DIE HEIMAT des Thunfischs (schweiz. auch Thon) ist das ganze Meer. Unablässig in Bewegung, damit genügend Sauerstoff in seine Kiemen strömt, durchpflügt er die Ozeane, und kein Weg ist ihm zu weit. Auf der Suche nach einem geeigneten Laichplatz wandert er von den kalten Gewässern Norwegens bis zu den lauen Gestaden vor Sardinien oder von den Azoren bis nach Mallorca, und dass ein Thunfisch auf der Suche nach neuen Weideplätzen den Atlantik durchquert, ist ebenfalls keine Seltenheit.
Der Thunfisch ist ein klassischer Wanderfisch, ein Nomade. Und darum ist er fast überall zu finden, nach Arten unterteilt in den Gewässern seiner Präferenz. So kommt der Gewöhnliche oder Rote Thunfisch, mit einer Länge von bis zu sechs Metern und einem Gewicht von gegen 800 Kilogramm der grösste Vertreter dieser Gattung, in allen warmen und gemässigten Meeren vor, in Europa im Mittelmeer und im Schwarzen Meer sowie entlang der Atlantikküste. Den Weissen Thunfisch dagegen findet man vor allem im Pazifik, wo er mit den warmen Wassern weit nach Norden vordringt und sich dann im Winter wieder nach Süden zurückzieht.
Daneben gibt es die gelbflossigen Thunfische, die überwiegend in den wärmeren Zonen der Ozeane verbreitet sind, sowie die Gestreiften Thunfische, zu denen als wirtschaftlich wichtigste Art der in allen tropischen Meeren lebende Echte Bonito gehört. In der Biskaya wiederum wird häufig auch der Unechte Bonito gefangen und im Schwarzen Meer der Pelamide.
Das Fleisch des Thunfischs ist je nach Art rot, rosa oder weiss, wohlschmeckend in jedem Fall, und weil es sich ausserdem vortrefflich zur Konservierung eignet, verwundert es nicht, dass Fischer aus aller Herren Ländern hinter ihm her sind. Über 60 Nationen beteiligen sich an der Jagd auf den Thunfisch, mit der Angel auf hoher See, mit riesigen Stellnetzen in Küstennähe, wohin sich der Thunfisch zur Laichzeit im Juni getraut. Über 3,2 Millionen Tonnen Thunfisch werden jährlich gefangen, wovon der grösste Teil zu Konserven verarbeitet wird, die für Hors d'?uvres, Spaghettisaucen, Canapés und weitere Belanglosigkeiten der internationalen Einheitsküche Verwendung finden. Bezeichnend, dass eines dieser Büchsenprodukte thailändischer Provenienz den Namen No Name trägt, denn mit dem stolzen Fisch hat diese fade, zur Unansehnlichkeit zerhackte und nun in billiger Öltunke schwimmende Masse nicht mehr viel zu tun.
Von ganz anderer Qualität ist das frische, gut durchblutete Thunfischfleisch, von dem Alexandre Dumas sagte, dass es «weder Fisch noch Fleisch» sei: Von fester Konsistenz, saftig, ja schon fast fett, kann es wie ein Steak gebraten oder geschmort werden. Und gibt man, wie in Asturien zur Weihnachtszeit, noch etwas gedämpfte Zwiebeln, Knoblauch, Petersilie, Essig, Paprika und Peperoni dazu, so ist das festliche Fischermahl perfekt.
Ein Japaner wird dagegen sagen, dass den wahren Geschmack des Roten Thunfischs lediglich erfahre, wer sein Fleisch, am besten ein Stück vom Bauch, ungekocht verzehrt, als Sashimi in feine Würfel geschnitten oder als Sushi, eingewickelt in Essigreis und Algen. Da dafür nur absolut frischer Fisch in Frage kommt, werden Thunfische aus aller Welt nach Japan eingeflogen und auf dem Fischmarkt in Tokio zu astronomischen Preisen versteigert. Über 60 000 Dollar sind dort schon für einen einzigen Thunfisch bezahlt worden, und in den Sushi-Bars kann ein Teller mit Thunfisch gegen 200 Dollar kosten.
Thunfisch ist sowohl ein billiges Massenprodukt als auch eine teure Delikatesse. Er stillt den Appetit des Gourmands und des Gourmets; er ist allseits beliebt, und entsprechend werden seine Bestände ausgebeutet. Zwar weiss keiner so ganz genau, wie viele Thunfische noch durch die Weltmeere wandern, dass es immer weniger werden, ist jedoch gewiss. Der wahre Geniesser wird auch dies bedenken und diesen Fisch nur für ganz spezielle Gelegenheiten wählen.