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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Wohlige Künstlerecke
© Heinz Unger
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| Weich und warm: Atelierzimmer mit Cheminée und gemütlich leuchtenden Steinlampen. |
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Ein älteres Paar mit Vierbeiner? Eine voralpine Bildhauerin?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Zwei und ein Hund wohnen vermutlich hier, Platz hat es jedenfalls ausreichend, und so viele Kochtöpfe und -löffel braucht nicht einer für sich allein. Man wohnt grosszügig, gediegen und gut eingerichtet im Grünen, viel Tierfell auf den Sitzgelegenheiten, das Cheminée nicht nur fürs Auge. Hier wird richtig gefeuert, richtig gekocht – häusliches Dasein im Warmen mit einer Prise Stallgeruch.
Die Weltkugel hat ihren Platz, bereist hat man die Welt wahrscheinlich früher im Leben, heute unternimmt man eher Waldspaziergänge mit dem Vierbeiner.
Ein Paar fortgeschrittenen Jahrgangs lebt hier; man hat Zeit zum Wohnen und für die Lektüre dicker Bücher, hat schon einige Wegstrecken im Leben hinter sich gebracht und muss nichts mehr herzeigen. Der Tisch am Fenster scheint eine Künstlerecke zu sein; liebt die Hausdame Skulpturales, ist sie vielleicht selber gestalterisch tätig?
Eine Residenz fern jeglicher Protzigkeit, aber mit einer selbstbewussten Stilvielfalt – hier leben autonome Menschen ohne Comme-il-faut-Gehabe. Glänzendes Kupferzeug auf dem Bauernschrank verträgt sich bestens mit moderner Malerei im Grossformat, die dunklen Gesellen sind wohl eher ironischer Gegensatz zum lebensfrohen Gemüt der Bewohner.
Die Küche überrascht etwas in ihrer blassen Harmlosigkeit. Diese Weiss-Gold-Rosablümchen-Mischung passt irgendwie nicht so recht zum Rest, wirkt eher fade und zeitlos im Vergleich zur Stube mit dem wuchtigen Gebälk und den schweren Sesseln. Der Wischer fegt subito jedes Hundehaar weg, aber immerhin darf ein hölzerner Fussschemel in dieser gar adretten Zone des Hauses campieren. Vielleicht ist diese Küche mehr unfreiwilliges Interieur als Herzstück der Wohnung
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Die Aussicht aus dem Küchenfenster lässt Voralpines vermuten. Ein umgebautes Berg- oder Bauernhaus? Kuh, Geiss oder Schaf sind zumindest noch in Form von Sitzunterlagen oder Möbelkissen zugegen.
Suchen diese Bewohner die ländliche Ruhe, die Einsamkeit und die Natur? Hat sich hier ein Paar, vielleicht um zu schreiben oder zu malen, in ein Reduit zurückgezogen? Der Arbeitsplatz mit Staffelei könnte darauf hinweisen. Was aber die Einrichtung betrifft, wird man den Verdacht nicht los, dass die sentimentalen, ländlichen Vorstellungen sehr von urbanen Vorbildern beeinflusst wurden. So sieht doch keine Küche in den Bergen aus: weiss gespritzte, elegant profilierte Fronten mit Messinggriffen und eine passend dazu kombinierte domestizierte weisse Stabelle. Auch der Boden, die Wände und die Decke sind weiss und wirken steril und kalt. Braucht es deshalb einen durchblutungsfördernden Holzschemel unter dem Tisch?
Dasselbe gilt für den grossen Cheminéeraum. Trotz wollweissem Teppich, weissen Lederpolstern und naturweissen Lammfelldecken erscheint dieser Raum sehr eintönig. Es fehlen die Kontraste. Abhilfe erhofft man sich offenbar durch die leuchtenden Steinlampen.
Wohlig hingegen ist der Raum mit der Holzbalkendecke. Eine Fensterreihe gliedert den Raum, die dunkel gebeizten Balken bilden ein schützendes Dach, auf dem Parkettboden liegen partiell verteilte Milieu-Teppiche. Das Einzige, was sich nicht findet, ist eine künstliche Beleuchtung. Macht man hier ernst mit dem Landleben und liest wie früher bei Kerzenschein?
Stefan Zwicky
Annette Clodt, Kunstmalerin
«All dies verdanke ich einem Kuss im Fiat Topolino. Es war Ende der 1960er Jahre in Ascona, spätabends. Meine Kunsthändlerin, ihr Verlobter und ich suchten ein geöffnetes Lokal und fragten einen Passanten. Der wollte uns nur weiterhelfen, wenn er mitkommen dürfe. Er setzte sich neben mich auf den Rücksitz und küsste mich. Einfach so. Daraus sind 21 gemeinsame Jahre geworden.
Das Haus in Mosnang im Toggenburg kauften wir 1973. Damals war es ein Stall mit Scheune. Als mein Mann die Ruine sah, sagte er: ‹Wenn du das willst, baust du das selbst um, da rege ich mich zu sehr auf.› Wenn es Schwierigkeiten gab, griff er sich theatralisch an die Brust. Während ich mich mit den Handwerkern herumschlug, fuhr er in die Ferien. Alle zwei Monate schaute er vorbei und kommentierte meine Arbeit.
Dass ich den ersten Umbau so billig wie möglich gemacht habe, bereute ich rasch. Eines Morgens lag der Geschirrschrank am Boden, dann bogen sich die Kunststoffabdeckungen. Nach dem Tod meines Mannes riss ich alles raus und machte es neu. Täten mir die Knochen nicht so weh, würde ich heute noch bauen – vielleicht nebenan eine Schule, um Malunterricht zu geben.
Ich erwache morgens um fünf Uhr. Mein Hund ist auf sechs Uhr fixiert. Ich frühstücke und beginne zu arbeiten. Es gibt Tage, da habe ich gar keine Lust dazu, da stinkt mir die Farbe regelrecht – dann lasse ich es bleiben. Nach Kriegsende arbeitete ich freischaffend. Ich musste Dinge malen, um Geld zu verdienen. Ein Schlager waren meine Zigeunerinnen, mit frecher Pose und einem Busen wie dräuende Gewitterwolken.
Gegen elf Uhr mache ich mir etwas Essbares zurecht. Da ich nicht gut kochen kann, lese ich während des Essens, damit ich nicht sehe, was ich auf dem Teller habe. Einmal wöchentlich kommt meine Putzfrau. Sonst mache ich alles selber. Heutzutage gibt es ja Putzutensilien, mit denen es hopplahopp geht. Sauber ist es anschliessend allerdings nicht – es sieht nur so aus.
Meine Arbeitszeit ist von Oktober bis in den Spätfrühling. Ich mache Sommerpause. Im Sommer lebe ich meist im Garten, der beinahe ein Park ist. Es kam schon vor, dass aus dem Dorf Spaziergänger zu mir geschickt wurden, um sich den Garten anzusehen. Da geht man ein Weilchen. Und immer bergauf.
Meinen Führerschein gab ich vor zwei Jahren freiwillig ab. Das Auto bekamen meine Nachbarn quasi umsonst. Dafür fahren sie mich, wenn ich dringend etwas benötige. Ich habe drei Nachbarn in etlicher Entfernung. Zwei sind auch künstlerisch gewickelt, das tut mir gut. Wunderbare Menschen. Einer der Nachbarn bringt mir immer meinen Abfallsack nach vorn an die Strasse, ich kaufe ihm dafür ein Gnagi oder Siedfleisch.
Der Metzger besucht einmal wöchentlich die abgelegenen Höfe. Dann gibt es noch den Bananenblitz, einen Gemüsehändler, der auch Nudeln, Pfeffer und Öl verkauft. Neuerdings kommt samstags noch ein Bäcker. Im Grunde müsste man gar nicht mehr weg – einzig für die Sachen, die ich für meinen Beruf brauche.
Bereits mit vier habe ich im Elternhaus mit Bleistift die weisse Tapete bekritzelt, mit schlagendem Erfolg. Wir lebten damals in Langen bei Frankfurt. Als ich Anfang der 1960er Jahre in die Schweiz ziehen wollte, bekam ich als Künstlerin keine Bewilligung. Erst als mich mein Mann als Haushälterin eintrug, klappte es. Wir heirateten 1975. Fünf Tage vor der Hochzeit fiel ich in diesem Haus die Treppe hinunter. Ich brach mir die linke Kniescheibe und das rechte Handgelenk und musste operiert werden. Wir heirateten im Spital – ich im Krankenbett in Blümchenflanell und eben aus der Narkose erwacht. Sechs Jahre später starb mein Mann im selben Spital.
Anfang dieses Jahres kündigte sich bei mir der Tod an. Ich war bereit, ich hatte das meiste schon verschenkt, auch meine Lieblingsbilder. Zu diesem Zeitpunkt war meine Putzfrau im Haus und rief ihren Arzt. Ich kam ins Spital. Und da sitze ich. Hätte man mich gelassen, wäre ich gestorben, aber meine Putzfrau wollte es nicht. Nachdem ich das Leben wieder angenommen habe, würde ich bedauern, vieles nicht erlebt zu haben, was seitdem geschehen ist. Mein Leben war immer sehr bunt – und ist es noch immer. »
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
Annette Clodt verstarb diesen Oktober. Ihre Freunde äusserten den Wunsch, dass wir dieses Anfang Oktober aufgenommene Gespräch veröffentlichen.
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