NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...?   Inhaltsverzeichnis

Von Duvalier, Jean-Claude bis Gardner, Randy


Duvalier, Jean-Claude
«Baby Doc», ehemaliger Schreckensherrscher von Haiti.
Verändert hat sich im Leben von Jean-Claude «Baby Doc» Duvalier fast alles, geblieben ist einzig die Fremdbestimmung durch eine Frau. Im Reigen der Drahtzieherinnen war seine Mutter Simone die erste gewesen: Unter ihrer Knute führte der feiste Teenager als Erbe seines 1971 verstorbenen Vaters, des finsteren Kinderarztes «Papa Doc», das Schreckensregime des Clans über Haiti weiter.

Dann ging das Kommando über den «Präsidenten auf Lebenszeit» nach seiner Heirat mit Michèle Bennett an die zur Verschwendungssucht neigende Frau Gemahlin. Sie blieb an der Seite Duvaliers, als er sich in einer Februarnacht 1986 gezwungen sah, sein Heimatland fluchtartig zu verlassen, den halben Staatsschatz an Bord der Maschine der US Air Force.

Doch Madame hielt das Exil in Frankreich nur aus, bis die gestohlenen Dollarmillionen - je nach Schätzung zwischen 20 und 300 - verjubelt waren. 1992 liess sie sich scheiden und nahm die zwei Kinder mit. Seither hängt der verarmte Ex-Diktator am Gängelband einer weiteren energischen Landsfrau, der Kommunikationsberaterin Véronique Roi. Das Paar teilt eine bescheidene Pariser Zweizimmerwohnung, für die Monatsmiete von 900 Euro kommen Freunde auf.

Die wenigen Besucher, die von Duvaliers Anwalt vorgelassen werden, finden eine Ruine des Mannes vor, der einst mit seinem Ferrari Testarossa die Côte d’Azur unsicher machte und auf Schloss Théméricourt bei Paris den Sonnenkönig spielte. Dem Lebemann von damals hat die unablässige Verfolgung durch Gläubiger und Gegner arg zugesetzt. Er ist abgemagert, angegraut und macht einen erbärmlichen Eindruck. Über die Vergangenheit mag Duvalier nicht sprechen, beteuert aber, er wolle «dem Ruf seines Volkes folgen und nach Haiti zurückkehren». Seine matte Stimme tönt wie ein gemurmeltes Selbstgespräch - eine späte Kopie der zaristischen Grossfürsten, die achtzig Jahre vor ihm in Paris von der Rückkehr an die Macht träumten.

Umso energischer gibt sich Véronique, sie redet von wachsender Unterstützung durch Landsleute und von einer Website, die jedoch seit Jahren «en construction» ist. Nach bald 20 Jahren im Exil hat «Baby Doc» weder eine sinnvolle Beschäftigung noch ein Hobby gefunden. Allerhöchstens gibt er ein Interesse für Politik sowie Sonnenenergie an - kaum ein abendfüllendes Programm für einen, der erst 53 Jahre alt ist. Rod Ackermann


Edwards, Eddie «The Eagle»
Schlechtester Skispringer aller Zeiten.
Es ist einer der ganz grossen Momente olympischen Strebens: Eddie «The Eagle» Edwards 1988 in Calgary, wie er mit vorgerecktem Schaufelkinn über den Schanzentisch rutscht und mit flatternden Ski, Knien und Armen in die Tiefe taumelt. Der Finne Matti Nykänen gewinnt Gold, der Adler wird letzter. Sein ironiefreier Auftritt war ein letztes Aufbäumen des Sportfreundes im viktorianischen Stil gegen die galoppierende Kommerzialisierung des Sports.

Nach seinem Rücktritt wurde Eddie dann selber ein Kassenschlager: 100 000 Franken zahlte eine Zeitung für seine Lebensgeschichte. Buch und Video waren Bestseller. Mit der Single «Mun niemi en eetu» war er auf Rang zwei der finnischen Hitparade. Dann kam der Absturz. Heute ist Eddie wieder dort, wo alles angefangen hatte - im Baugeschäft seiner Onkel und Cousins in Woodchester, Grafschaft Gloucestershire, ein paar Meilen vom Trockenhang entfernt, an dem er das Skifahren gelernt hat. «Mir gefällt die Arbeit auf dem Bau.» Wer ihn nicht kennt, erkennt ihn kaum wieder: ein Chirurg hat das Kinn weggestutzt, ein anderer die Augen korrigiert, so dass auch die absurde Brille entfällt.

Sporadisch hat er Kontakt mit Springerkollegen: «Mein bester Freund war der einzige Holländer auf der Tour», sagt er. «Matti Nykänen bin ich vor ein paar Jahren bei einer Talkshow wiederbegegnet. Netter Kerl. Schade, was aus ihm geworden ist.»
Schade sei, wie ihn der britische Skiverband missverstanden habe: «Der Verband meinte, ich wollte ihn und den Sport auf die Schippe nehmen.» Dabei war es überhaupt nicht so. «Ich kam zum Skispringen, weil die alpinen Disziplinen, die ich bis dahin ausgeübt hatte, zur Materialschlacht verkamen. Das konnte ich mir nicht mehr leisten. Skispringen war billiger. Ich setzte alles daran, die Technik zu erlernen.» Zehn Jahre nach Calgary wollte sich Eddie für die Olympiade in Nagano qualifizieren. Er schaffte es nicht. Eddies Ruf als schlechtester Skispringer aller Zeiten ist gesichert. Hans-Peter Künzler


Esperanto
Künstliche Universalsprache.
Ludwik Zamenhof wuchs als Bürger des russischen Zarenreichs in der heute zu Polen gehörenden Stadt Bialystok auf. In seinem Elternhaus wurde Jiddisch und Russisch gesprochen; seine Heimatstadt aber litt unter heftigen Konflikten der verschiedenen ethnischen Gruppen. Schon als Schüler arbeitete Zamenhof an einer neuen, ethnisch neutralen und leicht erlernbaren Kunstsprache - in der Hoffnung, eine gemeinsame Sprache werde die ethnischen Spannungen abbauen.
1887 veröffentlichte Zamenhof eine erste Broschüre über sein Sprachprojekt Lingvo internacia (internationale Sprache). Und nach dem Pseudonym Doktoro Esperanto (Doktor Hoffender) des Erfinders wurde die Sprache alsbald «Esperanto» genannt.
Esperanto ist aus unveränderlichen Wortelementen als Trägern einer selbständigen Bedeutung aufgebaut. Substantive, Adjektive, Verben und Adverbien sind dann an charakteristischen Endungen erkennbar. «Ein grosser Elefant fühlt keine Insektenstiche» heisst «Granda elefanto ne sentas insektajn pikojn», wobei bei «pikojn» (Stiche) in der Endung das o für Substantiv, j für Mehrzahl und n für Akkusativ stehen.

Ab 1900 fand Esperanto auch in Westeuropa Anhänger, vor allem in Frankreich und Deutschland. 1903 wurde Svisa Esperanto-Societo, die Schweizerische Esperanto-Gesellschaft, gegründet. 1908 folgte der Esperanto-Weltbund, der heute in 117 Ländern vertreten ist.

Im Dritten Reich wurden alle Esperanto-Verbände aufgelöst und der Unterricht an den Schulen verboten, denn eine «völkerverbindende» Kunstsprache war dem Führer suspekt. In den letzten Jahrzehnten fand Esperanto schliesslich auch in Ländern wie China, Japan und in Afrika eine gewisse Verbreitung, obwohl das Vokabular weitgehend aus den romanischen Sprachen und dem Deutschen und Englischen stammt.

Die Vision Zamenhofs, mit Hilfe einer «neutralen» Sprache Rassenhass und nationale Überheblichkeit zu überwinden, war wohl etwas naiv und vermochte die Welt nicht zu verändern. Auch hat die seit dem letzten Weltkrieg starke Verbreitung des Englischen als Lingua franca den Bedarf nach einer globalen Kunstsprache verringert.

Trotzdem ist die Idee nach wie vor lebendig. Die Esperantisten treffen sich heute auf Seminarien, Kulturveranstaltungen und Festen, wobei der jährlich durchgeführte Esperanto-Weltkongress mit jeweils 3000 Teilnehmern die einzige internationale Grossveranstaltung ohne Dolmetscher sein dürfte.

Schätzungen über die derzeitige Zahl der Esperanto-Sprecher variieren von einer halben bis mehreren Millionen. Esperanto flüssig und einigermassen fehlerfrei sprechen wohl kaum mehr als 20 000. Mittlerweile gibt es auch einige Muttersprachler: Kinder binationaler Paare, die untereinander Esperanto sprechen. Herbert Cerutti


«Exxon Valdez»-Kapitän
Schiffsführer des Supertankers «Exxon Valdez», der 1989 vorAlaska in ein Riff fuhr und so die grösste Umweltkatastrophe der USA verursachte.
Kurz nach Mitternacht, am 24. März 1989, änderte Kapitän Joseph Hazelwood den Kurs des Supertankers «Exxon Valdez», um Eisbergen auszuweichen. Dann verliess er die Brücke. Wenig später rammte die «Exxon Valdez» einen Felsen am Bligh Reef. Der Steuermann rief den Kapitän. «Wir verlieren etwas Öl», meldete Hazelwood der Küstenwache. Genaugenommen verlor die «Exxon Valdez» 40 Millionen Liter. Als die Küstenwache den Tanker erreichte, stellten sie den Kapitän zur Rede: «Was war das Problem?» - «You’re looking at it», antwortete Joe Hazelwood. Es sollte kein Geständnis sein, sondern ein Witz. Doch dieser Satz verfolgt Hazelwood bis heute.

«The Day the Water Died» nennen die Anwohner des Prince William Sound den 24. März 1989: 400 000 Wasservögel starben, Fischer wurden arbeitslos, und wer heute, 16 Jahre nach dem Vorfall, mit dem Fuss im gesäuberten Sand scharrt, hat bald ölige Schuhe. Die gerichtlich bestätigten Kompensationsgelder in Höhe von 4,5 Mrd. Dollar hat Exxon bis heute nicht bezahlt.

Hazelwood beteuerte, er habe an jenem Abend nur «2 oder 3 Wodka getrunken». Die Blutanalyse ergab, dass es eher 16 bis 20 Wodka waren, und die «New York Times» berichtete auf der ersten Seite, dass Hazelwood schon seinen Führerschein wegen Trunkenheit verloren hatte. Worüber kaum jemand schrieb: Die Blutproben wurden unsachgemäss transportiert, und die Analyse war somit ungültig. Und der Richter kam zum Schluss, dass das Verlassen der Brücke weder falsch noch fahrlässig war. Joseph Hazelwood wurde von dem Vorwurf der kriminellen Handlung freigesprochen. Ein Zivilgericht verurteilte ihn lediglich zu 50 000 Dollar Strafe und 1000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit wegen «fahrlässigen Verklappens von Öl».

Joe Hazelwood ist heute 59 Jahre alt. Er lebt in Huntington auf Long Island und pendelt jeden Tag nach Manhattan, wo er für die auf maritimes Recht spezialisierte Anwaltskanzlei Fowler, Rodriguez & Chalos arbeitet. Sein ehemaliger Verteidiger Michael Chalos hat ihn angestellt, weil «kein Mensch den mehr auf ein Schiff lassen will», wie er sagt. Ironischerweise zählt zu Hazelwoods Arbeit, im Streitfall zwischen Versicherern und Reedereien zu vermitteln.

1990 erhielt Hazelwood sein Kapitänspatent zurück, verschiedene angesehene Kapitäne erklärten öffentlich, dass jeder so gehandelt hätte wie Hazelwood - von einer Reederei wurde er trotzdem nie wieder angeheuert.

Warum hatte er die Brücke verlassen? «Ich habe sie verlassen, weil es keinen Grund gab, dortzubleiben», soll er seinem Anwalt gesagt haben. Mehr nicht. Wie hat er den offenen Hass, die ewigen Fragen, die öffentliche Diffamierung ausgehalten? Hazelwood lacht kurz: «Wenn ich etwas gelernt habe aus dieser Zeit, dann dies: Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, darfst du nichts sagen». Er meint den Satz, den er zur Küstenwache sagte: «You’re looking at it.» Viele werten das bis heute als Schuldeingeständnis eines fahrlässigen Trinkers.

Hazelwood nahm nie offiziell Stellung zum Vorfall. Er gab nur wenige und sehr kryptische Interviews. Und er verweigerte die Aussage bei der Verhandlung. Selbst als der Richter das Ausmass der Katastrophe mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima verglich und Hazelwood aufforderte, sich zu entschuldigen, schwieg der Kapitän. Ein befreundeter Pastor sagte ihm vor Jahren: «Egal was du getan hast, Gott richtet dich nicht.» Hazelwood antwortete: «Klingt, als ob du mich richtest.»
2001 hatte er die letzte der 1000 Stunden Sozialarbeit abgeleistet, in der Suppenküche Beans Cafe in Anchorage. «Ich habe meine Strafe verbüsst», sagt Hazelwood, «welches Gericht kann mir mein Leben zurückgeben?» Er spricht in einem herzlichen, aber spöttischen Tonfall. Mikael Krogerus


F., Christiane
Berühmteste Fixerin der Welt. Die Milieuschilderung «Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» verkaufte sich über drei Millionen Mal. In Zürich wurde sie rückfällig.
Christiane Vera Felscherinow ist heute 43. Ihr zartes, trotziges Gesicht mit den melancholischen Augen von damals ist jetzt fahl, eingefallen, hat erste Fältchen. Sie lebt mit ihrem Sohn am Stadtrand von Berlin in einer 2-Zimmer-Wohnung. Im Wohnzimmer: ein Tisch, zwei Stühle, Fernseher, Matratze, auf dem Boden zwischen Spielzeug liegen Briefe, Kontoauszüge. Das andere Zimmer ist aufgeräumt: Holzbett, Schreibtisch, aufgereihte Abenteuerbücher. Es ist das Reich von Sohn Niklas, 9. Christiane F. sagt: «Zum ersten Mal fühle ich so etwas wie Geborgenheit. Mein Leben hat einen Sinn, seit Niklas auf der Welt ist.» Niklas’ Vater, ein Junkie, ist über alle Berge.

Das Leben der Christiane F. - eine Achterbahnfahrt. Als die Welt sie in den 1980er Jahren als Heldin feierte, die das Heroin besiegte, war sie in Wahrheit schon wieder auf Droge. Nach kurzer Zeit brauchte sie wieder zehn Schuss am Tag, ohne Heroin schaffte sie es nicht mehr aus dem Bett.

1983 lädt die Schweizer Verlegersfrau Anna Keel sie nach Zürich ein, weil ihre Kinder Christianes Buch verschlungen hatten. «Sie hat mich wie eine Tochter behandelt», sagt Christiane. In Zürich kommt sie mit berühmten Leuten zusammen: Fellini, Loriot, Dürrenmatt. Anna Keel plant Christianes Karriere auf der Bühne, im Musikgeschäft. Sie ist auf dem Weg in den Jetset. Dort wird sie aber nie ankommen. «Für mich war dort oben kein Platz. Ich war ihre Vorzeigepuppe, aber mehr als Smalltalk wollte keiner. Sobald ich auf jemanden zuging und Nähe suchte, spürte ich nur noch Barrieren.» Nachts steigt Christiane F. heimlich aus dem Fenster, beschafft sich in der Bahnhofsgegend Heroin. Frau Keel weiss davon nichts.

1985 kehrt Christiane F. nach Berlin zurück, wird mit Heroin erwischt, landet im Knast. Danach geht sie nach Griechenland. Auf der Insel Ios verliebt sie sich. Die beiden ziehen durchs Land. Aber die Drogen holen Christiane wieder ein. 1993 wird ihr Freund bei einem Überfall gefasst.

Zurück in Berlin, verliebt sich Christiane wieder in einen Junkie. Sie wird schwanger, fünf Abtreibungen hatte sie damals schon hinter sich. Sie bringt das Kind zur Welt, behauptet, sie habe es geschafft: sie sei clean. «Seit 1993 habe ich nichts mehr angerührt.» Aber noch heute kämpft sie gegen die Sucht, braucht den Ersatzstoff Methadon, um nicht rückfällig zu werden, trinkt. Wahrscheinlich deshalb wirkt sie manchmal so fahrig, ängstlich und so wahnsinnig deprimiert. Mit den Freunden von früher hat sie abgeschlossen, zu den Eltern wenig Kontakt. Einen Job hat sie nicht. Das Geld, das sie über all die Jahre für Buch und Film bekommen hat, ist fast weg: 500 000 Euro. Zweimal im Jahr bekommt sie noch einen Check vom Verlag, jeweils 10 000 Euro. «Aber das ist nicht genug. Manchmal liege ich da und glaube: Jetzt passiert es, jetzt sterbe ich.» Sie hat Todesängste, schwere Depressionen. Eine der Folgen des langjährigen Drogenmissbrauchs. Die andere: Hepatitis C, eine unheilbare Leberkrankheit. «Angesteckt über die Nadel», sagt sie. «Es wird schleichend schlimmer. Der ständige Juckreiz, du wirst immer müder, die Gelenke schwellen.»

Niklas kommt ins Zimmer. Christiane F. nimmt ihn in die Arme. Er weiss noch nichts von ihrem Schicksal, ihrem Leben. Zuvor hatte sie gesagt: «Er ist zu klein, er kann das noch nicht verstehen. Aber ich wünsche mir sehr, dass ich noch die Chance haben werde, es ihm selbst zu erklären.» Wendelin Gabrysch


Fendt, Jacqueline
«Madame Expo», 1999 als Chefin der Landesausstellung entlassen.
Aus der Expo 01 wurde die Expo 02, aus geplanten 130 Millionen Franken Budget wurden 1,6 Milliarden, und aus der totgesagten Landesausstellung wurde ein Volksvergnügen. Aber was wurde aus Jacqueline Fendt? «Madame Expo» verschwand am 5. August 1999, nach ihrer Entlassung als Generaldirektorin.

Einmal noch sorgte sie für Schlagzeilen, wieder mit einem Abgang: Im November 2003 gab die Zürcher Wirtschaftshochschule GSBA bekannt, dass Jacqueline Fendt wegen «unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Ausrichtung» nicht wie geplant den Posten der Rektorin übernehmen werde. Dann verschwand Jacqueline Fendt.

In Schweizer Telefonbüchern ist sie nicht zu finden, Internet-Suchmaschinen listen nur die Vergangenheit auf. Ein Tip führt in die Niederlande. Fendt soll an der Universität Leiden arbeiten. Und tatsächlich: Die Telefonistin kennt «Miss Fendt», sie sucht sie im Gebäude, findet sie aber nicht.

Ein paar Tage später kommt ein Lebenszeichen, per E-Mail: «Sie verschwenden Ihre Zeit», schreibt Fendt, «über mich gibt es absolut nichts zu berichten, was irgendjemand interessieren könnte.» Sie habe die letzten Jahre an einem Buch über das Verhalten von CEO bei Fusionen gearbeitet, das in Holland eben erschienen sei. «Ich habe mir eine Auszeit für diese Forschungsarbeit genommen.» Zudem betreue sie einige «erfreulich anlaufende Biotech-Start-ups», denen sie mit dem Business-Angel-Netzwerk, das sie 2001 lanciert hat, auf die Beine hilft. Und: «O ja, mir geht es gut.» Christof Moser


Feurer, Mario
Sang 1969 «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa».
Der Alt-Hippie spielte bei den «Minstrels» und war der erste Musiker Zürichs, der mit einem Hausiererpatent in den Beizen spielte. Das Papier mit zwei Stempeln plus Billettsteuer kostete täglich siebzehn Franken. Bis ihm eines Abends «Frau Stirnimaa» aus der Geige sang, ein Ton, ein Lied, ein Hit. Der brachte die «Minstrels» in die Hitparade und ins Fernsehen; in der Schweiz, in Deutschland, in Österreich, in 27 Ländern verkaufte sich das Lied über 1,5 Millionen Mal.

Viele machten damit viel Geld, Mario Feurer nicht. Alles, was nach Geld riecht, ist für einen Hippie geruchlos. «I bin nöd so uf de Schtutz los.» Doch, klar wurde er über den Tisch gezogen. Aber das ist unwichtig, gut leben ist wichtiger und geht auch ohne Auto, Handy, Computer.

Heute ist er 63 Jahre alt, wartet auf die AHV, weil er dann wieder reisen kann und weniger arbeiten muss. Arbeiten heisst Auftreten mit seinem Partner Mario Moreno, Gitarrist. «Moreno Fontana», die Band, besteht seit 1988; jeder kann sie buchen. Feurer spielt auf Wunsch alles. Daniele Muscionico


Fraumünsterpost-Räuber
Erbeuteten 1997 in Zürich 53,1 Millionen Franken, bevor sie alle gefasst wurden.
Von der Hektik bei der Fraumünsterpost bekam an diesem Montagmorgen kaum jemand etwas mit. Es war der 1. September 1997. In den Cafés der Zürcher Innenstadt lasen die Leute die Zeitungsberichte über Lady Di, die am Tag zuvor bei einem Autounfall in Paris ums Leben gekommen war.

Um 10 Uhr 30 fuhren fünf Männer mit einem kleinen Lieferwagen unbehelligt in den Innenhof der Post und begannen, den Wagen mit Geldsäcken zu beladen. Weil der gestohlene Fiat Fiorini zu klein war, konnten sie nicht alle im Auto verstauen - bei 53,1 Millionen Franken war Schluss. Einer der Posträuber liess am Tatort versehentlich ein Foto mit seinem Fingerabdruck liegen. Nach wenigen Tagen waren die fünf Räuber und die zwei Helfer im Hintergrund gefasst oder ihre Namen bekannt. Alle wurden verurteilt, der Jüngste ist rückfällig geworden: Er war im November letzten Jahres an einem Raubüberfall auf einen Zürcher Sexsalon beteiligt.

Ein anderer Posträuber sagt am Telefon, er habe jahrelang kaum geschlafen, derart hätten ihn die Schuldgefühle geplagt. Noch heute sei jeden Morgen der erste Gedanke nach dem Aufwachen, wie es damals so weit habe kommen können. Nur langsam wachse Gras über die Geschichte. Mit jeder Faser seines Körpers bereue er zutiefst, was vorgefallen sei. Wo die fehlenden 26 Millionen Franken aus dem Postraub seien, wisse er wirklich nicht. Er selber habe von der Beute keinen Franken gesehen.

Die Pizzeria Dago in Zürich Seebach, wo der Jahrhundertraub damals ausgeheckt worden war, gibt es noch immer. Doch die Pizzeria heisst jetzt anders. Marcel Gyr


Dr. Gachet
Verschollenes Meisterwerk van Goghs.
Wenige Wochen vor seinem Selbstmord am 29. Juli 1890 setzte sich Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise bei Paris an die Staffelei, um seinen Arzt zu malen.

Nach dem Tod des Künstlers kam «Portrait von Dr. Gachet» in den Besitz seines Bruders Theo. Dessen Witwe verkaufte es später für 300 Francs an eine Sammlerin aus Dänemark. Von da ging der Arzt durch die Hände verschiedener Bankiers, Händler und Politiker, ja sogar Hermann Göring hat das Gemälde für kurze Zeit besessen.

Hundert Jahre nach van Goghs Tod ersteigerte der japanische Geschäftsmann Ryoei Saito das Bild 1990 auf einer spektakulären Auktion bei Christie’s in New York - für die Rekordsumme von 82,5 Millionen Dollar. Lange blieb das «Portrait von Dr. Gachet» das teuerste Bild der Welt - bis 2004 jemand bereit war, für Picassos «Garçon à la pipe» mehr als hundert Millionen Dollar hinzublättern.

Zu dem Zeitpunkt war Dr. Gachet längst abgetaucht. Als Saito - damals Ehrenaufsichtsratsvorsitzender des Papierunternehmens Daishowa - in den 1990er Jahren 24 Millionen Dollar Steuerschulden zahlen musste, setzte er eine berühmt gewordene Drohung in die Welt: Er forderte seine Verwandten auf, bei seinem Tod das Bild mit ihm einzuäschern - damit seine Erben keine Erbschaftssteuer bezahlen müssten. Die Bemerkung wurde als Witz aufgefasst. Nach Saitos Tod 1996 blieb das Gemälde jedoch verschwunden. Daishowa gab bekannt, es sei verkauft worden - und auf jeden Fall nicht dem Herrn Saito ins Grab gefolgt. Die japanische Zeitung «Asahi Shimbun» schrieb, «Dr. Gachet» sei 1997 an eine Tochter des Auktionshauses Sotheby’s in New York verkauft worden. Es kursieren auch Gerüchte, wonach ein Spekulant aus Las Vegas das Bild zusammen mit anderen Gemälden aus dem Nachlass von Saito übernommen habe. Samuel Herzog


Gardner, Randy
Rekordhalter im Wachbleiben: 11 Tage, 12 Minuten.
Randy Gardner war 17 Jahre alt, als er den bis heute gültigen Rekord im Schlafentzug aufstellte. Unter Beobachtung von Mitschülern und Wissenschaftern blieb er 264 Stunden wach. Nach 263 Stunden hielt er vor laufenden Fernsehkameras eine Pressekonferenz ab und wurde im ganzen Land bekannt.

«Es waren Randys 15 Minuten als Star», sagt seine Frau heute. Sein weiteres Leben sei davon unbeeinflusst geblieben. Er selbst habe im Moment kein Interesse, mit Journalisten zu sprechen. Gardner hatte viele Jobs, handelte mit Zimmerpflanzen und Aktien. Er lebt mit Frau und Katze in San Diego, sei gesund und habe keine Schlafprobleme. Reto U. Schneider 




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