Wer nicht ordentlich ist, dem ist auch sonst nicht zu trauen. Also versteckt der Unordentliche seine Unordnung so wie Damon den Dolch im Gewande, wenn er zu Dionys schleicht. Und die Unordentliche sowieso. Meine Mutter brachte ihren Töchtern bei: Verlasst euer Haus, eure Wohnung immer so, dass ihr auch tot heimkehren könnt, ohne euch schämen zu müssen. Bei den Söhnen hoffte sie sicher, sie würden erst tot heimkehren, wenn eine Schwiegertochter zum Schämen da war.
Nun ist an mir leider nur das Über-Ich ordentlich, nicht aber das Ich, was heisst: Ich bin unordentlich, kann Unordnung aber nicht ausstehen. Also kämpfe ich tagein, tagaus den Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlen, mit vergleichbarem Erfolg. Ich halte es in meiner Wohnung nicht aus, wenn zu viele Gegenstände drin sind. Weil ich aber nichts wegwerfen kann, was sich vielleicht noch einmal verwenden lässt, ist da von allem immer zu viel. Dieses Zuviel verstaue ich hinter Schranktüren und in Schubladen, damit ich es nicht ansehen muss, und, was grösser ist, in einem Zimmer, das dann für nichts anderes mehr zu gebrauchen ist.
In den Schubladen und hinter den Schranktüren folgen die Pullis und Socken und Schuhschachteln und das ganze andere Zeug dann dem Entropiesatz von Rudolf Clausius, wonach alle Materie, wenn man sie nicht daran hindert, also ohne fremdes Dazutun, dem Chaos entgegenstrebt. So einfach ist Physik zu begreifen. In ein Chaos verwandelt, fällt mir der Plunder entgegen, wenn ich die Schranktüre öffne, und verklemmt sich oder stellt sich quer, wenn ich eine Schublade aufmachen will, was ein besonders reizendes Gefühl ist, dasselbe, wie wenn einem am Skilift einer auf den Skiern steht. Oder es bringt im Zimmer das Bügelbrett zum Einsturz, auf dem es sich abgelagert hat, so dass die Tür nicht mehr nur fremden und eigenen Blicken den Zutritt versperrt, sondern auch mir.
Unter all dem leide ich sehr.
Es wäre vielleicht alles leichter, wenn nicht in den menschlichen Behausungen ausser den Abfallsäcken praktisch alle Behältnisse viereckig wären, während fast alles, was darin verstaut werden soll, rund ist oder auf andere Weise nicht eckig. Wie andere Leute mit dieser Differenz umgehen, ist mir schleierhaft. Wenn ich im Küchenschrank der Girolle, dem Gerät, das aus Käse Blumenkohl macht und das sich noch nie ein Mensch freiwillig angeeignet hat, ich wage sogar zu behaupten, dass es weltweit nur ganz wenige Girollen gibt und dass die einfach laufend rund um die Welt weiterverschenkt werden, also: wenn ich im Schrank meiner Girolle (rund, Metalldorn rechtwinklig abstehend) eine Blumenvase (hohl) beigeselle, dann verkeilen die sich augenblicklich für immer. Darum ist diese Girolle ja auch schon seit über zwei Jahren bei mir. Also stelle ich beides zusammen hinter den Römertopf, und weil auch einen Römertopf kein Mensch je braucht, kommt davor die Gemüsezerkleinerungsmaschine, die ebenfalls nie jemand braucht.
Den Raum dazwischen besiedeln wie von allein: halbabgebrannte Kerzen, weil Kerzenständer mit halbabgebrannten Kerzen mein ästhetisches Empfinden verletzen und ich, wie erinnerlich, nichts wegwerfen kann, was sich vielleicht noch verwenden lässt, des Weiteren fadenscheinig gewordene Geschirrtücher, die man noch als Putztücher brauchen kann, leere Salzgurkengläser sowie Migros-Säcke und Epa-Tüten, welch Letztere, da aus Plastic, das noch um Katzenfutter, Glühbirnen, Haferflocken und Verlängerungskabel angereicherte Tohuwabohu, das sich in Zellteilung jeweils über sämtliche Tablare verbreitet, destabilisieren und in Abständen wie eine Lawine zu Tal fahren lassen.
Dinge, die ich ab und zu brauche und ohne lange Suche zur Hand haben muss wie das Halbtaxabonnement oder den Pass, versorge ich in einem Behältnis mit der Aufschrift «Wichtige Dokumente». Meine Schränke und Schubladen sind voll von Blechschachteln, Pralinéschachteln, Holzschachteln, ledernen Fächermappen, grossen gelben Couverts, die alle die hoffnungsfrohe Aufschrift «Wichtige Dokumente» tragen. Sie bergen allesamt schöne Dinge wie alte Theaterbillette, umhäkelte Taschentücher, abgelaufene Fitnessabonnements, verfallene Rechnungen und einzelne Ohrenclips, aber sicher nie mein Halbtaxabonnement oder den Pass, die sich schliesslich im Wäschekorb oder im Tiefkühlfach finden. Auf alle Fälle an Orten, wo ich sie bestimmt nie hingetan habe. Die Orte, an denen ich die Dinge ganz bestimmt wiederfinden werde, sind übrigens die schlimmsten von allen.
Es gibt Leute, die stapeln Dinge bis unters Dach und finden mit einem Griff, was sie suchen. Ich habe ausser sämtlichen männlichen Wesen auch sonst noch alles, was Unordnung macht, nicht rechtwinklig und nicht stapelbar ist und nicht im Schrank hinter dem Römertopf oder in den Schubladen zwischen den Strümpfen Platz findet, schon lange aus meinem Haushalt entfernt und finde dennoch nie was. Wenn ich zwei Dinge auf dem Tisch liegen habe, finde ich keins. Wenn ich in den zwei Dingen wühle, werden es vier, acht, zweiunddreissig, zweihundertsechsundfünfzig. Sie kriechen unter den Tisch und von dort auf sämtliche Regale und setzen dort in wenigen Minuten Staubschichten an. Keine Chance, zu finden, was ich spätestens vorgestern hätte abschicken müssen. Und im Wäschekorb und im Tiefkühlfach ist das natürlich dann nicht.
Ich habe schon ganze Regensonntage lang Schränke und Schubladen ausgeräumt und den Inhalt in zwei Kategorien unterteilt: wegwerfen und behalten. Dann war es Regensonntagabend, und ausser der Girolle, die ich dann aber auch nicht als Einziges wegwerfen mochte, war alles zum Behalten. Dafür ordnete ich alles neu, ich stapelte die Pullover nach rot und nach grün, reihte die Schuhe nach Sommer und nach Winter, sortierte die Glückwunschkarten nach fussgemalt und nach mundgemalt, die Pillen nach Schmerz und nach Frust, die Löffel nach Suppe und nach Dessert, die Vorräte nach süss und nach sauer, tat Schnur zu Schnur und Bleistift zu Bleistift und Strumpf zu Strumpf. Und nach zwei Wochen war ohne mein Dazutun fussgemalt wieder bei Schnur.
Rosmarie Furrer ist freie Journalistin und lebt in Solothurn.