NZZ Folio 02/97 - Thema: Vom Herzen   Inhaltsverzeichnis

Herzenssache

Ein Besuch im Operationssaal.

Von Peter Haffner

NIEMAND HAT einen tieferen Einblick in das menschliche Herz als der Chirurg. Wenn er in den Operationssaal kommt, eingekleidet wird und die Arme erhebt wie ein Priester vor dem Altar, liegt es schon frei. Überzogen von einer gelben Fettschicht, ruht es etwas schräg im aufgeschnittenen weissen Herzbeutel, dunkelrot das Herzohr, und nichts an ihm ist besonders ausser der Tatsache, dass es schlägt. Takt um Takt.

Wer es einmal gesehen hat, dem geht das Bild nicht mehr aus dem Kopf, noch kann er den leisen Schrecken vergessen, der ihn ergriff, als der Chirurg Anweisung gab, dieses Herz stillzulegen. Der Kardiotechniker, der, vom Operationstisch etwas entfernt, vor der Herz-Lungen-Maschine sass, hatte die Kontrolle über den Blutkreislauf übernommen; über eine Venenkanüle war das Blut abgeleitet, in der Maschine ungerinnbar gemacht, mit Sauerstoff aufgefrischt und über eine Arterienkanüle dem Körper wieder zugeführt worden. Durch eine dritte Kanüle wurde dem Herzen eine Kaliumlösung eingeflösst, bis es gelähmt war und zu schlagen aufhörte. Nulllinie im EKG. Der Chirurg konnte sich an die Arbeit machen.

Knapp zwei Stunden zuvor, am späten Nachmittag, hatte man durch dieses Herz hindurchgesehen. Auf dem Bildschirm der Röntgenkamera hatte es im Halbdunkel des Herzkatheter-Labors geleuchtet und pulsiert wie eines jener seltsamen Lebewesen, die sich in einem Wassertropfen tummeln und die nur durch das Mikroskop zu sehen sind. Die Frau, der das Herz gehörte, war wegen Beschwerden gekommen; der Kardiologe hatte in der Leistengegend einen Herzkatheter in die Körperschlagader eingeführt, ihn bis vor die linke Herzkammer geschoben und dann ein Kontrastmittel in die Blutbahn gespritzt. Gleich einer Tintenwolke war es durch die Herzkranzgefässe geschossen, die den Herzmuskel ernähren und mit Sauerstoff versorgen, hatte sich verteilt, bis sich das ganze, den rhythmisch kontraktierenden Muskel umspinnende Leitungsnetz auf dem Monitor abzeichnete.

Was zu sehen war, hatte selbst Werner Frese und Michael Pieper, die beiden Kardiologen, ein bisschen aus der Fassung gebracht. Kurz nach der Stelle, wo der linke Hauptstamm der Herzkranzgefässe von der Körperschlagader abzweigt, war dieser, dicker als ein Bleistift, bis auf Minenstärke verengt - eine sogenannte hochgradige Hauptstamm-Stenose. Wenn diese Frau jetzt stürbe, noch auf dem Untersuchungstisch, hatte der eine Kardiologe im Nebenraum gesagt, könnte niemand ihnen einen Vorwurf machen, und der andere hatte ergänzt, wenn sie so etwas sähen, steige auch bei ihnen das Adrenalin. Ein kleines Gerinnsel, ein Verschluss, und innert einer Minute wäre es aus. Die Frau, bei vollem Bewusstsein, hatte nichts davon mitbekommen. Ein Notfall.

Den ganzen Tag schon hatten die beiden Kardiologen, einander abwechselnd, verschiedenen Patienten Herzkatheter eingeführt, Kontrastmittel gespritzt und Verengungen der Herzkranzgefässe beobachtet und behandelt. Es ist ein Geschicklichkeitsspiel, den Herzkatheter mit dem Führungsdraht an die gewünschte Stelle zu dirigieren, durch alle Windungen, Kurven und Verzweigungen dieses Netzes hindurch. Schwarz zeichnet sich auf dem Bildschirm der Draht ab; immer wieder muss er hinausgezogen und die Spitze aufs neue gedreht werden, damit sie an einer Kreuzung die richtige Abzweigung zur Unfallstelle erreicht, zu einem verengten Gefäss, wo Ablagerungen aus Fett und Kalk den Blutstrom hindern und, im Ernstfall eines Infarktes, unterbrechen. Mit einem Ultraschallkatheter kann man sich so einen Engpass sogar von innen ansehen. Weiss glänzt auf dem Monitor die scharfe, sichelförmige Kalkspange an der Gefässinnenwand, an der vorbei die Sonde mit einer Geschwindigkeit von einem halben Millimeter pro Sekunde vordringt.

Wo man mit dem Führungsdraht hinkommt, lässt sich auch etwas machen. Dilatieren zum Beispiel. Ein Ballon, in die Verengung geschoben, wird mit Hochdruck aufgepumpt und das Gefäss damit gedehnt, bis es wieder fast normalen Durchmesser hat. Gefässe bis hinunter zu 2,5 mm und manchmal gar 2 mm Durchmesser werden dilatiert. Falls nötig, kann man zusätzlich eine Gefässstütze montieren. Dieser sogenannte Stent ist ein zwei, drei Zentimeter langes Drahtgewebe, das, verpackt in ein Plasticrohr, an Ort und Stelle gebracht wird. Wird das Rohr abgezogen, entspannt sich das Drahtgewebe, geht auf und presst sich an die Innenwand des Gefässes. Zwei röntgendichte Marker an beiden Enden des Stents helfen, ihn richtig zu placieren.

Die Befriedigung, die Sache richtig gemacht zu haben, rührt vom Umstand her, dass man den Erfolg unmittelbar sieht. Engstelle orten, Dehnen mit Ballon, Setzen eines Stents - die Rohrleitung ist saniert, der Spengler kann sein Werkzeug einpacken, der Hausbesitzer ist zufrieden. Wie lange die Sache hält, ist eine andere Frage. Narbengewebe wächst hinein, manchmal muss der Stent später nachgedehnt werden.

Die Technik, sagte der eine Kardiologe, fasziniert ihn, immer kann man das Neueste an Hard- und Software ausprobieren. Am liebsten, sagte der andere, hat er akute Infarkte; da muss es schnell gehen, ist man Retter in der Not. Doch wenn der Patient, das sagten beide, nicht das Seine zu einem vernünftigen Leben tut, hilft auf die Dauer alles nichts. Sie sind der Reparaturtrupp, für seine Gesundheit muss man schon selber sorgen.

Die Arbeit, von der der Patient kaum mehr spürt als ein Gefühl von Wärme, wenn Kontrastmittel gespritzt wird, ist streng und erfordert nebst Geschick viel Erfahrung. Der Bleimantel, der vor der Röntgenstrahlung schützt, lastet schwer auf den Schultern, die Hände, in blutbesudelten Gummihandschuhen, verrichten Feinarbeit. Der Ehrgeiz, da hinzukommen, wo man schwer hinkommt, fördert den Ideenreichtum, was Know-how und technisches Material betrifft. Mit einem kleineren Ballon vordehnen, wenn es mit dem grossen nicht geht, mit einem Draht ein Gefäss erst strecken, um zu verhindern, dass es an der falschen Stelle gedehnt wird - jeder hat so seine Tricks. Ein ganzes Arsenal von Kathetern, Drähten und Stents steht zur Auswahl; der Kontakt mit Vertretern der Herstellerfirma, die im Labor Kritik und Anregungen entgegennehmen, ist rege. 6000 Franken kostet eine Dilatation, der Stent pro Stück zusätzliche 2000 Franken.

Bei einer Verengung des Hauptstammes aber kommt eine Ballondilatation nicht in Frage. Als Werner Frese nach dem Chirurgen ruft, damit er sich die Sache ansehe, liegt die Patientin noch immer auf dem Röntgentisch. Dierk Maass, der Chirurg, wirft einen kurzen Blick auf den Monitor im Nebenraum, wo, digital gespeichert, sich die immergleiche Sequenz wiederholt. Der Fall ist klar, ein Bypass da, einer dort, und das und das machen wir auch noch. Nein, es hat nicht Zeit bis morgen früh. Der Notfall ist Alltag. Und doch scheint dieser auch denen zu denken zu geben, denen die Arbeit kaum mehr erlaubt, sich gross um den Menschen zu kümmern, dessen Motor sie in der Werkstatt haben. Eine Frau, noch keine fünfzig Jahre alt, den ersten Herzinfarkt bereits hinter sich, schwere Angina pectoris; zu viel geraucht, zu fett gegessen, zu dick geworden. Der Chirurg sagt ein paar Worte zu ihr, sie nickt im Liegen, halb dankbar und halb erschrocken, wird umgebettet und in den OP gerollt, und das nächste, was der Chirurg von ihr sehen wird, ist das schlagende Herz im geöffneten Brustkorb, eines von Tausenden von Herzen, die er in Händen hatte und an das er sich, hat er seine Arbeit getan, kaum mehr erinnern wird. Nicht so wie sie jedenfalls.

Vorerst sind andere mit der Frau beschäftigt. Im OP wird sie, bereits narkotisiert und willenlos, von Kopf bis Fuss gewaschen und desinfiziert, bis sie ganz dunkelgelb ist. Verpackungen von sterilen grünen Tüchern werden aufgerissen, die Herz-Lungen-Maschine wird installiert, ein Kabelwirrwarr verlegt und angeschlossen wie für den Auftritt einer Rockband. Dann wird der Tisch mit dem säuberlich ausgelegten Operationsbesteck herangerollt. Während der zweite Assistent daran ist, das linke Bein von der Wade bis zum Oberschenkel aufzuschneiden, um ihm ein gut dreiviertel Meter langes Stück Vene zu entnehmen, sägt der erste Assistent, der später dem Chirurgen zur Hand gehen wird, das Brustbein der Länge nach auf. Mit dem Kauter, einer Art Lötkolben, wird die Schnittstelle zugeschmort, die Blutung gestillt. Es riecht nach verbranntem Fleisch, man vermeint Knochenstaub zu schmecken. Der zweite Assistent zieht, wie er soweit ist, die Vene, weiss wie ein Bandwurm, aus dem Bein heraus. Alle paar Zentimeter hängen kleine Metallklammern dran, mit denen er die Seitenäste abgeklemmt hat, damit die Rohrleitung auch brauchbar ist für die Bypässe, die der Chirurg daraus basteln wird.

Besser als Stücke der Vene bewähren sich die zwei auf Hochdruck ausgelegten inneren Brustwandarterien. Noch am Morgen hatte der Chirurg beide einem Mann in den Herzmuskel verpflanzt, hatte sie in den Fingern gehalten und zur Kontrolle einen kleinen Blutstrahl herausspritzen lassen, bevor er sie anschloss. Hier, bei einem beginnenden Infarkt, fehlt die Zeit dafür.

Wie er kommt, ist das Herz, eingerahmt vom Thoraxspreizer wie ein Kunstwerk, für ihn bereit. Es ist alles, was er von der Patientin sieht, deren Kopf unter einem Schrägdach verborgen ruht, hinter dem die Anästhesistin ihre Arbeit verrichtet. Routiniert fragt er ein paar Zahlen ab. Alle Lebensfunktionen, alle Organe, sagt Frau Mohn, sind in ihrer Hand, damit er sich um nichts zu kümmern braucht und die Patientin schläft, keine Schmerzen hat und sich an nichts erinnern wird. Blutdruck, Puls, EKG, Sauerstoffgehalt, Temperatur, Beatmung, Infusionen, Schmerzmittel in Motorspritzen, Blasenkatheter und Magensonde - was man eben messen und steuern muss, um die Maschine Mensch in Gang zu halten. Der Patientin sind die Augen zur Sicherheit mit Klebestreifen zugeklebt; stünden sie stundenlang offen, müsste man mit Schädigungen rechnen. Die meisten, weiss Frau Mohn, haben vor der Narkose mehr Angst als vor der Operation, und sie kann das gut verstehen.

Noch während der Chirurg operiert, näht der zweite Assistent den langen, klaffenden Schnitt am Bein wieder zu. Es wird wenig geredet. Cathérine Loewer, die Operationsschwester, die zur Rechten des Chirurgen steht, reicht ihm die benötigten Instrumente meist, bevor er danach verlangt; auch sein erster Assistent, der ihm gegenübersteht, braucht kaum Anweisungen, hält den Faden, schneidet ihn ab, knöpft zu. Was in einer grafischen Darstellung recht einfach aussieht - die Überbrückung eines verstopften Rohres vermittels eines neuen -, ist in der Praxis für den Laien schwer erkennbar. Stücke der Beinvene werden abgeschnitten, eingeschnitten, durchgespült und angenäht; eine Lupenbrille mit vierfacher Vergrösserung hilft dem Chirurgen, die Stiche mit der kleinen, sichelförmigen Nadel Millimeter um Millimeter genau zu setzen. Einstechen, abgreifen, hochziehen, Nadelhalter und Mikropinzette entfernen sich voneinander und begegnen sich wieder wie ein Paar im Tanz; der Faden so dünn, dass man ihn kaum sieht. Leise klacken die Pinzetten, summen Motoren, lautlos schneidet das Skalpell.

Immer wieder wird mit grösseren und kleineren Wasserspritzen die Operationsstelle gesäubert, werden Kompressen hineingestopft, herausgeholt und, bevor sie von der Schwesternhilfe zur späteren Zählkontrolle aufgehängt werden, über dem Herzen ausgewrungen wie ein Putzlappen. So wird das Blut dem Kreislauf wieder zugeführt, der Blutverlust gering gehalten. Und immer wieder schöpft der Chirurg aus einer Schüssel, die die Operationsschwester ihm hinhält, mit der Hand geschreddertes Eis und füllt es in den Brustkorb. Das nicht durchblutete Herz muss, damit es frisch bleibt unter der warmen Operationslampe, gleich einem Stück Fleisch gekühlt werden. Dann und wann wird das Blutwasser abgesaugt.

Alle fünfundzwanzig Minuten gibt der Kardiotechniker Bescheid über die verflossene Zeit; der Chirurg verliert, wenn er operiert, das Zeitgefühl. Nur manchmal, wenn der Chirurg etwas fragt oder anordnet und nicht verstanden wird wegen des Mundschutzes, wird sein Ton laut und scharf, und es geht ihm ein «Verdammt nochmal» und ein «Herrgott, was ist jetzt schon wieder los» über die Lippen. Jetzt, wie er dem Kardiotechniker «Aufwärmen» befohlen hat und noch an einer Verbindung näht, muss es schnell gehen.

Und dann kommt der Moment, in dem wenn nicht das Gröbste, doch das Wichtigste vorbei ist. Wie ein Braten wird das Herz mit zwei Löffeln mit Holzgriffen gepackt, ein Elektroschock, und es schlägt wieder, als wäre nichts gewesen. Erneut leuchten die Bergsilhouetten des EKG, grün und beruhigend. Deutlich ist der grösste der frisch verlegten Bypässe zu sehen; fünf sind es insgesamt. Ein Schrittmacher hilft dem Herz vorerst weiterschlagen. Der Chirurg kann gehen, er streift Handschuhe und Brille ab, setzt sich in eine Ecke und füllt Zettel aus, bevor er verschwindet. Der erste Assistent stellt sich an den Platz des Chirurgen, der zweite legt eine CD von Tina Turner ein, «What's love got to do with it», und nun wird zugemacht.

Nachdem der Herzbeutel zugenäht ist, wird mit starkem Draht das Brustbein zusammengeklammert, der Draht verdreht, abgeschnitten und heruntergebogen; eine handfeste Arbeit. Dann ist die dicke, glibberige Fettschicht dran, schliesslich die Haut. Man wechselt ein paar Worte über den Fall; hat die Patientin geraucht oder nicht, man weiss es nicht so genau, aber nein, sagt der erste Assistent, heute abend hat sie bestimmt nicht geraucht.

In der engen Garderobe steckt sich dafür die Operationsschwester eine Zigarette an, legt die Berufskleidung ab und lacht auf die Frage hin, ob es anstrengend gewesen sei. Nein, überhaupt nicht, und das Angenehme am Chirurgen sei, dass er ausserhalb des Operationssaales nie jemanden anschnauze. Etwas mehr als vier Stunden hat die Operation insgesamt gedauert, gute eineinhalb Stunden war der Herzchirurg an der Arbeit.

Ein Routinefall auch für ihn, der zwei- bis dreihundert Herzen pro Jahr unter dem Messer hat. Neues auszuprobieren, sagt Dierk Maass, Leiter des Herz-Zentrums Bodensee in Kreuzlingen, reizt ihn deshalb besonders. Als erster in Europa hat er mit dem Herzlaser gearbeitet und Patienten, die unter schwerer Angina pectoris leiden, schon mehrere Bypass-Operationen und Dilatationen hinter sich haben, damit zwanzig bis vierzig Löcher von einem Millimeter Durchmesser in den Herzmuskel geschossen. Um die Kanäle bildet sich ein Netz neuer Gefässe, dank dem sich die Durchblutung des Muskels verbessert. Die Behandelten haben keine Schmerzen mehr, können wieder gehen, treppensteigen und radfahren. Rund 26 000 Franken kostet diese sogenannte Transmyokardiale Laser-Revaskularisation, gleich viel wie eine Bypass-Operation. Herzleidende, die von anderen schon aufgegeben worden sind, dürfen noch einmal Hoffnung schöpfen. Doch es ist auch schon vorgekommen, dass der Chirurg Nein gesagt hat; mit einer Herzoperation ein Leben um ein paar Tage zu verlängern, ist sinnlos.

Ein besonderes Organ, sagt Dierk Maass, sei das Herz für ihn nicht mehr. Schaut man sich in seinem Büro um, fällt es einem schwer zu glauben. Goldherzen ruhen in Händen oder stehen auf Ständern, drei Herzbilder in Öl von Jim Dine hängen hinter dem Schreibtisch aus schwerem schwarzem Marmor. Darauf steht ein Monitor, von dem er per Fingertipp die EKGs seiner Patienten in der Intensivstation ablesen kann, ohne hinüber in die Klinik zu müssen.

In ein paar Tagen wird dort seine Patientin wie andere auch in der Cafeteria sitzen, und nur eine feine, senkrechte Narbe im Ausschnitt des Trainers wird an die Operation erinnern. Möglich, dass sie dann, wenn sie Musse zur Lektüre hat, nach dem Buch greift, das unter anderen dort aufliegt - «From Here to Eternity».


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