NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Alter Eimer, zeige Treue. Alter Reimer, zeiget Reue.

Komik ist machbar. Günter Nehm, ehemaliger Diplomingenieur im Ruhrkohlebergbau, ist Mitglied eines Dichterkreises reiferen Alters. Seine unmöglichen Gedichte sind eine Entdeckung.

Von Robert Gernhardt

Komik und Kochkunst alliterieren nicht nur, sie haben auch sonst einiges gemein. Beide sind Menschenwerk. Beide sind so alt wie die Menschheit. Beide haben sie den Menschen von Beginn an dabei geholfen, dem schieren Leben und dem rohen Sein erfreulichere und geniessbarere Seiten abzugewinnen.

Die Herstellung von Komik und die Zubereitung von Speisen sind Kulturtechniken, die dank steter Tradierung nicht von jeder Generation neu erfunden werden mussten. Zuerst nur mündlich überlieferte Rezepte wurden aufgeschrieben und in Büchern aufbewahrt, ein andauernder Anreiz für die Nachkommen, es genauso gut oder besser zu machen.

Rezepte sättigen nicht. Geschmäcker ändern sich. Witze und Witztechniken bekommen einen Bart. Daher muss jede Generation erneut die Probe aufs Exempel machen: Können die alten Rezepturen dank frischen Zutaten noch immer den Magen erfreuen bzw. den Geist erheitern? Das vermag nur die Praxis zu beantworten, die Koch- und Esspraxis des just zubereiteten Mahls und die Lese- und – toi, toi, toi – Lachpraxis eines zeitgenössischen komischen Buches.

Das Buch, das ich zum Prüfstein auserwählt habe, wurde mir vom Zufall in die Hände gespielt. Ich wusste weder etwas vom Verlag Gerhard Winter, Essen, noch vom Verfasser Günter Nehm, als mir ein wohlmeinender älterer Herr nach meinem Seminar «Geselliges Dichten» – Austragungsort: die Uni Essen – ein Buch in die Hand drückte: Er sei Mitglied eines Dichterkreises reiferen Alters, und einer von ihnen habe bereits etwas veröffentlicht . . . «Laura und Leopold liebten sich lüstern. Unmögliche Gedichte» las ich nicht ohne Misstrauen. Noch so ein braver, brummend humoriger Hobbydichter?

Eine Notiz im Impressum des über 300 Seiten starken Bandes nährte diesen Verdacht: «Günter Nehm wurde 1926 in Wattenscheid geboren. Beruflich war er über dreissig Jahre lang vorwiegend im Ruhrkohlebergbau als Diplomingenieur in der Aufbereitung tätig.» Heute lebe er mit seiner Ehefrau Edith in Recklinghausen, eines seiner vier Enkelkinder habe den Grossvater kurz und bündig charakterisiert: «Mein Opi ist ein grosser Dichter, und meine Omi ist sehr stolz auf ihn. Dem ist nichts hinzuzufügen.»

Das klingt sturzbieder, doch Kindermund tut Wahrheit kund: Nehm ist ein bedenkenswerter Dichter. Um das zu belegen, will ich neben seinem Gedichtband noch ein anderes Buch zu Rate ziehen, einen etwa 800 Seiten starken Wälzer, der so etwas wie ein Kompendium all jener Dichtungsrezepte darstellt, welche Nehm daraufhin untersucht hat, ob sie auch heute noch zur Komikproduktion taugen.

«Dichtung als Spiel, Studien zur Unsinnspoesie an den Grenzen der Sprache» ist das Werk betitelt, der Schweizer Alfred Liede ist sein Verfasser. Erschienen ist der Trumm im De-Gruyter-Verlag, welcher der Erstausgabe der sechziger Jahre Anfang der neunziger eine zweite Auflage folgen liess.

Ich kannte den Liede bereits, bevor ich den Nehm in die Finger bekam, und ich bezweifle stark, dass der Nehm je den Liede zur Kenntnis genommen hat. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Dichter die von ihm erprobten Rezepte anderweitig kennengelernt hat, in Versschulen oder Anthologien, und dass er, wann immer ihn ein ihm neuer Dreh reizte, gesagt hat: Finger drauf, das nehm’ wir!

Ein Vorgang, welcher sich derart häufig wiederholte, dass die Nehm’sche Praxis für uns Heutige einen Grossteil dessen geniessbar oder doch überprüfbar macht, was der Theoretiker Liede an zum Teil uralten Rezepten und reichlich bemoosten Lesefrüchten auftischt.

Sein Thema sei die «Unsinnspoesie», schreibt Liede, und das ist ein Begriff, der auch einen Grossteil von Nehms Gedichten zutreffend charakterisiert, vorausgesetzt, man hütet sich vor voreiligen Schlüssen. Ist der Inhalt von Nehms Gedichten unsinnig? Oder unterwirft er seine Gedichte derart unsinnig rigiden Ordnungssystemen, dass der Leser, der bereits jede Hoffnung auf möglichen Sinn hat fahren lassen, das unterm Strich dann doch nicht völlig sinnlose, ja manchmal sogar herzlich sinnvolle Ergebnis nicht anders als überrascht belächeln oder belachen kann?

Danach befragt, welches das in unserem Sprachraum populärste sprachliche Ordnungssystem sei, wird der Laie vermutlich mit «der Reim» antworten. Ebenso wahrscheinlich aber ist, dass nur der Fachmann eine Ahnung davon hat, bis zu welchem Schwierigkeitsgrad Reimvorgaben sich steigern lassen. Ein einfacher «schwieriger» Reim ist der Schüttelreim, der laut Liede «meist bloss die Anfangsbuchstaben eines erweiterten oder verdoppelten Reims vertauscht (Sonne winkt – Wonne sinkt)». Eine Technik, der Konrad von Würzburg im 13. Jahrhundert noch allen Ernstes das Gedicht unterwerfen konnte, die jedoch spätestens seit dem 19. Jahrhundert nur noch zum Erzielen komischer Effekte eingesetzt wurde:

Es klapperten die Klapperschlangen,
bis ihre Klappern schlapper klangen.

Ein reichlich ausgereiztes, ja abgeschmacktes Rezept, Sprachkomik zu erzeugen, weshalb Nehm sich reichlich Mühe geben muss, es zu verfeinern. Zwar scheut auch er nicht vor Hausmannskost zurück – «Wir wollen diesen Kutter buchen, / dort gibt’s den besten Butterkuchen» –, doch je länger er schüttelt, desto apartere Reime gelingen ihm.

Fünf Strophen zählt seine «Geschüttelte Eierballade», die selbst mich, einen ausgewiesenen Schüttelreimverächter, zunehmend in ihren Lachbann zog:

Am Montag schellt Herr Meier an.
Herr Meier ist der Eiermann.
Er trifft sich gern auf freier Au
Mit Irma, einer Eierfrau.

Da er ein ernster Freier ist,
sagt er nach kurzer Eierfrist:
«Sag Ja zur Hochzeitsfeier, Irma,
zwecks Gründung einer Eierfirma.»

Und so fortan: In keinem der noch folgenden sechs Schüttelreime fehlt, was bereits die ersten vier adelte, das gnadenlos placierte Eiermotiv, von «Meier unter – Eier munter» über «Feier arm – Eierfarm» bis hin zu «Eierwende – Weiher. Ende». Denn in dem endet das Eierpaar, nachdem es sein Kapital während der Hochzeitsfeier einem kurzfristigen Vergnügen geopfert hatte: «Gib nur auf deinen Schleier acht, / zur Hochzeit gibt’s ne Eierschlacht.» Aber Nehm kann auch anders. Gilt für die Ballade «die Menge macht’s», so führen die nächsten beiden Beispiele vor, dass die Würze in der Kürze liegt.

«Virtuosen des Schüttelreims bringen es auf doppelte und öftere Vertauschung in denselben Wörtern, wobei allerdings meist der Sinn zu wackeln beginnt», schreibt Liede. Wackelt er auch in Nehms folgendem Vierzeiler?

Schenk mir in deiner Kammer Huld,
dann pflege ich den Hammerkult,
gebiete deinem Kummer halt
und mach dir einen Hummer kalt.


Seafood vom Feinsten, dem Nehm noch ein Schüttelgericht extrem raffinierter Machart nachzureichen weiss: In einem achtzeiligen Gedicht verbindet er durchgehend den Schüttel- mit dem Allreim – jedes Wort, ja jede Silbe der ersten Zeile findet zuverlässig ein Reimpendant in der zweiten:

Heiser wandeln Säuferkehlen.
Weiser handeln Käuferseelen.


So hebt das Poem an, um in entspannter Selbstbezüglichkeit zu enden:

Halte weiter deine Richtung.
Walte heiter, reine Dichtung.

Das walte Nehm, der den Allreim nicht nur dem gedoppelten Schüttelreim zu entlocken weiss, sondern auch dem – von ihm so getauften? – Wechselreim und dem Zwillingsreim.

Rocker schlagen, Schlingel rocken.
Zocker tragen Ringelsocken.


So sieht ein «Wechselreim» Nehm’scher Machart aus, ein vergleichsweise schlichtes Gebilde, gemessen an dem Raffinement, das den «Zwillingsreim» auszeichnet. Der nämlich arbeitet mit einer Technik, die man Buchstabenraub oder Buchstabenverschiebung nennen könnte, und profitiert vom überraschenden Gleichklang ganz unterschiedlicher Aussagen:

O du meine schlanke Ranke,
du wirst immer schlanker, Anke!


Für Liede ist das ein «rührender Reim»: «Er verwendet das gleiche Reimwort, aber in einem anderen Sinn.» Ein Reim, der den Weg vieler allzu ausgefallener Techniken gegangen ist: «Er lebt nur noch in der komischen Dichtung.» Zum Beleg zitiert Liede eine Strophe von Heinrich Seidel, einem Reimvirtuosen des 19. Jahrhunderts. Sie beginnt mit den Worten:

Im leisen und im lauten Spiel
Ertöne süss mein Lautenspiel,
Und muss ich um was Liebes leiden,
Verkläre du mein Liebesleiden.

Vergleichbar solide sind auch Nehms Zwillingsreim-Poeme gebaut, doch schon bei seinem Achtzeiler «Entschuldigung», der sich auf lediglich zwei Verben beschränkt, auf «fahren» und «erfahren», sorgt der reimgesteuerte Selbstlauf der Sprache für verdichtete Sinnferne und somit für verschärfte Komik:

Als ich heute früh erfuhr,
dass der Zug schon früher fuhr,
hab ich das zu spät erfahren,
und ich musste später fahren.


So weit die ersten vier Zeilen, denen Nehm gnadenlos vier weitere gleicher Machart folgen lässt – «später fuhr – spät erfuhr», «früh erfahren – früher fahren»: Mal wieder bringt’s die Menge.

Auf der Höhe seiner Würzkunst aber zeigt sich Nehm einmal mehr in der Kurzform. Bewundernswert, wie er Zweizeilern aus gepaarten rührenden Reimen nicht nur den Allreim abgewinnt, sondern auch den in der deutschen Sprache so seltenen wie schwierigen, der altprovenzalischen Dichtung umso vertrauteren «rime équivoque», den gleichlautenden Reim also, zutage fördert:

Böse Diebe klauten Waren.
Böse die Beklauten waren.

– lautet ein Prachtstück dieser Spielart, und ein weiteres ist mit «ernste Mahnung» überschrieben:

Alter Eimer, zeige Treue.
Alte Reimer, zeiget Reue.


Reue wofür? Was Nehm da mit der Sprache anstellt, stimmt ähnlich heiter wie gelungene Jonglade oder gewagte Equilibristik. Weit entfernt davon, in der Zirkuskuppel ratlos zu sein, befolgen die Artisten, Nehm eingeschlossen, den klugen Rat Kluges, in Zeiten der Anfechtung ihres Gewerbes den Schwierigkeitsgrad ihrer Übungen zu steigern. Erst wer sein Handwerk aus dem Effeff beherrscht, kann sich einen weiteren exquisiten Spass leisten: den, den Tollpatsch zu spielen. Zur Freude des Publikums. Hatte das den Höhenflug des Artisten nicht ohne bewundernde Bänglichkeit verfolgt, darf es nun ungeniert loslachen: Dem passiert schon nichts, dem Trottel!

«Brutale Reime» nennt Nehm seinen Dummer-August-Auftritt, ein Reimmuster, dem Liede kein historisches Pendant an die Seite zu stellen wüsste. Dafür sei es mir erlaubt, etwas aus dem Poesiealbum zu plaudern. Ende der Siebziger war’s, da erinnerte ich mich einer Witzschiene meiner Jugend, die zuverlässig so anhub: «Sag mal einen Satz mit . . .», mit «Bochum und Köln» beispielsweise, wobei die Lösung lautete: «Er bochum die Ecke, um zu pinköln.»

Ein erkennbar rüder, ja brutaler Umgang mit der Sprache, den ich zu adeln suchte, indem ich ihn nur in Gedichtform und ausschliesslich an Fremdwörtern exekutierte. Bilden Sie mal einen Satz mit . . . Garant:

Der Hase trägt den Kopfverband,
seitdem er an die Wand garant.


Die gesammelten Perlen dieses Bildens wurden 1981 in den «Wörtersee» eingespeist, und es ist gut möglich, dass Nehm sie dort zu Gesicht bekommen hat. Oder sollte ihm der Dreh auf andere Weise zu Augen oder zu Ohren gekommen sein?

Müssige Fragen, da bei Rezepten lediglich zählt, was der Koch schliesslich auftischt: olle Kamellen oder Omelette surprise? Im Fall Nehm kann das Urteil nur lauten: Ein Kompliment an die Küche! Der Küchenchef arbeitet nach bewährtem Muster, aber nicht nach Schema. Neu und lustig ist, was er Städtenamen abgewinnt. Oder sollte ich sagen: Was er aus ihnen herausprügelt? Sammansatz mit . . . Los Angeles:

Das Ungeheuer von Loch Ness
ist wieder da. LOS ANGELES.


Und es kommt noch schlimmer, nämlich zu einer sächsisch-rheinischen Lautverhunzung. Sammansatz mit . . . Boppard:

Moderne Gunst macht ganz beglommen.
Mit BOPPARD darfst du mir nicht gommen.


Auch Fremdwörter werden brutalstmöglich abgekocht – Kandidaten:

Weil ich Schwierigkeiten kenn,
frag ich mich bloss: KANDIDATEN?


Soweit der Zwischengang, dem eine Nehm’sche gastrosophische Weisheit das Sahnehäubchen aufsetzt – Dinieren und observieren:

Schlägt das Essen auf DINIEREN,
muss man reichlich OBSERVIEREN.

Ordnung muss sein, zumal in der Unsinns- bzw. Nonsensdichtung. Denn die, und das kann wirklich nicht häufig genug gesagt werden, weshalb ich mich gerne selber zitiere: die «ist nicht etwa jener hausbackene Unsinn, der ungeregelt in launigen Lautgedichten, krausen Collagen und absurden Verbalautomatismen wuchert, sondern konsequent, also regelmässig verweigerter Sinn.»

Der Reim ist ein Ordnungs- und Regelsystem par excellence, aber keineswegs das einzige, welchem sich Dichter aller Zonen und Zeiten aus freien Stücken unterworfen haben. Natürlich nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus Vergnügungslust und hoffärtigem Spieltrieb: ohne Regel kein Spiel, ohne Spiel kein Sieg – das gilt auch für den, der gegen die Sprache spielt.

Ein ehrwürdiges Sprachspiel ist der sogenannte Abecedarius, von dem Liede Lob- und Schelt-Alphabete aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts anzuführen weiss. Das Lobgedicht auf ein Mädchen lautet:

Allerliebst,
Beschaidens,
Czuckersüss,
Durchgepreysts . . .

– und so fortan, indes das Schelt-Alphabet folgendermassen anhebt:

Abgerittne
Böszwichtin!
Czerrüssene,
Durchtribne . . .

Die Regel sollte ebenso klar geworden sein wie die Tatsache, dass sie mehr schlicht als recht erfüllt wird. Wie anders Nehm, der aber auch alles aus der Vorgabe herausholt:

Als Beim Chor Das Edle Fis
Ganz Hübsch Irre Jäh Krepierte,
Litt Man Neben Ohrenriss
Peinvoll Qualen. Resignierte:
Statt Tournee Um Volle Welt
Xanten Ypern Zellerfeld.

So lautet das dritte der «Abc-Gedichte» Nehms, der es nicht nur sechsmal fertigbringt, den Abecedarius mit dem Paar- bzw. Kreuzreim zu verbinden, sondern sich im siebten und letzten Gedicht auch noch den Spass erlaubt, die Regel im Krebsgang vorzuführen:

Zeigt Yvonne Xavers Wesen:
Voll Umschwärmter Typ, Scharmant,
Reitet Quirlig Polonaisen,
Oft Nach Mädchen Lustentbrannt,
Kess Jagt Ihn Herz, Gusto, Feuer,
Er, Der Crack, Braucht Abenteuer.


Die «telechistische Benutzung der Vokalfolge AEIOU bei Walther von der Vogelweide ist eine Abart des Abecedarius», schreibt Liede und zitiert Walthers Gedicht «Diu welt was gelf, rôt unde blâ», von dessen fünf siebenzeiligen Strophen die erste durchgehend auf a reimt, die zweite auf e und so weiter.

Nehms Pendant nennt sich «Pentavokalische Verse», und auch diesmal schafft er es, die Latte der Vorgabe noch etwas höher zu legen. Selbst dem offenkundigen Unsinn von vier kreuzgereimten, durchgehend pentavokalischen Versen vermag er noch einen Sinn abzupressen, und es gelingt ihm sogar, noch eins draufzusetzen, die Überschrift nämlich:

Apenninokult
Nach der Liebkosung,
das ehrt ihn posthum,
war stets die Losung:
Spaghettikonsum.

Der Pentavokalist spielt mit Buchstaben; kein Wunder, dass er sich auch als Anagrammist versucht.

«Wohl das verbreitetste aller Buchstabenspiele ist die Buchstabenversetzung, das Anagramm», schreibt Liede und nennt den «ältesten Anagrammfabrikanten», den Griechen Lykophron von Chalkis aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Der nutzte die Technik der Buchstabenumstellung zum Herrscherlob, grad wie Jahrhunderte nach ihm der französische Advokat Billon, «der von Ludwig XIII. für seine fünfhundert Anagramme auf dessen Namen eine beträchtliche Pension erhielt».

Bekommt Nehm von der Bundesbahn wenigstens einen Freifahrtschein? Immerhin ist es ihm geglückt, aus dem Wort EISENBAHN mittels zwölf buchstabengleicher Variationen ein Gedicht zu zaubern, das entschieden zum Eisenbahnfahren aufreizt:

Mir fiel, mit Hein per EISENBAHN,
als wir ’ne kesse BIENE SAHN,
die schönste Form des HABENS EIN,
ich sprach: «Sei doch kein HASENBEIN,
die schönste meiner BASEN, HEIN,
die dürfte noch zu HABEN SEIN.»
Der Zug fuhr weiter SEINE BAHN,
in dem wir schlanke BEINE SAHN.

Nach solcher Anagramm-Konzentration geht es etwas entspannter weiter, da Nehm fortan nur noch alle zwei Zeilen ein Anagramm nachlegt, von NASENHIEB über NIESEN HAB und HIEBE SAHN zu ANNES HIEB und der traurigen Erkenntnis:

«Sie ist nicht», sprach der arme Knabe,
«die Frau, die ich im SINNE HABE.»

Aller guten Buchstabenspiele sind drei: Wer schon als Pentavokalist und Anagrammist geglänzt hat, der wird sich auch als Palindromist bewähren wollen, ist doch das Palindrom eine Buchstabenspielart, die erlauchte Mitspieler angelockt hat: «Wörter werden gesucht, die von vorn und von hinten gelesen werden können, zu welchem Spiel bekanntlich Schopenhauer den ‹Reliefpfeiler›, den ‹Marktkram› und den Satz ‹Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie› beigesteuert hat.»

Hat er das wirklich? Auf jeden Fall hat sich Nehm etwas wirklich Neues einfallen lassen, wenn er in seiner «Palindromparade» das Palindrom an Paarreim offeriert bzw. auf einem Paarreimbett serviert:

Was macht der Klempner in der Not
Bei knappem Röhrenangebot?
ER HORTET ROHRE
.

Und was macht der Holländer, wenn ein Notstand ausbricht?

Ein Schreckensruf, der’s in sich hat,
erschallt in Hollands Käsestadt:
MADEN IN EDAM.


Und das sind nur zwei von zwanzig paradierenden Palindromen.

Alles in allem also bietet Nehms Buch ein teils deftiges, teils deutlich verfeinertes Degustationsmenu der gehobenen Traditionsküche mit zeitgemässen Zutaten, und das, was ich davon serviert habe, ist längst noch nicht alles, was Nehm uns da auftischt. Im Angebot hat er noch Spaltverse und Akrosticha, Telegrammgedichte und Wortverschmelzungen («Kakadudelsack») – das alles mag jeder für sich verkosten, ich möchte mit einem ausgefallenen Reimdessert schliessen.

«Endschallend» nennt Liede besagten Reim, und er zitiert ein Gedicht von Friedrich Rückert, der ihn naturgemäss zu ernsten Zwecken nutzte:

Die Ernt’ ist wie die Saat, drum, was ihr sä’t, seht!
Ein Tor, wer früh versäumt hat, und zu spät späht.

Eine ausgesucht spitzfindige Reimregel, dieser endschallende Reim! Was Wunder, dass sein Schall Unsinnsdichter aller Couleur angelockt hat.

Wohl als Parodie auf Rückert habe Heinrich Seidel die «reinsten endschallenden Reime» gedichtet, schreibt Liede – ich beschränke mich darauf, das Motto seines Gedichts «An Eveline» zu zitieren:

Wohl kann ich Dich zum Chokoladenladen laden,
Doch nicht mit Dir in Baden-Baden baden.


Das ist schwer zu überbieten, Nehm versucht es erst gar nicht. Statt sich am dreifach endschallenden Reim abzuarbeiten, lässt er ihn zum mittelschallenden Reim mutieren, und schon kann aufgetragen werden:

Wenn wir einmal in Essen essen, essen wir diät.
Als wir einmal von Kamen kamen,
kamen wir zu spät.


Und so weiter durch vierzehn weitere deutsche
Städtenamen, die ja so manche Tätigkeit beinhalten:

Wenn wir einmal in Siegen siegen,
siegen wir nur knapp.


Aber knapp gesiegt ist auch gewonnen, und ich wünsche dem so reisigen wie hoffentlich rüstigen Dichter Nehm noch viele Siege im Spiel gegen die Sprache und für den ihr eingeschriebenen Unsinn. So wie Gedichtrezepte mit fortschreitendem Alter immer reizvoller werden können, so mag auch den alternden Dichter verstärkt all das reizen, was er noch nicht ausgekostet hat: Je oller, desto doller. Oder um es mit Nehms eigenen Worten zu sagen – Sammansatz mit . . . Altistin:

Die Jugend bringt uns viel Gewinn,
doch nicht nur die, auch ALTISTIN.


Robert Gernhardt lebt in Frankfurt am Main und in der Toscana, wo er zeichnet, malt, schreibt, dichtet. Von ihm stammt das Buch «Was gibt’s denn da zu lachen?» (Haffmans Verlag, 2000). Das Buch von Günter Nehm «Laura & Leopold liebten sich lüstern. Unmögliche Gedichte» ist 1996 im Gerhard-Winter-Verlag, Essen, erschienen.


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