NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Alles fliesst

Auf Indiens Strassen kann man stecken bleiben und sich selber entdecken.

Von Nirmal Verma

Wenn man durch die Strassen Delhis oder einer anderen indischen Grossstadt spaziert, muss man weniger fürchten, sich zu verlaufen. Vielmehr muss man fürchten, im Dickicht der auf dem Trottoir hockenden Strassenverkäufer stecken zu bleiben. Und bei jedem Schritt stürzen Knaben auf einen zu und bieten ein Sammelsurium an Kämmen, Haarspangen und Bändern feil. Aber bevor noch der Blick auf der tragbaren Augenweide, die da vor einem ausgebreitet wird, zur Ruhe kommen kann, wird man weitergedrängt oder - den Gezeiten der wogenden Menge folgend - zurückgeschoben, bis man sich unversehens in einer kleinen Seitenstrasse wiederfindet, deren Existenz man nicht einmal ahnte und wo es plötzlich vollkommen still ist und man sich ganz alleine wähnt, wenn da nicht jenes unheimliche Gefühl wäre, fortwährend angestarrt zu werden, von Augen, die über Hofmauern linsen, durch die Geländer der Korridore, hinter den Fenstern hervor. Man steckt inmitten eines Strudels stummer Blicke.

Auf indischen Strassen muss man weniger fürchten, sich zu verlieren, als vielmehr, sich selbst zu entdecken. Bedrohlich ist weniger die Begegnung mit einem unerwarteten Fremden als das Befremden über das eigene flüchtige Selbst. Der Anblick der äusseren Szenen illustriert Schauplätze einer inneren Welt, deren man sich bisher nicht bewusst war.

Vor vielen Jahren besuchte mich eine englisch-ukrainische Freundin in Delhi. Es war ihr erster Besuch in Indien, und sie war nicht etwa von den Geräuschen und Gerüchen fasziniert, die sonst die Touristen gefangennehmen; was sie in Staunen versetzte, war der Anblick der Kühe, die mitten auf der Strasse lagen - ein für indische Städte ziemlich alltägliches Bild. Mich verblüffte ihre Reaktion. Da blieb sie also, wie ich mit der Zeit fand, unangemessen lange auf dem dicht bevölkerten Trottoir stehen und starrte die Kühe an.

«Bist du am Meditieren?», fragte ich mit einem Anflug von Ungeduld.

«Nein, ich nicht», sagte sie, «aber sie!»

Und da sah ich die indischen Kühe, als betrachtete ich sie zum ersten Mal. Tatsächlich: sie lagen mit einem tief nachdenklichen Blick da, gänzlich unberührt vom Lärm und Getriebe der Strasse. «Ich bin schon in vielen Zoos der Welt gewesen», sagte meine Freundin wie aus einer Trance erwacht, «aber wenn ich indische Kühe sehe, befällt mich ein so tiefer Friede, dass es mich selbst erstaunt.»

Es war eine der unzähligen Überraschungen, die mein Land für mich bereit hält, wenn ich es durch die Augen eines anderen sehe. Die Gewohnheit macht einen für viele Dinge blind. Zum Beispiel für die für Fremde so überwältigende Vielfalt von Menschen, Vögeln und Tieren, die auf den indischen Strassen zusammenleben. Heerscharen von Vögeln, Eidechsen, Eichhörnchen, Krähen, streunenden Hunden und natürlich die allgegenwärtigen Kühe, ein grosses Geläuf und Geflatter und Gekreuch, ohne dass die Tiere dabei ihre menschlichen Nachbarn störten oder sich durch sie stören liessen. Die indische Strasse ist die leibhaftige Manifestation des grundlegenden Geheimnisses der indischen Psyche, nämlich der Vorstellung, dass die Idee eines «Anderen» eine reine Illusion sei, dass die menschlichen und die nichtmenschlichen, die lebendigen und die leblosen Wesen dieser Welt Teil einer alles durchdringenden Einheit sind.

An jeder Ecke kann man einen uralten Piple-Baum sehen, der sich an die Mauer eines Tempels des Affengottes Hanuman oder der Göttin Kali schmiegt, während das Geklingel der Tempelglöckchen durch die Strassen hallt. Fast scheint es, als liege hinter jeder indischen Stadt eine unsichtbare Stadt aus längst vergangenen Zeiten verborgen, in denen alles noch mit allem verbunden war und es keinen Unterschied gab zwischen Göttern und Tieren und Steinen.

Es ist dieses Prinzip der allgemeinen Verbundenheit, das durch das Spektakel der indischen Strasse, wo private Rituale mit den öffentlichen Verpflichtungen verschmelzen, dramatisch in Szene gesetzt wird. Es ist kein ungewöhnlicher Anblick, wenn sich der Gemüsehändler zwischendurch von einem Strassenbarbier rasieren lässt und in dem prekär an einem Stamm baumelnden, ramponierten Spiegel sein eingeschäumtes Gesicht studiert.

Und dann sind da die Büroangestellten, die sich eine oder zwei Stunden von der Arbeit davonstehlen, um in einer Seitenstrasse einen Astrologen zu konsultieren, der sich günstig auf dem Asphalt placiert hat, um dort seinen Opfern aufzulauern, die von nicht verheiratbaren Töchtern oder Eigentumsstreitigkeiten oder ausserehelichen Affären geplagt sind. Man erkennt diese «Strassenfuturisten» an den Muscheln und den astrologischen Tafeln, die sie auf einem rechteckigen Tuch ausgebreitet haben, an ihrer von heiliger Asche und Zinnober glänzenden Stirn. Sie besitzen einen viel höheren Status als die anderen Strassenhändler und tun dies gerne mit einem meist verwitterten Holzschild kund, auf dem in fetten Lettern «Astrologe, Philosoph und Ratgeber» zu lesen steht.

In meinen Träumen sehe ich meine Stadt nicht in ihrer heutigen Form, nicht voller ratternder Busse und überfüllter Strassen und hochfahrender Gebäude, sondern ich sehe das Delhi, wie es zur Zeit der britischen Herrschaft war: klar geteilt in Neu-Delhi mit seinen verschlafenen Strassen, schattig-kühlen Parks und den sich langsam ausbreitenden Bungalowsiedlungen, und Alt-Delhi mit seinen Havelis und verfallenen Herrenhäusern aus der Mogulzeit, die diskret hinter den kühlen, engen Gassen versteckt liegen.

Für uns war es wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht, wenn wir im Fluss Yamuna baden gingen, der damals nicht - wie heute - vom Stadtleben ausgeschlossen war, sondern einen entscheidenden Teil der Altstadt bildete. Aber es war weniger der Fluss selbst, der uns faszinierte, es waren vielmehr die kurvenreichen, labyrinthischen Gassen, die zu ihm führten. Überall Sadhus, halbnackte Fakire und Bettelmönche, die ihre Almosenschalen vor sich auf den Boden gestellt hatten. Geier kreisten über uns, wir hörten das sanfte, traurige Echo andächtiger Gesänge, entlang dem Weg zum heiligen Fluss begegneten wir den zahllosen Schreinen verschiedenster Götter und Göttinnen, als sei die Stadt unmerklich aus einem Zeitregister in ein anderes geglitten, in dem sie aufhörte zu sein. Vielleicht sind Mythos und Geschichte an keinem anderen Ort der Welt so eng miteinander vermählt wie hier, wo niemand weiss, wo das eine aufhört und das andere anfängt.

Während wir gemütlich im Tonga, einem jener pferdegezogenen Zweisitzer, die in den heutigen Städten eine Rarität geworden sind, durch die Strassen schaukelten, freuten sich unsere Augen am beweglichen Fest der Süsswarenläden, an der sonnengleissenden Pracht der Messingwaren, an den Terracottakrügen und -töpfen mit ihren eingravierten Ornamenten. Aber am meisten verzauberte uns die festliche Serie von an Drähten aufgehängten Kalendern, die in grellen Farben die Gesichter der auf Tiger, Pferd oder Schlange reitenden Götter und Göttinnen zeigten und die in einer surrealistisch anmutenden Collage mit den Konterfeis von Nationalhelden wie Gandhi, Nehru und Subhash Bose wetteiferten. Eine derart bizarre Zusammenstellung von Heiligem und Profanem würde in anderen Religionen vermutlich für üble Blasphemie gehalten, aber in den «Strassensagas» der indischen Städte hatte sich jede Trennung zwischen Göttlichem und Irdischem in Wohlgefallen aufgelöst.

Auf unserem Weg zurück vom Fluss kamen wir an den Wällen des Roten Forts vorbei, das vor über dreihundert Jahren vom Grossmogul Shah Jahan errichtet worden war. Unversehens glitten wir in jene Zeit zurück, als die Stadt den Höhepunkt ihrer Pracht erreicht hatte und die Königinnen und Prinzessinnen durch die Fenster des Palasts auf den Yamuna blickten, der damals noch am Fort vorbeifloss. Wir Heutige sehen bei unserem Gang durch die Strassen noch die maroden Mauerflächen des vernachlässigten und verwaisten Forts, über dem am blassen Himmel Delhis die Krähen und Adler kreisen.

Vielleicht stimmt am Ende also doch, was wir in unseren Schulbüchern lesen, nämlich dass unter den Strassen der heutigen Stadt sieben Städte vergraben liegen, deren jede eine andere Epoche repräsentiert - von der mythischen Stadt Indraprashta aus dem Nationalepos «Mahabharata» über die Ruinen des Alten Forts, das allgemein als Panadavas' Fort bekannt ist und im Herzen von Neu-Delhi liegt, bis hin zur Stadt Neu-Delhi selbst, die von den britischen Herrschern als moderne Hauptstadt errichtet wurde.

Aber man braucht diese unsichtbaren Städte nicht aus den Sedimenten der Vergangenheit auszugraben, sondern kann sie am helllichten Tage auf den Strassen an der Vielfalt der Bekleidungen, der Gesichter, der Hautfarben und der Sprachen erkennen; es gibt alles, von den ältesten Sprachen wie dem Tamilischen bis hin zum heutigen Englisch. Jede indische Stadt ist ein leibhaftiges Musée de l'homme.

Jede alte Stadt ist ein Paradox: Die Ruinen der Vergangenheit gemahnen uns an die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens, an die Saat des Todes, die in den Strassen, Häusern und Plätzen verborgen liegt; der Fluss dagegen steht für den ewigen Fluss des Lebens, der dem Tode zu trotzen scheint. Die Vergangenheit hallt aus jeder Strasse und von jedem Platze wider, und wer kann wissen, nach welcher Zeit ihr Echo endlich verebbt? Die Geschichtlichkeit der Stadt selbst scheint sich in einem Nebel der Zeiten zu verlieren. Liebende, die im Park Platz genommen haben, die Menschenmenge, die sich durch die Strassen drängt, die Glocken, die in der Dämmerung im Tempel läuten, scheinen so «ewig» wie die Wolken, die über die Dächer der Stadt hinwegziehen.

Jede indische Stadt ist ein Mosaik aus Mythos, Legende und Erinnerung. Wie man nicht zweimal in ein und denselben Fluss steigen kann, so ändert sich auch das Gesicht der Stadt, wenn man nach einer Weile zum zweiten Mal hinschaut. Und ich beginne mich zu fragen, ob meine Kindheitserinnerung von der Stadt mit ihren morastigen Flussufern und lebenssatten Strassen, mit ihren schlummernden Monumenten und melancholischen Sommernachmittagen ihr wahres Gesicht gewesen ist.

Nirmal Verma ist Schriftsteller und lebt in Delhi.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.