NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Der Arzt als Versuchskaninchen

Von Reto U. Schneider

BARRY MARSHALL HATTE gar nicht erst um eine Bewilligung für sein Experiment nachgefragt. Er wusste, dass er sie niemals bekommen hätte. Auch seiner Frau sagte er nichts von der sonderbaren Brühe, die er an diesem Dienstagmorgen um elf Uhr schluckte. Es war der 10. Juli 1984, und Marshall hatte zuvor in seinem Labor am Fremantle Hospital im australischen Perth etwa eine Milliarde Bakterien aus dem Magen eines 66-jährigen Patienten mit ein bisschen Wasser vermischt. «Es roch irgendwie abstossend nach frischem Fleisch», erinnert sich Marshall. Die Bakterien in seinem Trank hatten noch nicht einmal einen Namen, so wenig wusste man über sie. Der 33-jährige Marshall hoffte einzig, dass sie ihn so richtig krank machen würden.

Drei Jahre zuvor war der angehende Mediziner auf der Suche nach einem Forschungsprojekt, das er während seiner Ausbildung durchführen musste. Am Royal Perth Hospital lernte er den Pathologen Robin Warren kennen, der in Gewebeproben von Leuten mit Magenschleimhautentzündungen (Gastritis) ein unbekanntes Bakterium gefunden hatte. Marshall untersuchte weitere Proben und sah, dass die meisten infiziert waren. In der Bibliothek stellte er erstaunt fest, dass Warren nicht der Erste war, der die Bakterien bemerkt hatte. Bereits im letzten Jahrhundert hatten Forscher spiralförmige Bazillen im Magen von Menschen und Tieren gefunden. Könnten die Bakterien etwas mit der Entzündung zu tun haben?

Marshall behandelte einen ersten Patienten mit Antibiotika, brachte damit die unbekannten Keime samt Magenschleimhautentzündung zum Verschwinden. Die Resultate der Untersuchung bestärkten Marshall in seiner Meinung, dass Bakterien nicht nur Gastritis, sondern auch Zwölffingerdarm- und Magengeschwüre verursachen.

Seine Kollegen rieten ihm, diese Vermutung für sich zu behalten. Erstens hatte Marshall noch nicht einmal seine Ausbildung abgeschlossen, zweitens hatte er noch keinen Beweis für seine These, und drittens ging die Bakterienhypothese gegen die gängige Lehrmeinung. Bisher hatte man psychologische Probleme und Stress für die Ursache von Magenproblemen gehalten. Kein anderes körperliches Leiden wurde so stark mit Frustration, Nervosität und emotionalem Ungleichgewicht in Verbindung gebracht wie das Magengeschwür.

Doch Marshall war viel zu begeistert, um sich zurückzuhalten. «Ich hatte nichts zu verlieren, ich war kein renommierter Forscher, der zwanzig Jahre seiner Arbeit verteidigen musste.» Im September 1983 stellte er seine Erkenntnisse am zweiten Internationalen Workshop über Campylobacter-Infektionen in Brüssel vor. Mit seinem missionarischen Eifer und seinem Selbstvertrauen, das an Überheblichkeit grenzte, erlangte er sofort notorische Berühmtheit. Viele Zuhörer fanden, er lasse es in seinem Vortrag eindeutig an der nötigen Bescheidenheit und Zurückhaltung fehlen.

Allein dass Bakterien eine Magenschleimhautentzündung auslösen sollen, war eine kühne Behauptung, aber dass diese Bakterien über Monate, ja Jahre im Magen lebten, war schlicht albern. Die zwei Liter Magensaft, die der Mensch täglich produziert, bestehen zu einem grossen Teil aus Salzsäure und können einen Nagel auflösen. Eine dicke Schleimschicht muss den Magen davor schützen, sich selbst zu verdauen. In einem solchen Milieu konnten unmöglich Keime leben.

Die Experten vermuteten, dass die frühen Studien, die Marshall gefunden hatte, durch verunreinigte Proben zu fehlerhaften Resultaten gekommen waren. Und selbst, wenn es diese Bakterien im Magen wirklich geben sollte, bewiesen sie noch lange nicht, dass sie die Krankheit verursachten. Wahrscheinlicher schien, dass die Bakterien die Wunden im Magen erst nach ihrer Entstehung besiedelten.

Marshall wusste, welcher Teil des Beweises ihm fehlte: die letzten zwei der vier Postulate, die der deutsche Mediziner Robert Koch 1882 aufgestellt hatte, um einen Keim als Krankheitserreger zu identifizieren:

1. Das Bakterium muss bei jedem Krankheitsfall zu finden sein.

2. Das Bakterium muss sich ausserhalb des Körpers züchten lassen.

3. Die Krankheit muss sich bei Versuchstieren durch diese gezüchteten Bakterien erzeugen lassen.

4. Das Bakterium muss sich wiederum aus dem Versuchstier gewinnen und züchten lassen.

Mit dem ersten Postulat gab es kein Problem. Warren und Marshall hatten die Bakterien immer wieder in den Magenwänden ihrer Patienten gefunden. Postulat Nummer zwei war schon schwieriger zu erfüllen. Monatelang versuchten Marshalls Kollegen, die Bakterien im Labor der Klinik zu züchten. Ohne Erfolg. Normalerweise brauchen Bakterien nicht länger als zwei Tage, um sich in einer Petrischale zu vermehren. Lässt man sie länger wachsen, überwuchern sie den Nährboden. Doch im Falle von Marshalls Bakterien sah man nach 48 Stunden nicht die geringsten Anzeichen einer Vermehrung.

Etwa dreissig vergebliche Versuche wurden unternommen, bis eine gefährliche Infektion unter Patienten und Angestellten des Spitals an Ostern 1982 die unerwartete Lösung brachte. Wegen Personalmangels bekam Marshalls Projekt in dieser Zeit eine tiefere Priorität, und so blieben seine Kulturschalen länger als die üblichen zwei Tage im Wärmeschrank liegen. Nach fünf Tagen hatten sich die Bakterien wunderbar vermehrt.

Die wirklichen Schwierigkeiten begannen jedoch beim dritten Postulat, der Übertragung der Krankheit auf einen gesunden Organismus. Zwei Ratten, denen Marshall die Bakterien in den Magen spritzte, entwickelten keine Symptome, zwei junge Schweine «widersetzten sich der Infizierung».

Wenn die Infektion nicht an einem Tiermodell bewiesen werden konnte, blieb eigentlich nur noch der Weg über epidemiologische Studien beim Menschen. Dabei versucht man, aus den Daten von möglichst vielen Patienten mit Magenproblemen mit statistischen Methoden Schlüsse über die Ursache der Krankheit zu ziehen. Doch es konnte Jahre dauern, bis sich ein klares Bild abzeichnete. So lange mochte Marshall nicht warten, denn er wusste, dass der Beweis mit einem geeigneten Versuchstier bloss eine Sache von Wochen wäre. Es gab nur einen Ausweg: Das Versuchstier würde er selbst sein.

In den ersten Stunden, nachdem er die Bakterienbrühe geschluckt hatte, bemerkte er eine «verstärkte Peristaltik im Unterleib (hörbares Gurgeln in der Nacht)». Danach geschah eine Woche lang nichts mehr. Am Morgen des achten Tags erbrach Marshall ein wenig Schleim. In der zweiten Woche des Experiments bemerkte Marshalls Mutter seinen fauligen Mundgeruch. Er selbst hatte Kopfschmerzen und war gereizt. Am zehnten Tag schliesslich führte ein Kollege den biegbaren Schlauch des Gastroskops durch Marshalls Speiseröhre zum Magenausgang, um zwei Proben zu entnehmen. Marshall hatte diese Prozedur bereits einmal vor fünf Wochen hinter sich gebracht. Damals stellte er sicher, dass sein Magen vor dem Experiment gesund war.

Die neue Probe wurde gefärbt und unter dem Mikroskop untersucht. Die Zellen der obersten Hautschicht waren beschädigt, und auf dem Schleim hatten sich weisse Blutkörperchen gesammelt: Marshall hatte eine Magenschleimhautentzündung - Kochs drittes Postulat war erfüllt.

Für das vierte Postulat isolierte Marshall aus der zweiten Probe die Bakterien und züchtete sie auf einer Nährlösung. Es waren dieselben, die er zehn Tage zuvor geschluckt hatte. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Die Bakterien (später würde man sie Helicobacter pylori nennen) können eine Magenschleimhautentzündung verursachen. Marshall war begeistert. «Ich hoffte, dass sich aus der Entzündung ein Geschwür entwickeln würde, worüber ich jahrelang hätte publizieren können.» Doch als er seiner Frau vom Experiment erzählte, stellte sie ihn vor die Wahl, Antibiotika zu nehmen oder ein eigenes Appartement. Marshall entschied sich für die Antibiotika, die aber gar nicht nötig gewesen wären: Die Entzündung war nach zwei Wochen von selbst abgeklungen. Offenbar war das Immunsystem mit den Eindringlingen fertiggeworden. Das passte zur Verbreitung des Bakteriums: Man nimmt an, dass heute etwa die Hälfte der Weltbevölkerung damit infiziert ist, dass aber nur ein kleiner Teil davon an Gastritis oder Magengeschwüren erkrankt.

Die Öffentlichkeit erfuhr von Marshalls Experiment nicht auf dem üblichen Umweg über eine Fachzeitschrift, sondern direkt aus der amerikanischen Boulevardzeitung «Star». Kurze Zeit nachdem das Resultat feststand, bekam Marshall einen Anruf eines Reporters, der ihn wegen eines früheren Fachartikels interviewen wollte. Marshall konnte nicht auf den Mund sitzen und landete schliesslich als «Versuchskaninchen-Doktor» zwischen Lady Di und neuen Schlankheitsdiäten in den Spalten des «Stars».

Doch es sollte noch zehn Jahre dauern, bis die Nachricht vom Magengeschwür als Infektionskrankheit die breite Masse der Ärzte erreichte. Einerseits hatte die Pharmaindustrie kein grosses Interesse, die Neuigkeit zu verbreiten, dass Antibiotika Gastritis innert Wochen für immer zum Verschwinden bringen können. Sie verdiente gut an den säurehemmenden Medikamenten, die zum Teil über Jahre eingenommen werden mussten. Andererseits hatte Marshall die vier Postulate Kochs nur für die Magenschleimhautentzündung erfüllt, nicht aber für das Magengeschwür. Heute wird zwar von den Gesundheitsbehörden empfohlen, Magengeschwüre mit Antibiotika zu behandeln, doch es gibt immer noch namhafte Kritiker von Marshalls Idee.

Marshall hat mit seinem Experiment den Trend eingeläutet, auch andere Krankheiten mit Infektionen zu erklären. Heute spekulieren die Forscher über den Einfluss von Bakterien und Viren bei Schizophrenie und Herzinfarkt, Rheumatismus und Diabetes. Bestätigt sind bisher aber nur wenige dieser Vermutungen.




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