NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Von Zwecken und Dampfhühnern

Von Wolf Schneider

IN ATLANTA haben sie frischen Aufwind bekommen, die Anleihen bei der Sprache des Sports. Statt am Ball zu bleiben, schoss der Politiker ein Eigentor, wofür der Präsident ihm die rote Karte zeigte; er warf jedoch nicht das Handtuch, sondern er bewies Nehmerqualitäten und verbat sich weitere Schläge unter die Gürtellinie. Trotzdem endete er «unter ferner liefen . . .» Wer Karriere machen will, teilt mit, dass er in den Renngalopp zu fallen wünscht, die schnellste Gangart des Pferdes. Und was wäre das Internet ohne die, die in ihm oder durch es surfen?

Von jeher haben wir unsere Metaphern, die Übertragungen eines Wortsinns in eine ihm ursprünglich fremde Sphäre, dem entnommen, was uns gerade beschäftigt: die Stichprobe den Hochöfen des 16. Jahrhunderts, die Fundgrube und den Raubbau der Bergmannssprache. Wir geben Gas nicht nur im Auto, und müde Geschäfte werden noch immer «angekurbelt», obwohl das bei Autos seit mehr als siebzig Jahren nicht mehr nötig ist. Für unsere zahlreichen militärischen Metaphern ist ein Friedensprozess nicht absehbar: Da wird noch immer vorgeprescht und in die Offensive gegangen, und Verkaufskanonen führen keine Rückzugsgefechte.

Solch spielerischer Umgang mit der Sprache hat auch Schwachsinn hervorgebracht und tut dies noch. Die Übertragung kann allzu gekünstelt sein, so, wenn Rilke reimte:

Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft
Aus deines Herzens weissem Liliensamen
Die Feuerlilie der Leidenschaft.

Die Vermengung von Metaphern wiederum - eine Lieblingsbeschäftigung von Journalisten und Politikern - erzeugt meist unfreiwillige Komik: «Der Platzhirsch musste Federn lassen» oder «Mit dem habe ich noch ein ernstes Huhn zu rupfen».

Solchen Risiken steht die Chance gegenüber, dass die Metapher unsere Ausdrucksmöglichkeiten radikal erweitert. Da tauchte plötzlich nicht nur ein Frosch auf, sondern auch eine Idee, da begriffen wir nicht nur Holz, sondern auch einen anderen Standpunkt; da lösten wir nicht nur Schmutz, sondern auch Probleme. Aus alten Wörtern neuen Sinn herauszulocken ist die typische, oft die einzig mögliche Art, unvermutete Erfahrungen ins Wort zu bannen und blosse Ahnungen zu Begriffen zu verdichten, also die Grenzen des Sagbaren hinauszuschieben.

Wie sehr die Sprache von Metaphern durchdrungen ist, auf welchen verschlungenen Wegen da so manches Wort von Bedeutung zu Bedeutung hüpfte, das machen wir uns selten klar. Das Bureau war ursprünglich ein grober Wollstoff, dann auch der Schreibtisch, der damit bespannt war, dann der Raum, in dem die Schreibtische stehen, schliesslich der Arbeitsplatz derer, die die Schreibtische benutzen, die Kanzlei; und Bürokraten sind keineswegs Menschen, die über Wollstoffe herrschen.

Ihre wichtigste Rolle spielt die Metapher dort, wo sie und nur sie das Neue sagbar macht. Wie hätte der mährische Augustinermönch Gregor Mendel das Gesetz benennen sollen, das er entdeckte? Kühn übertrug er darauf ein Wort, das seit Jahrtausenden nur juristisch verwendet worden war: vererben. Wie sollte man den qualmenden Schienenwagen taufen, für den gelehrte Herren später den hässlichen Namen «Lokomotive» erfanden? Dampfross sagten die Leute. Und mit der Metapher Dampfhuhn (steam chicken) versuchten nordamerikanische Indianer das Zeug, mit dem sich der weisse Mann nun auch noch in die Luft erhob, sprachlich zu bewältigen.

Dampfross und Dampfhuhn haben sich nicht durchgesetzt, wie schade. Ob eine Übertragung Chancen hat, weiss man erst hinterher. Goethe irrte sich, als er 1831 Eckermann belehrte: «Wie kann man sagen, Mozart habe seinen <Don Juan> komponiert! Als ob es ein Stück Kuchen oder Biskuit wäre, das man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt!» Erfolgreich wie im 19. Jahrhundert der Komponist war im 20. Jahrhundert der sky scraper, Himmels-Schaber, Wolkenkratzer, 1908 in New York geprägt, als das 187 Meter hohe Singer Building in eine Dimension vorstiess, für die man das Wort Hochhaus als zu schwach empfand.

Viel Erfolg sollten wir einer Metapher wünschen, die um den Globus geht, seit der sowjetische Sputnik 1957 das Zeitalter der Raumfahrt eröffnete: Raumschiff Erde. Nun konnten wir ja auf Fotos sehen, was wir bis dahin nur theoretisch gewusst hatten - dass die Erde eine Kugel ist, eine unter Billionen im All und noch dazu eine verhältnismässig kleine. «Raumschiff», da tritt die Begrenztheit unseres Planeten als Bild in zwei Silben vor uns hin, da fühlen wir uns eher als durch Proklamationen aufgerufen, vielleicht nicht mehr so grossklotzig mit der alten Erde umzugehen. Da ist etwas von dem erreicht, was Erhard Eppler, jahrzehntelang der strategische Denker der SPD, in einem Buch von 1992 vermisste: die Fähigkeit, für die Probleme unseres Überlebens die angemessene Sprache zu finden.

Ja, sie vermögen viel, die Wörter. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, dass der Reisszweck im Zentrum der Schiessscheibe des Armbrustschützen zum Zweck überhaupt geworden ist und unsere Philosophen befähigt, dem Endzweck des Universums nachzugrübeln. Und da sollte eine zündende politische Metapher zwecklos sein?




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