NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Gesucht: Woody, weiblich

Frauen sind nicht wahnsinnig genug, um gute Komikerinnen zu sein.

Von Gerda Wurzenberger

Irgendwie scheint es für Männer einfacher zu sein als für Frauen, sich über die Welt, das Publikum, sich selber lustig zu machen. Der Solokabarettist ist, wie schon der Name sagt, ein Einzelgänger, meist ein Antiheld, der gegen den Strom schwimmt und sich selbst zum Thema macht. Der international wohl berühmteste Kabarettist beziehungsweise Stand-up-Comedian ist Woody Allen. Er hat das kabarettistische Element der Fiktionsverwirrung in seine Filme übertragen. Man fragt sich ständig: Spricht er als fiktionale Figur, oder ist er wirklich so?

Wie müsste man sich einen weiblichen Woody Allen vorstellen? Als ältere Frau, schlecht frisiert, mit einem Hundeblick hinter einer schwarzen Hornbrille, sentimental, melancholisch, ununterbrochen von ihren psychischen Problemen labernd? Das wäre irgendwie nicht zum Lachen. Ein weiblicher Woody Allen müsste hübsch und erfolgreich sein und trotzdem jede Menge Probleme haben. Mit anderen Worten: Sie müsste sein wie Ally McBeal, die leicht übergeschnappte Titelfigur der gleichnamigen Fernsehserie. Der Unterschied zwischen Woody Allen und Ally-McBeal-Darstellerin Calista Flockhart: Er ist ein Gesamtkunstwerk, sie einfach eine Schauspielerin, deren Text von Männern geschrieben ist und der man es sofort glaubt, wenn sie sagt, dass sie im wahren Leben ganz anders sei.

Die gleiche Hierarchie gilt im deutschsprachigen Kabarett: Während Männer sich als vielseitige Künstler verstehen, lassen sich Frauen häufig die Texte von ausgewiesenen Autoren schreiben und schlüpfen dann in die vorgegebenen Rollen. Ein Verhalten, das von wenig Selbstbewusstsein zeugt – und von mangelnden Vorbildern. Die Figur des komischen Antihelden gibt es, seit es Helden gibt. Don Quijote oder Till Eulenspiegel sind literarische Zeugen davon. Und der Hofnarr war und ist nur als Mann denkbar, muss er doch den Machthabern, über die er Witze reisst, irgendwie gleichen. Komik ist eben auch eine Machtfrage. Wer in einem gesellschaftlichen System keine oder wenig Macht besitzt, kann schlecht als komische Aussenseiterin oder als komischer Aussenseiter auftreten.

Frauen können erst seit relativ kurzer Zeit am politischen und gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Sie sind immer noch Aussenseiterinnen. Darum tun sie sich auf der Bühne oder im Film so schwer mit dem Antiheldentum, vor allem mit dem komischen, das immer auch eine Selbstdemontage ist. Männer wie Woody Allen oder auch der österreichische Kabarettstar Josef Hader scheinen aus ihrer Selbstdemontage einen Lust-, aber auch einen Imagegewinn zu ziehen. Sie werden ernst genommen, weil sie sich lächerlich machen. Zum Beispiel mit ihrem Hang zur Hypochondrie: Jammern, sich in Ängste hineinsteigern, Hygienephantasien oder Krankheitsphobien entwickeln – damit leben sie aus, was Männer eigentlich nicht tun, wenn sie echte Männer sein wollen. Ihre Komik ist ein Kokettieren mit dem Unmännlichen.

Bei Frauen funktioniert das sehr viel schlechter. Fast alles, was heutige Frauen tun, war ihnen vor nicht allzu langer Zeit noch verboten: laut lachen, Hosen tragen, Bücher lesen, intelligent sein, allein ausgehen, egoistisch denken. In unserer Gesellschaft gibt es für Frauen keinen selbstgeschaffenen Verhaltenskodex, wie ihn die Männer über Jahrhunderte entwickelt haben – und dessen gezieltes Durchbrechen als Quelle der Komik genutzt wird. Frauen müssen sich auf der Bühne, im Film oder im Fernsehen schon explizit wie Männer benehmen, um «unweiblich» komisch zu wirken. Indem sie etwa männliches Verhalten kopieren und so Machoallüren sichtbar machen. Sie müssen sich also explizit auf Männer beziehen. Das alte Spiel. Männer sind sich selbst Universum genug, ihre Komik ist deshalb universell. Und das funktioniert: Auch Frauen finden Woody Allen komisch.

Weibliche Lebensbereiche werden nach wie vor geringgeschätzt. Wenn Frauen im Alltag etwas Ironisches, Witziges, Sarkastisches sagen, müssen sie das oft durch nonverbale Signale wie Grimassen, Händeringen, explizites Lachen abschwächen. Sonst hält man sie schnell einmal für verrückt. Und verrückte Frauen gelten als krank, aber nicht als lustig. Wahnsinnige Frauen kommen in tragischen Opern vor, nicht in komischen. Bei den Männern hingegen gehen Genie und Wahnsinn Hand in Hand. Das gilt auch für die komischen Genies – man denke nur an Don Quijote, Buster Keaton, Charlie Chaplin, die Monty Pythons.

Wenn Frauen komisch sein wollen, weisen ihnen keine weiblichen Buster Keatons, Charlie Chaplins und Monty Pythons, keine Helmut Qualtingers oder Wolfgang Neuss’ den Weg. Einzig die Chansonnière hat eine lange Tradition – keineswegs als Wahnsinnige. Kein Wunder, tun sich Frauen auf der Kabarettbühne am leichtesten, wenn sie singen. Wobei die Texte vielfach sekundär sind und es vor allem auf die Stimme und die Inszenierung ankommt.

Frauen, die als Komikerinnen Erfolg haben wollen, kann man deshalb nur raten, mehr Mut zum eigenen Wahnsinn zu entwickeln. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Gerda Wurzenberger, Zürich, ist freie Journalistin.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.