Auch wir in Wanne-Eickel. Das ist zwar kein Arkadien, wie Theodor W. Adorno in seiner «Ästhetischen Theorie» feststellte, wo er auf Seite 112 «die Landschaft der Toscana» schöner fand «als die Umgebung von Gelsenkirchen». Aber dafür ist Wanne-Eickel, das just dort erbaut wurde, rätselhafter. Denn wer «Wanne-Eickel» erwähnt, bekommt zuverlässig ein Lächeln zurück.
Dieses Lächeln hat mit Geographie nichts zu tun. In ihm paart sich die Freude, anderswo zu wohnen, mit der Erhabenheit über Kleinbürger: Die «kommen meist aus Wanne-Eickel», schrieb Wolfgang Hildesheimer in seinen «Mitteilungen an Max», sind «lärmend und gesellig und pflanzen sich durch Zumutung fort».
Doch das tun wir alle, gelegentlich, und die Wanne-Eickeler nicht öfter als andere. Das Besondere, das Hildesheimer bei ihnen ausmachte, eignet jeder grösseren Touristenhorde, und wenn man in das Gebiet fährt, wo die Zumutung angeblich herkommt, zeigen sich andere Spezialitäten: Autobahnen, verzweigt und durcheinander wie Landstrassen. Bergwerke, deren kleinstes mehr Gegend braucht als die grösste Schweizer Metropole. Städte ohne Anfang und Ende, deren Niemandsland gerade noch Platz lässt für eine gemeinsame Ortstafel. Wanne-Eickel liegt mitten im Ruhrgebiet, Europas erster Adresse für Gigantomanie.
Stahl und Kohle, die alten Standbeine, können keine Konjunktur mehr tragen. Wanne-Eickel empfing uns als Versuchsstation des Strukturwandels, mit toten Schloten und halbfertigen Zukunftsbaustellen, aber in proletarischer Anmut: Man rückt hier in schweren Zeiten eher zusammen, als dass man aufeinander losschlägt.
Die Seele Wanne-Eickels suchend, begaben wir uns ins Rathaus und an den Kanal, knieten in den Negativkathedralen der Bergwerke, leerten Freibierkrüge auf den Cupsieg Schalkes, fanden Künstler in der Zeche und Erholung im Schatten des Currywurst-Standes. Die Zürcher Fotografin Iren Monti hielt alle Augenblicke fest. Wir wurden schnell notorisch und deshalb am Bahnhof persönlich begrüsst: «Sie wollen nach Zürich, stimmt's?»
Ja, wollten wir. Denn es gab genug Stoff, um einem beschriebenen Blatt ein neues Kapitel anzufügen.