NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Blick in die Welt -- Flucht und Sucht

Von Dieter Meier

ACHTZEHN JAHR’, blondes Haar und grosse Ziele hatte Meier-Luftibus. Romane schreiben, den Spanischen Bürgerkrieg dramatisieren und Trakls Verse übertreffen. Doch jedesmal, wenn er sich dem Berg genähert hatte, den er aus Distanz erklettern wollte, stand er an einer gemeinen Steinwand, und die ersten Tritte waren so mühsam, banal und unheroisch, dass der Vorsatz täglich und kläglich zusammenbrach und Meier auf dem Schutt des Scheiterns der Welt entfloh. Magisch angezogen von den Pokertischen der Innenstadt, torkelt der Taugenichts in die falsche Geborgenheit der Spielsucht und befreit sich vom Druck des zerbrochenen Anspruchs an sich selbst. Ein neues Blatt, jede Minute, neues Leben, ein neuer Schuss. Am Pokertisch bist du dem Alltag so fern wie der Boxer im Ring, und die Frage nach deinem Sinn ist erstickt unter der Glasglocke, die den Süchtigen abschliesst von der Welt.

O wie sehnen wir uns alle nach Sinn.

O wie schwierig ist es, die göttlich idealistische Absicht, die in jedem von uns Kindern dieses Planeten verschüttet ist, freizulegen und sie auf eine Welt zu tragen, deren kapitale Sinnstiftung längst zu dem verkommen ist, was Marx als zweite Natur bezeichnet, der wir ausgeliefert sind wie die Primaten der ersten.

O wie gut, wenn ein junger Mensch verzweifelt versucht, sich der Wurstmaschine zu entziehen, die letztlich einzig und allein der Vermehrung des Kapitals dient, dem er als Servelat im Multipack zum Frass vorgeworfen wird, in Ewigkeit, Amen.

O wie verloren ist jeder, der sich den perversen Sinnstiftern dieser Gesellschaft entzieht oder an ihnen auch bei bestem Willen verzweifelt.

O wie einsam ist er, wenn er sich nach dem Sündenfall der Frage nach dem höchsteigenen Sein selber gebären muss, wenn der Zweifel alles ist, der endlose Zweifel aber der Untergang, den die Droge versüsst und beschleunigt.

O wieviel Liebe braucht jeder, wenn er zu nichts taugt, weil er sich nicht eingeklinkt hat in die Todesspirale seiner Verwertung als Arbeitstier und Konsument.

O wie mächtig ist die Versuchung, der wunderbaren Sucht nach Leben zu entfliehen, um sie gegen ihre einfachste Form, die Sucht nach der Droge, zu tauschen.

O wie herrlich ist es, sich der grausamen Frage nach Sinn zu entziehen, indem man sich der übermächtigen Mutter Heroin unterwirft, als deren Knecht der Zweifel am Sein zur lächerlichen Sophisterei wird, genauso wie für den Frontsoldaten,

O wie einfach, wunderbar und verzweifelt ist es, sich aufzugeben für die permanente Sehnsucht nach dem nächsten Schuss, den zu erreichen schwierig ist, den zu besitzen aber ein animalisches Glücksgefühl verleiht, verboten, weil an dieser Form der Selbstzerstörung die Falschen verdienen.

O verdammtes Glück des Junkies, der als Jäger und Gejagter jede Sekunde weiss, was er tut, weil er sich mitten in der betäubten Industriegesellschaft das Privileg des Kriegers erobert hat, dessen grösstes Glück das Überleben für die nächsten drei Stunden ist, bis er seinen geschundenen Körper in Kälte und Einsamkeit wieder an die Front jener Schlacht schleppt, die er ganz allein verliert, gegen eine Welt, die ihm wahrlich nichts Besseres zu bieten hat, als wenigstens in Würde für seine Sucht zu verrecken. Seit Menschen denken, und vorher waren sie ja keine, sind Kriege und das existentielle Sicherfahren des Einzelnen angesichts des Todes die pathologischen Sinnstifter einer temporär übersatten Gesellschaft. Der Krieg macht einen doppelten Sinn: Er vernichtet kurzfristig Hab und Gut und pulverisiert im Kampf ums nackte Überleben jene metaphysischen Fragen, die das herrschende Kapital als Herd potentieller Unruhe ausmerzen muss. Seit der Atombombe, die wie eine Faust Gottes über der Menschheit droht, sind Kriege als klassische Sinnstifter in den modernen Industriegesellschaften nicht mehr ohne weiteres möglich, und Heroin wurde als ein Kriegsersatz zur härtesten Droge des Lebens, die den Süchtigen packt und auf sich selber schiessen lässt.

O Hunger und Jagd, den Hunger zu stillen, unter eurer Fuchtel wird der Sinn animalisch und der Junkie als kranker Jäger und Sammler im zerstörten Dschungel der Zivilisation eins mit einer degenerierten Natur, die so lange auf ihre Selbstzerstörung zuwankt, wie eindimensionale Politiker ihre Sucht nach ein bisschen Geltung auf Kosten jener ausleben, die wenigstens nur sich selbst vernichten würden, wenn nicht ein paar Profilneurotiker die (längst gescheiterte) repressive Drogenpolitik zu einer selbstherrlichen Volksverhetzung missbrauchten, wie dies dem Schweizer am Alpennordfuss zurecht unheimlich ist.

O Heroin, du falsche Heldin einer Sucht nach Leben, ohne die wir alle nichts sind, einer Sucht, die notabene auch den Grosskapitalisten treibt, wenn er sich ein Leben lang verbissen zu immer mehr Zaster und Wirkung hebelt.


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