Die Erica arborea ist ein bis zu sechs Meter hoher Strauch, der besonders dort gedeiht, wo Gebirgszüge die Uferlinie des Mittelmeers bilden. Auf den kargen Böden der Steilküsten, über die ständig der Wind streicht, braucht die uns als Baumheide bekannte Pflanze starken Halt. Oft, aber durchaus nicht immer bildet sich zwischen Wurzel und Stamm ein überaus harter Auswuchs. Das Holz dieser Knolle heisst in Frankreich Bruyère, in Italien Radica. Es ist seit alters der Stoff, aus dem man die begehrtesten Pfeifen macht.
Einer, der sich darauf besonders gut verstand, war Achille Savinelli. Er eröffnete mit viel Mut und wenig Kapital 1876 ein eigenes Raucherwarengeschäft mit Pfeifenwerkstatt gegenüber dem Mailänder Dom, in der Via Orefici 2. Die Auswahl an Pfeifen war eher klein, deshalb begann Signor Achille Muster auf Pappe zu zeichnen und auszuschneiden, nach denen seine Kunden die Modelle ihrer Wahl herstellen lassen konnten. Die Idee bewährte sich, das Geschäft ernährte die Familie. Doch so richtig zu florieren begann das Unternehmen erst, als 1920 Carlo Savinelli, der Sohn, die Sache in die Hand nahm. Ausgestattet mit einem starken Sinn für das, was wir heute Marketing und Public Relations nennen, machte er den kleinen Laden zum Treffpunkt der Pfeifenliebhaber. Er begann damit, den Familiennamen zur Prestigemarke aufzubauen. Dabei konnte er ganz besonders auf die Fähigkeiten seines Sohnes Achille junior bauen, der ein begnadeter Tüftler war und so die Verkaufstalente seines Vaters aufs gewinnbringendste ergänzte. Es war letztlich Achille juniors Sinn für gestalterischen Stil und handwerkliche Qualität, der den Ruf des Hauses begründete.
Das Geschäft an der Via Orefici besteht noch. Aber kaum etwas erinnert an die einfache Ausstattung der frühen Jahre, die Achille senior zu seiner Zeit einfach von seinem Vorgänger, einem Gemüsehändler, übernommen hatte. Achille juniors Tochter Marisetta Savinelli hat aber auch das Sortiment ausgeweitet. Neben den üblichen Raucherutensilien werden Parfums und Krawatten unter dem Namen Savinelli vermarktet. Doch die Pfeifen werden schon seit 1946 nicht mehr in der kleinen Werkstatt hinter dem Laden hergestellt, sondern in Molina di Barasso, einer kleinen Ortschaft in den Hügeln oberhalb des Lago di Varese.
Das Varesotto ist eine Gegend, in der das Handwerk des Pfeifenmachens Tradition hat. Und um handwerkliche Arbeit geht es hier. Die kleine Fabrik ähnelt eher einer grossen Werkstatt als einem Industrieunternehmen. Es gibt nur ein paar selbstentwickelte und -gebaute Drehbänke für das Formen, Schleifen und Polieren der Köpfe und Mundstücke. Der Rest ist reine Handarbeit. Trotzdem: Der Ausstoss ist, angesichts des doch geringen Anteils der Pfeifenraucher an der Gesamtbevölkerung, gewaltig. Zwar will der junge Dottore Giancarlo, in vierter Generation gemeinsam mit seiner Schwester Marisetta «regierender» Savinelli, nicht verraten, wie viele Pfeifen in Molina di Barasso hergestellt werden, doch allein in der Schweiz werden jährlich 12 000 Stück abgesetzt. Wohl ist die Schweiz ein wichtiger Abnehmer, aber sicher nicht der grösste. Auch über Umsatz und Gewinn schweigt man sich aus, freundlich lächelnd um Verständnis bittend.
In den Lagern der Fabrik trocknen zwei, drei Jahresvorräte bereits roh vorgeschnittener Radica. Die Menge zukünftiger Pfeifenköpfe ist enorm, lässt sich aber vom Laien zahlenmässig nicht abschätzen. Die Stücke stammen von drei, vier noch verbliebenen Lieferanten in Kalabrien, der Toskana und auf Korsika. Dass man dort für Savinelli die Qualitätsklasse extra-extra reserviert, hat zwei sekundäre und einen primären Grund: Savinelli spricht die gleiche Sprache, Savinelli gilt als bester aller Pfeifenmacher, und Savinelli zahlt fair und sofort, nach dem Motto, dass Bargeld die beste Visitenkarte ist.
Die in drei Grundtypen für gerade, gebogene und «urwüchsige» Köpfe zersägte Radica wurde bereits zwölf Stunden im Wasser gekocht, um das bittere Tannin auszuwaschen. Trotz den lediglich drei Grundformen, die jedoch von Stück zu Stück in den Abmessungen stark variieren, ergeben sich aus den Endformen, den Farben, der glatten oder sandgestrahlten Oberfläche sowie den verschiedenen Mundstücken Tausende von Variationsmöglichkeiten. Eigentlich ist jede Savinelli ein Unikat.
Das trifft explizit auf die Autograph genannten Exemplare zu. Sie sind eine Invention von Achille junior. Als einer seiner geschicktesten Arbeiter erkrankte und nicht mehr an Drehbank arbeiten konnte, bat ihn der Chef, in Heimarbeit für ihn zu arbeiten: die Köpfe nicht zu drehen, sondern zu schnitzen. Aus Angst, die Radica zu verletzen, wagte es der Arbeiter nicht, sie zu verändern. Darum zeichnete ihm Achille Savinelli freie, der natürlichen Beschaffenheit und Maserung folgende Formen aufs Holz. Die «Autograph» steht heute in der Savinelli-Preisliste ganz oben.
Besonders schöne Stücke werden für bis zu 4000 Franken angeboten. Aber es gibt auch solche für dreistellige Beträge. Savinelli-Pfeifen für Normalraucher sind bereits für Preise um die hundert Franken erhältlich. Ganz bestimmt nur für einen vierstelligen Frankenpreis ist hingegen eine «Giubileo d'oro» zu haben. Sie wird in den eher traditionellen Formen hergestellt und zeichnet sich durch absolute Makellosigkeit des Holzes aus. Davon gibt es jährlich um die hundert Stück. Alle andern haben winzige Löcher, die ähnlich wie ein von Karies befallener Zahn ausgekratzt und mit einer vom Fabrikgeheimnis umwehten Stuckmasse behandelt werden müssen.
Neben der Form ist es die Farbe, die das Aussehen einer Savinelli bestimmt. Je nach angepeilter Tönung braucht es wechselnde, auf jeden Fall immer sehr viele Farb-, Schleif- und Polierdurchgänge, die sich über zwei, drei Wochen hinziehen können. Eine Pfeife, die zum Schluss eher hell erscheint, kann zuvor schon dunkel gewesen sein. Das Ergebnis ist eine Frage der Kombination und Abfolge, in der die Öle und Beizen aufgetragen wurden.
Ein ebenfalls aufwendiger Prozess ist das Zusammenpassen von Kopfteil und Mundstück. Mundstücke aus vulkanisiertem Naturkautschuk sind geschmeidiger, solche aus Plexiglas haltbarer: In den einen hinterlassen die Zähne Spuren, die anderen Spuren an den Zähnen.
Dort, wo die beiden Teile zusammentreffen, ist in fast allen Savinelli-Pfeifen Platz für ein Stück Balsaholz gelassen. Aus diesem extrem leichten und weichen, aber geschmeidigen Material, mit dem man normalerweise die Gerippe von Modellflugzeugen baut, entwickelte Achille junior einen Filter. Das Holz ist so schwammig, dass es Teer und Feuchtigkeit absorbiert, und zwar ohne den Zug zu behindern oder den Geschmack des Tabakrauches zu verändern.
Stücke, die auch nur geringe Material- oder Farbfehler haben, werden irgendwo auf dem Produktionsweg von den Arbeiterinnen und Arbeitern selbst aussortiert. Dreissig Prozent der ursprünglich angelieferten Radica enden nach Angaben des Fabrikdirektors Marco Fumei da Cor im Feuer. Weitere fünfzig Prozent der Produktion müssen auf den Titel Savinelli verzichten, verlassen das Werk ungestempelt und werden entweder als eine der Zweitmarken des Hauses oder dann an andere Hersteller verkauft.
Selbstverständlich: Savinelli-Pfeifen sind auch Sammlerstücke. Und Savinelli selbst besitzt die teuerste Kollektion. Denn es gibt immer wieder Stücke, die nie in den Verkauf kommen, wohl aber als Werbeobjekte herhalten müssen. Im Augenblick hat man Ärger mit einem Sammler aus Süditalien. Er verlangt, dass man ihm jene «Autograph» verkauft, die das Titelbild des gerade aktuellen Prospektes ziert. Denn indem man sie dort abgebildet habe, so der fanatische Sammler, habe man ein Angebot gemacht, auf das er einzusteigen gedenke, ganz «gleich», zu welchem Preis. Notfalls sei er aber sogar bereit, die Pfeife, die er nie zu rauchen verspreche, nach seinem Ableben den Savinellis zu vererben. Es muss schon was Besonderes sein um diese sonderbaren Objekte der Begierde. Was den Zauber ausmacht, wird sich einem Nicht- oder Zigarettenraucher wohl kaum erschliessen.