NZZ Folio 06/96 - Thema: Vom Reisen   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Mensch ist Mensch

Von Werner Morlang

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

EIN WIRTSHAUS. In währschafter, wenn auch den Umständen entsprechend gelockerter Kleidung sitzt A an der Stätte seines ausdauerlichen Wirkens und hat eben B einen Schnaps spendiert. Dieser, ein von Ärmlichkeit gezeichnetes Individuum, schenkt dem Angebot keine Beachtung und brütet vor sich hin.

 A:      (vorwurfsvoll) Wach auf, Schwächling! Lass mich nicht so allein! Vor einem Glas Aquavit kapitulieren! Du hast kaum hingerochen!  

B:      (in gewohnter Einsilbigkeit) Jawohl.  

A:      (empört) Einen Knecht, der beim Pflügen so faul wär wie du beim Trinken, tät ich auf der Stell entlassen. Hund, würd ich ihm sagen, ich lehr dir's, deine Pflicht auf die leichte Achsel zu nehmen!  

B:      (aus seinen Grübeleien auffahrend) Sehn Sie, mein Herr, manchmal hat einer so 'en Charakter, so 'ne Struktur. ? Aber mit der Natur ist's was anders, sehn Sie; mit der Natur (er knackt mit den Fingern) das ist so was, wie soll ich doch sagen, zum Beispiel . . .  

A:      (kopfschüttelnd) Das kommt mir komisch vor.  

B:      (raunend) Mein Herr, haben Sie schon was von der doppelten Natur gesehn? Wenn die Sonn in Mittag steht und es ist, als ging' die Welt in Feuer auf, hat schon eine fürchterliche Stimme zu mir geredt!  

A:      (unwirsch) Doppelte Natur? Ich bin im vollen Besitz meiner Geisteskräfte. Dann kommt ein Anfall der Nüchternheit. Es beginnt damit, dass mit meinen Augen irgend etwas nicht mehr stimmt. Anstatt zwei Gabeln (er hebt eine Gabel hoch) sehe ich nur noch eine. Was ich in diesem Zustand tue, Bruder, das kann man mir überhaupt nicht anrechnen. (mit Entsetzen) Ich bin dann direkt zurechnungsfähig. Ein zurechnungsfähiger Mensch ist ein Mensch, dem man alles zutrauen kann.  

B:      (geheimnisvoll) Es is viel möglich. Der Mensch! Es is viel möglich. Jeder Mensch is ein Abgrund; es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.  

A:       (sanft) Ich hab ein gutes Herz, da bin ich froh drüber. Ich hab einmal einen Hirschkäfer von der Strass auf die Seit in den Wald getragen, dass er nicht überfahren wird, das ist ja schon übertrieben bei mir. Du hast auch ein so gutes Herz, das seh ich dir an.  

B:       (nachdenklich) Ja, die Tugend. Wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt ein' Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein. Aber ich bin ein armer Kerl! Sehn Sie: Geld, Geld! Wer kein Geld hat ? Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in die Welt!  

A:      (leutselig) Du bist ein wunderbarer Mensch. Da, nimm meine Brieftasche und zahl den Schnaps und steck sie ein, ich verlier sie nur. Ich wollt, ich hätt nichts. Geld stinkt, das merk dir. Das wär mein Traum, dass ich nichts hätt und wir gingen zu Fuss durch das schöne Land, oder höchstens mit einem kleinen Zweisitzer, das bissel Benzin würden sie uns überall pumpen, und ab und zu, wenn wir müd sind, gingen wir in eine Schenke und tränken ein Gläschen.  

B:      (flüsternd) Ich kann nit. Still! 's ist so kurios still, als wär die Welt tot. Ich muss fort!

B stürzt aus dem Wirtshaus und einem schlimmen Ende entgegen. Auf der Bühne, in der Oper und im Kino steht ihm freilich eine bedeutende Karriere bevor.

A sieht ihm verdutzt nach und nimmt dann einen kräftigen Schluck, wie es seinem Naturell entspricht, das sein Autor der Figur eines Chaplin-Films abgeschaut hat.

Wer und wer? A ist die von Chaplins «City Lights» angeregte Figur des Gutsbesitzers Puntila aus Brechts Theaterstück «Herr Puntila und sein Knecht Matti» (1940); B ist der Titelheld aus Georg Büchners Theaterstück «Woyzeck» (1836/37).


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