von Corleone, der Kleinstadt in der Provinz Palermo. Cosa Nostra. Wörtlich: unsere Sache. Ursprünglich in den USA gebräuchliches Synonym für die Mafia, das später in den italienischen Sprachgebrauch einging. cosca (Plural: cosche). Der dichte Blätterkranz der Artischocke; eine kleine, eng verbundene Gruppe von Mafiosi. cupola. Die «Kuppel» ist das übergeordnete Führungsgremium der Mafiaclans, das sich aus gewählten Vertretern der grossen Familien zusammensetzt. lupara. Jagdgewehr mit verkürztem Lauf, die klassische Waffe der Mafia. lupara bianca. Die Methode, Ermordete spurlos verschwinden zu lassen, indem man die Leichen einmauert, im Meer versenkt oder in Säure auflöst. Maxiprozess. Der grosse Prozess vom 10. Februar 1986 bis zum 16. Dezember 1987 in Palermo. Wesentlichen Anteil an der Ausarbeitung der Anklageschrift gegen rund 500 Mafiosi hatte der Ermittlungsrichter Giovanni Falcone, wichtigster Zeuge war der pentito Tommaso Buscetta. Die meisten Verurteilungen sind seither im Berufungsverfahren vom Obersten Gerichtshof Italiens aufgehoben worden. 'ndrangheta. Die Entsprechung der sizilianischen Mafia in Calabrien. omertà. Das Schweigegebot, das im Rahmen des Ehrenkodex allen Mafiosi auferlegt ist. padrino. Pate. Vgl. Clientelismus. pentito. Geständiger Angeklagter, der sich reuig und aussagewillig zeigt und der dafür mit Strafermässigung rechnen kann. picciotto. Junger Mann, «gemeiner Soldat», zum Fussvolk der Mafia Gehörender. pizzo. Schutzgeld, das die Mafia von Ladenbesitzern, Händlern, Unternehmern usw. erpresst. Racket. Das Geschäft der Schutzgelderpressung; eine der Haupteinnahmequellen der Mafia. rete. Vom früheren DC-Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, gegründete Oppositionspartei, die sich unter anderem die Bekämpfung mafioser Verfilzung zum Ziel gesetzt hat. subappalti. An Subunternehmen weitergegebene öffentliche Aufträge.




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