HAUSFRAUEN KÖNNEN zuverlässig ein rohes von einem hartgekochten Ei unterscheiden. Sie legen das fragliche Ei auf den Küchentisch, fassen es an beiden Enden und versetzen es mit Schwung in Drehung. Ein hartgekochtes Ei dreht sich fast so elegant wie ein Kreisel - allerdings nur «fast», weil sein Schwerpunkt nicht im Querschnitt des grössten Durchmessers liegt. Deshalb rollen Eier auch nicht geradeaus, sie «eiern» eben. Ein rohes Ei ist schwerfälliger, und daran ist sein flüssiges Inneres schuld. Das flüssige Eiweiss vermag der Drehung der Eischale nicht augenblicklich zu folgen. Der Test lässt sich verbessern: Das zu prüfende Ei wird nach dem Andrehen kurz angehalten und sofort wieder losgelassen. Wenn es sich wieder zu drehen anfängt, muss es ein rohes Ei sein, dessen flüssiger Inhalt bei dem kurzen Stopp nicht zur Ruhe gekommen ist und die vorübergehend zur Ruhe gebrachte Eierschale wieder in Bewegung setzt.
Nun können wir uns dem eigentlichen Problem zuwenden: dem Eierwettlauf auf der schiefen Ebene. Wenn wir das Experiment in der Küche sorgfältig ausführen wollen, bauen wir uns eine nicht zu kurze Rennbahn aus zwei um 25 bis 30 Grad geneigten Brettern, jedes etwa 15 Zentimeter breit und mindestens einen Meter lang. Ihre Laufflächen überziehen wir, zum Beispiel, mit rauher selbstklebender Folie. Die Eier sollen nämlich rollen und nicht rutschen. Die beiden Rennbahnen werden sowohl aussen als auch gegeneinander mit glatten Einfassungen versehen. Schliesslich bringen wir ein rohes und ein hartgekochtes Ei in die Startpositionen. Klappe auf, Start! Welches Ei rollt schneller? Denken Sie daran, die Eier am Ziel aufzufangen, damit es kein Rührei gibt!
Wer gewinnt das Rennen? Ich habe schon Physikprofessoren erlebt, in deren geschultem Kopf nach dieser Frage eine Denkroutine ablief: rohes Ei - zähe Flüssigkeit - Energiedissipation (Verlust von Bewegungsenergie durch innere Reibung der Flüssigkeit) - langsamer! Tatsächlich ist aber das rohe Ei schneller. Das hat einen einfachen Grund: Es muss auf dem gleichen Weg weniger Energie in die Drehbewegung stecken als das feste Ei, das ähnlich wie ein Rad rollt. Beim rohen Ei rollt zu Anfang nur die äusserste Schicht, während der flüssige Kern wie auf Schlittenkufen gleitet und erst allmählich von aussen nach innen in Drehung versetzt wird. Beim Start aus gleicher Höhe steht anfangs beiden Eiern derselbe Betrag an Energie der Lage (potentieller Energie) sozusagen als Anfangskapital zur Verfügung. Wer mehr Energie für die Drehbewegung benötigt, dem bleibt weniger für die Vorwärtsbewegung entlang der schiefen Ebene übrig. Also bleibt das hartgekochte Ei hinter dem rohen Ei zurück. Der Abstand wächst und ist deutlich zu beobachten, wenn die Bahn lang genug ist.