NZZ Folio 05/00 - Thema: Fit   Inhaltsverzeichnis

Das Glück im Unglück

Manfred Bolliger, Rollstuhlfahrer, Zollikofen.

Von Ursula von Arx

Als Manfred Bolliger am Morgen des 3. März 1999 aufstand, waren seine Beine und seine Arme schwer wie Eisenträger. So schwer, dass er zum Arzt ging, der auf Grippe mit Gliederschmerzen tippte. Als ihm am Mittag das Öffnen der Mineralwasserflasche den Schweiss aus den Poren trieb, rief er seine Frau ins Büro an, er verliere die ganze Kraft. Sein Gang werde unsicher. Mit jedem Schritt fühlte er sich schwerer und schwerer, jede Minute, die verstrich, nagte an seiner Existenz. Sandra Bolliger beruhigte ihn, leise amüsiert über das starke Geschlecht, das jammerte, kaum war ihm ein bisschen unwohl. Er legte sich ins Bett. Sein Schlaf war unruhig. Um vier Uhr morgens konnte er kaum mehr atmen, von Aufstehen ganz zu schweigen. Seine Frau rief die Ambulanz. Vier Stunden später lag er auf einem Bett der Intensivstation des Berner Inselspitals. Er war gelähmt von Kopf bis Fuss.

Die Analyse seiner Rückenmarkflüssigkeit und die gemessene Nervenleitgeschwindigkeit wiesen auf das Guillain-Barré-Syndrom hin, eine äusserst seltene und rätselhafte Krankheit. Sie ist nicht vererbbar und kann jeden überfallen. Die Ursache liegt im dunkeln: vermutlich eine allergische Reaktion auf eine Infektion wie etwa Angina. Zwei bis drei Wochen nach der Infektion entzünden sich die Nerven, weil sie die Antikörper nicht ertragen, die zur Abwehr der Infektion gebildet worden sind. Die beschädigten Nerven leiten Befehle nicht mehr so leicht ins Gehirn weiter, die Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit ist gestört, die Glieder sind geschwächt. Die Schwäche kann sich in kürzester Zeit über den ganzen Körper ausbreiten und bis zur Lähmung führen. So etwa muss es bei Manfred Bolliger geschehen sein. Doch die Ärzte machten auch Hoffnung: manche Patienten würden sich vollständig erholen. Was man innerhalb von zwei Jahren an Bewegungsfreiheit und Kraft zurückgewinnen könne, bleibe meistens erhalten. Nach Ablauf dieser zwei Jahre allerdings sei es schwierig.

Bei dieser Nachricht seien ihre Augen nach unten gegangen und sie habe lange blicklos ins Leere gestiert, sagt Sandra Bolliger. Wie alle Tragödien passierte auch diese im unpassendsten Augenblick. Seit Januar war ihr Mann, ein gelernter Feinmechaniker, der sich in Abendkursen zum Betriebstechniker TS weiterbildete, arbeitslos. Jetzt hatte er wieder eine Stelle gefunden. In zwei Tagen hätte er den Vertrag unterschreiben sollen. Am Tag zuvor noch hatte sie seinem zukünftigen Arbeitgeber versichert, aber ja doch, in einer Woche ist er wieder auf den Beinen.

Als Sandra Bolliger am nächsten Tag ins Spital kam, konnte sie mit ihrem Mann nicht einmal mehr sprechen. In seinen Hals war ein Atemtubus eingesetzt worden, er hing an der Beatmungsmaschine. Weil er seine Gesichtsmuskulatur nicht mehr unter Kontrolle hatte, sah er sehr verändert aus. Die Stirn konnte er noch in Falten legen und die Augen öffnen und schliessen, das waren die einzigen Bewegungen, die ihm blieben und die einzige Verständigungsmöglichkeit.

Brauchst du ein Kissen? Willst du bewegt werden? Hast du heiss? Hast du kalt? Hunger? Durst? Augen zu bedeutete Ja, Stirnrunzeln bedeutete Nein. Manchmal riss ihm die Geduld, manchmal hasste er alles, sein Puls ging dann auf hundertachtzig, das Herz drückte sich durch Rasen aus. Einmal biss er aus Wut auf den Beatmungsschlauch. Er muss unsägliche Schmerzen gehabt haben, doch er hat sich nie aufgegeben, sagt seine Frau. Manchmal streichelte sie ihn stundenlang und erzählte, was ihr durch den Kopf ging, wen sie getroffen hatte, dass sie im Kino war, sie las ihm aus «Le petit prince» vor. Manchmal sass sie am Bett, und die Tränen flossen ihr nur so runter, seine Hand war dann ganz nass. Oft war sie auch wütend: Jetzt steh doch endlich auf! Warum musste es ausgerechnet dich treffen? Warum lässt du mich so im Stich?

Nach sechs Wochen kam sie eines Abends ins Zimmer und fragte, wie es ihm gehe. Er antwortete, allerdings noch mit Hilfe einer Sprechkanüle: «Gut!»

Am 8. April 1999 wurde Manfred Bolliger ins Paraplegikerzentrum in Nottwil gebracht. An die Wand über sein Krankenbett hängte er ein Poster von Bruce Springsteen, ein vierblättriges Kleeblatt, das Bernhardinerhund-Maskottchen des Eishockeyclubs SC Bern, und im Zentrum thronte ein riesiger Tiger, Zeichen für Zähigkeit, Kraft und Willen.

Manfred Bolliger musste lernen, richtig zu atmen, und er musste wieder sprechen lernen. Seine Stimme bewegte sich anfangs immer auf der gleichen Höhe, und das Gefühl für den Rhythmus der Sprache war ihm abhanden gekommen. Er musste still liegen. Damit sich keine Druckstellen bilden konnten, wurde er jede halbe Stunde umgelagert. Trotz Morphium und Schmerztherapie war er nie ohne Schmerzen. In kurzer Zeit verlor er zwölf Kilogramm. Manchmal empfand er es fast als Zumutung diesem so schmal und gerippig gewordenen Körper gegenüber, ihn ins volle Leben zurückholen zu wollen. Wenn er Hilfe brauchte, blies er in «James», ein Mundstück, das als Butler diente. Auf einen Knopf drücken konnte er nicht. Er benötigte intensive Pflege. Wenn die Schwestern am Morgen ins Zimmer kamen, waren sie bis am Mittag mit ihm beschäftigt. Blutkontrolle, Fiebermessen, umlagern, waschen, anziehen, zu Essen geben, alles brauchte unendlich viel Zeit. Danach schlief er jeweils sofort ein, so erschöpft war er.

Plötzlich konnte er den grossen Zeh wieder bewegen. Dann einzelne Finger. Aber alles ging ganz langsam. Für ein E-Mail von zwei Zeilen brauchte er vier bis fünf Stunden. Sich kratzen, wenn es beisst, das Gesicht mit den Händen berühren, einen Löffel halten können, jede Bewegung, die zurückkam, war ein Glück. Als er nach sechs Monaten im Bett das erstemal im elektronischen Rollstuhl sass und sich per Knopfdruck fortbewegen konnte, hatte er das Gefühl, ihm sei ein zweites Leben geschenkt worden.

Stets wurde Sandra Bolliger nach dem Wohlergehen ihres Mannes gefragt, nie fragte jemand nach dem ihren. Seine Krankheit hatte ihre Existenz geschluckt. Er wurde mit Sorge umhüllt, sie wurde allein gelassen. Sie fühlte sich vernachlässigt und überflüssig. Dem inneren Chaos, das sie bedrohte, entzog sie sich mit panischem Unterwegssein und Offenheit gegenüber Neuem. Sie verliebte sich.

Jetzt, nachdem die entzündeten Nerven sich immer mehr beruhigt hatten, konnte Manfred Bolliger den Wettlauf mit der Zeit aktiv aufnehmen. Es blieben ihm nicht mehr ganz eineinhalb Jahre. Er war entschlossen, alle Trainingsmöglichkeiten auszuschöpfen, er machte Aquajogging, Vojtatherapie, manuelle Therapie, Wassertherapie, Hyppotherapie, Ergotherapie, er trainierte auf dem Laufband, machte Eigentraining, Krafttraining, er spielte Tischtennis. Der Aufwand für jeden kleinen Fortschritt war enorm, und es gab Wochen, in denen er stagnierte. Er trainierte täglich Stunden, um seine Beweglichkeit und Kraft zurückzugewinnen. Der Kampf um den Körper liess alles andere zweitrangig erscheinen. Seit seiner Krankheit wunderte er sich oft, wie man funktionierende Arme und Beine haben und dennoch unzufrieden sein kann.

Man hatte ihm alles genommen, erst den Job, dann die Gesundheit, und jetzt gehe auch ich noch, dachte Sandra Bolliger und fühlte sich mies dabei. Dennoch wollte sie die Trennung. Alles andere wäre anerzogenes Wohlverhalten gewesen, aber ohne Ehrlichkeit. Er sagte nur: Wenn du gehen willst, kann ich dich nicht halten. In Nottwil erfuhr man von der Ehekrise und bot psychologische Hilfe an. Als Sandra Bolliger gefragt wurde, was ihr an Manfred gefallen habe, als sie sich kennenlernten, sagte sie: eigentlich nichts.

Trotzdem verbrachte er seit Oktober 1999 die Wochenenden zu Hause. Am Anfang musste er jede Nacht dreimal umgedreht werden, wegen der Druckstellen. Körperhygiene konnte er nur sehr beschränkt selber besorgen, sein Darm und seine Blase funktionierten zwar immer, aber die Kraft fehlte, um die zu Sauberkeit notwendigen Handlungen auszuführen. Ein Glas durfte nur zur Hälfte gefüllt werden, alles andere wäre zu schwer gewesen, eine Flasche durfte man nie ganz verschliessen, ein Hemd musste wegen der vielen Knöpfe wie ein Pullover bereitgelegt werden, an solche Dinge musste man denken. Einmal wollte Sandra Bolliger ihren Mann vom Rollstuhl aufs Bett transferieren, da fiel er ihr aus den Armen. Einmal ging er in den Keller und schaffte eine Schwelle nicht, so dass es ihn kopfüber aus dem Rollstuhl hinauskatapultierte. Er lag da, hilfloser als ein Käfer auf dem Rücken. Es tat weh, ihn so zu sehen.

Aber er machte Fortschritte. Bald konnte er den manuellen Rollstuhl bedienen und sich selber vom Rollstuhl ins Bett bewegen. Er lernte, die Schuhe zu binden und die Zähne zu putzen. Er hatte plötzlich wieder genug Kraft, den Computer anzustellen. Er konnte sitzen.

Irgendeinmal wusste Sandra Bolliger, dass die Gefühle für ihren Mann zwar verschüttet waren, aber immer noch da. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an den ersten Abend. Mann, sieht der gut aus, hatte sie gedacht, als sie ihn sah. Im Berner «Bierhübeli», wo gerade Disco war, wünschte sie nur eines: dass er sie für einen geschlossenen Tanz fragen würde. Wie sie sich verabschiedet hatten, merkte sie auf einmal, dass sie nicht einmal seinen ganzen Namen kannte. Am anderen Tag hörte sie, wie auf Radio Förderband ein Manfred aus Niederwangen eine Sandra aus Bümpliz suchte. Natürlich rief sie an.

Sandra Bolliger erinnerte sich auch wieder an ihre Hochzeit, das war 1997, sie war 27 Jahre alt, er 35; sie waren beide so nervös, dass sie fast in die Kirche rannten, und nach der Trauung waren sie so schnell wieder draussen, dass die Leute, die Spalier stehen wollten, gar nicht erst dazu kamen. Sie erinnerte sich, wie vertraut er ihr von der ersten Sekunde an gewesen war.

Und sie entdeckte Veränderungen an ihm: früher hatte er sich wochenlang über einen Schiedsrichterentscheid an einem Match des SC Bern ärgern können, da war er gelassener geworden. Wenn sie früher eine Ungeschicklichkeit beging, wenn sie etwa den Aromatdeckel ins Spaghettiwasser fallen liess, war sein Ton bissig gewesen, heute ist er humorvoll. Natürlich sind seine Umarmungen anders geworden, er kann sie nicht mehr fest an sich drücken, und natürlich denkt sie manchmal mit Wehmut an die Zeiten, als man einfach die Wanderschuhe packte und zusammen auf irgendeinen Berg ging. Aber er hat Unglaubliches geleistet, er hat mentale Stärke, einen Willen und eine Grosszügigkeit bewiesen, auch ihr gegenüber, vor der sie den Hut ziehe, sagt Sandra Bolliger. Für ihre Ehe sei Manfreds Krankheit ein Glück im Unglück gewesen, der Respekt füreinander sei im Alltagstrott zertreten worden, aber jetzt wieder da.

Manfred Bolliger kann Nottwil bald verlassen und nach Hause gehen. Zwei Stunden pro Tag wird er in einer Computerfirma arbeiten, die restliche Zeit wird er fürs Training aufwenden. Es bleibt ihm noch ein Jahr. Er ist ungebrochen zuversichtlich.

Sandra Bolliger hat sich zu grosser Nüchternheit entschieden und richtet sich auf ein Leben mit einem Mann im Rollstuhl ein. Denn Hoffnungen, mit deren Enttäuschung man rechnen muss, machen sie nur zerbrechlich.


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