Wissen scheint nicht ohne Glauben auszukommen. Als Niels Bohr gefragt wurde, warum bei ihm, dem Nobelpreisträger für Physik, ein Hufeisen über der Tür hänge, sagte er: «Sicher ist das mit dem Hufeisen Aberglaube. Aber man versicherte mir, dass es auch nützt, wenn man nicht daran glaubt.»
Das zweite Jahrtausend nach Christi Geburt geht dem Ende zu. Und siehe da, der, mit dem alles begann, ist auch heute noch einer der einflussreichsten und berühmtesten Männer dieser Welt. Doch das Thema des Glaubens an den menschgewordenen Gottessohn ist für manche schwierig - nicht zuletzt, weil der sanfte Zimmermannssohn aus Nazareth indirekt der Begründer des erfolgreichsten multinationalen Unternehmens war, das dieser Planet je gesehen hat: der katholischen Kirche. Und weil in seinem Namen zahllose Raubzüge und Kriege geführt wurden - als Märtyrer blieb Jesus nicht allein. «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen», sagt die Bibel. Aber bekommt ein Religionsgründer tatsächlich immer die Jünger, die er verdient? Jesus hatte Verbrecher und Heilige in seiner Gefolgschaft und viele, die weder das eine noch das andere waren.
Sicher ist, dass die Sätze, die Jesus nachgesagt werden, von einer grossartigen Wucht sind, der Wucht der Einfachheit: «Fürchtet euch nicht!», «Selig sind die Friedfertigen!», «Vater, warum hast du mich verlassen?» - Sicher ist auch, dass, seit diese Sätze um die Welt gehen, darüber gestritten wird, wie sie zu verstehen sind: War Jesus ein Rebell? ein Pazifist? ein Anarchist? Verlangte er absolute Treue und absoluten Gehorsam von seinen Jüngern? Welche Rolle schrieb er sich selbst zu? War er tolerant? Und welche Botschaft hatte er? An der Figur Jesus zeigt sich, dass selbst klare Worte sich in einem Gestrüpp von Interpretationen verfangen können und dass selbst der Gottessohn Menschenwerk ist.
Wer also war Jesus? Seit der Aufklärung, seit dem Beginn der historischen Jesusforschung, wird diese Frage mit den Methoden der Wissenschaft angegangen. Dieses Folio dokumentiert Antworten; und es zeigt, was Christen tun und hoffen und wie sie zu ihrem Glauben gefunden haben, manchmal trotz des Christentums. Denn der Glaube scheint nicht ohne Wissen auszukommen.