NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

Mein Moskau

Russlands Zukunft hat begonnen.

Von Jewgeni Popow

MOSKAU BESTEHT NICHT NUR aus den Stars der Klatschspalten, aus Bankern, Banditen, Herrschern und Abgeordneten. Vor allem besteht Moskau aus jenen einfachen Leuten, die auch heute noch schuften und schuften und ihren Urlaub keinesfalls auf den Kanarischen Inseln verbringen, sondern in bescheidenen Datschen und winzig kleinen Schrebergärten, um sich für den Winter mit Kartoffeln, Sauerkraut, Salzgurken und Marmelade einzudecken. «Wer leben will, muss rührig sein» - das trifft auf Moskau zu, in Moskau ist das Leben schwierig, in Moskau musste man schon immer «rührig sein», denn «Moskau glaubt den Tränen nicht», wie ein anderes russisches Sprichwort lautet, das zum Titel eines berühmten sowjetischen Kino-Melodramas wurde: Ein armes Aschenputtel kommt aus der Provinz in die Hauptstadt, und unter der Leitung einer allmächtigen Fee namens KPdSU hat es am Ende des Films sein Glück gemacht - die Dame ist Direktorin einer grossen Textilfabrik und Ehefrau eines anständigen Mannes ganz ohne schädliche Angewohnheiten . . .

In Moskau sind jedoch alle Zugereiste, einschliesslich des Stadtgründers, Fürst Juri Dolgoruki, der nach der Legende den Bojaren Stepan Kutschka erschlug, der an dem später «Moskau» genannten Ort ansässig war. Aber früher oder später arrangieren sich alle, weshalb ich hoffe, dass diese Fabrik nicht im Feuer der Perestroika verbrannt ist, dass die gescheite Dame beizeiten aus der KPdSU austrat, ihr Unternehmen privatisiert und «aktienisiert» hat und heute mit einem Mercedes 600 und Leibwache durch die Moskauer Strassen fährt - als anschauliche Illustration jenes Vergleichs von früher und heute, der noch unter der Sowjetmacht allen zum Hals heraushing und bis jetzt von Journalisten gern zur Beschreibung des neuen Moskau eingesetzt wird, wobei sie sich wie auf einer Schaukel von Verzweiflung zu Euphorie aufschwingen und wieder zurück.

Auch ich bin, wie diese Filmheldin, vor 35 Jahren in zerrissenen Schuhen aus Sibirien nach Moskau gekommen, weshalb ich heute bezeugen kann: Früher änderte sich hier jahrelang gar nichts, und wir alle waren der Ansicht: «Das Reich Lenins wird nie ein Ende haben», wie es im letzten Brief eines buckligen Selbstmörders hiess, der sich in einer Erzählung Iwan Bunins, des vor den Bolschewiken geflüchteten künftigen Nobelpreisträgers, aufgehängt hatte. Heute hat sich alles geändert, möchte man sagen, doch will ich mit einer so kategorischen Behauptung eher vorsichtig sein, nicht nur aus Aberglauben, auch aus Liebe und Genauigkeit.

Was war früher? Hysterische Langeweile befiel den einfachen Moskauer, wenn er abends auf die Strasse seiner schlecht beleuchteten Stadt trat, deren Schmuck - die Spruchbänder RUHM DER KPDSU - wie ein Menetekel im Dunkeln schimmerte. In «Der Meister und Margarita», dem Roman des Satirikers Michail Bulgakow, drückt das eine der Figuren so aus: «Wäre nicht das Kartenspiel, wäre das Leben in Moskau völlig unerträglich.» Und wäre nicht der Wodka, füge ich hinzu.

In den letzten Jahren unter kommunistischer Herrschaft war im Vergleich mit den Zeiten Stalins und Bulgakows das Warenangebot in den Geschäften sehr geschrumpft, und in den missmutigen, sich stundenlang hinziehenden Wurstwarteschlangen wurde Jahr um Jahr über das Problem debattiert, wer daran schuld sei, die Provinzler, die in Moskau Lebensmittel einkauften und sie taschenweise in ihre Kleinstädte verschleppten, wo es niemals Wurst zu kaufen gab, oder die «verfressenen Moskauer», die von ganz Russland gemästet wurden, womit Russland zugleich den hergereisten Ausländern etwas vormachte, denen aus irgendwelchen Gründen ständig bewiesen werden musste: SOWJETISCH HEISST VORTREFFLICH und DER KOMMUNISMUS IST DIE LICHTE ZUKUNFT DER GESAMTEN MENSCHHEIT.

Jahr für Jahr schmückten am 1. Mai und am 7. November die bekannten Figuren der Parteibonzen das Lenin-Mausoleum und die jubilierenden «Vertreter der Werktätigen» den Roten Platz; letztere trugen rote Fahnen sowie die Portraits eben jener «Diener des Volkes», welche auf dem Mausoleum standen.

Jahrelang bestürmten Dichter und Schriftsteller erfolglos die Zeitschriftenredaktionen und Verlage, bis sie zu Dissidenten oder Emigranten wurden, oder sie nahmen die Spielregeln an und stärkten die Reihen der sowjetischen «Kulturarbeiter».

Trotzdem, das war nur Moskaus äussere Hülle. Alle wussten (und ich glaube nicht, dass die Perestroika noch jemandem die Augen öffnen musste), dass es sich mit Moskau nicht so einfach verhielt, dass unter der dünnen Kruste erstarrter kommunistischer Lava vulkanische Leidenschaften brodelten: Kommunisten prügelten sich um die Macht und richteten sich um der Karriere willen gegenseitig zugrunde, Untergrundmilizionäre mehrten ihr Vermögen, wer mochte, konnte in Moskau jedes, auch das «antisowjetischste» Buch auftreiben, und der Siegeszug der Ideen von Marx und Lenin über den Planeten verhinderte keinesfalls, dass es in der Zitadelle des Kommunismus sowohl Prostituierte, Devisenschieber, Spekulanten, Diebe und Banditen als auch andersdenkende Philosophen, Schriftsteller und Künstler gab, aber auch ehrliche Durchschnittsbürger, denen jede Ideologie gestohlen bleiben konnte.

Die Symbiose von alledem verlieh dem hauptstädtisch-imperialen Leben seine unwiederholbare Atmosphäre und vermittelte das Gefühl, dort habe man an den Geheimnissen des kommunistischen Hofes teil. Eben das veranlasste den Provinzler, früher oder später jedem Moskauer, ob er als Handlanger zur Ernte in die Kolchose geschickt wurde oder als hochbezahlter, doch jederzeit bestechlicher Beamter anreiste, die Frage zu stellen: «Na, was hört man denn so bei euch, in Moskau?» Eine Frage, die rhetorisch wirkt, in Wirklichkeit aber erfüllt war von tiefem totalitärem Sinn und der ewigen Erwartung ungeahnter Veränderungen.

Doch dann traten Veränderungen ein. Der uralte Traum der sowjetischen Werktätigen ging in Erfüllung: Zur grossen Freude des ganzen Landes war in den ersten Perestroika-Jahren das Leben in Moskau weitaus schwieriger als in vielen anderen Städten und Sprengeln des ehemaligen Imperiums, aus denen der ehemalige Staat UdSSR sich Fleisch und Butter und Milch in seine Hauptstadt geholt hatte. Augenblicklich und endgültig waren die Geschäfte leer und schnellten die Preise in die Höhe, und die Moskauer, die keine eigenen Schrebergärten hatten, fingen an, wie während des Zweiten Weltkriegs in den Grünanlagen bei ihren Häusern Kartoffeln zu pflanzen, und die unternehmungslustigeren zogen zum Nahrungsmittelkauf in die Dörfer.

Dies geschah vor dem Hintergrund stürmischer Protestversammlungen gegen das kommunistische Regime, an denen die augenblicklich politisierten Moskauer mit unverhohlenem Vergnügen teilnahmen, wobei sie auf dem Manegeplatz «Kommunisten sind Henker!» skandierten oder auf dem Puschkinplatz, dem Hyde Park der Perestroika, sich auf Prügeleien mit der Miliz einliessen.

Dann zog es Moskau endgültig in den Strudel der Zeiten: der Zerfall der UdSSR, der kommunistische Putsch von 1991, Jelzin, der Putsch von 1993, die platzenden Finanzpyramiden, der Beschuss des Weissen Hauses, der idiotische Krieg gegen Tschetschenien . . .

Moskau ist aus diesem Strudel aufgetaucht. Moskau hat sich gehalten. Und nicht nur das. Es lebt erneut jene alte hauptstädtische Tradition, der, so zeigt sich, weder die siebzig Jahre bolschewistischer Herrschaft noch die postkommunistischen sozialen Erdrutsche etwas anhaben konnten. Auf unerklärliche Weise erlangt es erneut den Status einer energiegeladenen, schönen Stadt, in der man leben möchte und der man helfen möchte. Freiheit ist dem Charakter dieser Stadt eher immanent als Totalitarismus oder nationalistische Enge.

Angesichts von Zeitungsmeldungen über die masslose Kriminalität in Moskau, über den Niedergang des Lebensstandards, die sieche Wirtschaft und neue politische Skandale in Jelzins Umgebung nehmen sich meine Worte vielleicht seltsam aus. Aber ich spreche nicht von der Politik, an die zu denken mich anwidert, und auch nicht von der Wirtschaft, von der ich nicht die mindeste Ahnung habe. Ich spreche vom Geist der Stadt, von den Menschen, die sie besiedeln. Diese Menschen schimpfen auf die Regierung, zählen die Kopeken bis zur nächsten Gehaltszahlung, erinnern sich nostalgisch an die stabilen totalitären Zeiten, als ihr Bettelgehalt rechtzeitig ausgezahlt wurde und in Moskau Ordnung herrschte, und trotzdem wage ich zu behaupten, dass es ihnen in Wirklichkeit gut geht.

Aus verschiedenen Gründen. Nicht nur, weil in Moskau die Arbeitslosenrate niedrig ist und das Einkommen der Bevölkerung auf relativ hohem Niveau liegt, sondern zum Beispiel auch deshalb, weil die Strassen nun endlich sauber sind, während Moskau jahrzehntelang im Schmutz versank. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie einfache Leute in einer Bananenwarteschlange, bis zu den Knöcheln im dreckigen Schneematsch und umgeben von Kartons, Papierabfällen und Kippen, sich Bosheiten an den Kopf warfen, doch plötzlich für einen Moment ihren Zank vergassen und alle zusammen über einen Amerikaner herfielen, der sie zu fotografieren versuchte. «Verleumdung! Uns zu verleumden kommen die angereist!» schrie ein Kriegsveteran und schwenkte seine Krücke. Und ein Dämchen sprang ihm bei: «Auf die Miliz mit ihm!»

Heute wäre diese Szene unmöglich. Erstens gibt es in Moskau keine Warteschlangen mehr, und das weiss nur ein echter Sowjetmensch so recht zu schätzen, der gut die Hälfte seines Lebens wartend darin verbracht hat. Und zweitens ist ein Ausländer in Moskau nichts Exotisches mehr. Vor der Tür des Restaurants Zum kleinen Eber am Tischinski-Markt steht ein bildschöner Mulatte in prächtiger Livree, aber das «juckt kaum wen», um es im Jargon zu sagen. Mein Sohn, der 1989 zur Welt kam, hat von der Bedeutung des Wortes Warteschlange nur eine vage Vorstellung, und ich bete zu Gott, dass seine diesbezüglichen Kenntnisse sich niemals vermehren. Apropos - kürzlich stellte die humoristische Zeitschrift «Magasin», die von meinem Freund, dem Dichter Igor Irtenjew, herausgebracht wird, Moskauer Schülern der unteren Klassen die Frage, wer Lenin sei. Die Redaktion bekam darauf eine Unmenge genialer Antworten, die von «Lenin war der Vater Stalins» bis zu «Lenin ist der Chef der Metro» reichten. Meines Erachtens ist eine solche Unwissenheit durchaus am Platz.

Mit Lenin, der Partei und den Warteschlangen verschwand im postkommunistischen Moskau auch vieles andere. Zum Beispiel der berühmte Brauch Moskauer Männer, zu dritt einen zu heben, also irgendwo in einer Grünanlage eine gemeinsam gekaufte Flasche Wodka zu süffeln, wobei sie ständig auf der Hut sein mussten, ob nicht ein Milizionär auftauchte, der sie wegen «Trinkens alkoholischer Getränke in der Öffentlichkeit» verhaften könnte. Das heisst, die Säufer sind natürlich nicht aus der Welt, bloss haben sie irgendwie kein Interesse mehr, seit es an jeder Ecke Wodka gibt und man sich an ein Tischchen setzen kann, und zweitens haben sie auch irgendwie keine Zeit. Sie müssen auf Achse sein, müssen Geld verdienen.

«Sonst krepierst du», sagten mir griesgrämig zwei in unserem Viertel berühmt-berüchtigte Schnapsbrüder, der Elektriker Sascha und der Sanitärinstallateur Wolodja. Mit einemmal kam jedoch heraus, dass der eine sich kürzlich ein Auto gekauft hatte und der andere mit seiner Frau in Antalya gewesen war, an der «türkischen Riviera». Nicht einmal in einem euphorischen Fieberwahn hätten sie sich früher so etwas träumen lassen - auf ein Auto musste man, auch wenn man Geld hatte, jahrelang warten, und die Türkei war von einem einfachen Sanitärinstallateur weiter entfernt als der Planet Mars.

Und die Taxis! Jene Taxis, die im früheren Leben kaum je telefonisch zu bestellen waren, und hielt man eines auf der Strasse an, transportierte es einen nur, wenn es dem Fahrer in den Kram passte! Zu Beginn der Perestroika waren die Moskauer Taxis praktisch verschwunden, die Fahrer waren nur noch für die in Windeseile reich werdenden «neuen Russen» und die grosszügigen, mit Devisen bezahlenden Ausländer da. Es gab keine Taxis mehr, aber auch die Probleme hatten plötzlich ein Ende: Die Milizkontrollen wegen «nicht erarbeiteter Einkünfte» liessen nach, auf der Strasse konnte man nun praktisch jeden PKW anhalten und sich absprechen. Dann wurden die «neuen Russen», wie man weiss, endgültig reich, sattelten auf Volvo und Mercedes um, und jetzt hat sich in Moskau ganz von selbst wieder ein enges Netz städtischer Taxis herausgebildet, die zu benutzen ich Gästen von auswärts auch anraten würde, falls sie nicht zufällig auf einen PKW-Fahrer mit kriminellen Absichten stossen wollen.

Taxis, Geschäfte voller Lebensmittel, was noch? Die Kleidung, natürlich. Ein Moskauer, besonders ein junger, wird sich heute kaum noch von seinem westlichen Altersgenossen unterscheiden. Obgleich man zugeben muss, dass die Moskauer sich immer besser gekleidet haben als das übrige Land, da sie von Spekulanten (und diese wieder von Ausländern, was ebenfalls strengstens verboten war) alle diese Mützen, Schals und Jeans kauften, die heute «von Moskau bis zum äussersten Ende», wie es im Lied heisst, massenhaft verkauft werden. Das Verb «auftreiben» rangierte seinerzeit höher als kaufen. Gute Sachen trieb man auf, schlechte dagegen, sowjetische, kaufte man lediglich. Die Losung SOWJETISCH HEISST VORTREFFLICH hatte ebensoviel Realitätsgehalt wie das berühmte Versprechen Nikita Chruschtschews, die heutige Generation der Sowjetmenschen werde noch unter dem Kommunismus leben.

«Was singst du da eigentlich in den höchsten Tönen?» unterbricht mich hier ein gestrenger Landsmann. «Und die Bettler, die in den Moskauer Müllcontainern wühlen, vor aller Augen?»

«Eben, vor aller Augen», versetze ich auf der Stelle. Früher wären diese Bettler nämlich sofort von den Ordnungshütern kassiert und aus HELDENSTADT MOSKAU hinausexpediert worden. «Halten Sie es nicht für Zynismus, Genosse, aber auch ein Moskauer Stadtstreicher würde mir wahrscheinlich zustimmen - früher hatte es auch gar keinen Sinn, in Müllcontainern zu wühlen. Dagegen ist es heute wie in anderen zivilisierten Ländern, man kann eine nicht geleerte Dose Bier finden, eine angebrochene Packung Lachs, ein Sakko, einen kaputten Fernseher . . .»

Die Moskauer Stadtstreicher unterscheiden sich jetzt auch äusserlich kaum von ihren westlichen Kollegen, den Clochards, die, eine Flasche billigen Weins in den Armen, unter der Brücke nächtigen. In Moskau gibt es sie heute in rauhen Mengen, in Moskau liegt heute alles an der Oberfläche; auch, was früher vor fremden Blicken sorgsam verborgen wurde.

Der natürliche Erfindungsreichtum der tatkräftigen Moskauer kennt keine Grenzen. Kürzlich stand in der Presse eine Notiz, wie ein zentrales Milizrevier den Kampf gegen die Prostitution in kommerzielle Bahnen lenkte. Die «Mädchen» wurden aufs Revier gebracht und dann dort den Stammkunden für einen mässigen Preis angeboten. Alle waren es zufrieden, aber die Initiative von unten wurde von oben nicht unterstützt, das Milizrevier wurde aufgelöst, die Milizionäre wurden entlassen. Ich weiss nicht, wo die unternehmungslustigen Milizionäre heute geblieben sind, die Mädchen jedenfalls stehen an denselben Stellen wie zuvor, bei den Hotels, Bars und Restaurants. Die Mädchen arbeiten; und hat nicht ihren Eltern die Sowjetmacht beigebracht, «bei uns in der UdSSR» werde «jede Arbeit geachtet»?

Ich jedenfalls nehme an, dass im Grunde niemand ins kommunistische Moskau zurückwill, nicht einmal die konsequentesten Kommunisten. Wirklich, wozu sollten sie sich in die Vergangenheit zurücksehnen, als jeder unvorsichtige Schritt sie das Parteibuch und damit unweigerlich auch die Karriere kosten konnte? Jetzt sind viele von ihnen Geschäftsleute, besitzen Immobilien im In- und Ausland, und die Internationale kann man als Biznesman schliesslich auch in der Freizeit singen.

Zumal sich in Moskau tatsächlich alles mehr und mehr einrenkt, das hat das letzte Jahr deutlich gezeigt. Die Theater und Konzertsäle sind wieder voll, in Jugendclubs, Diskotheken und jenen Casinos, in denen die «neuen Russen» ihre wo auch immer herstammenden riesigen Barvermögen verpulvern, findet ein intensives Nachtleben statt. Sogar die «harten Jungs», die mit riesigen amerikanischen Jeeps durch Moskau kurven, fahren neuerdings etwas ziviler, schneiden nicht mehr so ruppig den einheimischen PKWs der Moskauer Mittelklasse den Weg ab. Offenbar gilt auch in ihrem Milieu Höflichkeit nun als etwas Erstrebenswertes.

Die eifernden Bewahrer des Vergangenen sind voller finsterer Vorahnungen und beweinen die untergegangene UdSSR wie das imperiale Moskau, aber «Moskau glaubt den Tränen nicht». Nach siebzig Jahren kommunistischer Oberherrschaft und den Erdrutschen der Perestroika haben die Einwohner der Stadt, wie mir scheint, endlich den richtigen Schluss gezogen: «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.» Die Moskauer interessieren sich heute mehr für die Probleme ihrer Stadt als für den «Aufbau des Kommunismus in einem Land», geopolitische Ambitionen oder jenen «Kosmos», in den es den Sowjetstaat so gedrängt hat, anstatt dass er seinen Untertanen zivilisierte Existenzbedingungen geschaffen oder zumindest erträgliche Strassen gebaut hätte.

Arbeiten . . . Zu seinem eigenen Vorteil und dem der Familie arbeiten, Kinder aufziehen, ihnen eine Ausbildung verschaffen und den Rest seines Lebens als Mensch zubringen, nicht als «Sklave der KPdSU» und nicht als Knecht der neuen Obrigkeit - das beschäftigt heute den normalen Moskauer, wenn er morgens im überfüllten Metrowaggon durchgerüttelt wird oder im heute ungleich dichteren Moskauer traffic im Stau steckt. Die Gespräche über das Geld, das nie ausreicht, und der scheinbare Mangel an geistigen Interessen der Moskauer, der den satten Anhängern von «Russlands besonderem Entwicklungsweg» und einer für alle Einwohner des Landes gültigen nationalen Ideologie soviel Sorgen bereitet, kompensieren einfach nur jenen langjährigen, kraftlosen Idealismus und Stupor, in dem sich das Land befunden hatte, als es für siebzig Jahre aus der europäischen Zivilisation herausfiel.

Man kann das den Moskauern ankreiden, kann ihnen Pragmatismus und Eigennutz vorwerfen, sollte aber nicht vergessen, dass die Moskauer, obschon sie sich lange Jahre im Epizentrum einer zerstörerischen, radioaktiven Macht befanden, trotzdem nicht samt und sonders zu Mutanten des Kommunismus wurden. Und überleben die Moskauer, überlebt auch ganz Russland, dessen Probleme noch viel grösser sind als die der Hauptstadt. Völlig zu Recht sagte mir eine Bekannte, eine Verkäuferin, die von morgens bis spätabends in ihrem Kiosk rührig ist: «Sollen die doch nicht lügen, wir hier in Moskau würden Fett ansetzen und wie die Made im Speck leben. Willst du glücklich sein, dann sei es.»

Jewgeni Popow, Schriftsteller, lebt in Moskau.


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