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Pisa - Der Bildungsmotor
Der grösste internationale Schulleistungsvergleich PISA löste eine rege Reisetätigkeit aus. Die Verlierer wollen von den Siegern wissen, warum ihre 15-Jährigen so gut lesen und rechnen können. Ein Loblied auf eine Studie mit Grenzen.
Von Walter Hagenbüchle
Hätten sie gewusst, in welches politische und pädagogische Unwetter sie die mitteleuropäischen Staaten - allen voran Deutschland und die Schweiz - führen werden, die 15-Jährigen hätten sich vielleicht beim Ausfüllen der PISA-Fragebogen etwas mehr Mühe gegeben. So aber brachte der 4. Dezember 2001, an dem die ersten Resultate des Programme for International Student Assessment (PISA) veröffentlicht wurden, eine Lawine ins Rollen, die so niemand erwartet hatte. Denn immerhin gab es vor PISA bereits vergleichbare internationale Leistungsvergleiche, die klare Signale für schulpolitische Reformen gesetzt hatten. Doch während sich nach den früheren Analysen Erziehungswissenschafter, Bildungspolitikerinnen und Lehrkräfte noch verbissene Kämpfe um die Aussagekraft solcher Vergleiche lieferten, herrschte nach PISA plötzlich das grosse Urvertrauen in die Objektivität solcher Tests.
Vorangetrieben von einer in Bildungsfragen einmaligen Medienkampagne und geschockt von Schlagzeilen wie «Das Land der Dichter und Denker kann nicht mehr lesen», wurden die Resultate aus den Stichproben des bislang grössten internationalen Vergleichs über die Leistungsfähigkeit nationaler Bildungssysteme sogleich als gesellschafts- und sozialpolitisches Vehikel instrumentalisiert.
Bildungssysteme ganzer Länder wurden stante pede in den gleichen Topf geworfen. Und in Deutschland stilisierten siegreiche Bildungsminister die Studie flugs zum zentralen Wahlkampfthema empor, weil sich die Resultate der einzelnen Bundesländer stark unterschieden. Auch in der Schweiz erscholl von den Tälern und Höhen einmal mehr der alte Ruf nach Zusammenlegung der 26 Schulsysteme.
Solche Schlüsse aus PISA sind gerade im Falle der Schweiz fragwürdig, denn nur wenige Kantone beteiligten sich flächendeckend am internationalen Leistungsvergleich der OECD. Und auch die internationale Lese-Hitparade ist letztlich nur bedingt aussagekräftig, zumal im Setting aller 32 an der Studie beteiligten Staaten nur zufällig ausgewählte Stichproben innerhalb einer Klasse von 15-Jährigen erhoben wurden. Entsprechend schwach abgestützt musste nach dem ersten PISA-Umgang die Aussagekraft zur Unterrichtsqualität und zu den Lehrplänen bleiben.
Für die Qualitätssicherung und die schulinterne Evaluation liefert diese Studie noch keine tragfähigen Resultate. Und auch direkte Ländervergleiche sind nur bedingt möglich, da sich beispielsweise das zweifellos erfolgreiche Gesamtschulsystem Finnlands mit seinem Leistungsniveau-Unterricht auf Grund der sozialen Strukturen nur bedingt auf andere Länder übertragen lässt. Allerdings wird die Aussagekraft in dieser Hinsicht mit den beiden verbleibenden PISA-Erhebungen von 2003 (Schwerpunkt Mathematik) und 2006 (Schwerpunkt Naturwissenschaften) deutlich zunehmen, weil dann OECD-weit ganze Klassen geprüft werden.
Doch diese kritischen Anmerkungen betreffen ausschliesslich mögliche Fehlinterpretationen der erzielten Befunde. Tatsächlich liegt mit PISA ein Leistungsvergleich vor, der besonders bezüglich der Lesefähigkeit von Volksschulabsolventen wichtige Beziehungen aufzeigt. Die Tatsache etwa, dass die Beherrschung der Unterrichtssprache das Nadelöhr für das Erlernen von Bildungsinhalten ist. Auch der Nachweis, dass früher beziehungsweise flexibler eingeschulte Jugendliche über ein besseres Textverständnis verfügen, liefert mit Blick auf die aktuelle Diskussion um die Einführung einer Grundstufe in der Schweiz wertvolle Hinweise. Beachtenswert ist auch die enge Beziehung zwischen der Lesefähigkeit von Jugendlichen und ihrem Freizeitverhalten. Und auch die für Deutschland und die Schweiz nachgewiesenen krassen Leistungsunterschiede in der Lesekompetenz zwischen Jugendlichen aus höheren und niedrigeren sozialen Schichten müssen zu denken geben. Und schliesslich ist es mit Blick auf das elaborierte und breite Förderprogramm innerhalb der staatlichen Schulen bemerkenswert, dass PISA für die Einwanderungsländer Deutschland und Schweiz die höchste Diskrepanz zwischen Leistungsschwächsten und Leistungsstärksten nachgewiesen hat.
Etwas allerdings sollten wir bei der Evaluation der für die Schweiz und Deutschland fraglos unbequemen Ergebnisse nicht vergessen: Das Schulsystem und seine Leistungsfähigkeit beim Wissenserwerb ist das eine. Die persönliche Entwicklung der Schüler im Spannungsfeld von Elternhaus, Leistungsdruck und den individuellen Ängsten und Nöten in der Adoleszenz das andere. Wurde denn in all der international losgetretenen Reformhektik nach PISA je erwähnt, dass sich das siegreiche Leseland Finnland, in dessen Schulstuben nun Journalisten, Pädagogen und Curricula-Planer aus aller Welt pilgern, mit einer der höchsten Selbstmordraten von Jugendlichen konfrontiert sieht? War denn in den gezielt politisch gefärbten Prügelkaskaden auf die Bildungssysteme der PISA-Verlierer je ein Thema, dass sich Japan und Südkorea ihre Spitzenplätze in Mathematik und Naturwissenschaften mit einem massiven schulischen Drill erkaufen, der die Heranwachsenden in ein straffes Leistungskorsett zwängt, an dem im späteren Berufsalltag überdurchschnittlich viele von ihnen zerbrechen? Auch solche Befunde gehörten in die Resultate von PISA mit eingewoben, um dem Leben der Heranwachsenden gerecht zu werden. Dies zu tun, wäre jedenfalls ebenso wertvoll, als nun in oft unzulässigen interkantonalen und internationalen Vergleichen die einzelnen Schulsysteme gegeneinander auszuspielen.
Eines allerdings hat die PISA-Studie bereits jetzt geschafft: Sie hat Bildung wieder zum öffentlichen Thema gemacht, und zwar in einer Form, die meist deutlich über die gängigen Sonntagspredigten von Wahlkandidaten hinausgeht. PISA hat die öffentliche Wahrnehmung dafür geschärft, dass Lernsysteme fragil sind. Dass sie kein Perpetuum mobile sind. Dass sie der kontinuierlichen Überprüfung und Anpassung an die sich wandelnden Bedürfnisse der Gesellschaft bedürfen. Schon damit hat dieser Leistungstest einen Markstein gesetzt.
Walter Hagenbüchle ist zuständiger Redaktor für Bildung bei der NZZ. Information zur PISA-Studie unter www.pisa.oecd.org.
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