NZZ Folio 06/92 - Thema: Fremdenangst, Fremdenhass   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Strenge Harmonie in Weiss

Von Roman Hollenstein

Die Villa im Tessin - einst Traum der Wirtschaftswunderjahre - erlangte jüngst dank Botta weltweites Ansehen. Sein Ruhm und der der andern Grossen von Galfetti bis Vacchini lähmte jedoch lange Zeit die jüngeren Tessiner Architekten. Nun überraschen aber neue Talente. Allein, sie finden nördlich der Alpen noch kaum Beachtung, weil wir - entzückt vom plötzlichen Erfolg unserer Heroen - selbstverliebte Nabelschau betreiben. Doch diese soll nicht länger ablenken von einem, der durch seine konsequente Haltung herausragt: Raffaele Cavadini.

Er ist kein Pragmatiker wie die älteren Tessiner, aber auch kein Spieler wie gewisse jüngere Kollegen, die vom Neo-Bauhaus bis zum Dekonstruktivismus alle Register virtuos beherrschen. Vielmehr ist er ein Denker, der nach der Seele eines Ortes sucht, der aber auch nach übergreifender Ordnung strebt. Diese Einsicht verdankt der 38jährige Architekt aus Locarno einerseits der Philosophie des Ostens, anderseits seinen Lehrern: So schärfte Aldo Rossi, bei dem er anfangs in Zürich studierte, seinen Sinn für urbanistisches Gestalten; Scarpa entzündete in ihm die Liebe zum Material und zum Detail; Gregotti schliesslich, sein Doktorvater in Venedig, weckte das Verständnis für Konstruktion.

Ihr Wissen und dasjenige seiner älteren Freunde Snozzi, Gianola und Galfetti floss ein in die eigne Formenwelt, so dass an Cavadinis Bauten jedes Detail ein Gedicht und letztlich doch alles Konstruktion ist. Erstmals zeigte sich dies deutlich in einem kleinen Haus, das flach wie eine Zigarettenschachtel auf hohen Stelzen einem Tische gleich aus dem Steilhang von Brissago ragt. Was wie das Refugium eines Asketen erscheint, baute sich der junge Architekt als Heim und Atelier, aber auch als ein Manifest jener formalen Reduktion, die er - ein Moralist im Reich der Architektur - in Anlehnung an Zen sowie an Loos und Wittgenstein, die beiden grossen Gegner jeglicher architektonischer Maskerade, mit Leidenschaft verficht.

Eine Weiterführung des Hauses von Brissago, nur eben dem Klienten und dem hier von der Villeggiatura geprägten Orte angepasst, ist die Casa Kalt. Inmitten von Palmen und Kamelien hat Cavadini diese jüngst in Locarno Monti für einen von seinen bisherigen Bauten begeisterten Druckereibesitzer realisiert. Zur Villa, die hinter Granitmauern und blühenden Pergolen kaum zu sehen ist, führen von der Kirche her ein Treppenweg und eine Strasse. Sie enden unvermittelt vor einem weissen, quadratischen Betonrahmen. Wie ein Zitat der Minimal art markiert er den Eingang zu dem traditionell mit Ciottoli gepflästerten Hof und stellt optisch die Verbindung her zwischen der rückwärtigen Stützmauer aus Granit und dem Haus, einem weissen Kubus von strenger Harmonie.

Wenn Cavadini mit Treppen, Mauern und mit Pflästerung - mit denen man im Tessin seit je Orte definierte - Elemente der ruralen Baukunst als urbanistische Prämissen einbezieht, so geht es ihm nicht um die Belebung einer vergangenen Sprache. Im Gegenteil: ist doch für ihn die Integration des Hauses in seinen Kontext kein Problem der architektonischen Sprache, vielmehr ein Strukturproblem. Entsprechend sucht er nicht nach vordergründig formalen Bezügen, sondern nach der zeitgemässen Auseinandersetzung mit den örtlichen Gegebenheiten, vom Klima über die Geologie bis zur Kultur.

Der Hanglage entsprechend ist der Unterbau der Villa ein Sockel aus grauem, zum marmorweissen Betonaufsatz kontrastierenden Bruchstein, dessen Treppe die Verbindung zum Garten sichert. Darüber erhebt sich das U-förmige Haus, das mit seinen Fenstern auf den Patio, das Herz der Anlage, gerichtet ist. Nach Süden hin wird es mittels einer Passerelle und eines Schwebebalkens - Erinnerungen an Giuseppe Terragnis Casa Rustici in Mailand - zu einer präzisen geometrischen Ordnung geschlossen.

Der Rationalismus des Aussenbaus spiegelt sich im Innern, das durch die zentrale Halle gezielt erschlossen wird. Eine Treppe, erhellt von einem Oberlicht, führt hinauf ins offene Studio und zu den drei Schlafräumen. Geradeaus aber geht der Blick durch eine Schiebetüre auf den Patio und die zum Bild gerahmte Aussicht auf die alte Kirche und den Monte Tamaro. Nach rechts gelangt man an der Küche vorbei in den offenen und doch in sich ruhenden Salon mit Seesicht, inszeniert durch zwei hohe, schmale Eckfenster. Über die Galerie erreicht man entweder erneut das Studio oder aber - dank der gedeckten Passerelle - eine intime, dreiseitig geschlossene Terrasse mit weitem Blick auf die Brissagoinseln. Dieser zum Himmel offene Raum ist eine heutige Interpretation der zwischen Aussen und Innen vermittelnden Loggia.

Wie der espace fluide der Moderne nur noch in den Gesellschafts- und den Aussenräumen weiterlebt, so wird auch auf die Transparenz weitgehend zugunsten massiver Wände verzichtet. Statt dessen werden durch gezielte Öffnungen - vom Bandfenster bis zum schmalen Schlitz - vom Licht belebte Räume erzeugt. Schwere und Präsenz der Betonmauern schaffen den Bezug zu Louis Kahn; ihr strahlendes Weiss - ganz ohne Farbe, nur mit weissem Zement und weissem Kies und Sand erzielt - beschwört dagegen, wie auch das flache Dach und die Geländer, die Tradition des internationalen Stils. Auf den von Cavadini verehrten Tadao Ando verweisen schliesslich die burgartige Geschlossenheit und Einfachheit sowie der meisterhafte Umgang mit dem Licht. Als Summe seines bisherigen Schaffens ist die Casa Kalt weit mehr als nur eine Verneigung vor den grossen Meistern. In ihr lebt dank der fundierten Auseinandersetzung mit dem Ort, mit unserer Zeit und ihren Möglichkeiten die karge Schönheit des Tessiner Hauses von einst in neuer Form weiter.


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